Wa Kultur – Explikator https://explikator.de Tue, 25 Aug 2026 16:48:06 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 Meine Fernsehserie: Bag Bing Hypothesis https://explikator.de/2026/08/25/meine-fernsehserie-bag-bing-hypothesis/ Tue, 25 Aug 2026 16:48:06 +0000 https://explikator.de/?p=934

Da hat man einmal eine Lieblingsserie gefunden, sich in die Charaktere verknallt, kennt jedes Bühnenbild auswendig und – zack – wird sie nicht fortgesetzt. Wie in den USA Serien entstehen und produziert und vermarktet werden, ist ein hochkomplexer Prozess. Den wir uns einmal anschauen. Am Beispiel meiner Fernsehserie.

Skript

Also ich hab‘ da ja eine tolle Idee für eine Sitcom. Da ist diese junge Frau, die ist voll der Computernerd. Mit weißem Hemd und Kulis in der Brusttasche. Und da ist dieser reiche Banker, der aber auch ein Zombie ist. Und da ist ein Geist. Eine Geistin. Die war Sklavin im amerikanischen Bürgerkrieg und ist immer stinksauer. Und zuletzt ein Androide von einem anderen Planeten. Der hält sich für abwechselnd für James Bond oder Garfield. Die teilen sich eine WG in Los Angeles.

Voll witzig, oder? Das muss unbedingt ins Fernsehen, oder? Wird besser als Big Bang Theory, oder? Heißt, Arbeitstitel: „Bag Bing Hypothesis“. Wie läuft das jetzt ab, bis die Millionen auf mein Konto kommen?

Es scheint ein guter Rat zu sein, sich erst einmal einen Agenten oder eine Agentin zu suchen. Meine hast Du ja schon im Intro gehört. Wie viel sie verdient, ist geregelt, es sind zehn Prozent meiner Millionen. Der habe ich mein Exposé geschickt. Welches die tolle Idee in ganz wenigen Sätzen zusammenfasst.

Die müssen echt gut sein, denn das ist der Text, den alle lesen. Alles andere lesen nur Spezialistinnen und Spezialisten. Was ist das Ziel des Piloten, was ist das Ziel der Serie? Welche Art von Humor wird bedient, welche Zielgruppe angesprochen? Das muss da rein.

Das Exposè fand die Agentin überzeugend und sie hat angefangen, für mich rumzutelefonieren, um ein Studio zu suchen. Das ist heutzutage wieder üblich. Also bei den großen Sendern, aber die Streamer halten das mittlerweile auch wieder so. Die Pilot-Season is back, Baby. Aber ich will ja eh zu NBC. Während sie sucht, schreibe ich die allererste Folge. Die Pilotfolge.

Das folgt stark standardisierten Regeln. Drehbücher sind mehr durchformatiert wie Masterarbeiten an der Uni. Es gibt ein Haufen Fachbegriffe und Abkürzungen zu kennen. Und eine Seite Drehbuch muss einer Minute Fernsehen entsprechen. Sitcoms sind Halbstünder. Also eigentlich 22-Minüter. Also sollte mein Pilot 22 Seiten umfassen. Aber: Ich will ja Multicam, da brauche ich wahrscheinlich doppelt so viel, da muss man noch detaillierter sein.

Und ich muss schon die Breaks für die Werbepausen einbauen. Mittlerweile auch bei Amazon Prime und Netflix. Wenn der Werbebreak kommt, muss es gerade interessant sein. Oder sehr lustig. Damit die Leute vor dem Fernseher auch die Werbung kucken. Denn Geld ist alles, worauf es ankommt.

Das Studio schlägt meine Serie jetzt einem Network vor. Das alles kann Wochen gehen. Und findet alles rituell im Juni und Juli statt. Aber ich habe Glück und darf vor der Führungsetage von CBS pitchen. Die sind Studio und Network. Gehören zu Paramount, was leider jetzt den Ellisons gehört. Unsere Präsentation dauert zehn Minuten und ich muss dort verkaufen, verkaufen, verkaufen. Aber es läuft prima.

Jetzt kommt das Notening. Die Phase, an der jeder an meinem Drehbuch rumschrauben darf. Und ich muss das in einer Tour immer neu schreiben. Denn das CBS Studio und das CBS Television Network haben verschiedene Interessen. Für das Studio ist mein Humor nicht schwarz genug. Aber das Network will mehr familienfreundliche Gags – das lässt sich besser international verkaufen. Im Endeffekt entscheidet aber das Network. Die zahlen ja schließlich. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

Das hat jetzt alles bis Ende September gedauert. Ein Outlining musste ich auch noch schreiben – interessiert laut meiner Agentin keinen, aber wenn die Serie ein Erfolg wird, hat man wenigstens Grundlagen zum Streiten.

Im November bekomme ich ein Go: CBS, das Network, bestellt das Drehbuch. Das heißt, dass ich es noch einmal schreiben muss. Auf die Notes und das Outlining eingehen muss. Und auf die neuen Notes auch noch. Aber immerhin: Wir kriegen wenigstens Geld dafür.

Es ist Ende Januar, da kommt die SMS. CBS bestellt die Produktion der Pilotfolge! Hurra!

Für meinen Pilot berechnet die Produktionsfirma, wahrscheinlich eine Million. Was für einen Sitcom-Piloten eher knapp unter dem Durchschnitt ist. Aber alles ist teuer, Beispiel: Jede Kamera – wir brauchen drei – werden uns mit 1500 Dollar berechnet. Am Tag.

Jetzt muss ich nicht nur den Piloten noch einmal schreiben, das Studio ist auch am Casten wie doof. Ich habe auf einmal drei Autorinnen und Autoren in einem Raum sitzen, die auch Episoden für meine Serie schreiben werden. Das war mir neu. Aber sind alles nette Menschen und man hat viel Spaß. Bei den 10 bis 14 Stunden, die wir vielleicht bald werktäglich in einem Raum verbringen werden, ist das auch ganz gut.

Meine Agentin hat gefragt, ob ich noch einen anderen Piloten in der Tasche hätte. Komische Frage.

Mein Traum wird wahr! Das Filmen fängt an! Einige bekannte Gesichter sind unter den Schauspielenden, das ist superwichtig. Denn das gefällt den Werbekund*innen. Und die haben das Geld und Geld ist alles, worauf es ankommt. Der Pilot wird fertig. Mal schauen, ob CBS das zum Angeben hernehmen wird.

Und auch hier haben wir Glück! Das Telefon klingelt, es ist mittlerweile Mitte Mai: Wir dürfen zum Upfrontening! D.h. in New York hat sich jemand für uns interessiert. Und da müssen wir in 12 Stunden auch alle sein. Hauptrollen, Showrunner, Produktion, meine Agentin und ich. Das bedeutet vor allem auch, dass unsere Pilotfolge ausgestrahlt werden wird!

Da sitzen wir also alle an einem Tisch und vor uns die Werbeagenturen New Yorks. Mit ihren wichtigsten Kund*innen. Und ausgewählten Pressemenschen. Wir werden ganz schön ausgequetscht. Es geht darum, zu erklären, warum die Serie ausgerechnet bei den solventen Zielgruppen erfolgreich sein wird. Damit das Geld der Leute vor dem Fernseher zu den Werbetreibenden und in die Industrie fließt. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

CBS ordert dreizehn Episoden, die jetzt ruckizucki von meinem Team und mir geschrieben werden müssen. Es werden noch einmal einige Schauspielende und die Regie ausgetauscht. Und auch Schreibende gefeuert und neue an Bord geholt. Alle sind sehr aufgeregt! Und arbeiten wie die Bienen.

Mitte Juli haben wir eine Präsentation auf der Comic-Con. Die Fans haben den Piloten gesehen und löchern uns mit Fragen. Aber wir wissen nicht viel zu sagen – die zweite Folge wird ja gerade erst gedreht. Es gilt also, sich geschickt durchzulavieren. Vor allem dem Studio ist wichtig, dass wir hier gut verkaufen. Denn diese Fans, das sind die Leute, die dann das Merchandise kaufen. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.

Jetzt ist schon Anfang August. Ich bin schon anderthalb Jahre in diesem Karussell. Und während wir gerade die dritte Folge drehen, ruft meine Agentin an. CBS hat die Order widerrufen. Nein, das sei durchaus normal. Zu wenig Agenturen haben Sendeplätze gekauft. Ich hätte wohl nicht sagen sollen, dass die Serie eine Kapitalismus-Satire sei, meint sie.

Und sie fragt, ob ich noch einen Piloten habe. Dann könnte ich nächstes Jahr noch einmal mein Glück versuchen. Denn eigentlich ist es für den Anfang supergut gelaufen. Und die Fans hätten’s ja auch gemocht. Und sie würde mich auch lieben – also beruflich. Nicht romantisch, heißt das wohl. Ich frag‘ aber nicht. Sie meint, ich hätte supergute Karten für die nächste Runde.

Na ja. Alles schön und gut. Ich bin aber trotzdem ein bisschen traurig. Auf der anderen Seite: Ich hatte meine Idee ja gar nicht mehr wieder erkannt. Am Ende war die Show über drei männliche Quantenphysiker, die aus Versehen als Cheerleader bei einer zweitklassigen Basketballmannschaft angestellt werden.

Bleibe ich lieber Podcaster!

Quellen:

Variety: „Why NBC Is Reviving Pilot Season“

The Ankler: „Is Pilot Season Taking Off Again?“

Deadline:TV Upfronts 2026 Schedule

SAG-AFTRA: Zehn-Prozent-Grenze bei der Agenturprovision

Youtube: Intro: Do You Need to Write Multiple Episodes To Sell A TV Show?

]]>
Sherlock Holmes [Archiv] https://explikator.de/2026/08/05/sherlock-holmes/ Wed, 05 Aug 2026 17:50:17 +0000 https://explikator.de/?p=864 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Sherlock Holmes ist nach hundert Jahren immer noch hochmodern. 350 Schauspieler sind bereits in seine Rolle geschlüpft, aktuell werden fünf Film- und TV-Projekte umgesetzt, die seinen Namen tragen. Warum eigentlich?

Skript

Le Chevalier C. Auguste Dupin ist der Protagonist der ersten Detektivgeschichte. Sie heißt „Die Morde in der Rue Morgue“ und ist verfasst von Edgar Allan Poe. Daraus machte Arthur Conan Doyle zeitlebens kein Geheimnis.

Wie bei Sherlock Holmes werden die Geschichten vom Assistenten erzählt und wie Holmes scheint auch Dupin manchmal dessen Gedanken zu lesen. Aber Holmes hat auch Ähnlichkeiten mit einem anderen berühmten Detektiv, Monsieur Lecoq. Tatsächlich thematisieren Holmes und Watson in „A Study in Scarlet“ die Vorgänger offen.

In dieser Geschichte beginnen die gemeinsamen Abenteuer, als die beiden Junggesellen von Geldnöten gezwungen werden, gemeinsam in der Baker Street 221 B einzuziehen. Dort ergänzt ihre Landlady, Mrs. Hudson, das Trio im Hauptquartier und es gilt nur noch auf die bald beständig eintrudelnden Kriminalfälle zu warten.

