Expl0658: Die Badewanne


Viele moderne Wohnungen haben ja keine Badewanne mehr. Es mag seltsam klingen, aber das ist schade, weil man dann schon wieder eine Gelegenheit weniger hat, neue Leute kennenzulernen. Hörspielfolge.


Download der Episode hier.
Opener: „She Came In Through The Bathroom Window“ von NorthernEven
Musik: „Here I am (2012)“ von RALF G. / CC BY-NC-SA 3.0


B. sitzt in der Badewanne, man hört es plätschern. Fröhlich und gut gelaunt trällert sie ein Liedchen vor sich hin.
A betritt das Bad: Hallo?
(Pause)
A: (lauter) Halloo!
(Pause)
A: (ungehalten) Hallo! Geht’s noch?
B: (erschrickt) Hoppla! Hey! Was ist das denn für eine Art? Einfach hier hineinzuplatzen! Kannst Du denn nicht klopfen?
A: Wie bitte, ich soll klopfen?
B: Aber ja. Das gebietet doch die Höflichkeit.
A: Das gebietet die Höflichkeit?
B: Aber ja. Hast Du denn keine Manieren?
A: Aber…
B: Ich meine, ich sitze hier, in der Badewanne…
A: In meiner Badewanne.
B: Gut. Ich sitze hier in Deiner Badewanne…
A: In meinem Badezimmer…
B: Gut. In Deinem Badezimmer, und…
A: In meinerm Wohnung.
B: Ja, gut. In Deiner Wohnung. Mein Gott, Du bist schon ein bisschen fixiert auf Dein Eigentum, oder?
A: Sie sitzen in meiner Badewanne, in meinem Badezimmer, in meiner Wohnung…
B: Ja. Gut. Setzen wir das einfach einmal als Fakten voraus, einverstanden? Können wir dann weitermachen?
A: Nackt. In meiner Wanne.
B: Schatzi, ich glaube wirklich, es ist nicht das Geringste daran ungewöhnlich, nackt in einer Wanne zu sitzen. Das dürfte absolut der Regelfall sein…
A: Und ich kenn’ Sie gar nicht!
B: Susanne. Aber meine Freunde nennen mich Sunny.
A: Wie sind Sie überhaupt hier reingekommen? Das ist der zweite Stock!
Clip /She came in through the bathroom window
B: Durch das Badezimmerfenster. Das stand offen!
A: Das steht immer offen, ich krieg die Feuchtigkeit aus der Wohnung nicht raus, wissen Sie?
B: Kenne ich. Ich habe auch so eine blöde Neubauwohnung.
A: Ja, blöd, gell?
B: Total blöd. Ich habe nicht einmal eine Badewanne.
A: (nachdenklich) Keine… Badewanne… (plötzlich lauter) Das ist meine Badewanne! Sie sind hier eingebrochen, nur um in meiner Badewanne zu baden?
B: Hey, reg’ Dich doch nicht so auf! Tut doch keinem weh, oder? Hast Du doch bisher auch nie gemerkt!
A: Wie? Bisher? Machen Sie das öfter?
B: Neeeeiiiinnn, nicht oft, wirklich nicht!
A: Wie oft?
B: Eigentlich nur Montags und Donnerstag.
A: Heute ist aber Mittwoch, oder?
B: Ja, stimmt, aber ich habe heute abend ein Date, sorry…
A: Ach so, verstehe…
B: Warum bist Du eigentlich schon wieder da? Normal kommst Du doch erst um 19:00 h
A: Ja, tut mir leid. Aber ich habe gekündigt, heute ist mein letzter Arbeitstag gewesen.
B: Oh. Das tut mir leid. Sagt man das? Vielleicht tut mir das auch nicht leid. Kommt darauf an, ob es Dir leid tut. Wenn Du das gut findest, dann ist es auch gut. Nur eine Frage…
A: Was? Wie bitte?
B: Meinst Du, Du kannst Dir die Wohnung auf Dauer überhaupt noch leisten?
A: Wie bitte? Was… Was geht SIe das denn bitte an? Das ist ja… Das ist doch das Letzte! Sie… Das ist… Da liegen Sie in MEINEM Bad, ich kenne Sie gar nicht und ich soll mich hier rechtfertigen? Das ist doch der Gipfel! Das hier ist Einbruch! Sie sind eine Einbrecherin!
B: Jetzt entspann Dich! Und Du kannst mich gerne duzen! Das ist doch alles kein Weltuntergang. Ich mache doch immer alles sauber und nehme meine eigene Bürste mit und meine eigenen Handtücher. Wenn ich hier nicht ab und zu putzen würde, dann sähe es hier genauso gammelig aus wie in der restlichen Wohnung!
A: Sie putzen hier? Das erklärt einiges…
B: Schon, oder?
A: Ja, zum Beispiel, warum mein Apfel-Limetten-Shampoo immer so schnell leer ist.
B: Oops. Stimmt. Schuldig. Aber das ist einfach zu geil, sorry!
A: Mir reicht es jetzt. Ich verstehe gar nicht, warum ich überhaupt mit Ihnen rede! Ich rufe jetzt die Polizei!
