Zombies: Einfach nicht totzukriegen

Ein kurzer wissenschaftlicher Überblick über die Evolutionsgeschichte der Gattung Mortuus vivens – laienhaft auch ‚Zombies‘ genannt. Beantwortet wird auch die Frage, warum sie aus Film und Fernsehen einfach nicht mehr wegzudenken sind.

Skript

Sehr verehrte Hörerinnen und Hörer – auch diejenigen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die uns heute zugeschaltet sind – und willkommen beim Explikator!

Heute begeben wir uns auf die Spurensuche nach einer faszinierenden Spezies, die über Jahrzehnte eine beispiellose Ausbreitung erlebt hat, mittlerweile aber wieder vom Aussterben bedroht scheint. Kreaturen, die unser Verständnis von Leben und Tod herausfordern und deren Verhalten Wissenschaftler weltweit in Atem hält.

Die Rede ist natürlich von Mortuus vivens – der Gattung der wandelnden Toten.

KI: Noch nie gehört. Wo wurde diese Spezies zum ersten Mal gesichtet?

Die ersten dokumentierten Exemplare von Mortuus vivens – Unterart haitianus – wurden vor hundert Jahren auf Haiti beobachtet. Der Anthropologe William Seabrook berichtete 1929 in seinem Werk „The Magic Island“ von eigenartigen Kreaturen: aufrecht gehende, sehr menschenähnliche Wesen, aber ohne erkennbaren eigenen Willen. Willenlose Arbeiter auf Zuckerrohrfeldern, angeblich kontrolliert durch lokale Hexenmeister, sogenannte Bokors.

Diese haitianische Unterart zeichnet sich durch ihre extreme Lethargie aus. Aggressive Verhaltensweisen? Fehlanzeige. Ernährungsverhalten? Nicht dokumentiert. Intelligenz? Nicht vorhanden.

Mortuus vivens haitianus ist, zoologisch betrachtet, unspektakulär.

KI: Lethargisch, unspektakulär, Intelligenz nicht vorhanden? An wen erinnert mich das? Ach! An Dich!

Aber dann verdichteten sich neue Beobachtungen rund um die Welt. Dass wir heute bei dieser Spezies sofort an fleischfressende Horden denken, verdanken wir einer revolutionären Entdeckung in den späten 1960er Jahren.

1968 veröffentlichte der Verhaltensforscher George A. Romero seine bahnbrechende Dokumentation „Night of the Living Dead“. Und damit veränderte sich alles, was wir über Mortuus vivens zu wissen glaubten.

Romero beobachtete eine völlig neue Variante. Diese Art war nicht mehr willenlos und kontrollierbar, sondern jagte aus eigenem Antrieb. Und: Sie fraß Menschenfleisch. Die Ansteckung erfolgte durch Bisse – jedes Opfer wurde selbst zum Jäger. Ein exponentielles Wachstumsmodell, das jeden Epidemiologen in Panik versetzte.

Interessanterweise nannte Romero diese Kreaturen in seiner Veröffentlichung selbst „Ghouls“. Er akzeptierte die wissenschaftliche Bezeichnung natürlich, schließlich wurde er im Namen verewigt. Mortuus vivens romeroi.

Mortuus vivens romeroi war schneller, aggressiver, und vor allem: infektiös in einem Maße, wie es die Welt nicht für möglich gehalten hatte.

KI: Bist Du dann auch ansteckend? Überträgt sich das durch Audiodateien? Ich frage nur wegen meiner Fans.

Wie? Jetzt hast Du schon eigene Fans? Moment, wo war ich?

Romeros Beobachtungen waren auf jeden Fall so präzise, so schonungslos, dass sie Millionen Menschen verstörten. Hier wurde erstmals dokumentiert, wie fragil die menschliche Zivilisation ist, sobald sie von Mortuus vivens romeroi heimgesucht wird.