Monsieur Dupin mag der ersten moderne Detektiv sein, aber es besteht keinerlei Zweifel, dass Sherlock Holmes der Bedeutungsvollste war, ist und sein wird. Die IMDB behauptet, es gäbe über alle Zeiten und Nationen, mehr als 350 Darsteller, die ihn verkörpert haben. Aufgelistet sind aber nur 91. Momentan sind sechs Film- und TV-Produktionen in Entwicklung, die seinen Namen tragen. Er ist laut Guinnessbuch die am häufigste verkörperte Figur der Literatur.

Aber: Warum?

Denn: Sympathisch ist Sherlock Holmes auf den ersten Blick ja nicht. Arthur Conan Doyle ihm einen dicken Katalog an Schwächen mit.

Da wären nicht nur die Probleme mit dem Gesetz. Er mag ja der größte Kriminologe seiner Zeit sein, aber dieser Detektiv hat keinerlei Probleme, im Interesse seiner Klient*innen die Polizei anzulügen, Beweise zu unterdrücken oder sogar in Häuser einzubrechen.

Er ist auch bei weitem nicht allwissend. Watson listet seine Skills auf und vergibt Bestnoten nur für Stockkampf, Boxen und Fechten, knapp gefolgt von Sensationsliteratur. Eine Zwei gibt es für das Violinspiel, aber bei Literatur, Philosophie, Politik oder Astronomie gibt es die Note sechs.

Der berühmteste Detektiv der Welt ist ausgesprochen schlampig, ungepflegt und in so hohem Maß launisch, dass eine psychiatrische Diagnose, die während seiner Karriere populär wurde, angemessen scheint: Holmes ist nach den Maßstäben seiner Zeit manisch-depressiv. Bipolar, würde man heute sagen.

So erklärt sich vielleicht der Drogengebrauch, der meistens stattfindet, wenn es keine aufregenden Fälle zu lösen gibt. Da hilft Morphium, um die depressive Episode besser auszuhalten, oder aber eine siebenprozentige Kokainlösung, die er sich selber spritzt. Watson kritisiert ihn durchaus dafür, illegal war es damals übrigens nicht.

Aber da ist natürlich noch mehr. Sherlock ist im sozialen Umgang durchaus schwierig und kompliziert, schert sich kein bisschen, wenn er arrogant oder hochnäsig wirkt, und benutzt alle Mitmenschen für seine Zwecke. Das betrifft auch seinen Bruder Mycroft, auch ein eher unsympathischer Zeitgenosse, und man kann durchaus diskutieren, ob es nicht auch Watson betrifft, der immerhin am ehesten die Funktion eines Freundes erfüllt.

Es ist auch nicht so, dass er mit dem anderen Geschlecht pfleglicher umgehen würde. Holmes sagt über sich selbst, er sei „kein bedingungsloser Bewunderer des weiblichen Geschlechts“. Er finde „die Beweggründe von Frauen … unergründlich. … Wie kann man auf solch einem Treibsand aufbauen? Selbst ihre unbedeutendsten Handlungen können Bände sprechen.“

Weiter in seinen eigenen Worten: „Liebe ist eine emotionale Angelegenheit, und alles Emotionale steht im Widerspruch zu jener wahren, kühlen Vernunft, die ich über alles stelle. Ich würde niemals heiraten, um mein Urteilsvermögen nicht zu trüben.“ Er diagnostiziert sich selber: „Ich habe noch nie geliebt.“

Wenn da nicht Irene Adler wäre, die nur in „A Scandal in Bohemia“ vorkommt, könnte man denken, Sherlock wäre asexuell. Aber Watson vermutet hinter der rationalen Maske andere Gefühle, wenn er beschreibt, wie Holmes auf ein Photo von Irene Adler blickt.

Also haben wir einen durchaus gebrochenen Helden, was für die Entstehungszeit zwar keine unbekannte, aber doch eine ungewöhnliche literarische Entscheidung ist.

Also: woher der Erfolg? Nun ja…

Sherlock ist der Meinung, dass die Probleme der Welt zu lösen sind. Man hat nur auf alle Details zu achten, das Mögliche vom Unmöglichen zu trennen.

In den Büchern wird die Methode als wissenschaftlich erklärt. Holmes betont vielleicht auch deshalb, dass es wichtig sei, eine emotionale Distanz zu bewahren. Watson nennt sie Deduktion, doch eigentlich handelt es sich um Abduktion, also das Ableiten einer Erklärung für beobachtete Details.

Mit dieser Fähigkeit, die durch die bewundernden Augen von Watson wie eine Superkraft erscheint, wirkt er für viele Lesenden wie ein Vorbild, vielleicht wie ein Lehrer, für manche gar wie ein Meister oder Guru.

Wichtig ist die Zeit, in der Holmes das Licht der Welt erblickt. Es ist das Ende des 19. Jahrhunderts. Die Städte wuchern ins Unüberschaubare, London wird zum anonymen Moloch, in dem ein Mensch spurlos verschwinden kann.

Und mitten in diese verunsicherte Zeit tritt einer, der eine ungeheure Behauptung aufstellt: Die Welt ist eine komplexe, aber doch verstehbare Kausalkette. Nichts ist Zufall. Der Lehmspritzer am Stiefel verrät die Straße, die Schwiele am Finger den Beruf, die Abnutzung eines Hutes das ganze Schicksal seines Trägers. Wer nur genau genug hinsieht, für den ergibt das Chaos einen Sinn.

Das ist Holmes‘ wahres Versprechen – nicht, dass er Verbrechen löst, sondern dass die Welt überhaupt lösbar ist. Ein zutiefst tröstlicher Gedanke, fast ein religiöser, für ein Zeitalter, das gerade seine Spiritualität verloren hat. An die Stelle Gottes tritt die Wissenschaft, und einer ihrer Propheten heißt Sherlock Holmes.

Wir denken ja, dass wir in Zeiten leben, in denen die technologische Entwicklung die Menschen in ihrer unvergleichlichen Geschwindigkeit überfordert.

Arthur Conan-Doyle wurde 1859 geboren. Er starb 1930. In seine Lebenszeit fallen folgende Revolutionen:

Die drahtlose Telegrafie, das Radio und das Telefon. Man kann kaum überschätzen, wieviel kleiner das die Welt gemacht hat.

Dazu kommt die Fotografie. Damals dachte man, dass kein Mensch Maler braucht. Kunstmaler, meine ich. Und zur Fotografie kommt noch der Film.

Dann wäre da noch die Elektrifizierung der Schiene. Als Conan-Doyle auf die Welt kam, hatte London keine U-Bahn. Obendrauf noch das Automobil, das ab den Zehnerjahren zum Massenprodukt wird und nicht zu vergessen, die Luftfahrt. 1859 wurde noch angezweifelt, dass Menschen jemals fliegen, 1930 gab es interkontinentale Flugverbindungen.

Das Stromnetz und die elektrische Glühbirne. Der Phonograph und das Grammophon. Die Röntgenstrahlung, die moderne Bakteriologie, Impfungen, Narkose, das Penicilin und – für Holmes relevant – die Daktyloskopie. In deutsch: Das Fingerabdruckverfahren zur Identifikation.

Darum steht auch Sherlock Holmes für Vernunft und Wissenschaft. Er sagt selber: „„Ich bin ein Gehirn, Watson. Der Rest von mir ist bloß ein Anhang.“

Aber er ist selber ein schwieriger und gebrochener Mensch. Denn die reine Ratio, die reine Vernunft, ist zu kalt. Für uns und, wie wir immer mehr erahnen, je mehr wir von ihm erfahren, auch für ihn. Wir finden Zugang zu Holmes, weil er – genau wie wir alle – Probleme damit hat, dass zu fühlen, was er denkt.

Wir leben auch in Zeiten rasanter technologischer Veränderung, da hat sich wenig verändert. Wir haben viele neue Figuren entwickelt, die denselben Konflikt verkörpern. Am exemplarischsten würde mir da Spock einfallen, der ja tatsächlich unter einer Art Persönlichkeitsspaltung zwischen Emotion und Ratio leidet.

Also, vielen Dank, sehr geehrter Herr Holmes. Diese Episode ist zu Ende, aber wie haben Sie selber so schön gesagt: „Das Spiel ist eröffnet!“

Quellen:

Project Gutenberg: A Study in Scarlet

Guinness Book: Most portrayed human literary character in film & TV

IMDB: Actors who have played Sherlock Holmes

]]>
Haare [Archiv] https://explikator.de/2026/08/04/haare/ Tue, 04 Aug 2026 16:25:57 +0000 https://explikator.de/?p=859 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Das Musical „Haare“ war in Deutschland ähnlich erfolgreich wie das amerikanische Original „Hair“. Über die Uraufführung 1968, den Cast, die Inszenierung und über meine Heimatstadt München. Über Haare an und für sich möchte ich lieber nicht reden.

Skript

Ich weiß gar nicht, ob ich es erwähnt habe, aber ich stamme aus München. Geboren und aufgewachsen. Zu den eigenen Wurzeln hat man ja oft eine seltsame Hassliebe. Ein komplexeres Gemisch an Emotionen, als man es für Orte hat, in denen man nur kurz lebt.

So ist München als Hauptstadt von Bayern natürlich eine irgendwie konservative Stadt und gleichzeitig progressiv. Hier wurde, nach Russland und Ungarn, zum Beispiel die dritte Räterepublik ausgerufen, aber hier fand auch der Nazi-Marsch auf die Feldherrnhalle statt.

Seit dem Krieg wurde um die Stadt herum gewählt, was die CSU gerade so im Angebot hatte, die Stadt aber war rot. Gewählt wurde eigentlich nur ein schwarzer Bürgermeister, denn der andere wurde 1945 von den Amerikanern eingesetzt. Momentan ist München grün.

It’s complicated.

Nehmen wir als Beispiel den 24. Oktober 1968. Das Theater an der Brienner Straße. Die deutsche Uraufführung des Musicals „Hair“. Das hatte erst im April seine Broadway-Premiere in New York.

Da durften alle Münchner, die sich eine Karte sichern konnten, auf der Bühne eine erstaunlich große Menge an Darstellern sehen. Die Protagonist*innen trugen Glockenjeans, Fransenwesten, Stirnbänder, Halsketten und hatten meist lange Haare. Männer mit langen Haaren!

Nun mag schon der Kleidungs- und Frisurstil für Widerspruch gesorgt haben, aber dabei blieb es ja nicht! Denn es gab Szenen, in denen die Darsteller*innen gar nichts trugen. Keine Kleidung. Nackert war’n die! Und es gab eine Szene, in der sie sich miteinander – nackt, man stelle sich das vor – auf der Bühne wälzten.

Ja, Kruzinesen! Des derf doch ned sein! Des ghert doch verboten!

Die deutsche Version hieß „Haare“, was eine ziemlich gute Übersetzung ist. „Haar“ wäre auch möglich gewesen, hätte aber zu Mißverständnissen geführt, denn so heißt ein Münchner Vorort. Es wird in Deutschland zum größten Musical-Erfolg seiner Zeit werden und sogar „Jesus Christ Superstar“ überholen.

Ausgedacht hatten sich das Bühnenwerk zwei Mitt-Zwanziger in einem Theater-Workshop. Alle gesprochenen und alle Liedtexte stammen von Gerome Ragni und James Rado, die Musik ist von Galt MacDermot.

Sie wollten über die Hippie-Bewegung schreiben und bei der Gelegenheit eine andere Form von Musical erfinden. Natürlich blieb die Grundform erhalten – Menschen sprechen normal miteinander, aber brechen aus ungeklärten Motiven spontan in gut orchestrierten und synchronisierten Gesang aus.

