Wa Gesellschaft – Explikator https://explikator.de Mon, 07 Sep 2026 15:54:36 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 Barbie, eine Chronologie https://explikator.de/2026/08/23/barbie-eine-chronologie/ Sun, 23 Aug 2026 16:31:33 +0000 https://explikator.de/?p=926

Es gibt wahrscheinlich kein Spielzeug, dass so viel Hass und so viel Liebe erfahren hat wie Barbie. Mit dem Film von Greta Gerwig, Noah Baumbach und Margot Robbie hat ihre Geschichte noch eine Wendung erfahren. Zeit für einen chronologischen Überblick über die wichtigsten Barbie-Puppen der Geschichte.

Skript

Ich gestehe, dass ich den Barbie-Film nicht toll fand und Oppenheimer auch nicht. Aber ich verstehe die positiven Kritiken. Ich verstehe, was Menschen an beiden Filmen gefiel. Aber ich mochte ja auch die Odyssee nicht, ich bin kein Maßstab.

Ob Barbie eine Ikone für frauenfeindliches Bodyshaming oder aber für feministisches Empowerment, möchte ich auch nicht beurteilen. Vielmehr stelle ich in dieser Folge einen historischen Überblick über die Geschichte der Barbie vor und überlasse Dir das Urteil.

Die Geschichte beginnt 1952 in der Redaktion der Bild-Zeitung, als Reinhard Beuthien den Auftrag erhält, sexistische, grenzwertig misogyne Cartoons zu zeichnen, deren Protagonistin eine Blondine ist, wie sie den Schönheitsidealen der sexistischen, grenzwertig misogynen 50er-Jahre entspricht. Beispiel: Lilly sagt im Cartoon: „Ich hatte eine Panne. Wäre da nicht zufällig ein Mechaniker vorbeigekommen, der Hand angelegt hat, wäre ich immer noch nicht da!“. Die Zeichnung zeigt ölige Handabdrücke an ihrem Hintern.

Der Erfolg führt dazu, dass schon 1955 eine Lilli-Puppe auf den Markt kommt. Mit verschiedenen Outfits, aber angeblich nicht mit Kindern als Zielgruppe, sondern mit Männern.

1956 entdeckt eine Frau namens Ruth Handler die Lilli-Puppe auf einer Schweizreise und kauft drei Exemplare.

1958 schlägt sie Mattel vor, die Idee der Lilli-Puppe zu klauen. Aber ihr Ehemann und der gesamte männliche Vorstand sind dagegen. Man startet eine Umfrage. Die Eltern sind auch dagegen, weil die Puppe eine Oberweite hat.

1959 kommt die Barbie auf den Markt. Das liegt daran, dass Ruth Handler und ihrem Mann die Firma Mattel gehört. Sie heißt „Barbie – Teen-age Fashion Model“ und kommt mit einem Zebra-Badeanzug und in blond oder brünett. Dazu gibt es 22 Garnituren an Klamotten. Im ersten Jahr werden 350.000 Puppen verkauft.

1961 erblickt Ken das Licht der Welt, vielleicht geschaffen aus einer Rippe von Barbie.

Im gleichen Jahr beginnt ein Gerichtsverfahren, weil Barbie ja eine geklaute Puppe ist. Man vergleicht sich bis auf Weiteres.

1962 schon gibt es das erste Barbie-House. Menschenfrauen bekamen ohne Einwilligung des Ehemanns noch keinen Kredit, wie Margot Robbie im Barbie-Film bemerkt. Allerdings war Barbies Haus damals noch aus Pappe.

1963 kommt Midge auf den Markt. Barbie kann jetzt babysitten. Dazu nimmt sie sich Lektüre mit. In der Packung ist ein barbiegroßes Buch. Vorne steht: „How to Lose Weight“, auf der Rückseite steht „Don’t eat“.

1964 kauft man die Rechte für die Lilli-Puppe für 21.600 Dollar und stellt sofort die Produktion ein.

Im gleichen Jahr erscheint „Skipper“. Eltern hatten sich gewünscht, dass Barbie eine Mutter sein soll. Mattel entscheidet sich für eine achtjährige, kleine Schwester.

1965 erscheint die Übernachtungs-Party-Barbie. Dieses Mal im Set eine Körperwaage, deren Aufkleber 110 Pfund zeigt. 50 Kilogramm. Barbie ist umgerechnet 1,75 Meter groß.

1965 fliegt Barbie als Astronautin ins Weltall. Zwei Jahre nach Valentina Tereschkowa, aber ganze 18 Jahre vor Sally Ride.

1968 kommt Christie auf den Markt, als neue Freundin von Barbie vermarktet. Sie ist Afro-Amerikanerin.

1971 kommt die Malibu Barbie. Zum ersten Mal schaut sie geradeaus aus ihren Pupillen, statt immer kokett zur Seite.

1974 fliegen Ruth und ihr Mann Elliott aus der eigenen Firma, weil sie ihre Finanzberichte gefälscht haben.

1975 folgt die „Growing-Up-Skipper“. Dreht man den linken Arm, wächst die Puppe einen Zoll und bekommt Brüste aus Gummi. Kastentext auf der Packung: „Two dolls in one for twice the fun.“ Zwei Puppen in einer für den doppelten Spaß.

Im gleichen Jahr tritt Gold-Medal-Barbie als Skifahrerin, Schwimmerin und Eiskunstläuferin bei den Olympischen Spielen auf.

  1. Weil Growing-Up-Skipper so viel schlechte Publicity bekam, erscheint nun Growing-Up-Ginger mit dem gleichen Pubertäts-Mechanismus im Arm. Denn die Verkaufszahlen stimmen.

1979 sind die Gummibrüste kein Thema mehr. Die neue „Super Teen Skipper“ wächst nicht mehr und der Busen bleibt klein.

1980 erscheint die Black und die Hispanic Barbie. Sie sind nicht mehr weiß, aber tragen trotzdem noch die kaukasischen Gesichtszüge.

1985 wird Barbie mit der Day-to-Night Barbie zum Yuppie. Rosa Kostüm, Aktenkoffer, Taschenrechner, wendbarer Rock für den Abend.

1988 erscheint „Doctor Barbie“. Gemeint ist nicht das Doktorat in Mathematik, sondern sie ist Humanmedizinerin.

1990 Mattel bildet eine Fokusgruppe mit afroamerikanischen Kindern, Eltern, Frühpädagoginnen und einer Psychologin. Die neue afroamerikanische Barbie erhält eigene Hauttöne, Haarstrukturen und Namen. Die Proportionen bleiben identisch. Wegen der Klamotten.

1991 wird Barbie, während des Golfkriegs von Präsident Bush senior, eine Air-Force-Pilotin.

1992 kann die „Teen Talk Barbie“ sprechen. Es gibt 270 Sätze, jede Puppe kann vier verschiedene. 1,48 Prozent der Puppen sagen „Math Class is tough“. Matheunterricht ist anstrengend. Die Presse schreibt aber, sie sage „Math is hard!“. Mathe ist schwierig. Großes Hallo, Umtauschaktion.

Im gleichen Jahr kommt „Totally Hair Barbie“. Die Haare reichen bis zu den Knöcheln. Die erfolgreichste aller Barbiepuppen. 10 Mio. Stück werden verkauft.

1997 erscheint „Share a Smile Becky“. Sie sitzt in einem rosa Rollstuhl, der – wieder großer Skandal – nicht in den Aufzug des Barbie-Dream-House passt. Die Architektur der neuen Häuser soll laut Mattel angepasst werden. Konnte ich weder veri- noch falsifizieren.

Im gleichen Jahr wird die Taille der Standard-Barbies verbreitert. Bislang war das Argument, Barbie wäre so unmenschlich dünn, weil sich Stoff und Druckknöpfe nicht so einfach 1:6 skalieren lassen. Nun entspricht es, laut Mattel, der neuen Mode aber besser, wenn sie keine Wespentaille mehr hat.

1998 erscheint eine neue, eigenständige Produktlinie, die „Really Rad“ heißt. Man könnte das mit „Wirklich cool“ übersetzen. Kleinere Brust, größere Taille, flache Füße.

2000 bekommt Barbie einen Bauchnabel. Sie wurde also als Mensch geboren.

2002 kommt „Happy Family Midge“ auf den Markt. Eine schwangere und laut Mattel auch verheiratete Frau. Man kann den Bauch aufmachen und das Baby rausnehmen. Angeblich protestieren Kund*innen, die Puppe würde Teenager-Schwangerschaften propagieren. Walmart nimmt das Modell aus dem Sortiment.

2009 erscheint die nächste afroamerikanische Überarbeitung, die noch realistischer sein soll.

2014 erscheint das Buch, eigentlich das Bilderbuch „I Can Be a Computer Engineer“. Barbie als Software-Designerin, die zwei männliche Freunde braucht, um ihren Laptop zu reparieren, am Ende aber den Ruhm einheimst. Wird nach Protesten eingestellt.

2016 Seit sieben Jahre bröckeln die Umsätze, meistens zweistellig. Es erscheinen in der Fashionista-Line die Modelle Groß, Zierlich und Kurvig. „Curvy“ entspricht der amerikanischen Größe vier. Kinder finden sie aber „fett“, zumindest in Interviews im Fernsehen. Keine belastbaren Zahlen zum Verkauf.

2019 klettert Barbie selber in einen Rollstuhl. Es gibt auch ein Modell mit abnehmbarer Beinprothese.

2020 hat Barbie Vitiligo, sagen wir zur Vereinfachung Pigmentstörung. Es gibt nun auch eine Barbie ohne Haare, eine Barbie mit goldener Prothese und Ken mit langem Haar. Die Vitiligo-Puppe wird einer der Jahresbestseller in den USA.

