Von East Dulwich nach Kashgar: Wie Bertie Sheldrake vom Gurken-CEO zum König ohne Reich wurde – und warum in der Mongolei zwei englische Badewannen friedlich vor sich hinrosten.
Skript
Ich hab als Teenager „Lawrence von Arabien“ im Kino gesehen und war völlig überwältigt. Er hat damals meinen bisherigen Lieblingsfilm – Star Wars – vom Platz eins verdrängt. Aber nur bis „Indiana Jones“ erschien.
Tatsächlich waren Araber in der Popkultur lange die Guten. Das beginnt laut meiner Theorie mit Rudolfo Valentino und seinem Film „Der Scheich“ von 1921, „Lawrence von Arabien“ erscheint 1962 und am Ende steht wahrscheinlich „Rambo III“, wo ein muskelbepackter, amerikanischer Soldat mit den damals noch ach, so edlen Mujaheddin gegen die bösen Russen kämpft.
Und irgendwo in diese Zeit fällt auch die Geschichte von Pickle-Unternehmer Bertie William Sheldrake, der Beinahe-König von Beinahe-Islamistan.
KI: Was ist ein Pickle-Unternehmer? Hat Bertie Hautreiniger verkauft?
Okay, reden wir erst über Gemüse in Essig. Unsere Gewürzgurken sind Pickles. Aber natürlich kann man auch Zwiebeln, rote Beete, Oliven, Pilze oder Peperoni einlegen. Das war in England nicht nur wichtig, weil es noch keine Kühlketten gab, sondern, weil es üblich war, die englische Cuisine damit aufzupeppen. Scheibe Wabbelbrot – Gewürzgurken – Scheibe Wabbelbrot – fertig ist das Sandwich!
Die Familie Sheldrake besaß so ein Pickle-Imperium mit einer Fabrik in Walworth, in der es jahrein, jahraus, nach Essig roch. Dem neugeborenen Baby Bertie war also 1888 ein wohlhabendes Großstadtleben im Süden Londons in die Wiege gelegt. Er würde der Pickle-Imperator werden.
Und brav folgt Bertie dem Lebensentwurf, wird streng anglikanisch erzogen und sogar sieben Jahre lang Chorknabe, bis zwei neue Freunde in sein Leben kommen, die völlig andere Ansichten haben. Einer war ein Katholik – damals immer noch eher selten in England zu finden – der einen weniger verkopften Zugang zu Gott im Rüstzeug hatte und der andere ein Atheist. Die waren damals sogar noch exotischer als Katholiken.
Seine Welt gerät ins Wanken. Er beginnt viel zu lesen. Charles Bradlaug, den Freidenker, Bücher über östliche Religionen, alles, was er nur lesen kann. Unterwegs mag er sich gefragt haben: Will ich das? Pickle kaufen, Pickle produzieren, Pickle verkaufen, Pickle essen, Pickle vererben? Soll das alles sein.
Bertie landet irgendwie beim Islam und konvertiert 1904. Mit 16 Jahren. Für den Rest seines Lebens trägt er einen roten Fez und einen schmalen Schnurrbart.
KI: Kannte er denn Muslime, die ihm geholfen oder wichtige Fragen beantwortet haben?
Nein, er kannte keinen einzigen Muslim. Für den Durchschnittsengländer waren das die Personen, die in Tausendundeinernacht-Geschichten vorkamen. Selbst Bertie verwendet in seinen Briefen den Begriff „Muselmanen“, der schon damals eher despektierlich war.
Auch in der Lokalzeitung wird spekuliert. Es wird spekuliert, dass Bertie eigentlich französisch-irischer Abstimmung sei und dass er konvertiert sei, um Vielweiberei betreiben zu können. Aber doch nicht unser Bertie! Er stammt aus Suffolk, heiratet seine Frau Sybil, mit der ein Leben lang zusammenbleibt und heißt Sheldrake. Aber ab jetzt bitte nicht mehr Bertie, sondern ab jetzt bitte Khalid. Sybil konvertiert auch und entscheidet sich für den Namen Ghazia.
Und so geht Khalid in Pickles und dem Islam auf. Er gründet mit 18 Jahren, die „Young England Islamic Society“ und wir ein produktiver Autor über den Islam. Seiner Meinung stand Napoleon vor Waterloo kurz vor der Konversion. Ein Artikel, der auch in Frankreich für Aufsehen sorgt.
KI: Keiner interessiert sich für seine Kompetenz, so etwas zu behaupten?
Hab‘ ich mich auch gefragt. Ich glaube, damals war seine Entscheidung, zwar ungewöhnlich, aber in keiner Weise besorgniserregend. Es ist nicht so wie heute, wo die so viele keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus machen. Khalid war halt … exzentrisch. Er hatte einen Spleen, wie man auf den britischen Inseln sagt.
Seine Kompetenz kam wahrscheinlich daher, dass es niemandem gab, der in zeitgenössischem Englisch über den Islam schrieb. Er hatte mittlerweile bei der Gründung von drei Moscheen geholfen – eine in seinem Haus in der Fenwick Road, gab Zeitschriften heraus und hatte den Koran übersetzt. In Esperanto. Er glaubte, diese Kunstsprache könne „die Barrieren von Hautfarbe, Glauben und Kaste niederreißen“. Ein Idealist durch und durch.
Wenn es zu einem Fachgebiet nur einen Fachmann gibt, ist der automatisch die Koryphäe.
KI: Konifere hin oder her – aber wird man König? Ich frage für einen Freund.