Doch „Hair“ nutzte außer der klassischen Grundform in den Jahren seiner Existenz auch Kabarett, Satire, Video-Einspielungen, Sketche, Lyrik oder Verfremdungsexperimente. Es wandelte sich und passte sich aktuellen Themen an.

Darum unterscheiden sich alle Versionen, die letzten neuen Tracks zum Beispiel stammen aus dem Jahr 1995. Nicht anpassen kann sich die berühmte Verfilmung von Milos Forman. Diese Version betont den pazifistischen Teil und endet auch anders als die meisten Bühnenversionen. Auch durfte Claude 1968, im Musical, noch bisexuell sein; im Film, aus dem Jahr 1979, nicht mehr.

Dieselbe Flexibilität bewahrten sich die deutschen Aufführungen des Musicals. Auch in Deutschland war natürlich Krieg, Frieden und die pazifistische Gegenbewegung ein wichtiges Thema.

„Spitzenfinger, Sonnensoße, Silberpapier, ein Bettfedernsturm oder graublaue Uniformen. Zum Teufel, wir wollen nicht so weitermachen. Ich will mein Haar nicht vom Stahlhelm frisieren lassen“, um das Programmheft zu zitieren.

Aber die Hippies auf der Bühne – im gleichen Programmheft durchgehend ‚Blumenkinder‘ genannt – bauten auch spezifisch deutsche Themenbezüge ein. Mit „Touristenladys“ oder „vaterlandslosen Gesellen“ hätte ein amerikanisches Publikum vielleicht noch etwas anfangen können, aber „HB-Männchen“ oder „Mainzelmännchen“ hätte es wahrscheinlich überfordert.

Auch in Deutschland war der Erfolg enorm. „Haare“ wurde zweieinhalb Jahre durchgespielt, an zwölf verschiedenen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die deutsche Sheila, im Film Beverly D’Angelo, wurde von Su Kramer und Freya Weghofer gespielt und gesungen. Der deutsche „Berger“, im Film von Treat Williams verkörpert, war Reiner Schöne. Der war erst vor ein paar Monaten aus der DDR geflüchtet, wo er sich als Schauspieler und Liedermacher bereits einen Namen gemacht hatte. „Haare“ wird sein Durchbruch im Westen und beschert ihm sogar eine Karriere in Los Angeles.

Die Rolle von Claude, damals noch offiziell bisexuell, spielte ursprünglich Bernd Redecker, bis Jürgen Marcus den Part übernahm, bevor er in den Siebzigern ein berühmter Schlagerstar wurde.

Der Part von „Dionne“, wurde von Liz Mitchell und Donna Summer gesungen.

Die Uraufführung von „Haare“ in München war ein Erfolg, aber auch ein Skandal. Aber ein viel kleinerer Skandal, als man meinen möchte. Sicher zeigte sich der konservative Münchner Merkur pikiert über die Nackerten, aber der Bayerische Rundfunk kritisierte nur: Es handelt sich um eine „gekonnt inszenierte, etwas zu lange und bisweilen derben Unterhaltungsshow“. Der WDR amüsierte sich über den Kontrast zwischen den Blumenkindern auf der Bühne und der Schickeria in Abendgarderobe im Zuschauerraum.

Doch für die Münchner Bürokratie waren es trotzdem zu viele Nackerte. Sie stuften „Haare“ nicht als Musical ein, sondern als Musik-Revue. Die Unterschiede sind mir schleierhaft, aber der wichtige Unterschied: Eine Revue brauchte eine behördliche Genehmigung und die würde es in dieser Form nicht geben.

Produzent Werner Schmid und Regisseur Bertrand Castelli waren natürlich völlig anderer Meinung. Sie fühlten sich politisch gegängelt und erklärten, „Haare“ sei eine ganz neue Gattung: zeitkritisches Popmusiktheater.

Doch während der Diskussion schickte das Münchner Kreisverwaltungsreferat einen Bußgeldbescheid nach dem anderen und drohte, die Aufführung zu verbieten.

Also verschwand die nackte Kuschelszene unter einer Riesendecke, auf die das Wort „Zensiert“ gestickt worden war. Auch für alle anderen Nacktauftritte galt: Unter der Gürtellinie sind Textilien Pflicht.

Es stimmt nicht, dass jedes Marketing gutes Marketing ist, aber in diesem Fall dürfte der für heutige Verhältnisse bescheidene Skandal nicht geschäftsschädigend gewesen sein.

Donna Summer gefiel meine Heimatstadt so sehr, dass sie hier ihre Zelte aufschlug. Bis 1979. Die Wikipedia schreibt: „Sie eroberte die Hitparaden weltweit und verkaufte geschätzte 130 Millionen Schallplatten. Sie war 1977 und 1979 die erfolgreichste Musikerin in Deutschland und 1979 und 1980 die erfolgreichste Musikerin der USA.“

Zum Intro, übrigens. Zu „Gott hat’s mir gegeben – mein Haar“ möchte ich ergänzen: Mir persönlich hat er’s auch wieder genommen.

Quellen:

BR-Klassik: „Hair“ macht in München Furore

Wikipedia: Hair in Deutschland

Wikipedia: Donna Summer

Wikipedia: Reiner Schöne

Wikipedia: Jürgen Marcus

]]>
Die unsinnigsten Lyrics [Archiv] https://explikator.de/2026/07/19/die-unsinnigsten-lyrics/ Sun, 19 Jul 2026 17:01:43 +0000 https://explikator.de/?p=801 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Wir waren jung. Wir hatten ja nichts. Nur „Horse with no Name“ von America. Und den Wunsch, dass der Text zu diesem Song Sinn macht – auf eine erleuchtete Art und Weise. Aber, Quatsch! Einige Songtexte sind einfach Rhabarber, let’s face it gemeinsam!

Skript

O.k., o.k., o.k., ich nehme die Songtexte zu ernst – es geht ja um das Feeling – ich weiß‘, ich weiß‘.
Aber, wenn ich auch ‚mal ‚was sagen dürfte: Viele Songtexte sind einfach faul geschrieben, sorry. Wie, Beispiele? Klar habe ich Beispiele – ich hab‘ da ‚mal ‚was vorbereitet…

Shakira, ‚Whenever, Wherever‘
„Lucky that my breasts are small and humble, so you don’t confuse them with mountains.“ Shakira ist froh, dass ihre Brüste klein und bescheiden sind, sonst hätten wir die glatt mit Bergen verwechselt. Im Winter würden wir da Skifahren, im Sommer Wanderungen unternehmen und die Aussicht vom linken Nippel auf Shakiras Nabel geniessen. Ohne den Song wäre das beinahe so gekommen…

REM, ‚You Are The Everything‘
„Late spring and you’re drifting off to sleep, with your teeth in your mouth.“ Es ist das Ende des Frühlings, Du schläfst ein und hast Deine Zähne in Deinem Mund“. Danke, Captain Obvious! Ich hatte die ganze Zeit gesucht und gesucht! Seit die Corega Tabs alle sind, verstecken die sich mal hier, mal da. Ich hätte auch eine Idee für einen Text: „Ich sitze hier und esse Pudding, mit meinen Knien genau zwischen Ober- und Unterschenkel.“ Gut, gell?

Color Me Badd, I Wanna Sex You Up‘
„Girl you make me feel real good, we can do it til we both wake up.“ Mädchen, Du machst, dass ich mich gut fühle, wir können Geschlechtsverkehr haben, bis wir beide aufwachen. Ich weiss‘ ja nicht viel von der Hip-Hop-Kultur. Aber man hat ja heute einfach keine Zeit mehr. Aber als wir jung waren, hatte man entweder Sex oder man hat geschlafen. Heute muss man das alles gleichzeitig machen, tss, tss, tss

Des’Ree, ‚Life‘
„I don’t want to see a ghost, it’s the sight that I fear most. I’d rather eat a piece of toast, and watch the evening news.“ Ich will keinen Geist sehen, davor habe ich am meisten Angst, lieber esse ich eine Scheibe Toast und kuck‘ die Tagesschau. Aha. So einfach ist das! Was für einen Affenzirkus die da bei Ghostbusters, Supernatural oder Akte X machen! Ich persönlich habe ja Angst vor dem Röntgenbild, wo man meinen unheilbaren Hirntumor sieht. Aber ich sammle Schlümpfe! Wird sicher helfen!

Deep Purple, ‚Highway Star‘
„She’s got everything – like a moving mouth, body control and everything.“
Sie hat einfach alles – einen beweglichen Mund, Körperkontrolle und alles. Seine bisherigen Freundinnen haben nämlich immer geschwiegen und so unkontrolliert gezuckt, das muss man verstehen. Das waren die Siebziger, das waren die Drogen.

Bob Dylan, ‚Ballad Of A Thin Man‘
„Give me some milk – or else go home.“
Gib‘ mir etwas Milch oder geh‘ nach Hause. Mann, Mann, Mann, Bob Dylan war Milch ächt wichtig, müsst ihr wissen. Wenn er seine Milch nicht gekriegt hat, dann… dann… dann hat er wirklich verrückte Dinge getan. Songtexte geschrieben, z.B.

The Clash, ‚Should I Stay Or Should I Go?‘
Should I stay or should I go now? If I go there will be trouble, if I stay it will be double.“ Soll‘ er bleiben oder soll er gehen? Wenn er geht, dann gibt’s Ärger, wenn er bleibt, dann gibt’s doppelt so viel Ärger. Hmm. Na dann, würde ich sagen, sollte er gehen, oder? Ist ja einfach. Simple Logik. Muss man ja nicht gleich ein Lied draus machen.

Kaiser Chiefs, ‚Oh My God‘
„You work in a shirt with your name tag on it, drifting apart like a plate tectonic.“ Du arbeitest in einem Hemd mit Namensschildchen, wir treiben auseinander wie die Plattentektonik. Was bedeutet, dass der Song sehr, sehr lang werden könnte. Und die Beziehung extrem stabil, wegen fünf Millimetern im Jahr würde ich mich nicht aufregen. Oder gar einen Song schreiben.

Pink Floyd, ‚Bike‘
„I know a mouse and he hasn’t got a house. I don’t know why, I call him Gerald.“ Ich kenne eine Maus, die hat kein Haus. Ich weiss nicht warum, aber ich nenne sie Gerald. Ich persönlich kenne ja gar kein Nagetier, dass irgendwelche Immobilien besitzt. Übrigens: Wir hatten auch einmal zwei Mäuse, eine war braun, die andere schwarz. Wir nannten die „Die Braune“ und „Die Schwarze“ – und ich weiß ganz genau, warum.

AC/DC, ‚Let Me Put My Love Into You‘
„Let me put my love into you babe, let me cut my cake with your knife.“ Lass‘ mich meine Liebe in Dich hineingeben, Neugeborenes, lass‘ mich meinen Kuchen mit Deinem Messer schneiden. Meine These zu diesem Stückchen Lyrik ist, dass das irgendwie schwülstig erotisch sein soll. Klappt aber echt nicht. Kuchen ist ja noch in Ordnung, aber Messer – nee, danke, verzichte.

Coldplay, ‚Fix You‘
„Lights will guide you home, and ignite your bones.“ Lichter werden dich nach Hause geleiten und deine Knochen entzünden. Wie bitte? Das ist ein verdammtes Liebeslied und kein Horror-Roman! Wenn dass so ist, dann geh‘ ich halt nicht nach Hause. So! Song aus.