B: Pah! Klar! Typisch! Kommt hier rein, hat eine miese Laune, weil er gekündigt wurde…
A: ICH habe gekündigt!
B: Ja, schon klar. Das ist genau Deine Art!
A: Natürlich ist das meine Art! Ich bin ein sehr entscheidungsfreudiger und erwachsener Mensch!
B: Ja klar! Ein richtiger Mann!
A: Was? Wieso denn nicht?
B: Der seine überbordende Sexualität nur in den Griff kriegt, indem er alle Raumschiffe aus Star Trek als Legomodelle nachbaut!
A: Das haben Sie auch… Sie… Sie… Sie schnüffeln in MEINER Wohnung rum? Es reicht! Ich rufe jetzt die Bullen!
B: Typisch!
A: Wieso ist das typisch? Was soll das denn schon wieder?
B: (lauter) Weil das typisch ist! Nur weil ich nicht mehr 30 bin oder 40, stimmt’s! Gib’s zu! Wenn ich jetzt Jennifer Lawrence wäre, dann würdest Du Dich nicht so aufführen!
A: Doch! Aber natürlich!
B: (laut) Das glaubst Du doch selber nicht, Du Pimpf!
A: (verunsichert) Also, ich muss doch sehr bitten!
B: (laut) Sag’ mir ins Gesicht, dass das nicht stimmt! Sag’ es!
A: Was denn?
B: Du regst Dich nur auf, weil ich nicht Jennifer Lawrence bin, so ist es doch!
A: Neiiinn… So kann man das nicht sagen, das wäre ja trotzdem Einbruch. Und so…
B: (immer noch entrüstet) Ha! Da haben wir’s! Wenn ich so alt wäre wie die Lawrence und noch solche Titten hätte, Du alter Spanner, dann würdest Du nicht die Polizei holen.
A: Doch, das würde ich!
B: Würdest Du nicht! Jetzt sei ‘mal ehrlich!
A: Na ja…
B: Ha! Ich wusste es! Gib’s zu! Sprich’s aus.
A: Stimmt schon. Dann hätte ich wahrscheinlich schon ein bisschen anders reagiert…
B: Aber sicher hättest Du das! Du flippst also nur so aus, weil ich in meinem Alter nicht mehr den gnadenlosen Schönheitsidealen dieser verfickten Gesellschaft entspreche!
A: Wenn man es so ausdrückt…
B: Und? Fühlst Du Dich dabei toll, Du Spießer?
A: Na ja… Also… Ich meine… Ist doch trotzdem mein Badezimmer, oder?
B: (wieder etwas lauter) Was hat denn bitte das Badezimmer mit Deinem Sexismus zu tun?
A: Ist das sexistisch?
B: Na klar ist das sexistisch! Für Dich bin ich kein Objekt Deiner sexuellen Begierde mehr!
A: Ich dachte, das ist gut, wenn man kein Objekt…
B: DAS ist Sexismus!
A: Echt?
B: Aber sicher, Du Chauvischwein!
A: Dann… dann tut mir das leid… Sie müssen…
B: Du!
A: Äh… Was… Ach so. Gut. Also Du. Du musst wissen, Sunny…
B: So ist das doch schon besser! Jetzt enstpann’ Dich erst einmal und wir versuchen das Ganze noch einmal von vorne. Auf dem Fensterbrett steht ein Prosecco, nimm Dir doch erst einmal ein Glas!
A: Aber das ist ja mein Zahnputzbecher!
B: Fängt das schon wieder an mit Deinem Eigentumswahn?
A: Nein, nein. Ist schon gut. Ist schon gut, Sunny. Äh und danke. Ich kann heute echt einen Schluck vertragen, nach dieser Kündigung…
B: Das kann ich mir gut vorstellen. Du, könntest DU mir einen Gefallen tun und mir den Rücken schrubben?
A: (abwesend) Du, Sunny?
B: Ja, Chauvi?
A: Sag’ mal, die Leiter ist von unserem Nachbarn, stimmt’s?
B: Stimmt.
A: Ich sehe gerade, der hat auch sein Badezimmerfenster offen.
B: Ja, leider. Fast immer.
A: Und der lebt im Erdgeschoss.
B: Ja, mir gegenüber.
A: Warum steigst Du denn nicht bei dem ein zum Baden?
B: (angewidert) Bei dem? Hast Du den ‘mal gesehen? Der hat kein einziges Haar mehr auf dem Kopf und eine Schwabbelwampe. Der hat seinen Schwanz seit 1980 nicht mehr leibhaftig gesehen! Und seine Eier, die hängen ihm bis in die Kniekehlen!
A: Ach. Und das ist nicht…
B: Jetzt entspann’ Dich endlich, schrubb’ mir bitte den Rücken und trink brav Deinen Prosecco!
A: Würde mich aber schon interessieren, warum ich ein Chauvi…
B: Bitte?
A: Warum ich…
B: Bitte, bitte?
A: Warum…
B: Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte?
A: Ist ja schon gut. Mach’ ich! Ich brauche jetzt auch ein paar Chips, hast Du auch Lust auf ein paar Chips?
B: Au ja, das ist eine Spitzenidee! So gefällst Du mir schon viel besser!