Expl0661: Limonaden-Medizin


Kochen und Essen spielen zumindest in meinem Leben eine große Rolle. Darum ist es durchaus möglich, dass Hunger und der gute Geschmack im Hintergrund an den Fäden der Geschichte mit ziehen. Wie Tom Nealon am Beispiel von Paris zu belegen versucht, dass wegen Limonade von der Pest verschont ward…


Download der Episode hier.
Opener: „Lemonade Children’s Song“ von Patty Shukla Kids TV
Closer: „Itchy and Scratchy – Lemonade“ von funnysimpsonsmoments
Musik: „drinking lemonade“ von MIGREE ZELLO / CC BY-NC-ND 3.0


Essen, so sagt man, sei der Sex des Alters. Das soll wahrscheinlich implizieren, dass A) alte Menschen keinen Sex mehr haben oder haben sollen und B) deswegen mehr Lust am Essen empfinden.

A) wäre keine so tolle Sache, aber B) eigentlich schon. „Na, Schatzi, heute schaust Du wieder so richtig lecker aus! Weißt Du, was wir zwei beiden ‘mal wieder machen sollten? Was mich total anmachen würde. Du weißt, schon, das wo ich Dir einfach nicht widerstehen kann und zum wilden Hengst werde? Genau, Marshmallows toasten!“

Sei es denn, wie es sei. Ich werde euch weiter vom Altwerden und vom Kochen und Essen berichten. Das sollte man sowieso dokumentieren, damit wir irgendwann eine kontinuierliche Geschichte der Küche haben.

„Im Jahr 2019 entwickelte sich in den Armenküchen der westlichen USA eine neue Art von Gericht. Der Linseneintopf wurde durch eine schnell zuzubereitende Variante des Hamburgers ersetzt und wurde unter dem Namen „Free Burger“ populär. In Deutschland konnte sich der sogenannte „Freiburger“ nicht durchsetzen – Ochsenmaul, roter Beete und Meerettich als Belag erreichten keine allgemeine Beliebtheit.“

Denn wir wissen erstaunlich wenig über die Geschichte unseres Essens. Klar kann man speziell durch die Untersuchung von Toiletten und Abfallhaufen einen Eindruck gewinnen, was die Menschen in lange vergangenen Zeiten so gegessen haben.

Aber die Finesse beim Kochen steckt ja im Detail. Wir graben in den Toiletten Zellulose aus und Samenschalen und in den Abfallhaufen Kartoffelschalen und Fischgräten. Das macht jetzt aber bei weitem noch keine Bouillabaisse. Das Tückische an der Erforschung der Küchengeschichte Europas ist die traurige Sache, das wir dazu neigen, die Beweisstücke zu verzehren.

Klar, wir wissen genau, wie wertvoll im Mittelalter zum Beispiel Pfeffer war. Lange Zeit kam der praktisch nur aus Südwest-Indien und war zu manchen Zeiten sein Gewicht in Gold wert. Das berühmte Bremer Pfefferkorn stammt aus dem 13. Jahrhundert ist der älteste erhaltene Fund eines Gewürzmittels nördlich der Alpen. Diesen Mangel an Gewürzmitteln merkt man der britischen Küche heute noch an.

Trotzdem wissen wir nicht wirklich, wass die in Bremen mit dem Pfeffer so angefangen haben. Gab’ es da bei Oberbürgermeisters ein scharfes Herings-Chilli oder verbuk man das zu einem saftigen Gewürzkuchen mit Honig?

Und was ist mit der Schokolade? Warum wurde die auf einmal so wichtig. In Südamerika noch das Getränk männlicher Krieger, die sich damit fit hielten um mit den Schädeln ihrer Gegner Basketball zu spielen, ist es jetzt dekadent verkommen zur Kinderschokolade, der man noch Spielzeug beilegen muss, damit wenigstens die allerkleinsten noch eine gscheite Diabetes entwickeln.

Aber könnte es sein, dass auch viele andere Lebensmittel eine viel wichtigere Bedeutung hatten, als wir das bisher so annehmen. Das denkt auf jeden Fall Tom Nealon. In seinem Buch „Food Fights and Culture Wars: A Secret History of Taste“ gibt es zahlreiche Kapitel, die richtig spannend sind.

Der Hunger und das Schmecken, so spekuliert Nealon, sind die treibende Kraft die hinter dem Standardwissen der Geschichtsbücher heimlich unsere Zivilisation zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

Da gibt es zum Beispiel eine Theorie, die sich dem Thema „Karpfen und Kreuzzüge“ widmet, es geht um den Zusammenhang zwischen kannibalischen Speisen und dem Würzmittel Chilli und auch zum Thema Mutterkorn kann man viel Interessantes lesen.