2022 bekommt Barbie Hörgeräte und Ken hat nun auch Vitiligo.

2023 erscheinen die erste Barbie mit Down-Syndrom und der Film mit Margot Robbie. Die Verkaufszahlen explodieren nicht, es wurden seit dem Film zwischen 19 und 25 Prozent mehr Puppen verkauft, je nach Statistik.

2024 erscheinen die erste blinde Barbie und die erste schwarze Barbie mit Downsyndrom.

2025 kommt Barbie mit Typ-1-Diabetes – Insulinpumpe, Glukosesensor, Handy zur Blutzuckerkontrolle.

2026 Es gibt jetzt die erste autistische Barbie, entwickelt mit dem Autistic Self Advocacy Network. Noise-Cancelling-Kopfhörer, Fidget Spinner, Tablet als Kommunikationshilfe. Der Blick ist nicht geradeaus, Hand- und Ellbogengelenke erlauben Stimming, das Kleid sitzt locker.

Zum Abschluss: Es gibt weltweit über 100.000 Sammler*innen, durchschnittlich 40 Jahre alt, die jährlich mehr als zwanzig Barbie-Puppen kaufen. Beinahe die Hälfte gibt im Jahr mehr als 1.000 Dollar aus.

So viel zur Barbie. Ich glaube nicht, dass Mattel etwas an dieser Chronik auszusetzen hätte. Viel Spaß beim Spielen – mit oder ohne Barbie

Quellen:

Wikipedia (en) : Barbie

Wikipedia (en): Totally Hair Barbie

Design Museum London : Barbie – The Exhibition

Princeton University Library : Skipper, Barbie’s Little Sister, Is Having Growing Pains

Fashion Doll Guide : Growing Up Skipper Doll

Newsweek : 61 Years of Barbie – See How She’s Changed With the Times

Newsweek : Barbie Fashionistas Dolls With Vitiligo and Hair Loss Launched by Mattel

CNN Style : Barbie unveils its first-ever doll with hearing aids

American Foundation for the Blind : Barbie Introduces First Blind Barbie Fashionista Doll

Youtube: Intro: If barbie girl was written in 2021

Und dazu die Empfehlung: Hannah Grae, der ganze Kanal

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Die Käsekriminalität [Archiv] https://explikator.de/2026/08/20/die-kaesekriminalitaet/ Thu, 20 Aug 2026 17:34:50 +0000 https://explikator.de/?p=922 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon

Richtig guter Käse kann auch richtig teuer sein. Tatsächlich ist das Verhältnis von Gewicht zu Preis so verlockend, dass sich eine neue Art von Kriminalität entwickelt hat. Käsediebe, Käsehehler, Käseschmuggler und Käsedealer versuchen sich mit Parmesan und anderen Spezialitäten eine goldene Nase zu verdienen.

Skript

Parmesan ist in Parma eine große Sache. Er ist EU-weit rechtlich geschützt. Parmigiano, wie er in Italien heißt, darf nur in Parma und einer genau definierten Region drumherum hergestellt werden. Dabei ist die Rezeptur, bis auf eine Modernisierung in den 60ern, seit mindestens 800 Jahren unverändert. Parmesan kommt in Boccaccios Decamerone und im Simplicissimus von Grimmelshausen vor.

Zwischendurch war er aber so unmodern, dass seine Produktion beinahe 150 Jahre praktisch komplett eingestellt wurde. Erst 1892 begann man wieder, in der Po-Ebene überhaupt wieder Milchwirtschaft zu betreiben.

Mittlerweile sind 330 Molkereien und über 2.800 Milchproduzenten in einem Konsortium organisiert, die Jahr für Jahr 3,7 Millionen Käseleiber produzieren, was ungefähr 150.000 Tonnen Parmesan entspricht. Ein Drittel davon wird ins Ausland geliefert. Dabei verbraucht ein Laib, durchschnittlich 40 Kilogramm schwer, ungefähr 520 Liter Milch. Nach einem Jahr Reife ist er dann durchschnittlich 1.500 Euro wert.

Das ist viel Geld. Darum wird er im sogenannten Fort Knox des Parmesans gelagert. In der Bank Credito Emiliano, wo Betriebe sogar ihre Kredite mit Käse bezahlen können. 300.000 Laibe lagern hier in einer perfekt klimatisierten Halle. Streifendienste, bewegungsgesteuerte Beleuchtung, Stacheldrahtzäune und eine rund um die Uhr besetzte Kameraüberwachung sorgen für die Sicherheit.

Vor 15 Jahren schlich sich eine Diebesbande an. Am Tag zuvor hatten sie bereits Bretter über den Bach gelegt und sich eine Durchfahrt durch den Zaun geschnitten. Nun fuhren sie mit ihrem Lastwagen vor und durchbrachen die Wand der Halle mit Äxten. 400 Käselaibe waren schon aufgeladen, als die Polizei eintraf – alarmiert durch das Sicherheitsteam der Bank. Der Käse, immerhin 600.000 Euro wert, war gerettet.

Aber das Fort Knox des Parmesans ist nicht der einzige Ort, wo der Hartkäse reift. Das „Consorzio del Formaggio Parmigiano Reggiano“ – die offizielle, gemeinnützige Schutzorganisation, die alle Hersteller von Parmigiano Reggiano vertritt –, schätzt, dass jedes Jahr Käse im Wert von 3 Millionen Euro gestohlen wird.

Lebensmittel-Diebstahl wird zu einem Problem. So stahl 2023 jemand in Shropshire 200.000 Cadbury Cream Eggs, in Halkidiki in Griechenland verschwanden 37 Tonnen Olivenöl und erst dieses Jahr wurden 413.793 KitKat-Riegel, das entspricht 12 Tonnen, auf dem Transport von Italien nach Polen entwendet. Es gibt noch zahllose andere Beispiele, auch Ahornsirup, Heinz Baked Beans oder Nutella sind nicht vor Dieben sicher.

Doch am meisten geklaut, gestohlen, entwendet und verhehlt wird Käse.

Großbritannien ist sicher keine der großen Käsenationen, so wie Italien oder Frankreich. Der Cheddarkäse, den man in den Supermärkten kaufen kann, erinnert von Geschmack und Konsistenz kaum an die anderen großen Hartkäse.

Doch es gibt auch kleine Betriebe, wie Neal’s Yard, die Cheddar so herstellen, wie es vor der Industrialisierung üblich war. Nämlich aus Rohmilch. Erst verwandeln Milchsäurebakterien den Milchzucker in Milchsäure, dann wir Lab zugesetzt, dann wird der Käsebruch zu Blöcken gepresst und gestapelt und gewendet, bis er trocken genug ist. Dieses Verfahren ist das Geheimnis, darum heißt es „Cheddarring“.

Dann wird der Bruch gemahlen, gesalzen, in seine Form gepresst und muss reifen. Monate oder Jahre, je nach gewünschtem Ergebnis. In Neal’s Yard hergestellter Cheddar ist Handwerkskunst. Jährlich verkaufen sich 550 Tonnen Cheddar, das meiste davon in den eigenen fünf über London verteilten Läden.

Der Ruf dieses Käses überschritt die Landesgrenzen. Vor zwei Jahren geschah es dann: Eine französische Supermarktkette bestellte 950 Käselaibe, umgerechnet 22 Tonnen, mit einem Wert von ungefähr 360.000 Euro.

Sicher freute man sich über die Bestellung, man war auch stolz, bald in den Feinschmeckerabteilungen renommierter französischer Supermärkte zu stehen, aber alleine stemmen konnte Neal’s Yard das nicht. Drei andere kunsthandwerkliche Käsereien mussten aktiviert werden, um die Bestellung überhaupt zu bewältigen.

Am 14. Oktober 2024 wurden die Käselaibe in Paletten eingeschweißt und in LKWs geladen. Neal’s Yard zahlte seine Partner aus, man schüttelte sich die Hände und freute sich. Aber es folgte keine Überweisung des Kunden. Vielmehr war plötzlich niemand mehr zu erreichen. Und der Käse war verschwunden. Für immer.

Die Polizei konnte einen Verdächtigen festnehmen. Vielleicht der Kopf der Bande, aber gegen Lösegeld blieb er ein freier Mann. Es kam noch zu fünf weiteren kurzzeitigen Verhaftungen, aber der Fall kommt nicht weiter voran. Man geht davon aus, dass der Cheddar in Russland verschwunden ist.

Woher kommt aber diese kriminelle Energie? Warum ist Lebensmitteldiebstahl mittlerweile ein Problem? Ich bin ja aus amerikanischen Filmen mittlerweile an den fiesen Drogendealer gewöhnt, der auf die Gesundheit seiner Klientel pfeift und bereit ist für einen Aktenkoffer Kokain mit einem Maschinengewehr das Feuer auf den Helden oder die Heldin zu eröffnen. Muss ich mich jetzt, in meinem hohen Alter, noch umstellen auf Käse-Hehler? Mit einem Käsemesser statt eines silbernen Löffelchens? Der nach dem Deal den Käse zum Fluchtauto rollt? Ich weiß nicht, ob ich dafür bereit bin.

Die Welthandelsorganisation schätzt, dass Lebensmittelkriminalität die Branche jedes Jahr 50 Mrd. Dollar kostet – andere Schätzungen sind weniger konservativ. Es sind ganze Netzwerke aus Dieben, Hehlern und Schmugglern entstanden, die sich in den meisten Fällen tatsächlich auf Käse spezialisieren.

