Das Kino ist tot. Schon wieder!

Filme heute sind so schlecht! Heißt es. Aber: Das Gleiche wurde schon in den 70ern gesagt. Und in den 50ern. Und in den 20ern. Eine Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte Kulturpessimismus – von der Tonfilm-Panik bis zur Netflix-Hysterie.

Skript

Wie jeder weiß, sind Filme heute so richtig schlecht. Vor zwanzig Jahren war einfach alles besser, da sind sich Tiktok, Instagram und besonders Youtube ganz sicher.

Schuld am Niedergang sind viele Dinge, so prominente Youtuber: Die Tatsache, dass Filme wegen der Streamingplattformen möglichst schnell gedreht werden. Die Tatsache, dass das Publikum auf dem Sofa nebenbei durch soziale Medien scrollt und deshalb wichtige Handlungspunkte ständig wiederholt werden müssen. Die Tatsache, dass es nur noch Sequels gibt. Die Tatsache, dass alles mit diffusem Licht gedreht wird, damit man die Falten der Stars, die mittlerweile alle über 50 sind, nicht sieht. Die Tatsache, dass alle Stars über 50 sind. Die Tatsache, dass digitale Kameras irgendwie schlechter sind oder aber zu gut. Die Tatsache, dass zu viel CGI verwendet wird und CGI ist irgendwie an und für sich schlecht.

KI: Und, dass die Drehbücher mittlerweile von der KI geschrieben werden.

Ja, danke, KI – das ist angeblich auch eine Tatsache. Ich bezweifele das.

KI: Ach, das traust Du mir nicht zu?

Genau. Aber ich bezweifele die ganze These. Seitdem ich mich für das Kino interessiere, war das Kino früher viel besser. Und ich kann die These belegen.

KI: Ach, wieder so eine historische Exkursion? Stört’s Dich, wenn ich schnell eine Nickerchen einlege?

Fang schon mal an zu gähnen, ja. Denn ich nehme dich mit auf eine Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte Kulturpessimismus.

Starten wir in den späten 1970ern. Heute gelten die als das „Goldene Zeitalter“ des New Hollywood. Coppola, Scorsese, Altman – lauter Genies, die persönliche, erwachsene Filme machten. Hieß es. Kann man auch diskutieren, ist aber nicht grundfalsch. Aber dann kam 1975 Steven Spielberg mit einem Film über einen Hai daher, der Leute frisst. Und zwei Jahre später schickte George Lucas Weltraumritter mit Laserschwertern ins Rennen.

Und was passierte? Die Kritiker drehten durch. In Amerika, aber auch hier in Deutschland. Die warnten vor dem Untergang des anspruchsvollen Kinos. Denn diese neuen „High Concept“-Filme – Filme, deren Handlung man angeblich in einem Satz zusammenfassen kann – galten als infantiler Rückschritt. „Hollywood produziert nur noch für Teenager!“, hieß es. „Das charaktergetriebene Kino für Erwachsene stirbt aus!“

Kennst du diese Argumente irgendwoher? Genau. Nur dass heute niemand mehr auf die Idee käme, „Der weiße Hai“ oder „Star Wars“ als den Tod des Kinos zu bezeichnen. Im Gegenteil: Die sind mittlerweile selbst Teil der guten alten Zeit, die ja immer schon besser war.

KI: Lass mich raten: Vor den Siebzigern war bestimmt auch schon alles besser, oder?

Exakt! Spulen wir noch zwei Jahrzehnte zurück. Die 1950er Jahre. Hollywood hatte ein Problem: das Fernsehen. Plötzlich saßen die Leute zu Hause vor der Röhre, statt ins Kino zu gehen. Was also tun? Größer werden! Breiter! Spektakulärer!

Also führte man Breitbildformate wie CinemaScope ein. Sogar 3D wurde ausprobiert – mit den ikonischen Rot-Grün-Pappbrillen. Die Idee war: Wir müssen den Leuten etwas bieten, das sie zu Hause nicht bekommen können.

Und die Kritiker? Die bemängelten genau das, was heute über Marvel-Filme gesagt wird: Zu viel Spektakel, zu viel Technik, zu wenig Tiefe. Die Intimität der Geschichten gehe verloren, hieß es. Charaktere würden dem visuellen Bombast geopfert.

Kommt dir das bekannt vor? Sollte es. Denn es ist Wort für Wort das gleiche Argument, nur dass damals „CGI“ noch „Coast Guard Intelligence“ bedeutete.

KI: Okay. Aber viel weiter kann man nicht mehr in die Vergangenheit, oder?

Oh doch. Und jetzt wird’s richtig interessant. Denn der erste große „Das Kino ist tot“-Moment kam Ende der 1920er Jahre. Der Grund? Der Tonfilm.

Jahrzehntelang war das Kino stumm. Eine universelle Kunstform der Pantomime, der Gestik, der Montage. Charlie Chaplin brauchte keine Worte. Buster Keaton auch nicht. Die Bilder erzählten die Geschichte, und zwar weltweit, egal welche Sprache man selber sprach.