1978 zeigte Romero in seiner Folgestudie „Dawn of the Dead“, wie diese Zombies instinktiv Einkaufszentren aufsuchten – ein faszinierendes Beispiel für Restverhalten aus dem Leben vor dem Tod.

1985 dokumentierte der Forscher Dan O’Bannon in „Return of the Living Dead“ eine Unterart, die es speziell auf menschliche Gehirne abgesehen hatte. Ihr Erkennungsruf, weithin in den leeren Betonschluchten zu hören, war „Braaains!“.

KI: Das kann ich sehr gut verstehen. Braaains ist genau das, was diesem Podcast fehlt.

Doch Mitte der 1990er Jahre geschah etwas völlig Überraschendes: In Japan tauchten neue Varianten auf. Zunächst in kontrollierten Laborumgebungen – in den berühmten Verhaltensforschungs-Instituten von Capcom und Sega.

1996 wurden die ersten Exemplare dokumentiert: In Capcoms Studie „Resident Evil“ wurden zum ersten Mal infizierte Hunde dokumentiert. Das erschütternde: Diese Vierbeiner rannten auf ihre Opfer zu.

Im selben Jahr belegte Segas Arbeit „The House of the Dead“ dann tatsächlich auch laufende menschliche Exemplare. Nicht das langsame Dahinstolpern von Mortuus vivens romeroi – nein, diese Kreaturen sprinteten richtiggehend. Sie konnten schwimmen. Sie konnten springen.

KI: Gut. Da hört die Artverwandheit zu Dir auf.

Mortuus vivens velox – so die wissenschaftliche Bezeichnung dieser Erstbeobachtungen – zeigte, dass Geschwindigkeit ein enormer evolutionärer Vorteil sein konnte. Die Art verbreitete sich folgerichtig rasant über die Welt. Zunächst inspirierte sie asiatische Forscher: „Bio Zombie“ (1998), „Versus“ (2000), „Stacy“ (2001). Dann wurden die ersten Beobachtungen außerhalb Asiens gemeldet.

2002 dokumentierte Danny Boyle in „28 Days Later“, wie effektiv Mortuus vivens velox sich evolutionäre Vorteile gegenüber Homo sapiens sicherte. 2004 folgte deswegen auch eine Neuuntersuchung von „Dawn of the Dead“.

Der Verhaltensforscher Simon Pegg – der seine Arbeit „Shaun of the Dead“ 2004 veröffentlichte – kritisierte später scharf in einem Fachaufsatz: „Langsam und stetig in ihrem Vorgehen, schwach, tollpatschig, oft absurd – der ursprüngliche, der wahre Mortuus vivens rückt unaufhaltsam näher, unaufhörlich, unnachgiebig.“ Dass sich die Forschung nur noch auf Unterarten konzentriere, die wütend kreischen und wie Velociraptoren herumlaufen, erschwere den Menschen das Verständnis des Problems.

Mortuus vivens romeroi wirkte nun wie ein tragischer Anti-Held. Man konnte ihm ausweichen, mit etwas Umsicht überleben. Mortuus vivens velox war einfach nur tödlich.

KI: Tragischer Anti-Held? Das klingt nach Groschenroman. Gibt’s das auch als Romantasy?

Ja, das ist tatsächlich passiert, so bizarr es klingt. In den 2010er Jahren entwickelten sich einzelne Mutationen in eine Richtung, die keine Forschungseinrichtung vorhergesehen hatte. Sie wurden …

KI: Intelligent? Erfolgreich? Berühmt?

Nein. Sie wurden … na ja … nett?

2013 dokumentierte die Studie „Warm Bodies“ diese bizarre Mutation: Mortuus vivens romanticus. Beobachtet wurde ein Exemplar, das sich in einen Homo sapiens verliebte. Das sprechen konnte. Das Gefühle hatte.

Auch die Langzeitbeobachtung „iZombie“ zeigte ähnliche Exemplare mit intakter Persönlichkeit, die mit Menschen zusammenlebten, ja sogar Beziehungen führten.