Reizvoll wird das, weil die Lieferketten durch Pandemie, Kriege, Sanktionen oder Schutzzölle sowieso aus den Fugen geraten sind. Momentan kostet europäischer Käse 15 Prozent Zoll, bevor er in den USA verkauft werden darf. Die Geschichte hat es immer wieder belegt: Zu jedem Zoll gibt es einen Schwarzmarkt. Zölle bedeuten Schmuggeln.

In Europa sind die Vereinigten Staaten aber nur der zweitwichtigste Markt für Käse-Kriminelle. Seit den Handelssanktionen gegen Russland ab 2014 und dem Einfuhrverbot westlicher Lebensmittel ist dort ein riesiger Schwarzmarkt für Luxus-Lebensmittel entstanden.

2015 reagierte die russische Regierung auf das Problem, in dem es 900 Tonnen geschmuggelte, westliche Lebensmittel im Fernsehen von Bulldozern plattwalzen ließ. Das dürfte den einen oder anderen Schmuggler wohl erst inspiriert haben.

Darum vielleicht versteckte ein Russe 67 Laib Käse in den Hohlräumen seines VWs oder fanden Spürhunde eine Lieferung von 70 Tonnen Käse, der als „Gummi-Rohstoff“ verpackt und ausgezeichnet worden war.

Beim Drogenhandel steckt ja die Kriminalität schon im Namen. Er ist ein Straftatbestand. Das kann man über den Käsehandel aber so nicht behaupten. Der ist an und für sich nicht einmal in Russland illegal.

Wenn man beim Käse-Schmuggeln erwischt wird, muss man nicht mit einer Freiheitsstrafe rechnen, im besten Fall muss man kleine Mengen sogar nur nachverzollen. Erst bei größeren Mengen handelt es sich um Steuerhinterziehung, laut Abgabenordnung mit Geldstrafen belegt, nur im Maximalfall mit einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren.

Feinschmeckerkäse birgt also ähnliche Gewinne wie Drogen, aber bei einem viel geringeren Risiko für die Käsediebe.

Aber das Beste am Käse ist: Das Beweismaterial wird buchstäblich aufgegessen, nach einiger Zeit ist es verdaut und weg. Am Geschmack ändert sich durch die Käse-Kriminalität ja nichts. Guten Appetit!

Quellen:

Longreads: The Grate Cheese Robbery

Wikipedia (it): Parmigiano Reggiano

Wikipedia (en): Cheddar cheese

Youtube: Intro: I Love Cheese [Official Song] The Hamster Cult

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Endlich Weltuntergang! [Archiv] https://explikator.de/2026/08/16/endlich-weltuntergang/ Sun, 16 Aug 2026 15:31:40 +0000 https://explikator.de/?p=905 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon

Bald geht die Welt unter, glauben viele Menschen und noch mehr Christen. Besonders Evangelikale in den Vereinigten Staaten. Es scheint ein Baufehler im Christentum zu sein, der sich, besonders in den USA, in den letzten 200 Jahren so verstärkt hat, dass er mittlerweile auch die Außenpolitik beeinflusst. Eine Exegese.

Skript

Heute müssen wir einmal über den Weltuntergang sprechen, tut mir leid. Denn die Apokalypse im christlichen Sinn prägt momentan auch die Politik der amerikanischen Regierung. Das ist ein Faktor, der aber in europäischen Medien nicht so richtig verstanden wird, weil uns diese Vorstellung mittlerweile fremd ist.

Dieses Mal muss ich aber wirklich vor 2.000 Jahren anfangen. Zu einer Zeit, als das Christentum nur eine kleine, jüdische Sekte war. Deren Erfolg innerhalb des Judentums hatte zwei Gründe: Erstens war man Anti-Establishment – was in der heutigen Episode nicht so wichtig ist – und zweitens wusste man, im Gegensatz zu den Pharisäern und den Sadduzäern – dass das Ende der Welt und damit der Beginn des Reichs Gottes ganz kurz bevorstand. Wertvolles Insiderwissen. Man nennt das in der Theologie: Das frühe Christentum war eine eschatologische Sekte.

Darum steht auch im ältesten Evangelium, noch exklusiv für Juden verfasst, dass Jesus persönlich gesagt habe, dass noch die Generation seiner Hörenden den Untergang alles Weltlichen erleben werde.

Ein Datierungsproblem, dass bald korrigiert werden musste. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus schon äußern, dass niemand das Datum wisse. Nicht einmal Engel. Was wahrscheinlich auch moderne evangelikale Prediger aus Amerika einschließt.

Die aktuelle Erzählung vom kommenden Weltuntergang wurde erst vor 200 Jahren in den USA geschaffen. Sie ist nicht biblisch und hat auch keine lange Tradition, trotzdem glaubt die Mehrheit der Amerikaner, die sich christlich nennen, genau diese Prophezeiung. Ausgedacht von einem gewissen John Nelson Darby.

Kennt man diese Prophezeiung, erschließen sich auch eine ganze Reihe an Filmen und Serien neu.

Eines Tages in der Zukunft werden auf einmal die Gerechten direkt aus der Welt entfernt. Gleichzeitig verschwinden sie plötzlich, egal, wo sie sind. Flugzeug, U-Bahn, Auto, Kino – vielleicht hören sie gerade einen Podcast – und, zack!, nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel. Das nennt man Rapture. Auf Deutsch am besten „Entrückung“.

Dann folgen für die Nicht-Entrückten sieben Jahre so richtige Scheiße. Katastrophen noch und nöcher, Kriege, göttliche Gerichte. Für die Entrückten kein Problem, für alle anderen – die große Mehrheit – große Drangsal. The Great Tribulation.

Die nächste Stufe ist Armageddon, benannt nach einem Ort, der vermutlich in der Nähe von Megiddo in Israel liegt. Man kann kaum überbetonen, wie viel Mythos hier auf ein paar Bibelstellen lastet, die mühevoll aus dem komplexen Buch zusammengekratzt wurden. Auf jeden Fall: Die finale Schlacht!

Dass die Bösen überhaupt antreten, muss man Mut nennen, denn es steht ja schon fest: Am Ende kommt Jesus und errichtet in Jerusalem sein eigenes tausendjähriges Reich. Millennium hat das Darby genannt, lange bevor es das tausendjährige Reich der Nazis überhaupt gab.

Das wäre der ungefähre Zeitplan. Morgen vielleicht, dann sieben Jahre, dann tausend Jahre.

Und der wird in Amerika geglaubt. Diese Vision ist lebendiger als die heiligen Sakramente in Europa. 39 Prozent aller Erwachsenen in den USA glauben, dass wir in der Endzeit leben. 55 Prozent – die Mehrheit – glauben, Jesus werde eines Tages zurückkehren und herrschen. Bei den Christen sind es 75 Prozent. Schwarze Protestanten, so nennt sie die PEW-Studie, sagen wir einfach Baptisten, glauben zu 76 Prozent, dass sie persönlich die Apokalypse erleben werden; Evangelikale – egal welcher Hautfarbe – zu 63 Prozent.

Halten wir fest: Die Mehrheit der Amerikaner glauben, dass Jesus zurückkehren wird. Die breite Mehrheit der amerikanischen Christen glauben, dass sie es erleben werden. Vier von zehn aller Erwachsenen rechnen damit, dass die Welt in ihre Lebenszeit zu Ende geht.

Das darf man auch politisch nicht unterschätzen! Aber dazu später mehr. Wichtig ist noch, dass es wenige Chancen gibt, nicht auf ewig in der Hölle zu schmoren. Außer den Entrückten, die sich aus dem Himmel selig lächelnd anschauen, wie ihre geliebten Menschen sieben Jahre drangsaliert werden, schaffen es am Ende nur die Menschen, die sich an moralische Regeln halten, die wiederum überall aus der Bibel zusammengeklaut sind.

In den vier Evangelien spricht sich Jesus nicht ein einziges Mal gegen Selbstbefriedigung, Sex vor der Ehe, Homosexualität oder Alkohol aus. Nicht ein einziges Mal.

Man muss schon blind und blöd sein, um nicht zuzugeben, dass es ihm um Besitz geht. Immer und immer wieder. Eher kommt ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel. Ist halt im Kapitalismus keine bequeme Botschaft, lass‘ uns lieber Schwule verteufeln.

Wir haben in den USA einen Idioten im Amt, der sich für einen modernen Jesus hält und den die Mehrheit der fundamentalistischen Christen ins Amt gewählt hat. Diese Menschen hoffen auf die Apokalypse. Diese Menschen wollen, dass die Welt untergeht.

Das ist keine gewagte These, die Belege sind zahllos.

John Hagee, Gründer von Christians United for Israel, sagte am 1. März, dass man prophetisch durch den Krieg im Iran genau im Zeitplan der Apokalypse liege.

Sean Feucht, evangelikaler Aktivist, betete im März von „den endzeitlichen offenen Türen dessen, was Gott im Iran tun wird, wenn dieses Regime durch Gebet beseitigt ist“.

Trumps Außenminister Mike Pompeo orakelte schon 2019 in Jerusalem, dass der liebe Gott die Außenpolitik von Donald Trump lenken würde.

Greg Laurie, Pastor der Harvest Christian Fellowship, erklärt, dass schon die Tatsache, dass Persien, er meint Iran, ein Teil der Koalition gegen Israel ist, ein Beleg für die Endzeit sei.

Noch wichtiger: Das amerikanische Militär meldet 200 Beschwerden, in denen Soldaten von ihren Kommandeuren gepredigt wurde, dass der Krieg gegen den Iran Teil des göttlichen Plans für Armageddon sei.

Okay. Mal ganz nüchtern, nur Du und ich: Ist eigentlich doch irgendwie scheiße, wenn morgen die Welt untergeht, oder? Möchte man doch meinen. Trifft ja nicht nur mich, sondern auch meine geliebten Menschen und alle hundert Hörenden des Explikators.