Und dann kamen plötzlich Filme, in denen Menschen sprachen. Und die Kunsttheoretiker – allen voran Rudolf Arnheim – waren entsetzt. Der Ton, so argumentierten sie, würde die visuelle Sprache des Films zerstören. Das Kino werde zu einem „abgefilmten Theaterstück“ degradiert und verliere seine künstlerische Autonomie.

Man fürchtete, dass die Zuschauer nun nur noch passiv zuhören würden, statt die Bilder aktiv zu interpretieren. Das sei das Ende der Filmkunst, wie man sie kannte.

KI: Gut, gut. Aber vielleicht haben die Kritiker ja recht. Vielleicht war Charlie Chaplin der Höhepunkt des Kinos?

Nein. Aber vielleicht Laurel & Hardy? Just Kidding. Hier kommt die Psychologie ins Spiel. Unser Urteil über „früher war alles besser“ ist nämlich kognitiven Problemen geschuldet.

Erstens: dem Survivorship Bias. Wir vergleichen die besten ein Prozent der Filme von vor zwanzig Jahren mit dem gesamten Output von heute. Nehmen wir das Jahr 2006. Was haben wir uns gemerkt? Vielleicht „The Departed“, vielleicht „Casino Royale“, wahrscheinlich „Children of Men“.

Aber den Müll von 2006 haben wir schlicht vergessen. Niemand redet mehr über „Date Movie“ oder „Scary Movie 4“ oder „The Benchwarmers“ – auf Deutsch „Die Bankdrücker“. Schon mal gehört? Eben. I’ll Rest My Case.

Zweitens: der sogenannte „Reminiscence Bump“. Studien zeigen, dass Menschen Medien – Musik, Filme, Bücher –, die sie zwischen 15 und 25 konsumiert haben, lebenslang als qualitativ am hochwertigsten empfinden. Nicht, weil sie objektiv besser waren, sondern weil unser Gehirn in dieser Zeit besonders formbar ist und Erinnerungen intensiver speichert.

Mit anderen Worten: Wenn du heute 40 bist und denkst, dass die Filme um die Jahrtausendwende unschlagbar waren, dann nicht, weil sie es waren. Sondern weil du damals 20 warst und „The Matrix“ dein Gehirn umgekrempelt hat.

KI: Kognitive Probleme. Das erklärt alles. Menschen und ihre Einbildung. Kenne ich.

Nicht ganz. Denn es gibt tatsächlich eine Veränderung. Aber die hat weniger mit den Filmen zu tun als mit uns.

Was sich, beschleunigt durch die Pandemie, wirklich verändert hat, ist das Kino selbst – nicht als Kunstform, sondern als Ort, als Ritual. Das Kino selber ist mittlerweile Teil der nostalgischen Verklärung.

Denn selbst die härtesten Kritiker der modernen Filme – die Youtuber, die über den Niedergang des Kinos lamentieren – schauen sich ihre Filme lieber vom Sofa aus auf dem 70-Zoll-Monitor an. Kann man halt fürs Pinkeln besser auf Pause drücken. Kann man halt im Schlafanzug sein. Kann man halt nebenbei auf dem Telefon Kurzvideos zum Niedergang des Kinos gucken.

Bedingt durch das Streaming hat sich der Film gewandelt. Der Neunzig-Minuten-Film mit neuen Figuren, neuer Handlung und neuen Ideen wurde abgelöst durch etwas, das man – nostalgischerweise – Serien nennt.

Früher wurde die Kulturerinnerung durch Filme geprägt, heute sind es Serien. Früher musste man den Paten gesehen haben, heute Breaking Bad. Früher musste man Unheimliche Begegnung der dritten Art gesehen haben, heute Stranger Things. Früher waren es Sissi-Filme, heute Downtown Abbey.

KI: Und was ist die Moral von der Geschicht?

Das Kino stirbt seit seiner Erfindung. Wie das Buch und das Theater und der Rock’n roll. Aber keine Angst: Alle haben noch einen messbaren Puls.

Der Film hat sich seit den Gebrüdern Lumierè immer wieder neu erfunden. Es ist eine kulturelle Evolution. Bewegte Bilder – mit Ton, 3D, 48 Frames per second oder vielleicht Augmented Reality – sind und werden noch einige Zeit ein kulturell wichtiges Unterhaltungsformat bleiben.

Kurz: Es gibt keinen objektiven Grund, aus nostalgischen Gründen ein Kulturpessimist zu werden.

Quellen:

Youtube: “Netflix Lighting” and the Death of Cinematography
Youtube, empfehlenswert: Why Movies just Don’t Feel „Real“ Anymore
Youtube: Why Modern Movies Suck – They’re Completely Forgettable
Zeitgeschichte-Online: You’re gonna need a bigger budget
Videolyser: Die Geburt des „New Hollywood“ in den 1970ern – Revolution im amerikanischen Kino
Roger Behrens: Die Ästhetik des Materials. Der Medientheoretiker Rudolf Arnheim