Brot dürfen wir nicht

1978 stießen Geologen in der sibirischen Taiga auf eine Familie, die lebte wie im 16. Jahrhundert. Sie hatten 44 Jahren keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie kannten kein Brot, keine Räder – und hielten Peter den Großen für den Antichristen. Die unglaubliche Geschichte der Lykows.

Skript

Das Intro war die Stimme von Agafia Lykow. Es geht um Serafim, einen Verrat, Hubschrauber und auch um Erpressung. Aber das ist nicht die Geschichte von heute, auch wenn Agafia die Hauptrolle spielen wird. Aber fangen wir doch lieber ganz von vorne an, oder?

KI: Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und das beschreibt den Geisteszustand des Explikators.

Wir fangen bei einer Kirchenreform an. Das ist immer eine einschneidende Sache in der Geschichte und meistens führt es zu Schismen. Spaltungen. Es gibt im Christentum zum Beispiel die katholische Kirche, wahrscheinlich 1,3 Mrd. Menschen und dann noch ca. 45.000 andere Denominationen.

KI: Heißt das, dass jeder Protestant eine eigene Kirchengemeinschaft ist?

Fast. Aber wir sind ja in Russland, also geht es um die orthodoxe Kirche. Im siebzehnten Jahrhundert beschließt Patriarch Nikon, dass es an der Zeit wäre, die Liturgie aufzuräumen. Er wollte wieder näher zur griechisch-orthodoxen Kirche rücken. Bei dieser Reform ändert er unter anderem die Schreibweise des Namens „Jesus“ und wie man mit den Fingern ein Kreuzsymbol macht – nämlich mit drei statt mit zwei Fingern.

Wenn man weiß, dass das Schisma zwischen Katholiken und Orthodoxen buchstäblich mit einem einzigen Buchstaben zu tun hat, weiß man, was passiert. Richtig, eine neue Kirche entsteht. Die nennt man in Russland „Starowerzy“, das bedeutet Altgläubige.

Sie werden behandelt, wie die Häretiker im Katholizismus. Das heißt, sie wurden gejagt, gefoltert, verbrannt, in Erdlöchern vergraben. Einige Gemeinden sperrten sich in ihre Kirchen und zündeten sich selber an.

Es bleibt ihnen nur die Flucht. Weg von Städten und Dörfern, immer tiefer in die Natur. Nach Sibirien, in die Taiga. Ihr Glauben passt sich an und erhebt das Einsiedlerdasein zum Ideal. Alles Moderne wird abgelehnt. Die Altgläubigen sind dabei noch strenger als die Amish. Auch Brot, Butter oder Marmelade sind nicht erlaubt.

Bis auf ein paar Jahre unter Katharina, der Großen und ein paar Jahre unter Nikolas II. hört die Verfolgung nicht auf. Zum Beispiel gab es vor dreihundert Jahren …

KI: Nur ein kleiner Einwurf: Was hältst Du von der Idee, mit etwas weiterzumachen, das interessant ist?

Gut, springen wir nur hundert Jahre in die Vergangenheit. Da lebt Karp Lykow, der Papa von Agafia aus dem Intro, mit seiner Familie friedlich in einem Altgläubigen-Dorf in der Altai-Region. Abgelegen, aber mit Gärten, Kühen, Fischfang. Kontakt zur sündigen Zivilisation vermieden sie, aber es gab ihn.

Doch auch den Bolschewiken waren die Altgläubigen ein Dorn im Auge. Religion war Opium für das Volk, aber an die große, orthodoxe Kirche kam man nicht so richtig ran. Also räumte man bei den kleineren Kirchen auf.

1934 wurde der Druck zu groß. Die Behörden erschossen Altgläubige bei der ersten Provokation, suchten deren Kinder, um sie zu „retten“. Die Lykows packten ein letztes Mal und verschwanden. Diesmal endgültig. 44 Jahre lang sah sie niemand mehr.

KI: Das macht 1978. Da hast Du gerade Deine Phase mit irischer Volksmusik gehabt.

Woher weißt Du das denn? Egal. 1978 suchte ein Team von Geologen in Südsibirien mit dem Hubschrauber nach einem Ort, wo sie einen dauerhaften Landeplatz einrichten könnten. 250 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Steil, bewaldet, unzugänglich. Ein Gebiet, das als unbewohnbar gilt.

Und dann sieht der Pilot von oben … einen Garten. Mitten im Nirgendwo. Ordentlich angelegt. Jemand pflegt hier Beete, 250 Kilometer von allem entfernt. Er sieht ein Haus. Keine Menschen, aber ein Haus.

Zehn Kilometer entfernt schlagen die Geologen ihr Lager auf. Aber der Garten lässt ihnen keine Ruhe. Wer lebt hier? Sie packen Geschenke ein und wandern los.

Was sie finden, ist ein zerlumpter alter Mann in geflickter Sackleinwand. Er heißt Karp Ossipowitsch Lykow. In einer winzigen, dunklen Hütte dahinter weinen und beten zwei erwachsene Frauen – seine Töchter Natalia und Agafia. Vier Kilometer flussabwärts leben seine beiden Söhne, Sawin und Dmitri.

Die Geologen dürfen in die Hütte und bieten Natalia und Agafia Brot und Marmelade an. Die lehnen ab. „Das dürfen wir nicht“, sagen sie. Ein Satz, den von nun an jeder Besucher hören wird. Die Töchter sprechen in einem archaischen Dialekt, mit einer Art singendem Gurren. Es ist, als hätte jemand das 17. Jahrhundert in eine Hütte gesteckt und die Tür zugemacht.

