Expl0657: Rollenbilder


Ich bin ein echter Mann. Ich habe ein Y-Chromosom. Ellen ist eine echte Frau, sie hat zwei X-Chromosomen. Das hat sicher auch eine Bedeutung, aber Rollenbilder – die sind verhandelbar und wandelbar, wie die Geschichte belegt.


Download der Episode hier.
Opener: „Real Men Don’t Dance“ von Chip Franklin
Closer: „Addressing Transphobia: The Simpsons“ von DDT701
Musik: „Scrubs – Guy Love (HD)“ von RatoTF


Ich bin ja überhaupt nicht berufen, wirklich etwas zu gender studies zu sagen. Ich habe diese Thematik nicht richtig verfolgt. Als die Genderdebatte anfing, habe ich ganz schön lange gebraucht, zu begreifen, dass das nicht nur eine Diskussion über Rollenbilder war, wie sie schon in den 70ern stattgefunden hat.

Es macht völlig Sinn, das biologische Geschlecht von der sozialen Definition dieses Geschlechts zu trennen. Nicht nur, weil es zwischen den knallharten Definitionen von DEM Mann und DER Frau eben noch alle möglichen Grauschattierungen gibt, da gibt’s keine Diskussion, das leben wir alle.

Und nicht nur, weil wir alle unter den veralteten Rollenbildern leiden, mit denen wir leben müssen. Eine emanzipierte Gesellschaft ist eine, wo eine Frau nachts um drei alleine an einer Trambahnhaltestelle keine Angst haben muss.

Sondern, weil jeder Mensch das Recht haben sollte, sich frei zu entscheiden, wie er oder sie leben will.

Die Genderdebatte ist auch nicht wirklich so heftig, weil sich Feminazis und Maskulinisten die Köpfe einhauen. Sondern weil sie in den meisten Fällen darüber geführt wird, was denn nun bitte wirklich männlich ist und was wirklich weiblich. Darum kommen wir kein Stück weiter, weil das eine klassische Themaverfehlung ist. Es geht nicht um die richtigen Rollenbilder, sondern um das Recht, sie zu wählen.

Als Geschichtsfreak fällt mir dabei nur immer wieder auf, wie blödsinnig die meisten Argumente sind. Denn ein großzügiger Blick auf isoliert nur unseren Kulturkreis beweist, dass wir die Rollenbilder ändern, wie es uns nur Spaß macht.

Darum ein paar Beispiele, die ihr bei der nächsten Diskussion zur Verwirrung aller Beteiligten gerne einmal einwerfen könnt.

Das populärste Beispiel ist sicher das mit dem Pink und dem Blau. Man liest immer wieder, dass das früher ganz anders war. Pink war für die Jungs. Sozusagen die Light-Version von männlichem Blutrot. Und Blau stand für Zerbrechlichkeit und Leichtes, Zärtliches, Luftiges. Dann änderte sich das vor hundert Jahren. Wegen des Kriegs, so lauten viele Erklärungen.

Tatsache ist, dass das mit Pink und Blau den Eltern früher einfach scheißegal war. Völlig wurst, welche Farbe die Windel hat, wenn man damit beschäftigt ist, nicht zu verhungern oder nicht getötet zu werden. Der ganze Pinkwahnsinn ist eine sehr, sehr junge Entwicklung und hat eher mit dem Ultraschall zu tun. Denn mit dieser Farbzuordnung kann man schon vor der Geburt das richtige einkaufen. Es geht um’s Geld. Mehr nicht.

Überhaupt, die Mode. Die schlägt ja die schönsten Kapriolen. In jedem Museum kann man die ständig variierenden Haarlängen für den echten Mann bewundern, lange, offene Haare waren über Jahrtausende ein Zeichen von Kraft und Potenz. Siehe Samson und Delilah. Das weiß jeder.

Aber das High Heels eine Erfindung rein für Männer sind und Frauen nur sexy in flachen Schuhen waren, das ist weniger bekannt. Der Ursprung kommt eigentlich vom Reiten. Absätze nur unter den Fersen machen ja gar keinen Sinn, außer wenn man damit fester im Steigbügel stehen kann. Und ähnlich ist es mit Strumpfhosen. In der Zeit als die Männer lange Haare hatten und High Heels, trugen sie auch Strumpfhosen. Das verschaffte Fortpflanzungsvorteile.

So wie zum Beispiel Kleinkinder natürlich alle, Mädchen und Jungens, bis vor hundert Jahren Röcke trugen. Das ist für alle Beteiligten auch viel, viel einfacher. Da kommt das Kind schneller auf den Topf und die Eltern schneller an die Windel. Über diesen Zeitvorteil kann euch auch heute noch jeder Papa und jede Mama berichten. Darum haben wir jetzt für die kleinen Jungs Hosen, die unten nur geknöpft sind oder einen Reiß- oder Klettverschluss haben. Was sie eigentlich zu halben Röcken macht.