New Order, ‚Slow Jam‘
„The sea was very rough, it made me feel sick. But I like that kind of stuff, it beats arithmetic.“ Das Meer war unruhig, mir wurde echt übel. Aber ich mag das, ist immer noch besser als Algebra. Ist so wie: Das Messer in meinem Bauch tat richtig weh, aber ist immer noch besser als Sozialkunde bei Herrn Müller. Oder: Ohne Kopf werde ich nicht mehr lange leben, aber ich hab‘ halt den Turnbeutel vergessen…

Thin Lizzy, ‚Jailbreak‘
„Tonight there’s going to be a jailbreak, somewhere in this town.“ Heute abend wird’s einen Gefängnisausbruch geben, irgendwo in der Stadt. „Also Boss, wir haben überall geschaut. In der Kirche, der Schule, dem Kino, dem Cafe, dem Bahnhof, der Buchhandlung und dem Schreibwarenladen. Aber da war nirgends ein Gefängnisausbruch, Sir.“ – „Ihr Trottel! Habt ihr auch das Gefängnis überprüft?“

The Killers, ‚Human‘
„I’m down on my knees, searching for the answer. Are we human or are we dancer?“ Er ist auf den Knien, sucht eine Antwort: Sind wir Menschen oder Tänzer? Eine völlig überflüssige Frage der Mystik, auf die aber speziell der Sufismus eine eigene, faszinierende Antwort gefunden hat. Aber ich glaube nicht, dass die dafür den Teppich abgesucht haben…

Nirvana, ‚All Apologies‘
„What else could I say? Everyone is gay.“ Jeder ist schwul. Aha. Das macht die Unterscheidung zwischen homo- und heterosexuell natürlich überflüssig. Und löst auch das Problem der Überbevölkerung. Binnen einer Generation, ungefähr. Gut gedichtet, Kurt Cobain!

Razorlight, ‚Somewhere Else‘
„I met a girl. She asked me my name. I told her what it was.“ Ich traf ein Mädchen. Die wollte wissen, wie ich heiße. Da hab‘ ich’s ihr gesagt. Na, wenn das nicht der Lebensstil eines echten Rockstars ist – und mit Leichtigkeit die langweiligste Songzeile, die je gedichtet wurde. Wahrscheinlich geht’s weiter mit: Ich zog Schuhe an. Die Schnürsenkel waren offen. Dann habe ich sie zugebunden. Oder: Ich wollte mir die Zähne putzen. War keine Zahnpasta auf der Bürste. Hab‘ ich welche draufgemacht. Oder: Ich hatte einen Song. Aber keinen Text. Hab‘ ich halt irgendeinen Scheiss erfunden…

]]>
Two Hit Wonders [Archiv] https://explikator.de/2026/06/29/two-hit-wonders/ Mon, 29 Jun 2026 17:24:09 +0000 https://explikator.de/?p=722 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

„One Hit Wonder“ ist ein stehender Begriff, den jeder kennt. Meine Theorie ist: Sie sind die extrem seltene Ausnahme. Viel, viel häufiger sind – immer noch – die „Two Hit Wonders“. Ich belege das mit vielen Beispielen und einer schlüssigen Erklärung. Finde ich.

Skript

Unlängst habe ich beim Blättern in meiner MP3-Sammlung einen alten Song ausgegraben und mit sofort eine Live-Version von „Somebody that I used to know“ angeschaut. Da sind aber alle Härchen aufgestanden. Selbst die in der Nase oder in den Ohren. Die großartige Kimbra! Diese völlig natürliche Mikrofon-Disziplin! Die Live-Version hat so viel Power – na gut, genug geschwärmt. Ich verlinke das auf Youtube. Und Kimbra auch.

Der Song ist in vielen Listen, die sogenannt „One Hit Wonders“ aufzählen, ganz vorne dabei. Im Fall von Gotye – oder Wouter André „Wally“ De Backer – ist der Grund für den einmaligen Erfolg leicht zu erklären. Er hat einfach aufgehört.

Er spielt immer noch Schlagzeug und singt, allerdings für eine außerhalb von Australien eher unbekannte Band namens „The Basics“. „Somebody That I Used to Know“ haben die aber nicht auf ihren Setlists.

Darum habe ich ein bisschen nach dem Phänomen „One Hit Wonders“ recherchiert. Denn, wenn man genau hinschaut, dann wäre die Bezeichnung „Two Hit Wonders“ meistens die genauere Bezeichnung. Ein paar Beispiele gefällig?

Nehmen wir einen der vielen Künstler, die sich als erster weißer Rapper bezeichneten: „Vanilla Ice“. Jeder kennt sicher „Ice Ice Baby“. Ein Hit, auch wenn vielleicht ein bisschen peinlich. Lebt eigentlich vom Sample aus „Under Pressure“. Doch die nächste Single „Play That funky Music“ chartete auch auf Platz vier. Höher hat es „Love Story“ von Taylor Swift auch nicht geschafft. Oder „Thriller“, die Single. Oder „Sweet Caroline“. Oder „Stand By Me“.

Nehmen wir Psy. „Gangnam Style“ war wirklich ein Welthit und knackte zum ersten Mal die Schwelle von einer Milliarde Views für ein Musikvideo auf Youtube. Aber das Nachfolgevideo „Gentleman“ war, rein nach Zahlen, sogar schneller erfolgreich. Nie hat ein Video in seinen ersten 24 Stunden so viele Views gehabt wie „Gentleman“. Der Song überholte „Gangnam Style“ sogar zeitweise.

Rick Astley hat „Never Gonna Give You Up“ zu verbuchen, aber „Together Forever“ verkaufte sich auch wie warme Semmeln. Oder Schrippen. Oder Brötchen. Die „Fine Young Cannibals“ wurden von she crazy gedrived, aber „Good Thing“ verdiente auch viel Geld. Die „Buggles“ bleiben durch „Video Killed the Radio Star“ unvergesslich, in Europa verkaufte sich aber „The Plastic Age“ zum Teil sogar besser.

Aber wir müssen gar nicht international suchen, denn das Schema „Two Hit Wonders“ trifft praktischerweise auf die gesamte Neue Deutsche Welle zu. Sei es Trio mit „Da Da Da“ und „Anna“, oder Spliff mit „Carbonara“ und „Das Blech“, Frl. Menke mit „Hohe Berge“ und „Traumboy“ oder Ideal mit „Blaue Augen“ und „Monotonie“.

Ich behaupte, dass „Two Hit Wonders“ viel häufiger sind als echte „One Hit Wonders“. Was damit zusammenhängt, wie Plattenfirmen so gedacht und gehandelt haben. Das hat sich ein bisschen geändert, darum müssen wir das in zwei Analysen behandeln.

Plattenfirmen haben ihr Geld ja mit Platten verdient – hence the Name. Das heißt, es wurden wirklich physische, analoge Plastikscheiben verkauft, die man dann behalten durfte und so oft hören, wie man wollte. Die Vermarktung eines Hits wurde dabei von einer ganzen Reihe an Gatekeepern kontrolliert. Eben das Label, dann die Radio DJs und für zwanzig Jahre auch das Musikfernsehen wie MTV oder Viva.

Wenn eine Band oder eine Künstlerin oder ein Künstler einen Hit produziert hatten, dann verdiente das dem Label viel Geld. Deswegen pumpte es viel Geld in die Produktion und das Marketing einer zweiten Single. Und auch Radio und Fernsehen machten mit, weil die Band ja gerade heiß war und eine zweite Single eine wichtige Neuigkeit darstellte. Nebenbei konnte eine zweite Single demonstrieren, dass es mehr zu hören gibt als nur den einen Hit, was mehr Alben verkaufte, an denen noch besser verdient wurde.

Alben sind aber auch der Grund, warum Hit Nummer zwei in der Regel schlechter verkaufte als Hit Nummer eins. Alle, die schon das Album gekauft haben, brauchten ja die zweite Single-Auskopplung nicht. Und viele Fans überlegten sich bei der zweiten Single, ob sie nicht besser das Album kaufen wollten.

Nach dieser Auswertungswelle waren die Bands oder Künstler*innen aber für die Labels in der Regel durch. Wer „I Got A Girl“ gehört hatte und überall wochenlang „Mambo Number Five“ vorgedudelt bekommen hatte, der hatte die Nase voll von Lou Bega.

Darum versuchten einige Music-Acts mit der zweiten Single etwas völlig Anderes zu produzieren, um nicht in der Marketing-Mühle verwurstet zu werden. Das klappte manchmal, manchmal auch nicht.

„Love Buzz“, ein psychedelischer Garage-Rock-Song chartete zwar nicht, weil das Label beschlossen hatte, nur 1.000 nummerierte Singles zu produzieren, aber die Rezensionen waren begeistert. Also beschloss die unbekannte Band aus Seattle als zweite Single „Smells Like Teen Spirit“ aufzunehmen und der Rest ist Grunge-Geschichte. Na ja, fast. Könnte man so sehen.

Manchmal ging die Strategie aber auch nach hinten los. Nachdem die Anarcho-Punk-Pop-Genossenschaft Chumbawamba mit „Tubthumping“ den Kneipengröhler der Neunziger veröffentlicht hatte, lieferten sie als zweite Single „Amnesia“ ab. Ein sperriger, düsterer Song, der von der Enttäuschung über die britische „New Labour“-Regierung handelte. War aber ein bisschen Absicht. Eigene Sendung. Vielleicht.

Nachdem Plattenverkäufe aber nicht mehr wichtig sind, stellt sich die Frage, warum es das Phänomen „Two Hit Wonders“ immer noch gibt. Zwar etwas weniger deutlich ausgeprägt, aber doch. Lil Nas X oder Nathan Stevens – der schottische Postbote, der vor fünf Jahren den Shanty-Hype auslöste oder „Tones and I“?

Warum aber gibt es die gleiche Mechanik immer noch? Und die Antwort, wie bei vielen Übeln der Musikwelt, ist der Algorithmus von Spotify. Wenn ein Song viral wird – egal ob bei Spotify, Apple Music, Youtube oder Tiktok – dann packt ihn der Algorithmus den Hörenden in die Millionen-Playlists. Für Deutschland wäre das zum Beispiel: „Hot Hits Deutschland“.

Dann hören ihn Millionen, es gibt Abermillionen Streams und das ist dann schon der maximale Erfolg im Streaming-Zeitalter. Bringt der Music Act aber schnell genug einen zweiten Song, gibt es auch dafür Playlists. Der sogenannte Release-Radar schlägt das Stück dann den Hörenden vor, die schon das Erste gehört haben.

Darum generiert auch dieses zumindest kurzfristig wieder Millionen Streams. Ist die Skip-Rate von Nummer zwei aber höher als die von Nummer eins – sprich: Der Song wird übersprungen oder nur für unter 30 Sekunden angehört – dann haben die nächsten Veröffentlichungen keine Multiplikator-Playlists mehr.

Im Unterschied zu Vinylzeiten, als die Gatekeeper noch Label-Managerinnen, Radio-DJs, Musikredaktionen oder Programmgestalterinnen im Fernsehen waren, entscheidet jetzt ein Algorithmus. Momentan behauptet Spotify noch, genau zu wissen, wie der funktioniert, aber Zweifel sind berechtigt, da zwei Stufen – die Audio-Analyse und die Text-Analyse der Favoriten – schon von der KI erledigt werden.