1933 erscheint eine Delegation aus Xinjiang in Khalids Haus in der Gaynesford Road in Forest Hill. Die Uiguren hatten gerade die „Islamische Republik Ost-Turkestan“ ausgerufen und suchten internationale Anerkennung. China ignorierte sie. Russland ignorierte sie. Afghanistan, Japan, die Sowjetunion, Großbritannien – alle ignorierten sie. Aber Khalid Sheldrake ignorierte sie nicht.
Die Delegation trank Tee, bewunderten Ghazias Ringelblumen und Dahlien im Garten, wahrscheinlich gab es Gurkensandwiches und dann kam die Frage: Würden Dr. Sheldrake und seine Frau König und Königin der frischgebackenen Republik werden und das Land regieren? Vielleicht spekulierte man darauf, dass man auf diese Weise auch die Unterstützung Großbritanniens einkaufen konnte.
Später sagte Khalid dazu: „Ich hatte die Wahl, Monarch zu werden oder diese ernsten und armen Menschen abzulehnen, die dann vielleicht den Mut verlieren und verzweifeln oder einem politischen Abenteurer zum Opfer fallen würden.“
Das klingt edel. Vielleicht glaubte er es sogar. Ich nehme es ihm ab.
Er machte sich sofort auf den Weg gen Osten, hielt Vorträge über den Islam auf den Philippinen, in Borneo, Singapur und Hongkong. Gegenüber einem Reporter der South China Morning Post erwähnte er nebenbei, dass man ihm die Königswürde angeboten habe – aber psst, das sei geheim! Keine vier Wochen später schrieb die New York Times über den neuen König.
Im Mai 1934 erreichte Khalid Peking und checkte im Hotel als „Seine Majestät König Khalid von Islamistan“ ein. Mittlerweile war die königliche Robe, die sich Ghazia in Sydenham anfertigen hatte lassen, fertig und sie reiste ihm hinterher.
Gemeinsam machten sie sich per Kamelkarawane auf den 4.000 Kilometer langen Weg nach Kashgar. Ghazia hatte in Croydon zwei Metall-Badewannen gekauft, die sie undbedingt mitnehmen wollte. Zwei Badewannen. Auf einem Kameltreck durch Zentralasien.
KI: Und in England bekam das niemand mit?
Oh doch. Die britische Presse war damals schon die britische Presse und hatte ihren Spaß: „Der Gurken-König von Tartarien!“, oder „Er hat die Gurkenfässer seiner Vorfahren für immer verlassen!“ Niemand berichtete über die geopolitischen Komplexitäten, über den vorherigen Herrscher, der enthauptet worden war, über die Warlords, die von China und Russland unterstützt wurden. Es war alles ein großer Witz. Manche Zeitungen verwendeten nicht mal Khalids Foto, sondern einfach das Bild irgendeines Muslims mit Fez.
Aber für Khalid war es kein Witz. Im Juni 1934, als er und Ghazia endlich beinahe in ihrem Königreich ankamen, gab es dieses schon nicht mehr. Die Sowjetunion hatte die Republik gestürzt und den Warlord Sheng Shicai eingesetzt, der seine Truppen auf die beiden Briten hetzte.
König Khalid und Königin Ghazia flohen nach Hyderabad. Khalid verkündete: „Ich bin nicht bereit, die Schachfigur in irgendeinem politischen Spiel zu sein. Ich ziehe es vor, ein abwesender König zu sein. Ich warte auf Ereignisse, bevor ich tatsächlich in mein Königreich gehe.“
KI: König im Exil ist in der Regel eine Daueranstellung. Stimmt’s – die Ereignisse kamen nie?
Die Ereignisse kamen nie. Die Sheldrakes kehrten nach Forest Hill zurück, zogen später nach Harrow. Khalid arbeitete im Zweiten Weltkrieg für den British Council in Ankara, kaufte saure Gurken in der Türkei für das Familiengeschäft und starb 1947. Keine Nachrufe. Keine Erwähnung in der Presse. Der Name Khalid Sheldrake verschwand aus der Öffentlichkeit.
Irgendwo in den unendlichen Steppen der Inneren Mongolei stehen immer noch zwei rostige Badewannen aus England, male ich mir aus.
KI: Die Moral von der Geschicht?
Kein bisschen Mitgefühl? War das nicht eine romantische Geschichte?
Es ist aber auch eine Geschichte über das Britische Empire, dass seine größte Ausdehnung zwar noch nach dem Ersten Weltkrieg erreicht hatte, aber der Lack war ab. Es bröselte. Die Geschichte von Khalid und Ghazia ist wie einer der ersten Schlussakkorde dieser Art von Imperialismus. Ein weißer Engländer aus einem Vorort, der sich für kompetent genug hält ein muslimisches Land in Asien zu führen – das während seiner Anreise verschwindet.
Aber für mich persönlich ist es auch eine Geschichte von jemandem, der eine eigene Meinung entwickelt und diese konsequent verfolgt. Jemand, der an seine Überzeugungen glaubt. Er setzte sein Vermögen ein, um Moscheen zu bauen. Er verteidigte jemenitische Seeleute vor dem Parlament. Er nahm eine Einladung an, die kein vernünftiger Mensch angenommen hätte, wahrscheinlich auch, weil er glaubte, er könne helfen. Doch, ich nehme ihm das ab.
Es ist die wahre Geschichte vom Gurkenkönig, der wusste, dass man etwas Anderes sein kann als das, was einem in die Wiege gelegt wird.
Quellen:
Wikipedia (englisch): Khalid Sheldrake
Der etwas anderer Blickwinkel einer Lokalzeitung (englisch): Khalid Sheldrake
Urban Muzlims: The Enigmatic Journey of Khalid Sheldrake: From Pickle Manufacturer to Would-Be King