Aber die Endzeit-Freude funktioniert auch anders: Wenn wir sowieso untergehen, warum sollte man sich um die Klimaprobleme kümmern, warum um die Hungernden, um AIDS, um Fentanyl, um Impfungen, um Renten – warum um Atomwaffen oder warum um Milliardäre, die die Politik bestimmen?

Du Zweifler, Du Ungläubiger! Das sind doch gerade die Symptome, dass bald alles am Arsch ist und dann Jesus höchstpersönlich kommt, um unsere ganze Unordnung aufzuräumen! Sterben müssen wir ja eh, aber so müssen wir wenigstens nichts verändern. Apokalypse – die Religion der Reaktionäre.

Kein Wunder, dass einem da angst und bange wird. Ich persönlich beziehe mich bei Endzeit-Ängsten lieber auf R.E.M. als auf die Bibel. Ich glaube, it’s „The end of the World as We Know It“. Das gilt für jeden Morgen und jeden Tag. Neue Probleme, neue Anpassung, neue Lösungen.

Quellen:

Pew Research Center: About four-in-ten U.S. adults believe humanity is living in the end times

Religion News Service As Iran war expands, some conservative Christians Interpret the conflict through biblical prophecies

The Conversation: When war looks like prophecy: How U.S. ‘end time‘ narratives frame the war with Iran

CNN Politics: Pompeo agrees it’s possible God raised Trump to protect Israel from Iranian aggression

Good Faith Media: Franklin Graham’s Crusade: Extremist Theology Behind Strikes on Iran

Premier Christianity: Is the US-Iran war a fulfilment of prophecy in Revelation about Israel?

Wikipedia: John Nelson Darby

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Turisti! [Archiv] https://explikator.de/2026/08/09/turisti/ Sun, 09 Aug 2026 14:50:01 +0000 https://explikator.de/?p=882 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Nerven Touristen in Italien? Was sind typische Formen des Fehlverhaltens? Was stört Italiener*innen wirklich an den Besuchern? Wer reist überhaupt nach Italien – und: Wer führt die berühmten Handtuchkriege an der Adria?

Skript

Okay, ich weiß. Das Intro ist in Italienisch. Es behandelt eine Reihe von Fragen, die Touristen in Italien gestellt haben. Einige Beispiele? Um welche Uhrzeit schließt Venedig? Wo ist das Kolosseum in Verona? Wo fährt in Rom der Bus zum Turm von Pisa? Hat Raffael die Raffaello erfunden? Wann findet denn die Aufführung mit den Löwen im Kolosseum statt? Wo sind denn die Mumien, hier in Pompeji? Wann bricht denn der Vulkan endlich aus? Wie weit ist es von Florenz in die Toskana? Und so weiter und so fort.

Wo es Touristen gibt, gibt es auch solche Geschichten. Ich habe mich für diese Folge lange auf Reddit rumgeschlagen. In Polen findet man es nicht so toll, wenn Touristinnen in Auschwitz Selfies machen, Deutsche sind – in der Regel – nicht begeistert, wenn sie mit dem Hitlergruß begrüßt werden und Schwedinnen brechen nicht in Begeisterung aus, wenn Turisti den Baum einer öffentlichen Allee fällen, weil sie denken, das wäre durch die Erlaubnis des Wildcampens mit im Angebot.

Ich habe Italienisch mit einer Reihe von Apps erlernen wollen. Und mit einer Online-Sprachschule. Und mit Podcasts. Die geben alle gerne Hinweise auf Dinge, die man in Italien auf gar keinen Fall machen darf. Hier die Top Ten, gemittelt durch alle Quellen:

Cappuccino nach elf Uhr bestellen. Pasta mit dem Messer schneiden. Ketchup verwenden, egal ob auf Pasta oder Pizza. Käse auf Fischgerichte streuen. Ananas auf der Pizza. Ungepflegt das Haus verlassen. Jogging-Anzüge in der Stadt. Flip-Flops in der Stadt. Die falschen Handgesten benutzen. Pünktlich sein. Die Mamma beleidigen.

In Italien werden Milchprodukte als etwas verstanden, das die Verdauung beansprucht. Man trinkt mittags keinen Cappuccino mehr, weil der zu stark sättigt. Weil Milch in der Hitze im Bauch schlecht wird, meint die Nonna. Handelt man anders, erregt das nicht sittlichen Widerspruch, sondern verdauungstechnisches Unverständnis.

Warum Spaghetti klein schneiden, wenn sie absichtlich lang produziert werden? Man kann ja auch kurze Nudelsorten bestellen. Ketchup gehört an nichts anderes als an Pommes. Es ist eine Tomatensauce mit extra viel Essig und noch mehr Zucker. Warum sollte sich ein Koch bemühen, das Aroma von Trüffeln auf deine Nudeln zu zaubern, wenn Du dann zwei Löffel Zucker und einen Löffel Essig draufhaust? Eben. Warum stundenlang Baccala einweichen und vorsichtig einkochen, wenn Du dann Parmiggiano draufstreust?

Dann die Hinweise zur Bella figura: Keine kurzen Hosen, Flip-Flops, verschwitzte T-Shirts und Jogging-Hosen. Das ist vielleicht in den Städten wichtig, hier gibt es genug Eingeborene, die in kurzen Hosen und Flip-Flops auftauchen.

Ich würde auch davon abraten, Handgesten zu imitieren. Die werden generell anders angewandt, als man glaubt. Und warum solltest Du irgendeine Mutter beleidigen? Was soll dieser Hinweis?

Fahren wir das Ganze noch einmal herunter. Ich war, bevor wir ausgewandert sind, über Jahrzehnte ein deutscher Tourist in Italien. Von München aus bietet sich das einfach an. Ich bin durch Florenz, Rom, Mailand, Verona und unzählige andere Städte als Tourist gestapft.

That said: Ich lebe jetzt seit fünf Jahren in Italien und nehme Touristen jetzt etwas anders wahr. Ich begegne meinem alten Alter Ego. Mein altes Alter Ego gab sich seine liebe Mühe, als Tourist nicht allzu belastend aufzufallen.

Es stellt sich die Frage, was Italienerinnen wirklich an Touristinnen stört, oder? Könnte man ja mal fragen, oder? Hat auch schon jemand gefragt.

Und? Tada! Mit 69 Prozent stören sich die meisten, wenn die historischen Monumente nicht respektiert werden. Wenn, wie 2025, ein amerikanischer Tourist seine Initialen ins Kolosseum einritzen muss. Es ist auch nicht in Ordnung, sich ein Stückchen Kolosseum in die Tasche zu stecken – die Strafen sind schmerzhaft. 2025 wurden Besuchern insgesamt 14 Tonnen Adriasand abgenommen.

Es gibt hier Orte, die ihre Monumente einzäunen müssen, damit keiner hineinpisst oder hineinkotzt oder darin nachts laute Parties feiert. Für Menschen, für die ihr kulturelles Erbe ein Leben lang ganz selbstverständlich zugänglich war, für Einheimische, bdeutet das aber eine Einschränkung der Freiheit.

Mit weitem Abstand folgt Punkt zwei, 24 Prozent: „Sie sind laut und hinterlassen überall ihren Müll!“. Was soll man sagen? Das Forum Romanum ist nicht Disneyland, vielleicht? Besonders, weil in Rom überall Papierkörbe rumstehen.

Mit 19 Prozent, also ungefähr jede fünfte befragte Person, folgt: Sie bestellen im Restaurant Spezialitäten aus ihrem Land, obwohl sie nicht auf der Karte stehen.

18 Prozent stören sich am Schneiden der Pasta, 12 Prozent am verspäteten Cappuccino – aber genauso viele waren genervt, wenn Turis selbstverständlich davon ausgehen, dass man ihre Sprache versteht.

Zehn Prozent können nicht damit umgehen, wenn sie mit Unbekannten Small Talk führen müssen. Es ist hier nicht üblich, zum Beispiel Verkäufer*innen danach zu fragen, wie es ihnen denn heute so geht.

Sieben Prozent ärgern sich, wenn Turisti sich im Restaurant einfach an einen freien Tisch setzen und fünf Prozent meinen, dass „Ciao“ und „Grazie“ zum Mindestwortschatz zu gehören hätten, wenn man in Italien unterwegs ist. Finde ich eine angemessene Kritik.

Die meisten Touristen in Italien, nämlich 34 Mio., kommen aus? Aus Italien! Davon verreist wiederum der größte Teil rund um Ferragosto. Ein Feiertag, den übrigens Kaiser Augustus eingeführt hat. Für viele Italiener ist es Ritus, mindestens einmal im Jahr ans Meer zu fahren und „das Bad“ zu machen.

Die Nicht-Italiener sind aber auch über 40 Mio. Menschen. Ein gutes Drittel, 13. Mio, kommen aus Deutschland, 5,6 Mio. aus den USA, 4,6 Mio. aus Frankreich, 3,3 Mio. aus der Schweiz, 3,1 aus dem Vereinigten Königreich, 2,8 Mio. aus Österreich, 2,3 Mio. aus den Niederlanden, 1,9 Mio. aus Spanien, 1,5 Mio. aus Polen und 1,3 Mio. aus Belgien.

Ein Beispiel für den Clash of Civiliations sind die berühmten Handtuchkriege an der Adria. 51 Prozent der Deutschen und 46 Prozent der Briten glauben, dass besonders Deutsche dazu neigen, sich ihre Liegen schon bei Sonnenaufgang mit einem Handtuch zu reservieren. Beide Nationen sind sich einig, dass die Briten beim Schummeln die Silbermedaille verdient haben.