Niemand bei OpenAI oder Anthropic würde ernsthaft erklären wollen, warum ChatGPT oder Claude so antworten, wie sie antworten.

So viel zu meiner Theorie, dass Two-Hit-Wonder die Regel sind und One-Hit-Wonder eine extrem seltene Ausnahme.

Quellen:

See You Next Tuesday: Does The One-Hit Wonder Still exist?

The Guardian: ‘Ultimately, you’re in the hands of the public’

Medium: Understanding the One Hit Wonder

Joel Martin Mastery Podcast: How Streaming Changed Music Forever!

Youtube: „Somebody That I Used To Know“ Live on KCRW

Youtube: Kimbra: If I’m Losing You

Youtube: Intro: Why are Spotify Algorithms SO Dogsh*t?

]]>
Pizza für Margherita [Archiv] https://explikator.de/2026/06/23/pizza-fuer-margherita/ Tue, 23 Jun 2026 18:16:15 +0000 https://explikator.de/?p=695 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Alles, was man über die Königin der Pizzen wissen muss: Die Pizza Margherita, mit der Königin im Namen. Wie sie zu ihrem Namen kam, welche Zutaten benötigt werden und warum man sie als Laie immer nur nachahmen, aber nie wirklich zubereiten kann. Extra: Kleiner Back-Kniff.

Skript

Nach dem umwerfenden Erfolg meiner Episode über Spaghetti carbonara, die fünf Prozent häufiger heruntergeladen wurde als alle anderen Episoden – was sich bei 100 Hörenden leicht berechnen lässt.

Darum schauen wir uns einen anderen Klassiker der italienischen Küche an, nämlich die Pizza. Aber nicht die modernen Varianten wie Pizza Con Würstel oder Con Patatine – als mit Pommes Frites, sondern die Pizza schlechthin. Die Margherita. Die Königin der Pizzas.

Auch sie stammt aus Neapel und die fachgerechte Zubereitung einer richtigen, neapolitanischen Pizzas wurde offiziell von der „Associazione Verace Pizza Napoletana“ festgelegt. Das ist die Wahre-Neapoltanische-Pizza-Vereinigung, der viele Pizzaioli weltweit angehören.

Für den Teig darf man nur fein gemahlenes Weizenmehl mit 11 bis 13,5 Prozent Eiweiß verwenden, hier gibt es Mehl vom Typ „00“ extra für Pizza mit dem richtigen Glutengehalt; deutsches Mehl vom Typ 405 ist auf 10 Prozent normiert und ist für Hefe eigentlich nicht standfest genug.

Die anderen Zutaten sind Hefe, außer der sogenannten „neapolitanischen“ Hefe ist aber auch Bierhefe erlaubt. Na, und dann noch Wasser und Salz. Wenn man Öl oder Zucker beimischt, hat man schon verloren.

Geknetet wird mit den Händen oder mit Knethaken auf der langsamsten Einstellung. Nachdem der Teig zwischen acht und 24 Stunden gegangen ist, muss er auch mit den Händen geformt werden – Nudelholz und Ausrollstab sind verboten.

Sie darf an keiner Stelle dicker sein als 25 Millimeter und geht jetzt am besten auch nicht mehr, bis sie in den Holzkohleofen kommt, der eine Temperatur von 485 Grad haben sollte. Nach 60 bis 90 Sekunden ist sie fertig und sollte unverzüglich gegessen werden. Sie darf nicht vakuumiert oder tiefgefroren werden, sonst darf sie sich nicht mehr echte neapolitanische Pizza nennen.

Die berühmteste Pizza aus Neapel ist wahrscheinlich die Marinara, die sogar noch schlichter ist als die Margherita und nur mit geschälten, zerquetschten Tomaten, Olivenöl extra vergine, Oregano und Knoblauch belegt wird.

Sie kann schon für das Jahr 1735 belegt werden und ist wahrscheinlich die erste Pizza überhaupt, die mit Tomaten belegt wurde. Auch für ihre Zubereitung gibt es haargenaue Anweisungen von der AVPN, aber wir wollen ja eine Margherita haben.

Um diese angemessen zu würdigen, brauchen wir ein Stück italienischer Geschichte. Deutschland und Italien haben gemeinsam, dass es sie nicht besonders lange gibt. Beide Länder waren in viele kleine Portionen geteilt, bevor sie eine Nation wurden.

Italien wurde offiziell am 17. März 1861 ein Staat und Deutschland am 18. Januar 1871. Beide Staaten waren konstitutionelle Monarchien. In Deutschland regierte ein Kaiser, in Italien war man bescheidener und ernannte nur einen König. Der hieß Victorio Emanuele II. und stammte aus dem Haus Savoyen.

Zu diesem Zeitpunkt war Margherita, aus dem gleichen Adelsgeschlecht, gerade einmal zehn Jahre alt. Sie wurde dann mit ihrem Cousin Umberto verheiratet, als sie noch ein Teenager war. Königin Sophia, die die beiden besuchte, schrieb damals in einem Brief über die zukünftige Königin:

„Sie ist ein entzückendes Kind, weiß, zierlich, zart, anmutig – er ist ein Grobian, und es ist unmöglich, kein Mitleid mit diesem jungen und naiven Geschöpf zu empfinden. Im Moment machen sie ihre Kleider, ihr Schmuck und die Freiheit von Gouvernante und Schulbank glücklich. So bezaubernd sie auch ist, er scheint keine Bewunderung für sie zu empfinden …“

Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, der auch Vittorio hieß. Zwei Jahre nach dem Ehegelöbnis beendeten Königin und König einvernehmlich ihre „eheliche Beziehung“, was vor allem an den Affären von Umberto lag. Trotzdem blieben sie nach der Thronbesteigung 1878 sozusagen Kollegen im Amt.

In Italien war Margherita auf jeden Fall deutlich beliebter als ihr Mann. So schrieb auch die New York Times in einem Nachruf, als sie 1926 starb:

„Das heutige Italien ist reich an Anekdoten, die den Mut, die Nächstenliebe und die königliche Würde verdeutlichen, durch die sich die verstorbene Königin während der 58 Jahre ihres öffentlichen Wirkens bei ihren Untertanen so großer Beliebtheit erfreute. Man erinnert sich daran, wie sie trotz ihres hohen Alters während des Weltkriegs ihr Haus in ein Hospital umwandelte und die Verwundeten eigenhändig pflegte.“

Diese Königin Margherita hielt sich im Frühsommer des Jahre 1889 auf jeden Fall im Königspalast von Capodimonte in Neapel auf, so heißt es in der Legende. Von dort erging der Auftrag an den Pizzaiolo Raffaele Esposito zu Ehren des Besuchs eine Pizza zu kreiern.

Der ließ sich nicht lumpen und erfand gleich drei verschiedene Pizzen. Bei der Verkostung entschied sich die Königin für das Exemplar, dass in den Nationalfarben Italiens gestaltet war. Rote Tomaten, weißer Mozzarella und grüner Basilikum.

Und so war die Pizza erfunden, die fortan den Namen der Königin tragen sollte. Diese schrieb ein offizielles Anerkennungsschreiben an ihren Dienstleister, dass sich in Neapel, in Espositos Restaurant, das heute Pizzeria Brandi heißt, immer noch an der Wand hängend, bewundern lässt.

In Neapel glauben an diese Version der Geschichte und ich finde sie auch so hübsch, dass ich sie glauben mag. Es gibt nur zwei Probleme: Erstens war die Königin im Juni 1889 nachweislich nicht in Neapel und zweitens ist das Dankesschreiben eine nicht einmal besonders gute, sagen wir mal zärtlich, Nachahmung aus den Dreißiger Jahren.

Das Rezept der Pizza-Assoziation für die Pizza, die trotzdem nach der Königin heißen darf, beinhaltet wieder geschälte und gequetschte Tomaten, Büffel-Mozzarella oder im Notfall auch Kuhmilch-Mozzarella, der im italienisch „Blume der Milch“ heißt, also „fior di latte“.

Den schneidet man in Scheiben und zerpflückt ihn auf die Tomaten und dann ab in den Ofen. Das Basilikum gibt man am besten auf die fertige Pizza. Es sei denn, man mag den Geschmack von Basilikum nicht.

Wie kann man das am besten zu Hause nachmachen? Gute Frage. Die Puristen würden antworten: Gar nicht. Dafür sind Ristorante da, pazzo!

Wer aber nicht in Neapel lebt, muss ja auch irgendwie überleben. Auch ohne Holzofen, sondern mit einem popeligen Backofen, für den 240 Grad schon Höchstleistung sind. Das macht einen großen Unterschied.

Die beste Methode, die ich kenne, ist, den Ofen auf Unterhitze zu stellen und die Pizza direkt auf den Boden des Ofens zu legen. Im Holzofen liegt sie ja auch direkt auf dem Stein und nicht auf einem Rost. Nach einer Minute holt man sie wieder und dreht jetzt den Grill auf höchste Stufe. Wenn der vorgeheizt ist, dann schiebt man sie noch einmal in den Ofen und wartet, bis der Käse geschmolzen ist. Ich mag keine verkohlten Ränder. Das dauert noch einmal ein, zwei Minuten – je nach Ofen. Das ist drei Mal länger als im Originalrezept – darum würde uns das Basilikum verbrennen.

Wirklich wichtig ist der Glutengehalt des Mehls. Manchmal gibt es in deutschen Supermärkten sogenanntes Pizzamehl. Das normale 405-Mehl ist weniger gut geeignet als das 550-Mehl, finde ich. Guten Appetit!

Quellen:

Youtube: Intro: How Italians eat pizza

Associazione Verace Pizza Napoletana (it): Homepage

Upworthy: How Queen Margherita of Italy inspired the creation of the delectable Margherita pizza

Wikipedia (it): Pizza alla marinara

Wikipedia (it): Pizza Margherita

]]>
Super, Mario! [Archiv] https://explikator.de/2026/06/22/super-mario/ Mon, 22 Jun 2026 17:18:52 +0000 https://explikator.de/?p=690 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Der erfolgreichste Klempner der Spiele-Geschichte heißt Mario – da gibt es keinen Zweifel. Über seine Ursprünge und über meine Theorie, warum die Mario-Games so unglaublich erfolgreich waren und sind.

Skript

Mario ist wahrscheinlich die wichtigste und erfolgreichste Figur aus einem Computer- oder Videospiel ever. Viele haben versucht, an sein Erfolgsformat heranzureichen, aber wirklich gefährlich wurde ihm, glaube ich, niemand.

Ich bin ihm begegnet, als er noch unter dem Namen „Jumpman“ auftrat und laut Nintendo nicht Klempner, sondern Zimmermann war. Das war in Donkey Kong und Donkey Kong war eine Maschine, die in den Spielhallen stand. Für eine Mark gab es drei Mario-Leben und es kostete uns wahrscheinlich kollektiv 50 Mark, überhaupt den ersten Level zu schaffen.

Schon damals war Mario einfach sympathisch, lange bevor er sprechen konnte. Das Game wäre eine eigene Sendung wert, aber heute soll es nicht um den Gorilla gehen, der gar kein Esel ist, sondern um den kleinen Klempner.

Ich habe mich nach dem Erfolg des Super Mario Bros. Films, der als erste Videospielumsetzung überhaupt die Milliardenmarke geknackt hat, gefragt, wieso alle Mario lieben. Und ich habe eine Theorie.

