So wie bei der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg neigen auch italienische Hexen und Hexer dazu, sich jährlich zu versammeln und orgiastische Rituale zu feiern. In Benevento, der Stadt der Hexen. Eine Reise durch Geschichte, Aberglaube und Marketing einer kampanischen Provinzstadt.
Skript
Es heißt oft, die Italiener wären abergläubischer als die Deutschen. Kann ich nicht bestätigen. Hier ist 17 die Unglückszahl und nicht die 13, hier klopft man nicht auf Holz, sondern auf Metall und man darf niemals einen Hut auf ein Bett legen.
Das ist das Wichtigste. Ach, und es gibt eine Stadt der Hexen.
Clip; Warte mal – was soll das jetzt bedeuten? Eine Stadt der Hexen?
Benevento liegt in Kampanien, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Neapel, und hat knapp 55.000 Einwohner. Historisch gesehen ist das ein ziemlich wichtiger Ort – die Römer nannten ihn Beneventum, nachdem sie hier 275 v. Chr. Pyrrhus besiegt hatten. Vorher hieß die Stadt Malventum, was etwa „Ort des Unglücks“ bedeutet. Nach dem Sieg fand man den Namen dann doch etwas unpassend.
Aber zurück zu den Hexen. Oder besser gesagt: den Ianare, wie sie an diesem „Ort des Glücks“ genannt werden. Das Wort stammt vom lateinischen Ianua ab, was „Tür bedeutet“, weil die Ianare nachts unter Türschlitzen in die Häuser kommen. Sie sind wahrscheinlich eher flach gebaut. Hat Vorteile, wenn man bei IKEA einen Schrank sucht und Nachteile bei höheren Windstärken. Vermute ich.
Zur Abwehr der Ianare stellt man einen Eimer Salz vor die Tür. Davon wird die Hexe abgelenkt, weil sie jedes Korn zählen muss, was sie meistens die ganze Nacht kostet. In der Not reicht auch ein Besen, wobei das Zählen der Halme wahrscheinlich nur drei oder vier Stunden braucht.
KI: Das ist, rein rechnerisch, doch eine Menge an Aberglauben. Aber warum ist Benevento jetzt die Stadt der Hexen?
Es heißt, die Legende stamme aus der Langobardenzeit. Die waren ein germanisches Volk, das ab dem 6. Jahrhundert große Teile Italiens beherrschten. Sie haben auch einige Vornamen dagelassen. Enzo, Umberto, Rinaldo, Garibaldo, Elvira oder Giselda sind langobardische Namen.
Diese Langobarden waren zur Zeit ihres ausgedehnten Italienbesuchs noch nicht so ganz richtig christianisiert. Sie waren Arianer und keine braven Katholiken. Darum haben sie auch mit vielen ihrer alten Gebräuche nicht gebrochen, die in den Augen ihrer italienischen Nachbarn heidnisch waren.
So hielten sie der Legende nach einmal im Jahr unter einem großen Nussbaum, der in der Nähe des Flusses Sabato stand, einen großen Tanz ab. In einigen Berichten hingen dabei Schlangen von den Ästen, in anderen waren alle Anwesenden textilfrei. Es gibt noch andere Darstellungen, aber beim Nackt-um-den-Nussbaum-Tanzen sind sich die meisten einig.
KI: Von den Schlangen abgesehen also nichts, was auf einem FKK-Campingplatz für Aufsehen sorgen würde.
Aber am Ende der Spätantike halt doch. Der Glaube an Hexen und Hexer ist Jahrtausende alt und schon bei den Sumerern nachgewiesen. Auch das Alte Testament berichtet von der berühmten Hexe von Endor. Ja, genau wie der Planet, auf dem die Ewoks leben. Sie war eine Frau, die die Toten beschwören konnte – die einzige Stelle in der Bibel, wo wir auf diese Idee stoßen.