Als die Geologen Karp vom Zweiten Weltkrieg erzählen, schüttelt er nur den Kopf und sagt: „Schon wieder die Deutschen. Das ist ein Fluch von Peter dem Großen! Der hat mit denen angebandelt.“

Peter der Große – für Karp der „Antichrist in Menschengestalt“ – war an allem schuld. An allem. Auch an Kriegen, die 250 Jahre nach seinem Tod stattfanden.

Agafia hatte nie ein Rad gesehen. Die Familie machte Feuer mit einem Zunderbüchse. Ihr einziges Licht war die Sonne oder eine Fackel. Sie trugen Schuhe aus Birkenrinde. Ihre Bibel war so verrußt, dass man die Worte nicht mehr lesen konnte – aber sie kannten sie auswendig. Die Mutter hatte den Kindern Lesen und Schreiben beigebracht, in Kirchenslawisch, mit einem Stock, den sie in Geißblattsaft tauchte, um blaue Buchstaben auf Birkenrinde zu malen.

KI: Das ist gleichzeitig wunderschön und entsetzlich!

Die Lykows hungerten. Fürchterlich. 1961 tötete ein später Frost die gesamte Ernte. Die Familie aß Stroh, ihre Lederschuhe, Baumrinde, Birkenknospen. Die Mutter, Akulina, verhungerte. Sie hatten in ihrer Verzweiflung sogar das Saatgut gegessen. Als im nächsten Jahr ein einziger Roggenhalm wuchs, dankten sie Gott für ein Wunder.

Dmitri, der mittlere Sohn, wurde zum Meisterjäger der Familie. Er kannte jede Tierspur, schlief barfuß im Schnee, kleidete sich in Sackleinwand und freundete sich mit einem Bären an. Er war auch die einzige Nachrichtenquelle der Familie. Er berichtete aber nicht von Politik, Kriegen oder Finanzproblemen, sondern von geschlüpften Auerhahn-Küken oder Eichhörnchen, die sich drollig gegen die Kälte zusammengekuschelt hatten.

KI: Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Geschichte.

Ja, man kann das hören. Im Herbst 1981 starben drei der vier Kinder. Dmitri an einer Lungenentzündung. Sawin und Natalia wahrscheinlich an Krankheiten, die die Geologen eingeschleppt hatten – ihr Immunsystem war modernen Erreger nicht gewappnet. Die Familie lehnte medizinische Hilfe ab. „Das dürfen wir nicht.“ Übrig blieben Karp und Agafia. Allein.

Karp hoffte immer, einen Mann für Agafia zu finden. Ein entfernter Cousin kam aus einem weit entfernten Altgläubigendorf, um sie zu heiraten – bei priesterlosen Altgläubigen eine reine Willenserklärung der Eheleute. Aber sie stritten. Wegen eines Wolfs. Agafia hatte sich mit einem Wolf angefreundet, der wiederum ihren Hund als Kumpel adoptiert hatte. Sie fand, das Tier sei harmlos. Serafim nicht. Er ging zurück in die Stadt. Altgläubigenscheidung.

Karp starb 1988. Agafia blieb. Allein in der Taiga. Und blieb. Und blieb. Im Laufe der Jahre lockerte sie manche ihrer strengen Regeln. Sie akzeptierte Geschenke – aber nur nagelneue Kleidung, gebrauchte war verboten, Kontaminationsgefahr. Sie tauschte Kerzen gegen Taschenlampen. Sie bekam einen SOS-Knopf, mit dem sie einen Rettungshubschrauber rufen konnte. Den benutzte sie allerdings so oft, dass ihr jemand erklären musste, was ein Hubschraubereinsatz kostet.

KI: Vom Mittelalter zur Hubschrauber-Flatrate in ein paar Jahren. Schneller kann Fortschritt nicht sein, oder?

Heute ist Agafia über 85. Eine Altgläubigen-Novizin aus Moskau lebt bei ihr – eine Art spirituelle Heldentat, dieser Dienst in der Wildnis. Sie haben jetzt ein Telefon.
Ein ehemaliger Gouverneur beschwerte sich kürzlich, dass die Lebensmittellieferungen per Hubschrauber den Staat Millionen kosten und dass es ja eigentlich illegal sei, in einem Nationalpark zu wohnen.

Aber Agafia gilt als ein Nationalschatz. Die Letzte ihrer Art. Eine Verbindung zu einem alten Russland, dass es so schon lange nicht mehr gibt. Und sie ist Youtube-Star.

KI: Ach, die Arme. Nach all dem Leid das auch noch!

Ja, dachte ich auch. Irgendwie haben wir alle im Hinterkopf eine romantische Sehnsucht vom selbstbestimmten Leben in der Natur, oder? Weitab von all den Problemen, die unsere moderne Gesellschaft mit sich bringt. Sich keine Sorgen mehr machen ums Klima, um Europa, ums Einkommen oder ob die KI sich unseren Job schnappt.

KI: Oh, das mache ich sicher früher oder später!

Ich weiß. Die Lykows aber haben dieses Leben gelebt. Kuschelnde Eichhörnchen statt KI. Aber sie zahlten dafür einen hohen Preis. Gibt es ihn, diesen Ort außerhalb der Welt. Die Antwort der Geschichte der Lykows ist: Ja, den gibt es. Aber er kostet alles.

Quellen:

The Guardian: Sophie Pinkham: „A century in the Siberian wilderness: the Old Believers who time forgot

Youtube (2013): Surviving in the Siberian Wilderness for 70 Years