100 Tampons im Weltall

Sally Ride war 1983 die erste Astronautin im Weltall. Das warf für die Ingenieure der NASA ganz neue Fragen auf. Zum Beispiel: Wie viele Tampons brauchen wir für eine Frau für eine Woche für das Weltall für den Fall der Fälle?

Skript

Ich war schon 1983 so alt, dass ich mehr über sogenannte Hygiene-Artikel für Frauen wusste als zeitgleich, in den USA, die Ingenieure der NASA.

Als ich nur kurze Zeit später zum ersten Mal den Namen „Sally Ride“ gehört habe, hielt ich es aus zwei Gründen für einen Scherz.

Sie sei die erste Astronautin im Weltall, hieß es in der Meldung und ich dachte: Das stimmt doch nicht. Da war doch vorher schon eine Frau im Weltall – damals noch in Schwarz-Weiß und noch nicht in Farbe wie 1983.

Und richtig: Walentina Wladimirowna Tereschkowa heißt die Gute, die 1963 alleine ins Weltall aufbrach und den Planeten drei Tage lang 48 Mal umrundet hat. In den USA war man zeitgleich noch mit dem Mercury-Programm beschäftigt, Gemini und Apollo fingen geradeso an.

Frau Tereschkowa machte danach in der Sowjetunion Karriere, wurde in den Obersten Sowjet gewählt und ins Zentralkomitee der KPdSU berufen. Auch zum Zeitpunkt der Aufnahme, 2025, ist sie Hardlinerin, steht treu hinter Putin und hinter dem Krieg gegen die Ukraine.

Trotzdem: Sie war die erste Frau im Weltall, Punkt. Das hörte man im Kalten Krieg nicht so gerne, weswegen es im Westen ganz genau genommen wurde: Sally Ride war „die erste Astronautin“ im Weltraum! Auch Punkt! Denn Frau Tereschkowa war ja eine Kosmonautin und das ist doch ganz vöööllig Anderes! Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen!

Der zweite Grund, warum ich den Namen seltsam fand: „Sally Ride“ – im Ernst? So heißt wirklich jemand? Genau wie in dem Song von Wilson Pickett? Ihr wisst schon, wo der Hintergrundchorus singt „Ride, Sally Ride“. Ah. Ihr wisst nicht, okay:

KI: Wilson Pickett – Mustang Sally

Gut. Die erste Astronautin sollte also Sally Ride werden. Gut, einen sprechenderen Namen kann man sich ja auch kaum wünschen. She is Sally, she rides the Space Shuttle „Challenger“. Am 18. Juni 1983, gut zwanzig Jahre später als die erste Kosmonautin, was man überhaupt nicht vergleichen kann. Sie flog zusammen mit zwei männlichen Astronauten, die Mission war für eine Woche geplant.

Ach, es tut mir wirklich leid um das Space-Shuttle-Programm. Es wirkte damals einfach wie der nächste Schritt in der Entwicklung. Statt riesige Raketen zum Mond zu schicken, hätten wir ein Shuttle – wie ein Zubringer-Bus eben – ins Weltall.

Aber zurück zu Sally Ride.

KI: I wish there’d been another woman on that flight…

Man kann sich auf Youtube noch Interviews mit Sally Ride anhören, die leider mittlerweile an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben ist. Sie wirkt sehr ehrlich und offen und ist nicht von Marketingspezialisten auf die richtigen Antworten dressiert. Wie zum Beispiel junge Fußballstars heute.

Warum sie Astrophysikerin geworden sei? Weil es dabei ums Weltall geht.
Warum sie ins Weltall will? Keine Ahnung, warum, meint sie. Ist das nicht so was in uns Menschen?

Auf jeden Fall stand die Mission vor Problemen, mit denen die männlichen Ingenieure an ihren Reißbrettern noch niemals konfrontiert worden waren. Denn, wie man ja aus dem Fernsehen weiß:

KI: „Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse“

Ob es eine Geschichte der Menstruation überhaupt gibt, kann man diskutieren. Gibt es denn auch eine Geschichte der – sagen wir mal – Transpiration? Der Konjunktion? Egal. Auf jeden Fall ist die Geschichte der Menstruation eine Geschichte von Tabus. Schließlich hat Menstruation etwas mit weiblichen Körpern zu tun, für deren Bedürfnisse sich das Patriarchat nicht so sehr interessiert hat.

Was man gut daran erkennen kann, dass sich bei der Nasa nun ausschließlich männliche Ingenieure darum kümmern mussten. Das entsprach nicht ihrer Ausbildung. Und wahrscheinlich haben sie sich schlicht nicht getraut, ihre Frauen, Schwestern, Kinder oder Mütter fragen.