Für die katholischen Einwohner Beneventos sahen die Rituale ihrer langobardischen Nachbarn aus wie Hexensabbate. Frauen, die kreischend um den Baum tanzten, Krieger, die auf Pferden herumgaloppierten und Ziegenfelle aufspießten – das Ganze wurde in immer bunteren Farben ausgemalt und um den Teufel persönlich angereichert.
Der heilige Barbatus, Bischof von Benevento, ließ den Baum im Jahr 664 fällen und an seiner Stelle eine Kirche errichten.
KI: Bewährte Strategie. Pantheon, Mexiko City, Mont St. Michel …
Aber die Legende starb nicht. Im Gegenteil: Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte immer bunter ausgeschmückt. Im Mittelalter glaubten die Leute, dass Hexen aus ganz Europa nach Benevento flogen, um sich unter einem – in dieser Nacht plötzlich wieder aufgetauchten – Nussbaum zu versammeln. Dort feierten sie orgiastische Feste mit dem Teufel, brauten Zaubertränke und verhexten die Stadtbewohner.
Genau so wie die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg in Deutschland. Hexen und Hexer organisieren sich scheinbar national.
KI: Klingt nach einer Geschichte, die sich Leute ausgedacht haben, um ihre Nachbarinnen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.
Das ist leider sopassiert. Während der Inquisition wurden zahlreiche Frauen in Benevento wegen angeblicher Hexerei verfolgt. Viele „gestanden“ unter Folter, am Hexensabbat teilgenommen zu haben. Die Stadt wurde zum Inbegriff der Hexerei in Italien. Die Stadt der Hexen.
Heute gibt es in Benevento ein Hexenmuseum, das „Janua“, und jedes Jahr im September die „Notte delle Streghe“ – die Nacht der Hexen. Touristen können den berühmten gelben Kräuterlikör „Strega“ probieren, der seit 1860 hier hergestellt wird.
KI: Aus Aberglauben wird Marketing
Zum großen Teil, ja. Aber es gibt auch einen interessanten kulturhistorischen Kern. Benevento war jahrhundertelang eine päpstliche Enklave mitten im Königreich Neapel – eine Art vatikanischer Außenposten. Die Stadt hatte ihre eigenen Gesetze, ihre eigene Münzprägung und eine erstaunliche Autonomie. Das machte sie zu einem Ort, an dem sich verschiedene Kulturen und Religionen trafen: Römer, Langobarden, Byzantiner, Normannen.
Und dann ist da noch die Architektur. Benevento hat einen der am besten erhaltenen römischen Triumphbögen – den Trajansbogen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. – und die langobardische Kirche Santa Sofia, die seit 2011 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert, aber viele historische Gebäude wurden wiederaufgebaut.
Benevento ist keine Touristenhochburg wie Florenz oder Venedig. Es ist eher ein verschlafenes Provinzstädtchen mit einem historischen Zentrum, das auf einem Hügel thront. Die Wirtschaft basiert hauptsächlich auf Wein, Oliven, Tabak und kleinen Lebensmittelunternehmen. Bekannt ist vor allem die Produktion von Torrone, einer Süßigkeit, die hier seit dem 17. Jahrhundert hergestellt wird. Gibt’s um Weihnachten herum auch in Umbrien im Supermarkt.
KI: Und was ist die Moral von der Geschicht‘?
Benevento hat aus seiner dunklen Vergangenheit eine Identität gemacht. Die Stadt nimmt ihre eigene Geschichte nicht zu ernst, sondern sie spielt damit.
Der Fußballverein nennt sich selber „Die Hexen“. Als er 2017/2018 in die A-Serie aufstieg, legte er eine Reihe von 14 Niederlagen in Folge vor. Das hat zu einer neuen Redensart geführt: „Ultimo come il Benevento“ – „Letzter wie Benevento“ als Ausdruck einer Pechsträhne. Wie verhext ist das denn!
Quellen:
Smithsonian: How This Italian Town Came to Be Known as the ‘City of Witches’
Associazione produttori camper: Alla scoperta di Benevento, città dall’anima misteriosa e antica
Wikipedia (italienisch): Benevento