Wissenschaftler wie Scott Rogers stellten die These auf, dass hier eine ähnliche Transformation stattfand wie einst bei Wölfen, die zu Hunden wurden: Die Domestikation des Mortuus vivens.

KI: Eine Frage – lass es mich musikalisch ausdrücken: „Wo sind all die Zombies hin? Wo sind sie geblieeeben?“

Das ist die große Frage. Mitte der 2010er Jahre erreichte die Spezies wohl ihren evolutionären Höhepunkt: Die Langzeitstudie „The Walking Dead“ fand weltweite Beachtung, die Feldforschung „World War Z“ wurde international immerhin noch rezipiert. Dann aber – plötzlicher Zusammenbruch der Population.

Was war passiert? Vermutlich eine Kombination aus Überpopulation und Habitatverlust. Zu viele Veröffentlichungen, zu viele Langzeitstudien, zu viele Laborexperimente. Das Fachpublikum war übersättigt.

KI: Gibt es noch Hoffnung für die Spezies?

Es gibt Anzeichen. In Japan entwickelte sich 2017 mit „One Cut of the Dead“ eine Meta-Beobachtung – eine Dokumentation über das Dokumentieren von Mortuus vivens, die weltweit Anerkennung fand. Und koreanische Forschungseinrichtungen zitieren mit Arbeiten wie „Train to Busan“ und „Alive“ bemerkenswerte neue Ansätze.

Jüngst dokumentierte „The Last of Us“ Exemplare, die von einem Pilz kontrolliert werden – Mortuus vivens cordyceps. Eine faszinierende Rückkehr des Evolutionsdrucks hin zu den kontrollierten Verhaltensformen des Mortuus vivens haitianus.

KI: Und was ist die Moral von der Geschicht?

Warum wir kollektiv entschieden haben, dass Zombies die Medien-Monster des 21. Jahrhunderts sind, hat, meiner Meinung nach, zwei Gründe.

Als Mensch einer Masse von anonymen Monstern gegenüberzustehen, könnte eine Spiegelung der Erfahrungen sein, die man im Internet so ähnlich machen kann. Es ist kinderleicht, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn man Kommentare liest. Selbst unter Herzschmerzvideos wie „Heldenhaftes Baby rettet Eisbären aus Müllauto“ findet sich in Kommentaren so viel Hass, dass man laut „Braaains“ schreien möchte.

Trotzdem glaube ich, dass der eigentliche Grund einfacher ist. Content, Content, Content, wenn man alle Staffeln von „The Walking Dead“ und dessen Spin-Offs zusammenrechnet, kommt man auf 280 Stunden Spieldauer. Die haben laut Branchenschätzungen ungefähr 1,2 Mrd. Dollar gekostet.
Macht 4,3 Mio Dollar pro Stunde.

Klingt teuer, ist aber supergünstig. Denn ein Zombie ist schlicht ein Komparse plus Schminke. Und nur die erste Reihe braucht die wirklich gute Schminke, für die Zombies in der letzten Reihe nimmt der Aufwand ab. Da reicht es oft, sie morgens auf den Kaffee verzichten zu lassen.

Nehmen wir als Vergleich die drei Star-Wars-Sequel-Filme – einfach weil die zusammen auch auf 1,2 Mrd Dollar Produktionskosten kommen – reden wir von sieben Stunden und 12 Minuten Spieldauer.
Das macht nicht 4,3, sondern 171 Mio. Dollar die Stunde.

Und, Zusatzbonus der Zombies: Den Protagonisten erlauben Zombies, ohne jegliches schlechtes Gewissen, zu metzeln, dass die Hirnmasse, die Gedärme und das Blut nur so spritzt. Und das sehen anscheinend viele Menschen gerne, während sie auf dem Sofa fläzen und darauf warten, dass endlich der Pizzabote klingelt.
Guten Appetit!

Quellen:

Die genannten Filme und Serien und natürlich die Wikipedia (englisch), ein echter long read.