Ähnlich ist es mit den Berufsbildern: Sekretärin, oder Assistentin der Geschäftsführung, das war immer eine Männerdomäne; Ärzte sind auch jetzt in Russland die Frauen und werden natürlich schlecht bezahlt; die ersten Computer wurden ausschließlich von Frauen programmiert und ein echter Mann würde nie Bier brauen.

Die Entwicklung eines einfachen vergorenen Brotteigs hin zu dem, was wir heute Bier nennen, das haben Frauen erledigt. Reine Frauensache.

Richtige, tapfere, harte Männer waren derweil mit Weinen beschäftigt. Das gehörte dazu. Obermacho Zeus z.B. weint dauernd, zum Beispiel, wenn ihn ein Lied besonders anrührt. Die ganze Bibel ist voller weinender Männer. Und die Griechen und die Trojaner haben in ihrem Konflikt um die Wette geflennt, so berichtet die Ilias. Im Mittelalter heulten Männer auch wie die Schlosshunde, am liebsten vor Gericht, denn das war ein Zeichen ihrer Unschuld. Selbst Abraham Lincoln hat bei vielen seiner Reden noch Tränen vergossen, wie sich das gehört für einen guten Präsidenten.

So ein richtig knochenharter Machosport ist hingegen American Football. Da splittern schon einmal die Knochen, da wird das Großhirn schon einmal zu Mus. (Macho-Lachen) Und der wichtigste Job ist natürlich Quarterback. Das ist Quasi der Libero des American Football. Der Lothar Matthäus. Und die zweitwichtigste Position innerhalb der Mannschaft, das ist natürlich der Cheerleader.

Gefährliche Akrobatik, wilde Stuntnummern und das Dirigieren großer Menschenmengen, das war nichts für Weiber. Da mussten echte Männer ran! Wie z.B. die späteren Präsidenten Eisenhower, Roosevelt oder Ronald Reagan. Alles ehemalige Cheerleader. Leider habe ich keinen Beleg dafür gefunden, dass sie dabei Miniröcke trugen, aber davon gehe ich aus…

Bleibt noch der Sex. Heute ist es der Mann, der immer Bock auf Sex zu haben hat und die Frau, die keusch eine Migräne vorschützt. Ist ja klar, die Frau kriegt nur schwer einen Orgasmus und der Mann ganz leicht. Darum müssen die Jungs auch zu Pick-Up-Artists in die Schule gehen, um das widerspenstige andere Geschlecht ins Bett zu kriegen. So sind die Gene halt…

Das ist aber das genaue Gegenteil der Rollenbilder, die in unserem Kulturkreis bis in die späte Neuzeit üblich waren. Zeus und Hera z.B. hatten wieder einmal einen Ehekrach und wandten sich an den weisen Philosophen Teiresias. Der hatte sein halbes Leben als Frau gelebt und das andere als Mann.

Wer hat mehr Vergnügen am Sex, so die Frage. Teiresias meinte, wenn der Spaß am Sex aus zehn Teilen bestünde, dann hätte die Frau davon neun Teile Genuss und der Mann nur eines. Hera hatte ihre Wette verloren und nahm dem Seher das Augenlicht. Frauen halt, immer gewalttätig.

Aber es liegt ganz offensichtlich auf der Hand, dass das pseudofrigide Frauenbild der Neuzeit nicht zusammenpasst mit dem klassischen Archetyp der Frau als Verführerin. Warum sollte das lüsterne Weib denn so scharf auf’s Bumsen sein? Wenn sie keinen Spaß dabei hat? Um dann endlich unter Schmerzen Kinder zu gebären, vielleicht? Wohl eher nicht…

Na ja. So so. Wie schon erwähnt, ist das kein besonders tiefschürfender Beitrag zur Diskussion. Eher so Popcorn-Wissen für die Party.

Interessant ist, wodurch sich Rollenbilder bisher geändert haben. Oder besser, warum wir selber Rollenbilder geändert haben. Und es lässt sich sehr wenig daran deuteln, dass das meist mit wirtschaftlichen Interessen zu tun hatte. Wenn sich wirtschaftliche Strukturen in einer Gesellschaft verändern, tun das auch die Rollenbilder. Nicht umgekehrt.

Und darum besteht auch Hoffnung, dass wir das in Zukunft flexibler gestalten werden. Weil die Arbeitswelt flexibler wird. Das scheint länger zu dauern, als man möchte, aber es passiert unaufhaltsam. Da können sich noch so viele Populisten dagegen stemmen. Am Schluss entscheidet die Wirtschaftlichkeit.

Das bedeutet auch, dass wir unser Rollenbild in Zukunft selber zusammenbasteln werden. Und das ist doch eigentlich eine tolle Sache, oder nicht?

Also, ich persönlich hätte dann gerne: Computer programmieren, Bier brauen, als Farbe hätte ich gerne Orange, geht das? Knalleblau und knallepink ist beides geil. Ach ja, und den Spaß am Sex, den würde ich auch gerne behalten, wenn’s geht…

Nee, brauchen sie gar nicht erst einpacken…