Tatsächlich sind es aber – gleichauf – die Italiener und die Franzosen, die heimlich die Nase vorn haben. An den wenigen öffentlichen Stränden der Adria gibt es auch die Sitte, den Sonnenschirm über Nacht stehen zu lassen, um sich die besten Plätze zu reservieren. Furbetti dell’ombrellone nennt man solche Menschen. Die „Schlaumeier der Sonnenschirme“ könnte man übersetzen.

Sicher gibt es ernsthafte Probleme durch den Massentourismus, aber der Cappuccino gehört sicher nicht dazu.

Quellen:

Preply: Italia, una calamita per i turisti: i comportamenti che infastidiscono particolarmente gli italiani

The Guardian: Germans hogging the sunloungers? Poll finds Italians and French are worse

Reddit: Qual è la nazionalità dei peggiori turisti?

Reddit: Che opinione hanno generalmente gli italiani sul turismo in Italia e sui turisti?

Youtube: Intro: Absurd questions from tourists

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Was macht uns dumm? [Archiv] https://explikator.de/2026/08/02/was-macht-uns-dumm/ Sun, 02 Aug 2026 15:32:24 +0000 https://explikator.de/?p=851 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Die Annahme, dass Dummheit mit Unwissen, oder aber der Abwesenheit von Intelligenz zu erklären ist, greift zu kurz. Tatsächlich sind wir Menschen so unvorstellbar dumm, weil wir vielleicht zu intelligent sind für unseren Erfolg auf diesem Planeten.

Skript

Um dumm zu sein, bedarf es einer gewissen Intelligenz. Keiner würde sagen: So ein dummer Kieselstein, oder so ein dummer Blütenduft. Klar sagen wir: Dumm wie Brot, aber genau genommen sind auch Laugenbrötchen, Croissants oder Zimtschnecken nicht intelligenter, die geben sich nur intellektueller.

Menschen sind so intelligent, dass sie einen Roboter auf einem Kometen landen, innerhalb zweier Jahre einen Impfstoff für Covid entwickeln oder neuronale Netze entwerfen können, die angeblich in fünf Jahren intelligenter sind als sie. Meines Wissens hat das noch kein Gebäckstück geschafft.

Aber es waren nicht Franzbrötchen, die zwei Mal Donald Trump gewählt haben, obwohl schon beim ersten Durchgang klar war, dass die Fünfziger sich nicht wiederbeleben lassen. Ich habe auch nie gehört, dass Tacos behaupten, die Erde wäre flach, keine Pizza glaubt an eine Weltverschwörung der Illuminaten.

Es scheint, als ob Systeme, die intelligenter sind, damit auch die Fähigkeit zu größerer Dummheit haben. Einem x-beliebigen Bakterium Dummheit vorzuwerfen, ist schon eine Überdehnung des Begriffes, aber jeder kennt wahrscheinlich den einen oder anderen Hund oder die eine oder andere Katze, die sich diesen Vorwurf verdient haben.

Wir Menschen haben Sprache, die Fähigkeit zur Abstraktion, Logik, Technologie, komplexe Gesellschaftsordnungen, Ideologien und mehr Backwaren erfunden, als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Das gibt uns auch die Möglichkeit spektakulär dumm zu sein. So dumm, dass wir unsere tollen Errungenschaften und unser eigenes Überleben auf der kleinen, einsamen, blauen Kugel ernsthaft in Gefahr bringen.

Unzählige Forschende beschäftigen sich rund um die Uhr mit Intelligenz und der Frage, wie sie entsteht, wie sie sich verlässlich messen lässt und wie sie während der Entwicklung eines Homo sapiens vom Zellklumpen hin zum wahlberechtigten Erwachsenen gefördert werden kann.

Wir nennen eine ganze neue Technologie „künstlich intelligent“, obwohl wir dessen behauptete Intelligenz, genauso wenig quantifizieren können wie unsere.

Aber mit einem wichtigen Forschungsfeld beschäftigen sich allem Anschein nach nicht genug Akademiker. Es gibt keine verlässliche Antwort auf die Frage: Was macht uns so saudumm?

Denn Dummheit ist eben nicht die Absenz von Intelligenz. Nicht so, wie Dunkelheit die Absenz von Licht ist. Dunkelheit an und für sich hat ja auch keine böse Absicht, während Dummheit so etwas ist wie der missratene Zwilling der Intelligenz. Beide können in komplexen Systemen auch nebeneinander existieren. Was wahrscheinlich eher die Regel als die Ausnahme ist, wenn man den Gesprächen in den betrieblichen Kaffeeküchen lauscht.

Vielleicht könnte man sagen: Dummheit widmet sich durchaus lösbaren Fragen und macht sie, unter großem Aufwand und mit völlig fehlgeleiteten Einfallsreichtum zu etwas völlig Unlösbaren. Diese Anstrengung ist der Schlüssel, da man komplexe Systeme braucht, um spektakulär und konsequent dumm zu sein.

Intelligenz macht ein Problem um den Faktor X leichter, indem es Analyse, Planung, Hypothese, Theorie oder einen Schraubenzieher benutzt. Dummheit hingegen macht ein Problem um den Faktor X schwieriger. Und die effektivste Methode ist ein Bündel an komplexen Theorien, tiefen Überzeugungen und ausgefuchster Algorithmen.

Anders ausgedrückt: Eine Person, die eine Antwort auf eine Frage nicht kennt, ist nicht dumm. Der richtige Ausdruck wäre hier Ignoranz. Was aber kein Problem ist, denn niemand kennt alle Antworten und die Antwort „Weiß ich nicht“, ist oft sogar ein Zeichen von Intelligenz. Sie verschlimmert nichts.

Die Person aber, die ein beeindruckendes hundertseitiges Paper über die Frage schreibt, aber sie unter größter Anstrengung völlig falsch beantwortet, ist dumm.

Ein Komet, der auf die Erde stürzt, irrt sich nicht. Ein Vogel, der gegen die Fensterscheibe knallt, irrt sich schon. Das Leben kann sich irren, was viele Gründe haben kann. Ignoranz – also zu wenig Daten, Rauschen – ungenaue Daten, oder die Fehlanwendung einer an sich funktionierenden Methode auf geänderte Verhältnisse, wie im Falle des Vogels.

Dummheit beginnt dort, wo Irrtümer weiter ausgearbeitet werden, wo sie energisch verteidigt werden, wo die falsche Methode unablässig verfeinert wird, wo der Fehler nicht nur institutionalisiert, sondern die Grundlage für das weitere Handeln wird. Sie ist gut daran erkennbar, dass sie beständig alles verschlimmert.

Diese Ausarbeitung falscher Überzeugungen und Verhaltensweisen setzt Intelligenz voraus.

Man kann behaupten, dass die Quantenmechanik eine intelligente Theorie ist, die zwar nicht durch einfache Beispiele erklärbar ist, aber deren Mathematik mit einer atemberaubenden Genauigkeit funktioniert. Um das Verhalten von Photonen oder Elektronen zu berechnen, gibt es momentan nichts Besseres auf dem Markt.

Dumm ist aber, sie zur Erklärung völlig anderer Fragen zu verwenden. Was aber dauernd gemacht wird. Dabei muss es sich nicht einmal um esoterische Produkte handeln, die sich einfach das Wort für ihr Marketing klauen.

Nein, die Quantenmechanik muss mittlerweile auch psychische Probleme, Entscheidungsfindungsstörungen, Betriebsführung oder gleich das gesamte menschliche Bewusstsein erklären. Keine Frage, dass aus der Fehlanwendung am Ende Spiegel-Bestseller entstehen.

Die elegante Theorie, die so prima für Elektrönchen funktioniert, wird ein verkopftes, unmenschliches Ungeheuer, das auf einem Bein rückwärts durch die Problemlösung zu hüpfen hat. Dabei würde eine simple Statistik das Problem meist schneller und besser darstellen.

Aber: Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel.

Nehmen wir den Aderlass. Über zweitausend Jahre lang war er die zentrale Therapie der westlichen Medizin, und er stand auf einem wunderbar logischen Fundament: der Vier-Säfte-Lehre. Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Krankheit ist ein Ungleichgewicht der Körpersäfte. Und was tut man gegen ein Zuviel? Man lässt es heraus. Ein geschlossenes, elegantes Gedankengebäude. Der Haken: Es hat nichts mit dem menschlichen Körper zu tun.

Das wusste man auch schon in der Antike. Erasistratos hielt die Existenz von „schwarzer Galle“ für eine Erfindung, ist sie ja auch, und auch Asklepiades bezeichnete sie als Aberglaube. Ebenso Paracelsus im 16. Jahrhundert.

Aber das schadete der Theorie nicht, die mit viel Sorgfalt immer ziselierter wurde. Man stritt über die richtige Ader, die richtige Menge, den richtigen Tag, abgestimmt auf Sternbild und Mondphase. Eine ganze Gelehrsamkeit wuchs um einen Irrtum herum, immer feiner, immer kunstvoller.

Gerade noch im 18. Jahrhundert, Dezember 1799, wachte George Washington mit Halsschmerzen auf. Die besten Ärzte trafen ein und verordneten Einläufe, Brechmittel und ein Blasenpflaster mit Spanischer Fliege.

Dann ließen sie ihn zur Ader. Und noch einmal. Und noch zwei Mal. Innerhalb von zwölf Stunden 2,4 Liter Blut. Am Abend war George Washington tot. Er starb nicht, weil man zu wenig für ihn tat, sondern weil die Medizin sich über zwei Jahrtausende nicht verändern wollte. Ein Arzt gewann 1799 sein Ansehen nicht durch Heilungserfolge, sondern durch das fehlerfreie Zitieren von Hippokrates oder Galen.

Da kann man nur sagen: Stultum est!