Aber zuerst natürlich zu den Anfängen. Warum sieht Mario wie Mario aus? Es war keine wohldurchdachte Designentscheidung. Es war Mangel. In den frühen Achtzigern hatte der Designer acht mal acht Pixel für ihn zur Verfügung. Obwohl Donkey Kong eines der allerersten 8-Bit-Games war, gab es auch technischen Gründen nur drei Farben für die kleine Figur. Haut, Rot und Blau. Das Schwarz in dem Sprite war einfach die Hintergrundfarbe.

Einen Schnauzbart erhielt Mario, oder damals noch Jumpman, weil es schlicht nicht genug Pixel für einen Mund gab. Eine Mütze hat er, weil es nicht genug Pixel für Haare gab. Und die kräftig abgesetzten Farben von Hemd, Gesicht und Latzhose, damit das Auge beim Laufen überhaupt erkennen konnte, wo Arm aufhört und Körper anfängt. Das Gesicht, das eine Milliarde Menschen wiedererkennen, ist eine Notlösung für zu wenig Speicher.

Der nächste große Erfolg wurde „Super Mario Bros.“ für die Nintendo-Konsole NES. Hier bekam Mario rote Haare und eine weiße Hose, aber dafür eine ganze Reihe an neuen Gegner und eine Vielfalt an Leveln, die für Monate Überraschungen lieferten.

Hier tauchten auch die Röhren auf, durch die Mario bis heute klettert, und weswegen er seit diesem Game als Klempner arbeitet. Die haben auch einen banalen Ursprung. Chefdesigner Miyamoto ging auf dem Weg zur Arbeit durch ein Wohnviertel, in dem gebaut wurde, und sah dort Drainagerohre aus den Wänden ragen. Er brauchte etwas, aus dem die Gegner oben wieder herauskommen konnten, wenn sie unten aus dem Bild verschwanden — und Röhren hatten diesen comichaften Zug, dieses Ausbeulen, aus dem etwas hervorquillt.

Sogar die Gegner sind Sparprodukte mit Nebenbedeutung. Die kleinen, mürrischen Pilze, die einem im ersten Level entgegenwackeln — die Goombas — entstanden ganz am Ende der Entwicklung, aus dem Speicher, der noch übrig war. Ein Programmierer fand, Miyamotos Skizzen sähen aus wie Maronen. Kuri heißt Kastanie auf Japanisch. Bis heute heißen die Goombas in Japan Kuribo — Kastanienkinder.

Und Luigi, der hier im Multiplayer als grüngefärbter Mario-Klon auftaucht? Der hatte ursprünglich keinen Namen. Die Entwickler nannten in „Ruiji“, was im Japanischen „Ähnlich“ bedeutet und erst in Amerika zu Luigi wurde.

Der nächste große Erfolg kam auf einem winzigen grauen Gerät. „Super Mario Land“ war das erfolgreichste Spiel der erfolgreichsten Minikonsole der Welt: dem Gameboy. Und das, obwohl die Welt von Mario dort nur aus Graustufen bestand. Doch der Geist und der Spielwitz und die Kreativität dieser Spielewelt blieben erhalten und vererbten sich, ich würde sagen über mehr als ein Jahrzehnt, an die nächste Generation.

Um noch zwei wichtige Mario-Spiele herauszupicken: Da wäre sicher „Super Mario 64“ zu erwähnen, dass den Umgang mit einer 3D-Spielewelt zum ersten Mal in der Tiefe auslotete. Auch, wenn ich bei den Unterwasser-Leveln immer kläglich versagt habe.

Und dann ist da noch „Super Mario 3D World“, was 2013 noch einmal die Latte anhob, was man mit dem Gameplay eines Jump’n’Runs in drei Dimensionen so anfangen kann. Am besten zu viert.

Für die Vollständigkeit: „Super Mario Kart“ ist natürlich auch superwichtig, aber das lassen wir hier außen vor, weil es eben kein Spring-und-Renn-Spiel ist.

Aber jetzt endlich zu meiner Theorie, was Mario so einzigartig macht.

Da ist zum einen die Spielewelt, in der die Bösewichter alle nicht so richtig böse sind. Man kann sich gut vorstellen, dass sie nach dem Dreh eines Levels in der Pause gemeinsam eine Fassbrause trinken oder Uno spielen. Ich stelle mir vor, dass Bowser ein richtig guter Uno-Spieler ist.

Es ist kein Nachteil, ein familienfreundliches Spiel zu sein. Es ist ein Vorteil, wenn man den Spielespaß mit allen Familienmitgliedern teilen kann. Und familienfreundlich ist Mario nicht nur, weil den Gegner nicht die Köpfe abgehackt oder die Herzen aus dem Brustkorb gerissen werden, sondern weil das ganze Spiel eine positive und optimistische Stimmung verbreitet. Ein Mario-Leben zu verlieren, löst auch bei Fünfjährigen keinen Tobsuchtsanfall aus.

Das ist ein Element, das ganz entscheidend ist: Die großen Super-Mario-Games haben ein erprobtes und feingetuntes Gameplay. Bevor sie auf den Markt kommen, haben sie den Beta-Status schon längst abgelegt. Hier gibt es keine unnötigen Härten, keine unschlagbaren Gegner – man hat immer den Eindruck, dass ein Scheitern nicht am Spiel liegt, sondern ein Teil des Lernprozesses ist.

Man sollte nicht vergessen, dass Mario – oder eben Jumpman – eine der ersten Spielfiguren war, die über etwas springen konnten. Das ganze Genre, Jump-And-Run, wurde erst durch Donkey Kong groß. Meiner Meinung wurde es hier erst erfunden, auch wenn offiziell oft „Space Panic“ genannt wird. Da gab es auch mehrere Ebenen, die mit Leitern verbunden waren, aber man konnte nicht springen. Also zählt es meiner Meinung nach nicht.

Superwichtig beim Springen in Computerspielen ist die Glaubwürdigkeit. Man muss der Figur glauben, dass sie springt. Man muss das fühlen können. Das geht über das Design der Animation hinaus – Mario hatte ja nicht wirklich eine Animation in Donkey Kong.

Es geht darum, dass der Zeitpunkt des Absprungs, der Flug und die Landung pixelgenau dort stattfinden, wo man es erwartet. Und ich meine wirklich pixelgenau. Wenn die Steuerung schwimmt, kann man den Sturz nicht dem eigenen Timing zurechnen, sondern nur achselzuckend dem Spiel.

Das klingt nebensächlich, ist aber alles. Nimmt man dieses gefühlte Gewicht der Figur weg, fühlt sich Laufen und Springen nach nichts an. Man muss sich nur die unzähligen Mario-Nachahmungen der späten Achtziger und Neunziger ansehen: Dieselbe Idee, dieselben hüpfenden Figuren, aber die Sprünge schwammig, schwebend, ungenau — und sofort macht es keinen Spaß mehr. Wenige Spiele haben körperliche Bewegung je so gut eingefangen.

Das sind die beiden Gründe für den Erfolg, aber man kann das auch einfacher ausdrücken: Mario ärgert Dich beim Spielen nicht. Shigeru Miyamoto hat versucht, ein unterhaltsames Spiel zu gestalten, das einem mit einem positiven Gefühl zurücklässt.

Und das übertragen wir Spielende zurück auf die Figur.

Quellen:

Wikipedia (en): Mario

Forbes: Every Super Mario Game, In Order

Heise: „Super Mario Bros.“ für 3 Millionen US-Dollar versteigert

Literary Hub: The Origins of One of the Most Beloved Video Games of All Time

]]>
Der WM-Pokal [Archiv] https://explikator.de/2026/06/16/der-wm-pokal/ Tue, 16 Jun 2026 17:34:46 +0000 https://explikator.de/?p=666 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Ziel des Fußball-Turniers der Männer ist es, am Ende einen Pokal in die Kameras halten zu können. Darum schauen wir uns die bewegte Geschichte der beiden Trophäen an, die da bisher so abgelichtet wurden.

Skript

Es gibt keine Frage, dass die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer das weltweit am meisten beachtete, sportliche Ereignis der Welt ist, noch vor den Olympischen Spielen. Das WM-Finale 2022 sahen unfassbare 1,5 Mrd. Menschen gleichzeitig. Der amerikanische Super-Bowl zum Beispiel hat nur 125 Mio. Zusehende.

Organisiert wird das Event von einem gemeinnützigen Schweizer Verein mit dem Namen FIFA. Das sind die, die sich einen Friedenspreis ausgedacht haben, um ihn ihrem Kumpel Donald Trump verleihen zu können. Keiner mag die FIFA, nicht einmal die Fußballvereine.

Über die einzelnen Bestechungs- und anderweitigen juristischen Verfahren habe ich komplett den Überblick verloren. 2015, als sechs Funktionäre verhaftete wurden und Sepp Blatter zurücktrat, war es noch einfach. Aber jetzt gibt es gefühlt jedes Jahr einen neuen Skandal.

Vielleicht erklärt die Tatsache, dass erst 2012 eine Frau in den Männerklub des Exklusiv-Komitees kooptiert wurde, warum der Frauen-Fußball so unwichtig war. Eine Frauen-WM gibt es erst seit 1991, einen Champions Cup erst seit diesem Jahr und eine Klub-Weltmeisterschaft wird es erst in zwei Jahren geben.

Trotzdem verwaltet dieser Schweizer Verein genau das, worum es bei so einer WM eigentlich in Wirklichkeit geht. Das, wofür die wichtigsten Fußballnationen, außer Italien, gerade in Nordamerika, kämpfen. Die Belohnung für Blut, Schweiß und Tränen, die Absicht von Elfmeter-Schwalben, Schubsen, Fluchen und Weinen, das Ziel einer mitfiebernden Nation: Am Ende den Pokal in den Händen zu halten. Es geht um den Pokal. Muss doch so sein, oder? Denn, wenn die Gewinner den Pott am Ende in die Kameras gehalten haben, dann ist die Party vorbei. Habe ich da etwas falsch verstanden?

Schauen wir uns das Ding also mal näher an. Oder die Dinger. Denn es gibt zwei. Oder, genauer: Es gab zwei. Aber fangen wir von vorne an.

Die Fußball-WM der Männer gibt es seit 1930 und am Ende hielten die Spieler aus Uruguay den „Coupe de Monde“, also den „Weltpokal“ in den Händen, der später umgetauft wurde zum „Coupe Jules Rimet“, nach dem damaligen Boss der FIFA.

Er war 35 cm hoch und aus Sterlingsilber. Er stellte die Siegesgöttin Nike dar, die ihre geflügelten Arme ausstreckte, auf denen der Bildhauer Abel Lafleur das Rudiment eines Bechers befestigte. Alles im Nachfolgerstil des Art Deco gehalten, wie er Ende der Zwanziger Jahre des Vorgängerjahrhunderts modern war.

Damals war die Regelung, dass die Siegermannschaft den Pokal mit nach Hause nehmen durfte. Eine Mannschaft, die in drei Mal gewonnen hatte, durfte ihn komplett behalten, wurde 1930 verkündet.

Es sah dann so aus, als würden das die Italiener werden, die 1934 und 1938 zwei Mal gewannen, aber dann kam der Krieg und die Veranstaltung fiel aus. Man kann sich ja schlecht bombardieren und gleichzeitig miteinander Fußball spielen.

