In jedem Märchen steckt ein wahrer Kern. Was, wenn sich hinter „Hänsel & Gretel“ eine Wahrheit versteckt, die sogar noch grausiger ist als die Geschichte der Gebrüder Grimm? Und was, wenn nicht?
Skript
Heute geht es um ein Märchen, das keines ist und um einen Lehrer, der zum Hobbyarchäologen wurde und um eine Lebkuchenbäckerin, die ermordet wurde. Heute geht es um Hänsel und Gretel!
Okay. Wann fängt denn Deine Geschichte an?
- Der Krieg ist vorbei und Georg Ossegg steht mit dreißig seiner Schüler mitten im Spessart, weil sie aus Böhmen evakuiert wurden. Die Landschaft erinnert ihn an etwas, aber an was?
Dichter Märchenwald und Häuser, die so wahrscheinlich schon vor hunderten von Jahren ausgesehen haben. Es ist, als sei die Zeit hier im 17. Jahrhundert stehengeblieben. Ein Bauer erzählt Georg beim Bier, dass hier mal ein Hexenhaus gestanden haben soll.
Da wird ihm klar, woran ihn der Spessart erinnert! An das antiquarische Märchenbuch seiner Kindheit, das in der Familie wie ein Schatz gehütet wurde!
War das mit Hänsel und Gretel vielleicht gar kein Märchen? Ist es wie mit Troja? Würde er – wie Schliemann für Troja – die wahre Geschichte hinter der Erzählung der Gebrüder Grimm finden?
Gab es also das Hexenhaus wirklich?
Moment, komme ich gleich zu. Also: Siebzehn Jahre später – 1962 – steht Georg mit einem Spaten in der Hand am Engelsberg und gräbt. Er war sich sicher – hier würde er auf die Überreste des Hexenhauses stoßen.
Ausgehend von den Illustrationen im Märchenbuch hatte er den Spessart abgesucht, bis er sich sicher war, wo genau das Elternhaus von Hänsel und Gretel gestanden haben musste.
Dummerweise verlief dort jetzt die Autobahn Würzburg-Frankfurt. Doch in den Akten der Bahnmeisterei ist ein Verweis: Eine alteingesessene Familie hätte für ihr uraltes Haus und den Obstgarten mit 17 Bäumen vom Staat 18.000 Mark erhalten.
Vom vermuteten Standort dieses Hauses aus und aus den Berichten der Einwohner rekonstruierte er penibel, wo das Hexenhaus gestanden haben musste. Und er grub.
Er war so gründlich gewesen – er musste einfach recht haben. Und in zwei Metern und zwanzig Zentimetern Tiefe stößt er tatsächlich auf Mauern aus Feldstein. Er legt ein Haus frei, dass wohl aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs stammen muss.
Und mehr noch als das: Er findet einen großen Ofen, der genauso augesehen haben muss wie der im Märchenbuch dargestellte und darin: Knochen. Ein menschliches Skelett!
Ein eingeschalteter Fachmann bestätigt: Eine Frau, 35 Jahre alt, verbrannt. Aber vorher wohl erdrosselt. Erdrosselt? Ossegg spürt, dass er noch nicht am Ende der Geschichte angekommen war. Ist die Wahrheit über Hänsel und Gretel viel grausamer, als uns die Brüder Grimm zumuten wollten?
Wer war denn dann die Lebkuchenhexe?
Georg fand nicht nur das angebliche Hexenhaus. Er fand, in einer metallenen Schatulle auch ein Rezept. Für Lebkuchen. Vergraben an der Außenmauer, zusammen mit Backformen und einem handgeschriebenen Text aus dem 17. Jahrhundert.
Doch verlieren wir uns nicht in den vielen Details der Recherche, sondern sprechen wir einfach über die harten Fakten:
Katharina Schraderin, geboren 1618 in Wernigerode, war Köchlerin in der Abtei Quedlinburg. Dort entwickelte sie – möglicherweise mit Hilfe eines türkischen Patissiers – das Rezept für Lebkuchen. Sie verkaufte sie auf Märkten, wurde berühmt, und ein Nürnberger Hofbäcker stellte ihr nach. Nicht aus Liebe. Wegen des Rezepts.
Sie behielt aber ihr Geheimnis, so dass er es aus eigenen Stücken nachbacken musste. Seine Pfefferkuchen verkauften sich auch anständig, doch jeder wusste auch, dass sie nur die Billigversion von Katharinas Lebkuchen waren.
Also zeigte er sie an. Als Hexe. Für uns bewahrt in den Stadtbüchern von Gelnhausen, gefunden von Georg: Katharina wurde verhaftet, sie wurde gefoltert und trotz der Aussagen des Hofbäckers freigesprochen.