Quellen:

Wikipedia: Dummheit

Nautilus: What Makes Humans stupid

Wikipedia: Humoralpathologie

Wikipedia: George Washington

Youtube, Intro: YOU’RE DUMB, RACHEL!

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Denglish is Good 4 U! [Archiv] https://explikator.de/2026/07/09/denglish-is-good-4-u/ Thu, 09 Jul 2026 17:15:37 +0000 https://explikator.de/?p=766 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

„Coole JobDescriptions für die Core-Competences der Event-Units garantieren die powervolle Performance!“ Das ist doch echt Bullshit, oder? Sollten wir uns vielleicht Sorgen um die deutsche Sprache machen?

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Peter Popoff [Archiv] https://explikator.de/2026/07/06/peter-popoff/ Mon, 06 Jul 2026 17:38:02 +0000 https://explikator.de/?p=750 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Der religiöse Trickbetrüger Peter Popoff und seine Machenschaften wurden schon in den 80er Jahren entlarvt. Doch ohne Konsequenzen. Er ist auch im Jahr 2026 immer noch erfolgreich unterwegs. (Vintage-Ferien 02/10)

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Popeln [Archiv] https://explikator.de/2026/06/07/popeln/ Sun, 07 Jun 2026 18:01:52 +0000 https://explikator.de/?p=637 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Es gibt etwas, das alle Menschen instinktiv tun; trotzdem ist es tabuisiert: Popeln. Eine Sendung über die Biologie in der Nase und über das Erlernen von Ekel und warum Popeln – trotz medizinischer Warnungen – völlig natürlich und normal ist.

Skript

Ich finde, dass „Ekel“ das seltsamste Gefühl ist, dass wir haben. Es gibt nicht viele Gefühle, die Brechreiz auslösen können, oder?. „Und dann wurde er so nostalgisch, dass er sich erbrach“, habe ich noch nie gelesen. Ekel sitzt irgendwie auch direkt auf dem Grenzbaum zwischen Affekt und Instinkt.

Aber warum sind Haare, wenn sie auf dem Kopf befestigt sind, mitunter sogar wunderschön, aber eklig, wenn sie in der Suppe schwimmen? Oder im Friseursalon am Boden liegen. Ich meine, vor fünf Minuten waren sie noch auf dem Kopf – nicht eklig – dann kommt die Schere, sie fallen zu Boden – eklig.

Oder Fingernägel. So wichtig, dass man sie sogar lackiert, dann schneidet man ein Stück ab und wenn das auf dem Badezimmerboden landet, ist es eklig.

Ekel ist vielleicht der Grund, warum niemand über Popel spricht. Ich stelle hiermit die Hypothese auf, dass Popeln in unserem Kulturkreis mehr tabuisiert ist als Selbstbefriedigung. Dabei ist die Wahrheit, dass die allermeisten Menschen sich selbstbefriedigen, aber genauso ist die Wahrheit, dass die allermeisten Menschen popeln. Ich würde sogar behaupten wollen: Alle Menschen. Einige wenige popeln vielleicht sogar beim Masturbieren, vermute ich. Denn es gibt ja bekanntlich jeden Fetisch.

Klären wir erst einmal die Biologie. Die allermeisten Menschen haben eine Nase im Gesicht und in dieser Nase sind sogenannte Schleimhäute installiert. Klingt ja auch schon nicht so lecker. „Schleim-Haut“. Diese Schleimhäute generieren den Schleim, der wissenschaftlich „Mucus“ heißt.

Das ist eine tolle Idee der Nase, denn dieser Mucus fängt aus der Luft, die wir einatmen, den Staub, den Dreck, aber auch Pathogene ab und schleimt sie ein. So kommen sie nicht in die Lunge.

In der Nase haben wir auch Wimpern. So eine Art Wimpern. Kleine Härchen, die man Zilien nennt und „cilium“ ist das lateinische Wort für Wimpern. Diese Härchen transportieren den Schleim den ganzen lieben Tag und auch die liebe Nacht Richtung Rachen.

Meistens schlucken wir diesen Mucus und auch die eingeschleimten Partikel, ohne es zu bemerken. So landen sie im Magen und werden von der Magensäure vernichtet. Auch eine gute Idee.

Anders ausgedrückt: Die allermeisten Popel essen wir, ohne es zu merken.

Es gibt aber eine kleine, technische Schwierigkeit. Eine Nase ist groß und es kann passieren, dass der Schleim zu schnell austrocknet. Dann können die Nasenwimpern ihn nicht mehr transportieren und er bleibt dummerweise in der Nase hängen.

Dann liegt er der normalen Transportfunktion im Weg und wächst solange, bis unser Körper ihn als Fremdkörper wahrnimmt, obwohl es sich eigentlich ja um einen Freundkörper handelt.

Das ist alles immer noch kein Problem, denn wir haben ja Finger und Fingernägel, die dann instinktiv in die Nase greifen, um den Popel zu entfernen. Sobald ein Neugeborenes sich präzise genug bewegen kann, wird es, früher oder später, in der Nase bohren. Nasebohren heißt übrigens auf wissenschaftlich Rhinotillexis.

Übrigens wird dieses noch unerzogene Beispielkind, noch unbeeinflusst von kulturellem Ekel, im Erfolgsfall den eroberten Popel wahrscheinlich in den Mund führen und schlucken. Das nennt sich Mucophagie und gilt sogar als noch ekliger, obwohl unser Körper das ununterbrochen tut, ohne das wir das bemerken. Magensäure ist ein guter Platz für einen Popel – medizinisch ist dagegen nichts einzuwenden.

Gut. Zum Tabu. In westlichen und den meisten fernöstlichen Kulturen ist Popeln etwas, was man nicht öffentlich macht. Die Absonderungen unseres Körpers sind in diesen Zivilisationen per se nicht mit positiven Gefühlen verbunden. Wir schwitzen ja nicht einmal gerne in der Öffentlichkeit, es sei denn, es ist mit Sport verbunden.

In vielen anderen Kulturen ist Popeln hingegen durchaus in Ordnung. Dafür gilt es aber oft als eklig, sich öffentlich und laut die Nase in ein Taschentuch zu schneuzen und das vollgeschleimte Taschentuch dann einzustecken. Kann man irgendwie auch verstehen, oder?

Mein geliebter Opa hat mir oft mit seinem Stofftaschentuch die Nase geputzt und es dann eingeschoben. Und mit den Taschentüchern war es so: In jeder Hose war ein anderes. Tage- vielleicht auch wochenlang. Sein Geheimnis.

Der Ekel vor dem Popeln ist also nicht angeboren. Es ist kein Instinkt, der uns vor giftigen Tieren oder Substanzen warnt. Es ist etwas, das wir von unseren Eltern gelernt haben.

Säuglinge zeigen nach der Geburt Ekel-Reaktionen nur, wenn sie etwa Bitteres schmecken. Man geht davon aus, dass dieser instinktive Teil des Ekels vor Vergiftung schützt. Wenn wir Erwachsene Bitteres mögen, dann haben wir uns das selber so beigebracht – Säuglinge würden keine Artischocken essen.

Aber sie empfinden noch keinen Ekel vor Fäkalien, Schleim, Popeln oder meinetwegen Erde. Mein Patensohn hat so gerne Erde gegessen, dass seine Eltern alle Blumentöpfe mit Fliegengitter abgeklebt haben.

Wir erlernen Ekel erst an den Reaktionen unserer Eltern. Wenn wir, wie uns von Mutter Natur so mitgegeben, im Triumph unsere Popel verspeisen, rufen die Eltern „Pfui!“, und – noch wichtiger fürs Erlernen – sie schauen angeekelt. Wir kleine Popelesser haben das Gefühl, dass sich die Eltern vor uns ekeln, wenn wir Popel essen und lernen die Lektion ganz schnell.

Wenn wir fünf Jahre sind, haben wir alle gesellschaftlich üblichen Ekel-Reaktionen schon erlernt und verinnerlicht und reagieren darauf körperlich, als wäre es uns so angeboren.

Es ist also nicht mehr „Popel essen – das macht man doch nicht“, wie z. B. in „Nazis wählen – das macht man doch nicht“. Die Reaktion ist körperlich. Was im Falle von „Nazis wählen“ auch eine wünschenswerte Reaktion wäre.

Übrigens muss ich aus juristischen Gründen erwähnen, dass alle medizinischen Quellen, die ich gefunden habe, vom Popeln abraten. Denn es ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden.

Die größte Gefahr sei, dass man sich die Gefäße des Locus Kieselbacchi mit dem Fingernagel aufschneidet. Das ist ein Netz von Blutgefäßen auf der Nasenscheidewand, die besonders empfindlich sind. Das führt zu Nasenbluten, aber ist natürlich auch eine winzige, offene Wunde.

Das zweite Risiko ist, dass man mit den Fingern Erreger einschleust, die sonst ja von der Nasenschleimhaut abgefangen würden. Allerdings sitzen wahrscheinlich auf der Nasenschleimhaut mehr Erreger als auf den Fingern, aber man kann ja durchaus darauf achten, dass der Popelfinger nicht zu schmutzig ist.

Man sollte, so der Ratschlag, ein Taschentuch verwenden. Damit gemeint ist: Wenn man schon unbedingt, heimlich und im Verborgenen, popeln muss, dann soll man den Finger in ein Taschentuch einwickeln.

Ich kann aus einer ganzen Reihe an Versuchen berichten: Verwendet man Wegwerf-Taschentücher wie Tempo, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man danach Tempofasern aus der Nase entfernen muss. Verwendet man Textiltaschentücher, dann passt der Finger nicht mehr in die Nase. Und ich habe eine wirklich große Nase.