Aus irgendeinem Grund dachten die Nazis, dass der Pokal am besten bei ihnen aufgehoben wäre, obwohl Deutschland ihn noch nie gewonnen hatte. Davon bekam auch der FIFA-Vizepräsident Ottorini Bassi Wind und schmuggelte die Siegesgöttin aus einer Bank und versteckte sie während des Kriegs in einem Schuhkarton unter seinem Bett.

1950 fing man dann wieder an, Weltmeister spielerisch auszumachen. Damals nahm Uruguay den Pokal zum zweiten Mal in Empfang, dann landete er zum ersten Mal für vier Jahre in Deutschland, ohne geklaut werden zu müssen.

Zwei Mal hintereinander gewann Brasilien und 1966 wanderte er nach England, denn als Austragungsort mussten ihn die Briten ja vorrätig halten. Die stellten ihn in einer Briefmarken-Ausstellung namens „Sport in Briefmarken“ aus, bis auffiel, dass er nicht mehr da war. Jemand hatte ihn gestohlen.

Das ist eine hochnotpeinliche Situation für die ehemalige Weltmacht und es wäre noch peinlicher geworden ohne Pickles. Das war ein schwarz-weißer Mischlingshund, der eines Tages mit seinem Herrchen David Corbett in South London Gassi ging und etwas Seltsames erschnüffelte. Da lag, in einem Gebüsch, in Zeitungspapier eingeschlagen, der Coupe Jules Rimet. Der Täter wurde nie gefunden.

David bekam 6.000 Pfund Finderlohn und für Pickles wurde ein Festbankett veranstaltet, bei dem er die Teller aller anwesenden Gäste sauber schlecken durfte, weil das sein Lieblingshobby war.

Zur Belohnung wurden die Engländer 1966 auch Weltmeister. 1970 schafften die Brasilianer den Hattrick und durften den Pokal jetzt für immer behalten. Es musste also ein neuer gestaltet werden. Spätestens, nachdem der alte in Brasilien gestohlen und von den Dieben wahrscheinlich eingeschmolzen wurde, denn man fand nur noch den Sockel aus Lapislazuli.

Mit dem neuen Pokal für die WM 1974 fand man ein Design, dass mit „Pokal“ überhaupt nichts mehr zu tun hat, denn man müsste schon ein Loch bohren, um Champagner einfüllen zu können.

Er stellt jetzt, in abstrakter Form zwei Fußballer dar, die Hände hochhalten, um eine Kugel festzuhalten. Ob es die Welt ist oder ein Fußball, liegt im Auge des Betrachters. Auch die Frage, ob der Knüppel hübsch ist.

Dieses Mal ist sie aus echtem Gold, aber innen hohl, denn bei 35,8 cm Höhe wäre sie sonst 80 Kilo schwer – das hätte sich negativ auf die Hochhaltezeit der Triumphierenden ausgewirkt. Sein Materialwert dürfte beim gegenwärtigen Goldpreis so bei 400.000 Euro liegen, wird vermutet.

Nach den negativen Erfahrungen mit der Erstausgabe hat die FIFA die Regeln geändert. Die Sieger dürfen die Statuette – denn das ist der Pokal eigentlich – einen Abend lang in die Kameras halten, dann geht es wieder zurück nach Zürich.

Die Gewinner bekommen eine Nachbildung aus Bronze, bescheiden nur vergoldet. Aber auch die bleibt im Besitz der FIFA und muss auf Anfrage wieder abgegeben werden.

Der Pokal ist so wertvoll, dass er nur mit Handschuhen angefasst werden darf. Berühren dürfen ihn nur FIFA-Bosse und „amtierende Staatsoberhäupter“, heißt es bei der FIFA. Na, und natürlich die Weltmeister. Die dürfen ihn auch an ihre verschwitzten Trikots drücken, küssen oder abschlecken. Machen sie aber nur bei der WM und nicht im FIFA-Hauptquartier. Also, das vermute ich zumindest. Aber, wer weiß?

Die Gewinnernationen werden übrigens auf der Unterseite des Sockels eingraviert. Man hat dann bald gemerkt, dass der Platz bald ausgeht und 2018 wurde die schlichte Tabelle durch eine spiralförmige Textschlange ersetzt, aber auch jetzt heißt es: 2038 ist Schluss mit dem Goldknüppel des Mailänder Designers Silvio Gazzaniga.

Der Pokal der Frauen ist übrigens zehn Zentimeter größer, aber dafür halb so schwer und hat nur einen Materialwert von ca. 40.000 Euro. Dafür traut man den Frauen zu, dass sie auf ihren Pokal achtgeben. Für jede WM gibt es ein neues Exemplar, denn die Gewinnerinnen dürfen ihre Version behalten. Das löst auch das Problem mit der Tabelle auf der Unterseite. Man könnte fast denken, die FIFA lernt dazu.

Ist ja auch egal, denn es gilt die Regel: Rollt erst einmal der Ball, dann verstummt die Kritik.

Quellen:

Wikipedia: FIFA WM-Pokal

Stephen Silver: Women’s World Cup Trophy Is Made Of Gold-Clad Sterling Silver

Wikipedia: Pickles (Hund)

Youtube: Intro: FIFA World Cup Song

]]>
Lorem Ipsum: Die Detektivgeschichte [Archiv] https://explikator.de/2026/06/14/lorem-ipsum-die-detektivgeschichte/ Sun, 14 Jun 2026 17:35:48 +0000 https://explikator.de/?p=658 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

„Lorem Ipsum“ ist der Anfang des berühmtesten Blindtexts und findet sich als Platzhalter für Inhalte, die noch nicht fertig sind in Druckform, aber auch auf Tausenden Webseiten. Bislang war seine Geschichte ungeklärt, dann begann Emily Zhang ihre Detektivarbeit.

Skript

„Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit, sed do eiusmod tempor incididunt ut labore et dolore magna aliqua“ – diesen Text habe ich Tausende Male in Layoutprogrammen verwendet, um zu sehen, wie meine Gestaltung mit Fließtext wirkt.

Ich habe den Text nie in seiner Gänze gelesen, Typografen haben mir erzählt, er würde: Erstens) Schon seit Jahrhunderten verwendet und zweitens) keinen Sinn ergeben.

Aber beides ist in dieser Form nicht richtig. Das weiß ich, seitdem ich letzte Woche ein spannendes Video von Emily Zhang vom Youtube-Kanal „Rabbit Hole“ gesehen habe. Sie hat akribische Detektivarbeit geleistet und erzählt die spannende Geschichte des bekanntesten, nie gelesenen Textes der Welt.

Die ganze Geschichte beginnt mit einem Latinisten des Hampden-Sydney-Colleges in Virginia. Der sieht den Text in seinem Layoutprogramm und beginnt ihn zu lesen. Über ein Wort stolpert er: „Consectetur“. Das sieht aus wie ein Wort, das Lateinisch sein will, es aber nicht ist – doch es ist in Wirklichkeit ein sehr seltenes Wort der Sprache.

Es kommt Richard bekannt vor und tatsächlich findet er es in Ciceros „De Finibus Bonorum et Malorum“, geschrieben 45 v. Chr.. Ein 2.000 Jahre alter Philosophie-Text über Lust und Schmerz.

In einem Design-Magazin veröffentlicht er einen Artikel zu seinem Fund und schreibt, dass der Text wohl auf einen Setzer zurückgeht, der eine Cicero-Passage zerhackt hat. Aber für diese Behauptung gibt es keinen Beleg. Richard hat sich den Satz, nach eigener Aussage, im Grunde dazugedacht.

Genau diese Interpretation findet man heute auf Tausenden von Webseiten als Erklärung. Statt einen Irrtum zu korrigieren, hat Richard der Geschichte einen Irrtum hinzugefügt.

Denn zu Zeiten des Bleisatzes wäre keiner auf die Idee gekommen, mühsam einen Tag lang eine Seite aus einzelnen Buchstaben, Satzzeichen und Abstandhaltern zurecht zu klopfen, bloß um zu sehen, wie das später mit einem echten Text aussieht.

Im Bleisatz gab es keine Verwendung für Blindtext und damit auch nicht für Lorem Ipsum. Das erschließt sich durch kurzes Nachdenken. Es ist auch kein einziges Blatt aus Jahrhunderten Bleisatz mit dem Text erhalten. Wäre ja wohl der Fall, wenn es ein übliches Verfahren gewesen wäre. Sowohl das Setzen als auch der Druck als auch das Papier waren wertvoll.

Blindtext bekommt erst einen Sinn, wenn die Verwendung von Text billig ist und das Ersetzen durch die letztlich zu vervielfältigende Version schnell und günstig zu erledigen ist.

Der Cicero-Text, den Richard zitiert, wurde vor 1914 nie in dieser zerhackten Form gedruckt. Die allererste Layout-Software hieß Pagemaker, von der Firma Aldus, und war ab 1987 für Macs zu kaufen.

Emily geht jetzt also der Frage nach: Wo taucht Lorem Ipsum zum ersten Mal auf? Und die Antwort: Ende der Sechziger Jahre war er schlagartig überall zu lesen, von Großbritannien über Mexiko bis nach Brasilien. Denn oft genug landet die falsche Version im Druck, oft genug vergisst der Layouter noch diese kleine Textbox oder diesen einen Absatz.

Ende der Sechziger gab es aber noch keine Macs und auch keine Layoutprogramme. Trotzdem gab es Blindtext für Designer. Zu kaufen von der Firma Letraset, die Rubbelbuchstaben auf Trägerfolie verkaufte. Im Angebot waren da auch ganze Blindtextbögen mit verschiedenen Spaltenbreiten und verschiedenen Textgrößen. Konnte der Layouter einfach in seine Gestaltungs-Skizze rubbeln, damit der Redakteur oder der Werbekunde einen Eindruck vom Endprodukt gewinnen konnte.

Eine Aldus-Designerin namens Laura Perry tippte den Text zur Wiederverwendung in ihren Mac und bald wanderte er in jedes gängige Layoutprogramm, wiedererkennbar an den Tippfehlern, die sie gemacht hatte. Man muss sich ja mit Text, der sowieso unsinnig ist, auch nicht viel Mühe machen.

Auf Nachfrage von Emily, woher Letraset den Text hatte, sagte man ihr: „Keine Ahnung“. Aber etwas Anderes fiel ihr auf. Wenn man den ganzen Text in dem oben erwähnten Buch sucht, dann stößt man immer auf den gleichen Absatz – bloß das Stück eins von Seite 36 stammt, Stück zwei von Seite 56, dann Seite 70 und Seite 118.

Jemand blätterte genau in diesem Buch, denn in jeder anderen Version hätten die Texte ja nicht an der gleichen Stelle gestanden. Jemand hatte genau so ein Cicero-Buch in der Hand und es wiederholt blind aufgeschlagen. Und ein paar Brocken Spanisch und Französisch eingefügt, damit die Arbeit nicht zu langweilig wird.

Ein ehemaliger Letraset-Designer gibt Emily einen Tipp. Damit ausgestattet, entdeckt sie eine Fährte, die zum wahrscheinlichen Erstverfasser des Textes führt. Ein Typografie-Historiker, der als Bibliothekar bei der St. Bride Printing Library arbeitete. Da hatten die Letraset-Leute nach einem Blindtext gefragt. Also griff James Mosley hinter sich, überlegte kurz „Cicero vielleicht. Aber nicht Catalina, das ist so abgedroschen“ und holte das alte Cicero-Buch aus dem Regal und blätterte darin und schrieb den Text aus den vier verschiedenen Seiten zusammen.