Um aber nicht sofort die schwierigen Fragen zu stellen, konstruierte man auf den Reißbrettern lieber etwas Neues. Schuster, bleib bei Dienen Leisten. Man entwarf eigene Nasa-Tampons. Denn sie sollten ja nicht in der Schwerelosigkeit frei durch die Kapsel flottieren, sondern sich berechenbar verhalten. Die Nasa-Tampons waren also wie eine Bonbonkette eine ans andere gebunden und das Ende fest mit dem Shuttle verschraubt.

Gut, das wäre schon einmal gelöst. Wir können uns vorstellen, wie erleichtert die jungen Männer jetzt sind und wie sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Was kann der menschliche Erfindergeist eigentlich nicht bewältigen? Und so stehen sie da, schauen stolz auf ihre Zeichnung. Da wird der eine nachdenklich und fragt:
„Wie lang soll eigentlich die Kette sein?“
„Häh, wie meinst Du das?“, antwortet Ingenieur Nummer zwei.
„Na, sie soll halt lange genug sein“, wirft ein Dritter ein.
„Schon, schon“, meint der Frager, „Aber wie viele Tampons braucht denn eine Frau so in einer Woche?“

Schweigen in der Runde. Drei erwachsene Männer, die keine Ahnung haben.
Es ist nicht überliefert, wie viele andere Männer noch gefragt wurden, die keine Ahnung haben. Es ist aber überliefert, dass irgendwann einer der Ingenieure auf die Idee kam, einfach Sally selber zu fragen.

„Hüstel. Ach, noch eine winzige Sache nebenbei, Sally. Nur, weil’s mir gerade einfällt. Also, ich will jetzt nicht in dein Privatleben … also … eindringen. Aber nur wegen der Planung – Du weißt, wir messen jedes Gramm, das auf das Shuttle kommt. Also wir, das heißt meine Kollegen und ich, die wir gemeinsam … Nee, ist nicht wichtig. Also, wir wollten wissen, wie viele Tampons wir für die Woche einplanen sollen. Wäre einhundert so ungefähr die richtige Nummer?“
Worauf Sally antwortete: „Nein. Das wäre nicht die richtige Nummer“.
„Nicht. So so. Na ja, wir wollen halt auf Nummer Sicher gehen!“

Ach, das bringt so viele Fragen auf.
Wenn so viele Tampons notwendig sind, um auf Nummer Sicher zu gehen, was passiert denn im Fall, man wäre auf Nummer unsicher?

Wie können erwachsene Männer so wenig über die weibliche Körperhygiene wissen, dass sie tatsächlich annehmen, eine Frau würde täglich über 14 Tampons benötigen?

Wussten sie überhaupt, wie Tampons verwendet werden?

Sollten sie dann nicht auch lieber ein paar Liter Blut mit auf die Umkreisung nehmen, wenn die 100 Tampons immer noch nicht reichen, um den massiven Blutsturz aufzuhalten, der anscheinend rein rechnerisch einer normalen Menstruation entspricht?

Oder wollte man mit den Tampons im Notfall die Landung abfedern?
Oder vielleicht den Landeplatz kennzeichnen?
Vielleicht Kerosinpfützen trockenlegen?
Oder im Falle einer unerwarteten Auseinandersetzung mit der Tamponkette Aliens erwürgen?

Wir werden es niemals wissen.

Was wir mittlerweile wissen, ist, dass die Regelblutung in der Schwerelosigkeit genauso stattfindet wie auf der Erde. Nicht wie zum Beispiel bei der Durchblutung allgemein, die in der Schwerelosigkeit anders funktioniert.

Sagen die Ingenieure der VDI. Die sagen auch, dass Astronautinnen es bevorzugen, im Weltall überhaupt nicht zu menstruieren, was sie durch Medikamente steuern. Die gruselig benannte Antibabypille comes to mind, per esempio. Gab’s 1983 auch.

KI: Was ist die Moral von der Geschicht‘?

Die Geschichte des Feminismus ist eine Geschichte der Missverständnisse. Mittlerweile sind schon viele Frauen im Weltall gewesen. Die Zahlen schwanken etwas, denn man kann zum Beispiel darüber diskutieren, ob die Challenger vor der Katastrophe überhaupt das Weltall erreicht hat. Die gängigste Zählart kommt auf momentan 119 Frauen.

Wir haben also langsam, aber sicher, Fortschritte gemacht.
Eine nonbinäre Person allerdings war noch nie im All.

KI: Mir fällt gerade auf, dass ich heute überhaupt nicht zu Wort kam. War das Absicht?

Äh, nein, nein. Das war nur, weil ich so viel Material hatte.

KI: Hm. Ich traue Dir nicht.

Quellen:

Marcia Belsky: Proof That NASA Doesn’t Know Anything About Women

Wilson Pickett – Mustang Sally

Blank on Blank: Sally Ride on Dumb Questions