Meine persönliche Ekelbarriere ist folgende: Wenn ich eine Person heimlich beim Popeln beobachte, finde ich das witzig. Beobachte ich Mucophagie, finde ich das eklig. Trotz des theoretischen Wissens, dass das menschlich, allzu menschlich ist. Ich bin so erzogen worden.

Trotzdem: Wir popeln alle. Oder?

Quellen:

Wikipedia (en): Nose picking

IKK Classic: Ist Popeln gesund oder schädlich?

APA: Yuck! What disgusts us and why, with Paul Rozin, PhD

Sciencealert: Yes, Nosepicking Is Just as Gross as You Think

BBC: Why do We Pick Our Nose?

Youtube: Intro: The Boy Who Picked His Nose

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Popcorn, oder: Vom Eiskonfekt zum Eimer [Archiv] https://explikator.de/2026/05/28/popcorn-oder-vom-eiskonfekt-zum-eimer/ Thu, 28 May 2026 18:22:47 +0000 https://explikator.de/?p=612 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Vor dem Popcorn gab es in deutschen Kinos Langnese-Werbung und dann Eiskonfekt im Saal zu kaufen. Doch das Geschäftsmodell musste sich, wie in den USA, wandeln und anpassen. Heute überleben Kinos nicht wegen der Filme, sondern wegen des Popcorns.

Skript

Warum isst man im Kino, wo man ja leise sein sollte, bevorzugt lautes Essen wie Chips, Nachos oder Popcorn? Gibt es da einen Zusammenhang? Ist das erst erlaubt, seit es Dolby Surround gibt? War es jemals verboten?

Als ich anfing, ins Kino zu gehen, aß man nämlich bevorzugt Eiskonfekt. Auch eine seltsame Sache, wenn man darüber nachdenkt, denn außerhalb des Kinos verkaufte Langnese seine Eispralinen praktisch nicht.

Das Eiskonfekt war ein Teil des Kinorituals. Jede Vorführung begann erst mit den preisgünstigeren Werbeformaten. Man sah ein Bild vom italienischen Restaurant um die Ecke, zusammen mit dem Hinweis, dass es nur zwei Minuten entfernt war.

Oder Anzeigen von Lokalzeitungen, die praktisch nur rund um den Vorführungsort gelesen wurden. Danach öffneten sich die Vorhänge noch ein Stückchen und es waren die Werbevideos zu sehen. Kinotypisch waren damals Zigaretten – Camel, Marlboro, Stuyvesant und Bacardi. Dann folgten Trailer zu anderen Filmen.

Endlich ertönte der Werbejingle „Like Ice in the Sunshine“ und ein Werbespot für Langnese. In diesem Moment wusste man, dass man die Werbung überstanden hatte. Es klingelte eine Glocke und während es in der Werbung hieß „Gibt es auch hier im Kino“, ging das Licht wieder an und jemand mit einem Bauchladen voller Eis verkaufte Eis. Vorwiegend eben Eiskonfekt. Vielleicht, weil es sich im Dunkeln leichter essen ließ als meinetwegen ein Nogger oder ein Magnum?

Aber Popcorn war die große Ausnahme. Dabei gibt es diese spezielle Maissorte – Zea mays everta – schon seit rund 6.700 Jahren. Schon im alten Peru ließ man den Mais poppen und hoffte auf die baldige Erfindung des Kinos. Oder auch nicht.

1885 baute Charles Cretors den ersten mobilen, dampfbetriebenen Popcorn-Automaten, der in den USA auf Jahrmärkten, Volksfesten und im Zirkus zu finden war, aber nicht in Theatern. Dort hatte man wahrscheinlich Bedenken, sich den Teppichboden zu versauen. Wir sind doch kein Rummelplatz, hieß es von den Betreibern.

Als es dann Kinos gab, machte man es den Theatern nach. Außerdem sollten die Knabbergeräusche nicht bei der Betrachtung des Films stören – schließlich gab es vor dem Tonfilm auf der Leinwand Texte zu lesen. Mit dem Tonfilm ging man davon aus, dass das Schmatzen übertönt wird. Trotzdem dauerte es auch in den USA bis zur großen Depression, dass sich das Popcorn im Kino durchsetzte.

Auch in Deutschland gab es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts Popcorn, nachgewiesen ist zum Beispiel der Verkauf in den Kaisers-Kaffee-Geschäften in Berlin. Die neue Süßigkeit, die sich selber mit einem dramatischen „Pop“ ins Leben ruft, galt als Delikatesse, obwohl man aus irgendeinem Grund dazu schwindelte, der Mais stamme aus Ungarn. Warum auch immer.

Dann kam die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und auf einmal fanden sich amerikanische Soldaten fern der Heimat in einem Land, in dem es kein Popcorn gab. Also schickte man schon 1946 moderne Popcornmaschinen nach Deutschland, um den GIs ein Stück Heimatgefühl zu senden.

Der größte Teil dieser Soldaten kehrte wieder in die Heimat zurück, die Popcornmaschinen aber blieben und wurden auf Messen und Jahrmärkten eingesetzt – genau wie in den USA, bloß 50 Jahre später.

In den Achtzigern unternahm Dieter Buchwald eine Amerikareise und war von der Sitte, dass Kinos auch Mais poppten und verkauften, sofort angetan. Zurück in München griff er zum Telefon und fragte den Popcorn-Spezialisten Helmut Haase, ob er denn nicht auch so eine Maschine in seinem Kino betreiben könnte.

Und so wurde das Cinemakino in München 1983 das erste deutsche Kino, in dem es Popcorn zu kaufen gab. Im August 1984 gesellte noch das Kaskade-Kino in Kassel dazu.

Ein Jahr später, auf dem Filmtheater-Kongress in Baden-Baden hatten aber die meisten Kinobetreiber immer noch Vorbehalte. Dieser Aufwand und dann die Wartung! Die Lebensmittelsicherheitsvorschriften! Die Rauchgefahr! Die Brandgefahr! Und die verschmutzten Teppichböden. Und, wie einst in Amerika: „Wir sind doch kein Rummelplatz!“.

1990 entstand in Hürth, bei Köln, das erste deutsche Multiplexkino im Einkaufszentrum „Hürth Park“. Multiplexe sind einfach Kinos, in der Regel hässliche Neubauten, die über viele verschiedene Säle verfügen.

Hier gehörte das Essen- und Trinken-Verkaufen von Anfang an zum Konzept. Denn auch wenn man verschiedene Kinosäle hat, braucht man nicht für jeden eine eigene Theke. Seitdem gab es auch in den sogenannten Schachtelkinos kein Halten mehr und das Popcorn wurde auch in Europa so üblich, wie es das in den Staaten schon lange war.

Auch andere Trends haben wir dann schlicht kopiert. In den Achtzigern gab es eine einzige Tütengröße, die 70 Gramm Popcorn beinhaltete – mittlerweile gibt es XXL-Versionen, die 400 Gramm fassen. Dabei ist der Nährwert von gebuttertem und gezuckerten oder gesalzenen Mais ungefähr der von Pommes frites.

Natürlich sind auch die Preise weit über die Inflation gestiegen. Kaufte man im Cinema in München eine Tüte Popcorn noch für eine Mark, kann man in Großstädten für den Rieseneimer auch 9,50 Euro ausgeben.

Auch typisch amerikanisch ist die sogenannte „Decoy“-Technik bei der Preisgestaltung. Klein kostet beispielsweise fünf Euro, Mittel 7,50 Euro und Groß ist schon für acht Euro zu haben. Da kann sich wirklich jede und jeder das Preis-Leistungsverhältnis berechnen und hält sich für einen Sparfuchs, während er an seinem Eimer vorbei auf die Leinwand schauen muss.

Sann gibt es auch noch die Sparmenüs, wo man Nachos, Popcorn und Cola zum Kombipreis bekommt, was die Preise weiter verschleiert. Aber was tut man nicht alles dafür, einen angemessenen Kinobesuch zu erleben, indem man 30 Euro für Junk Food und zwölf Euro für das Ticket zahlt, um den fünften Teil einer Filmserie zu sehen, von der man eigentlich nur den ersten Teil einigermaßen mochte?

Doch wer sein Kino liebt, sollte trotzdem Popcorn kaufen. Denn vom momentanen Durchschnittspreis von zehn Euro für das Ticket, bleibt dem Betreiber erstaunlich wenig. Da wären 1,90 Euro Umsatzsteuer, vier bis fünf Euro für den Filmverleih – bei Blockbustern in den ersten Wochen noch mehr – und 15 bis 30 Cent für GEMA und die Filmförderungsanstalt. Bleibt ein Drittel. Nicht genug, um ein Kino zu betreiben.

Beim Popcorn ist das anders. Da ist die Tüte oft das Teuerste. Mais, Fett, Zucker, Hitze kosten für die mittlere Portion von sieben Euro fünfzig gerade mal 20 bis 30 Cent. Der Reingewinn liegt bei sieben Euro, die Gewinnspanne somit zwischen 80 und 90 Prozent.

Dank Popcorn besuchen wir also mittlerweile in Wirklichkeit Gastronomiebetriebe, die uns mit der Wiedergabe von Filmen nur in ihre Räume locken wollen, um Fast-Food zu verkaufen. Aber für gute Kinos gilt es, gewisse Opfer zu bringen. Hach. Dann bitte einmal XXL-Popcorn für mich!