Ein Triumph wäre diese Detektivarbeit natürlich, wenn Mosley das bestätigen könnte, aber leider ist er letztes Jahr verstorben. So handelt es sich nur um die wahrscheinlichste Rekonstruktion.

James Mosley, Letraset, Laura Perry, Aldus Pagemaker, tausende von Druckerzeugnisse, Abertausende von Webseiten.

Das ist seit Emily und damit seit Ende Mai die Geschichte über Lorem Ipsum. Sowohl die Blindtext-Seite Lipsum.com als auch die deutsche oder die englische Wikipedia geben jetzt diese Version wieder, nachdem sie vorher noch von Druckern aus dem 16. Jahrhundert berichtet hatten.

Das Faszinierende an Lorem Ipsum ist, wenn man so darüber nachdenkt, dass es sich ja bewusst um einen Text handeln sollte, dessen Bedeutung irrelevant ist. Damit man sehen kann, wie Text an und für sich in einem Layout wirkt.

Aber dadurch, dass sich genau dieser Text so verbreitet hat und alle anderen Konkurrenten verdrängt hat, gewinnt er eine Bedeutung. Wenn wir ihn im Netz finden, ist er wie ein Baustellen-Symbol. Er bedeutet – Moment, hier kommt noch Inhalt. Wie Wittgenstein sagte: Bedeutung ist Gebrauch.

Übrigens haben wir beim Layouten bald einen Text aus Pangrammen gebastelt. Denn wir haben so viele Zeichensätze verwendet, dass es nützlich war, alle Buchstaben in einem Satz zu haben, um zu sehen, wie der Zeichensatz eben so aussieht.

In der deutschen Typografie nimmt man dafür am liebsten „Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi quer durch Bayern“. Wir hatten aber als ersten Satz unseres Blindtexts: „Falsches Üben von Xylophonmusik quält jeden größeren Zwerg“. Das war wichtig, weil damals viele Zeichensätze gar keine Umlaute hatten.

Quellen:

Der Lorem-Ipsum-Generator im Netz: Lipsum

Youtube: The Lorem Ipsum Mystery von Rabbit Hole

]]>
Die Marx Brothers [Archiv] https://explikator.de/2026/06/11/die-marx-brothers/ Thu, 11 Jun 2026 18:16:16 +0000 https://explikator.de/?p=654 Unterstützende hören diese Episode hier bei Steady oder hier bei Patreon.

Das größte Komiker-Trio der Filmgeschichte waren die Marx Brothers, die aber so langsam vergessen werden. Aber Harpo, Chico und Groucho haben es verdient, immer wieder neu entdeckt zu werden.

Skript

Ich verehre Laurel & Hardy, habe ich ja schon erzählt. „The Music Machine“, der Kurzfilm, in dem sie ein automatisches Piano ausliefern müssen, dürfte der Höhepunkt des Slapsticks gewesen sein. Gab ja sogar einen Oscar.

Die zwei haben den Übergang zum Tonfilm mit Bravour hingelegt und erlebten ihre größten Erfolge in den Dreißigern. Charlie Chaplin verweigerte sich dem Ton, Buster Keaton schaffte den Sprung nicht. Das öffnete die Bühne für Comedy-Acts wie die „Three Stooges“, die sich auf die schmerzhafte Variante des Slapsticks verlegten.

Die haben ihre Beliebtheit über die Jahrzehnte bewahrt, weil sie im amerikanischen Fernsehen eigentlich nie abgesetzt wurden. 2012 gab es sogar eine Neu-Verfilmung. Der deutsche Untertitel: „Drei Vollpfosten drehen ab“ macht deutlich, dass die Stooges bei uns nicht so besonders bekannt sind.

Das Trio, das aber wirklich von der Vergessenheit bedroht ist, sind die Marx Brothers. Und das ist schade, denn sie waren die größten Anarchisten unter den Komikern.

Und: Die Geschichte dieser echten, leiblichen Brüder ist auch ein typisches Stück Mediengeschichte. Sie fängt in Europa mit einem schlechten Zauberer und einer mittelmäßigen Harfinistin an, die schon im Kaiserreich als Bühnenkünstler arbeiten, geht weiter mit ihrer Tochter Minnie, die in Dornum, Ostfriesland geboren wird und mit ihrem elsässischen Mann in New York ihr Glück versucht.

Das erste Kind stirbt kurz nach der Geburt, das zweite wird 1887 Leonard getauft und Arthur, Julius, Milton und Herbert folgen noch in regelmäßigen Abständen. Wir kennen sie in dieser Reihenfolge als Chico, Harpo, Groucho, Gummo und Zeppo. Ja, nur Jungs, keine Schwester.

Sie wachsen in der Upper East Side auf, in einem bunten Chaos hauptsächlich italienischer, irischer und deutscher Einwanderer. Das ist eine raue Gegend und es war sicher kein Kinderspiel fünf quicklebendige Jungs dort aufzuziehen. Chico hat gesagt, seine Spielsucht war schon mit 12 Jahren in voller Blüte.

Minnie, von den Jungs abgöttisch verehrt, zwingt alle Jungs, Instrumente zu lernen und nimmt sie auch in ihr geliebtes Vaudeville mit. Als die Zensuren aller Jungs – mit Ausnahme von Groucho – nicht mehr in den Griff zu bekommen waren, beschließt sie, die Jungs persönlich ins Showbusiness zu holen. Als ihre Managerin, da hat sie sie wenigstens unter Kontrolle.

Das Vaudeville-Theater muss man sich wie eine Mischung aus Variete, Zirkus, Kleinkunst, Kabarett und derbem Theater vorstellen, wo sich stundenlang eine Nummer an die andere reihte. Man zahlte einen geringen Eintrittspreis und ging und kam einfach, wie man wollte. Zwischendurch konnte man sich auch etwas zu essen holen oder zu trinken. Rauchen und sogar Unterhaltungen während der Vorführung waren selbstverständlich.

Die Brüder waren jung uns süß – sahen sich auch sehr ähnlich – und begannen als Family-Act hauptsächlich Gesangs- und reine Musikauftritte zu absolvieren, mit mittlerem Erfolg. In einer amerikanischen Kleinstadt – jeder der Brüder gibt in seiner Biographie einen anderen Ort an – kam es zu einem Zwischenfall. Jemand kam ins Theater und rief „A runaway mule!“ – „Ein Maultier geht durch!“, was das komplette Publikum dazu brachte, sich das einmal anzuschauen. Leer war das Theater.

Als sich die Gäste wieder einfanden, sahen sie einen wütenden Groucho, der sie mit spitzen Bemerkungen über ihr Verhalten, ihre Stadt und den Landstrich beschimpfte. Chico wollte das durch eine völlig überdrehte Klaviernummer auffangen und Harpo schlüpfte unter einen Teppich und kroch blind über die Bühne.

Das Ergebnis: Die Menschen schütteten sich aus vor Lachen! Seit diesem Tag, irgendwann zwischen 1910 und 1912 waren die Marx Brothers eine Comedytruppe.

Jetzt entwickeln sie auch ihre Archetypen. Groucho mit aufgemaltem Schnurrbart, wichitgtuerischem Gang und einer Zigarre im Mund, immer sarkastisch und wortgewaltig; Chico, der kleine Trickbetrüger mit italienischem Akzent und der stumme Harpo, der nur mit Pfiffen und Hupen kommuniziert. Zeppo, der privat als der witzigste der Brüder gilt, gibt in den Filmen den straight man, man könnte sagen, den Weißclown und obendrauf den cheesy romantic hero.

Bald wurde das Vaudeville zu klein und der Sprung zum Broadway gelang. Nach drei Musicals dort waren sie die bekanntesten Komiker der USA. Dann kam eine technische Neuerung ihrer Karriere zu Hilfe – der Tonfilm. Dort brauchte man Komiker, wie schon erklärt – also landeten die Brüder im Jahre 1929 in Hollywood.

Sie hatten 25 Jahre Bühnenerfahrung auf dem Buckel, ein reiches Repertoire an Sketches und waren alle schon über 40 – die Umsetzungen ihrer Broadway-Programme „Cocoanuts“ und „Animal Crackers“ waren Instant-Hits.

Dann kommt 1933 das erste Meisterwerk: „Duck Soup“ (bei uns: „Die Marx Brothers im Krieg“). In Europa erkrankte eine Nation nach der anderen am pompösen, heuchlerischen Faschismus und der Sehnsucht nach den alten, vorindustriellen Zeiten. Daraus machte die Slapstick-Truppe eine bittere, spitze Satire. Hier wurde übrigens die berühmte Spiegelszene geboren – kennst Du sicher, eigentlich ist der Spiegel kaputt, aber unser Held ahmt jede Bewegung des in den Spiegel Blickenden exakt nach – und ein Krieg wird beendet, indem der Gegner so lange mit Obst beworfen wird, bis er aufgibt.

Man wechselt, ab jetzt ohne Zeppo, zu MGM und die nächsten beiden Klassiker „A Night at the Opera“ & „A Day at the Races“ folgen. Ja, die Band Queen ihre Alben nach Filmen der Marx Brothers benannt.

„At the Circus“, „Go West“ und „The Big Store“ sind nicht mehr ganz so brillant und wiederholen viel Material. Wenn man zu viele Marx Brothers Filme hintereinander kuckt, spult man schnell die Piano- und Harfensolos vor. „Big Store“ ist erwähnenswert, weil es einem neuen Symbol des Kapitalismus gilt. Dem Kaufhaus. Man geht recht in der Annahme, dass es am Ende des Films komplett verwüstet ist.

So langsam nimmt man seinen Abschied und es ist nur Chico zu verdanken, der wegen seiner Spielsucht chronisch pleite ist und deshalb seine Brüder überredet, dass es noch zwei Filme gibt, nämlich „A Night in Casablanca“ & „Love Happy“.

Während der Prohibition, der großen Depression – der schwersten Wirtschaftskrise der USA und während Europa wegen der Nazis in seine größte Katastrophe marschiert, während dieser Zeit waren da Groucho, Harpo und Chico. Nichts und niemanden nahmen sie ernst, sie waren gleichzeitig bösartig und liebenswert, chaotisch und anarchistisch, musikalisch und derb und schufen einige der größten Filmkomödien.

Margaret Dumont muss auch erwähnt werden, denn sie war laut Groucho der fünfte Marx-Brother. In sieben Filmen des Trios spielte sie die noble, reiche Dame aus der Oberschicht, die von Groucho gleichzeitig bezirzt und veräppelt wurde. Bei einem Duo sind beide wichtig, oder?

Die Filme entsprechen sicher nicht den heutigen Sehgewohnheiten. Man sollte auch nicht vergessen, dass es sich um historische Filme handelt. Der erste Film ist beinahe hundert Jahre alt – der entspricht auch nicht mehr unseren gesellschaftlichen Gewohnheiten.

Dann kommt noch dazu, dass viele der besten Nummer – wie die erwähnte Spiegelszene – schon so oft kopiert wurden, dass man sie schon kennt.

Zum Abschluss möchte ich Groucho zitieren: „Hallo! Ich muss dann mal gehen!“

Quellen:

Wikipedia (en): Marx Brothers

Marx-Brothers.Org: The Marx Brothers Family

Wikipedia (de): Margaret Dumont

Youtube: Intro: Monkey Business 1931 Marx Brothers, full movie

]]>