Völlig neu für mich war seine Pest-Limonaden-Theorie. Die Limonade ist wieder einmal ein gutes Beispiel für ein Lebensmittel, dessen Geschichte eher obskur ist. Limo gibt es schon lang. Die alten Römer kannten einen soft drink, der aus viel Wasser, etwas Honig und einem Schuss Essig gemixt wurde. Posca haben die das geheißen.

Im Wort Limonade kommt aber natürlich die Limone oder vielleicht die Limette vor. Limonade wird nicht aus Limousinen gemacht, eine Theorie, die mir einmal im Kindergarten vorgeschlagen wurde.

Genau genommen können wir also erst von Limonade sprechen, wenn da auch Zitrusfrucht reinkommt. Wann dieses Getränk erfunden wurde, das wissen wir wieder nicht. Am verwandtesten zu dem, was wir heute noch Limonade nennen, ist wahrscheinlich der britische Lemon Squash.

Die ersten Rezepturen eines Gemischs aus Wasser, Zitronensaft und Zucker stammen aber aus dem 16ten Jahrhundert. Vom spanischen Königshof, Limo war damals nicht ein Getränk für Kindergarten-Möchtegernhistoriker, sondern für das blaueste vom blauen Blut.

Wir wissen weiters, dass Limonade in Paris im 17ten Jahrhundert der Hype unter den Getränken war. An jeder zweiten Ecke standen Buden, wo das saure Süßgetränk auf Bedarf frisch hergestellt wurde. Limo war der merde chaude in Paris.

Worüber wir ein bisschen mehr wissen als über Limonade ist die Pest. Denn die begleitet die europäische Geschichte seit der Bronzezeit. Die Vorstellung, es gäbe mehrere große Pestepidemien macht nur Sinn, wenn man konzentriert auf einen Landstrich kuckt.

Wenn man auf ganz Europa aus der Vogelperspektive blickt, dann wütete der Schwarze Tod praktisch ununterbrochen irgendwo. Ab dem 14ten Jahrhundert stiegen die Todesfälle dramatisch an und das Siechen und Sterben endete erst langsam im 18ten Jahrhundert.

Als man das Rattenproblem in den Griff bekam. Das unbegeißelte, sporenloses fakultativ anaerobe Stäbchenbakterium mit dem Namen Yersinia pestis verbreitet sich nämlich in Flöhen, die sich besonders im Fell von Ratten wohl fühlten.

Und weil diese Nager in mittelalterlichen Städten an Zahl die menschliche Population in den Schatten stellte, gab es immer wieder Gelegenheit für den einen oder anderen abenteuerlustigen Floh, auch einmal im Fell von homo sapiens ein Nest zu bauen.

Als darum um 1670 herum einmal wieder eine Pest-Epidemie in Frankreich wütete, konnte man kein Geld gewinnen, wenn man wettete, das die französische Hauptstadt verschont wird.

Wurde sie aber. Aus rätselhaften Gründen. Und das hat vielleicht entfernt mit Shampoo zu tun. Wenn Hunde Flöhe haben, dann shampooniert man die. Und in diesen Shampoos sind Limonene und Linaloole drinne. Das sind Stoffe die natürlich in Limonen oder Zitronen vorkommen, der Name lässt es vermuten. Nein, Shampoo wird auch nicht aus Limousinen gemacht.

Die These von Nealon ist folgerichtig ganz einfach. Weil die Straßen von Paris 1670 voller Limonen, Limetten und Zitronenschalen waren, weil ja Limo gerade merde chaude war, knabberten auch die Ratten mit Vergnügen an den Schalen.

Und vertrieben damit ihre Flöhe, so wie das die modernen Hundeshampoos eben auch heute noch tun. Und ohne Flöhe keine Pest. Ungestört konnten die Nager und die Menschen ihre Südfrüchte genießen, nur der Rest von Frankreich wurde von der Pest gebeutelt.

Das ist die Geschichte, wie Limonade Paris gerettet hat. Wenn ihr also auch in das Alter kommt, wo Essen und Trinken wichtiger werden als Sex, dann sei euch das Buch „Food Fights and Culture Wars: A Secret History of Taste“ ans Herz gelegt.

Und dazu ein Glas Limonade. Ich empfehle den Saft einer Zitrone, etwas Limettenschale, zwei Esslöffel Zucker und zwei Teelöffel Ingwer auf ein Liter kochendes Wasser. Abkühlen lassen, Eiswürfel rein, fertig. Schmeckt lecker und schützt, als Bodylotion verwendet, auch vor der Pest.