Der Name des Hofbäckers war übrigens Hans Metzler, lesen wir in der Quelle. Er hatte eine Schwester, die – na, wie hieß die Schwester? – Grete Metzler!
Hans und Grete Metzler schlichen zu Katharinas einsamer Hütte, brachen die Tür auf – Georg hat noch die verbogenen Angeln gefunden – erwürgten sie und warfen die Leiche in den Backofen.
Das wissen wir aus dem gleichen Stadtbuch, denn ihr Mord flog auf und auch die Geschwister kamen vor Gericht – und auch sie wurden freigesprochen. Denn sie konnten glaubhaft versichern, dass die vermeintliche Hexe Katharina Kinder gefressen hatte. Sie hätten die Knochen im Ofen selber gesehen.
Das ist ja True Crime aus dem Dreißigjährigen Krieg!
Aufgedeckt von einem pensionierten Lehrer aus Aschaffenburg. Die Wahrheit über Hänsel und Gretel. Ein Buch mit genau diesem Titel wurde 1963 zu einem Bestseller mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren.
Hans Traxler hieß der Mann, der die Geschichte von Georg Ossegg nacherzählte und der dessen Recherchen penibel dokumentierte.
Einige lobten die Rehabilitierung der historischen Katharina Schraderin, andere bewerteten die Geschichte als Symbol für die Grausamkeit der frühkapitalischischen Welt.
Ganze Schulklassen wurden mit dem Buch ausgestattet und darin geschult, wie auch in Märchen immer ein wahrer Kern steckt. Eine Schulklasse machte sich sogar von Dänemark aus auf den Weg, um das Hexenhaus im Spessart zu bewundern.
Okay, aber was ist die Wahrheit hinter der Wahrheit?
Die Wahrheit hinter der Wahrheit ist, dass es das Hexenhaus nicht gab. Es gab ja nicht einmal einen Georg Ossegg. Den hatte Hans Traxler, seines Zeichens Karikaturist bei der Satirezeitschrift „Pardon“ frei erfunden und in den Fotos im Buch auch selber verkörpert.
Da kann man sehen, wie er, mit einer Nickelbrille und aufgeklebtem falschen Bart, mit einem Backpinsel in der Baugrube einer Baustelle posiert.
Auch dass das mehr als dreihundert Jahre alte Rezept für Lebkuchen wortgleich ist mit dem damals in jedem Haushalt zu findenden Dr.-Oetker-Kochbuch – ist niemandem aufgefallen.
Der alberne Tonfall der „Wernigeroder Handschrift“ mit dem Hexenprozess-Protokoll? Der frei erfunden Professor Albert Vermeulen von der Universität Leiden, der an den Knochen erkennen konnte, dass das Opfer dreihundert Jahre zuvor erwürgt worden war? Der frei erfundene Dr. Helmut Petschau-Hartlieb, der das Vorwort schrieb? Alles niemandem aufgefallen.
Zumindest lange nicht. 1964 erschien eine Reportage im Spiegel mit dem Titel „Hänsel und Gretel mit dem falschen Bart“. Traxler war erleichtert, endlich zu gestehen, dass alles nur Satire war – so verunsichert waren er und sein Verlag vom völlig unerwarteten Erfolg.
Das Buch gibt es mittlerweile als Reclam-Heftchen – auch für Schulklassen und es wurde 1987 sogar verfilmt. Beides mit dem Vorwissen, dass es sich um Satire handelt.
Was ist die Moral von der Geschicht?
Eine Recherche auf Tiktok ergibt Dutzende von Videos, die die frei erfundene Geschichte immer noch als Wahrheit verkaufen und genauso ist es auf Youtube. Daneben gibt es auch Dutzende von Videos, die die wahre Wahrheit kennen und die falschen Videos entlarven.
Die Wahrheit und die wahre Wahrheit kämpfen um Likes und Aufmerksamkeit und sie stehen heute einfach nebeneinander. Für eine Bearbeitung, einen Diskurs, einen Blick hinter die Geschichte – dafür ist keine Zeit zwischen zwei Swipes.
Auf seine Weise ein sehr modernes Buch, seiner Zeit voraus.
Ich persönlich glaube ja, dass Hans Traxler das Buch als Werbung für Dr. Oetker geschrieben hat. Ein Prototyp von Product Placement. Nicht nur, dass das Rezept aus dem Buch von Dr. Oetker ist, nein – ratet mal, von welcher Firma es noch heute für acht Euro ein Lebkuchenhaus-Dekorationsset zu kaufen gibt? Hmm? Hmm? Coincidence? I don’t think so!
Quellen:
Academia.edu: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel Georg Ossegg 1963
Deutschlandfunk: Die angebliche Hexe war eine Bäckerin
Filmdienst: Ossegg oder Die Wahrheit über Hänsel und Gretel
Cautionary Tales: The Truth About Hansel and Gretel