Quellen:

Haase-Food: Popcorn Kino Know-How

Kulturwest: Gute Häuser, schlechte Häuser: Multiplex-Kinos

Compeso News: Kino Umsatz steigern: Ticket & Concessionverkäufe

Filmplus: Das musst du über Verleihkosten und Filmverleiher wissen

Intro: Youtube: Langnese Eis ‚Like ice in the sunshine‘ 1985

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Tiere gehen immer [Archiv] https://explikator.de/2026/05/17/tiere-gehen-immer/ Sun, 17 May 2026 14:03:40 +0000 https://explikator.de/?p=579 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

In unregelmäßigen Abständen verliebt sich Deutschland kollektiv in ein Tier. Das Opossum Heidi oder die Kuh Yvonne sind vielleicht vergessen, aber Knut kennt noch jeder. Woran liegt das? Und war Bobby die erste Liebesaffäre?

Skript

Dieses Mal habe ich das Tier nur aus der Ferne mitbekommen. Es hieß „Timmy“ und es war ein Buckelwal in der Ostsee. Die Bild-Zeitung hatte zeitweise eine Live-Schaltung ins Netz gestreamt, und ich habe mal reingekuckt. Wasser. Vielleicht entspannend, aber sicher nicht Nachrichten.

Timmy hat mich an die vielen Liebesgeschichten erinnert, die die Deutschen mit einzelnen, ganz spezifischen Tieren hatten. Es scheint, als ob das ganze Land in regelmäßigen Abständen kollektiv in Tierliebe verfällt. Aber nicht in Tiere allgemein – sondern immer in ein bestimmtes Exemplar.

Die heftigste dieser Liebesaffären liegt 20 Jahre zurück und wahrscheinlich haben viele den süßen kleinen Eisbären wieder vergessen.

Am 5. Dezember 2006 wird Knut geboren. Eigentlich nichts Aufregendes – in deutschen Zoos kommen jedes Jahr zwei bis drei Eisbären zur Welt. Aber seine Mutter Tosca will von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Knuts Bruder stirbt. Dem Überlebenden nimmt sich der Tierpfleger Thomas Dörflein an. Um ihn alle vier Stunden mit der Flasche füttern zu können, zieht Dörflein praktisch in den Zoo ein.

Erster Eisbär in Berlin seit 33 Jahren, okay, das war schon eine Schlagzeile. Aber die Geschichte vom Mann, der zur Ersatzmutter wird, das ist der Funke. Vom 15. bis 23. März berichtet die Tagesschau jeden Abend aus dem Brutkasten.

Am 23. März 2007 wird Knut, der inzwischen sein Geburtsgewicht verzehnfacht hat, der Öffentlichkeit vorgestellt. 500 Journalisten fotografieren den Knuddelbären. Und der Umweltminister Sigmar Gabriel, der sein Geburtsgewicht auch deutlich vervielfacht hat, lächelt auch in die Kameras.

Ab dem 24. März bringt die ARD jeden Sonnabend eine eigene Knut-Sendung. Im Zoo gibt es zweimal täglich die „Knut-Show“.

Die Vermarktungsmaschine läuft auch Hochtouren. Der Zoo lässt sich Knut als Marke schützen. Tassen, Shirts, Postkarten und Poster sind schon zum Verkauf fertig, bevor der Bär das erste Mal vor Publikum tritt.

Drei Tage später kommen die ersten Plüschtiere der Firma Schildkröt auf den Markt – Steiff folgt kurz darauf, in allen Größen. Es erscheint „Knut, der kleine Eisbär“, gesungen von der neunjährigen Kitty aus Köpenick. Es folgt noch der Hit „Knut ist gut“. Dann „Knut geht’s gut“, auch in französischer Sprache als „Moi c’est Knut“. Frank Zander dichtet seinen Klassiker noch einmal um und singt „Hier kommt Knut“.

Knut erscheint als Titelmodell auf der deutschen Vanity Fair, im Mai dann auf der internationalen Ausgabe. Der Aktienkurs des Berliner Zoos verdoppelt sich.

Aber im Sommer ist die Luft raus. Da passt wohl „Eisbär“ nicht mehr zur Witterung. Die Knut-Show im Zoo wird beendet. Die Fernsehsendungen schlafen ein, das Knut-Blog auch. Die Zahl der Knut-Bilder in deutschen Zeitungen fällt pro Woche von 800 auf unter 30.

Knut wird größer und damit noch weniger niedlich, und stirbt am 19. März 2011 mit vier Jahren an einer nicht entdeckten Hirnhautentzündung.

Das bringt ihn noch einmal in Erinnerung: Es folgt ein Knut-Denkmal in Spandau. Eine Knut-Gedenkmünze. Eine Skulptur „Knut, der Träumer“ mit tausend kleinen Bronze-Repliken zum Verkauf. Und schließlich, im Februar 2013, landet Knut ausgestopft im Naturkundemuseum.

Das war, glaube ich, die heftigste Liebesgeschichte der Deutschen mit einem Tier. Man kann das verstehen. Weil Knut war halt so süüüüß!

Paul hingegen war nicht süß. Aber er war allwissend. Paul, der Krake konnte angeblich die Ergebnisse der Fußball-WM 2010 vorhersagen. Tatsächlich hatte er bei allen acht Spielen, zu denen er befragt wurde, recht. Trefferquote: 100 Prozent.

Aber das war kein Liebesverhältnis. Anders als bei Antje, dem Walross, das 17 Jahre lang das Senderlogo des NDR war. Das war Liebe. Und da ist auch Heidi, das schielende Opossum aus dem Leipziger Zoo, und Yvonne, die ausgebrochene Hauskuh.

Wann fing das an, dass Deutschland kollektiv einzelne Tiere liebte?

Vielleicht begann alles mit Knautschke. Ein Nilpferd, geboren 1943 im Berliner Zoo. Eines von nur 91 Tieren, die dort den Zweiten Weltkrieg überlebten. Bombentreffer zerstörten das Außenbecken seines Hauses. Die Mutter starb. Knautschke überlebte nur, weil die Tierpfleger ihn mehrmals täglich mit Wasser übergossen. Und weil die Berliner ihre Rationen mit ihm teilten, obwohl sie selber hungerten.

Knautschke war das Symbol des Berliner Überlebenswillens. Als der Kalte Krieg Deutschland teilte, durfte er trotzdem in Leipzig die Flusspferdkühe Olga und Grete besuchen. 35 Kälber. Bis heute steht eine Bronze-Statue vor dem Flusspferdhaus.

Vor Knautschke aber war Bobby. Bobby, der Gorilla, kam 1928 mit zwei Jahren und 16 Kilo aus Marseille nach Berlin und wuchs zu einem 262-Kilo-Riesen. Er inspirierte den Komponisten Walter Jurmann zu „Mein Gorilla hat ‚ne Villa im Zoo“ – 1933 von Hans Albers gesungen. Das war das Intro der Folge. Bobby ziert seit 1961 das Logo des Zoo Berlin. Und auch er steht heute noch ausgestopft im Naturkundemuseum. Wie Knut.

Knut, Knautschke, Bobby – knapp 80 Jahre auseinander, und doch dieselbe Geschichte. Verstoßenes Baby. Hingebungsvoller Pfleger. Millionen Besucher. Plüschtier und Schlagersong. Briefmarke und Gedenkmünze. Bronzestatue. Ausgestopft. Naturkundemuseum.

„Tiere gehen immer“, hieß eine Redaktionsregel, wenn es früher in Zeitungen Platz zu füllen galt. Eine komische Vorstellung in digitalen Zeiten, aber so eine Zeitungsseite konnte ja nicht einfach zu einem Achtel einfach weiß bleiben.

Darum könnte man denken, die Tiere werden vor allem herausgekramt, wenn sonst Saure-Gurken-Zeit ist. Aber das passt statistisch nicht. Knut war ein Winterkind, Bobby eine Sommer-Affäre und Knautschke war ein Dauerbrenner.

Es ist auch nicht das Süße, das Niedliche, das Kindchenschema. Das schielende Opossum Heidi oder die ausgewachsene Kuh Yvonne und schon gar nicht Timmy, der Buckelwal sind süüüß.

Bequemer Journalismus macht keine Bronzedenkmäler.

Warum diese heftigen Liebesaffären? So heftig, dass sie sogar in die Nachbarländer ausstrahlen?

Ich glaube, es liegt daran, dass wir Deutsche emotional eher sparsam sind. Ich habe einige Beerdigungen in Deutschland erlebt, zum Beispiel die meiner Eltern. Ich war nur einmal Zeuge einer Beerdigung in Italien und das Erlebnis war ein völlig anderes.

Wir Deutsche können durchaus Gefühle miteinander teilen. Wut fällt mir ein. Wir können gut gemeinsam wütend sein.

Aber: Worüber dürfen wir gemeinsam weinen? Worauf dürfen wir gemeinsam hoffen? Osterhase, Nikolaus und Christkind bringen Konsum, aber keine Hoffnung mehr. Ist vielleicht gut so, vielleicht auch nicht.

Aber dem Bobby geht’s gut. Der hat ja eine Villa im Zoo. Und Knut, der süße Knut – der wird ja so liebevoll gepflegt, dem geht’s ja auch gut. Mit dem wird alles gut.

Mit den von uns geliebten Tieren dürfen wir wieder kollektiv Kinder sein. Mit diesen speziellen, von uns einzeln herausgepickten Tieren. Natürlich nicht mit den anonymen Tieren, die in unserer Wurst sind, das wäre ja lächerlich!

Wir haben alle gelernt, unsere süßen, delikaten und zärtlichen Gefühle mit Menschen sehr sparsam auszuleben. Aber bei Bobby, Knut, Timmy oder Knautschke müssen wir nicht geizen. Denn eigentlich meinen wir ja: Teddy. Unseren Bären, unser Kuscheltier, unseren geheimen Vertrauten. Gell, Teddy?

Quellen:

Youtube: HIER KOMMT KNUT – FRANK ZANDER

Youtube: Intro: Hans Albers – Mein Gorilla Hat ne Villa Im Zoo

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