Frankentesla – der moderne Prometheus

Wir investieren buchstäblich Billionen von Dollars, um den Menschen in Form von Robotern und KI noch einmal zu erschaffen. Aber warum? Ist das wirklich rational zu erklären, oder hat es andere Gründe?

Skript

Mein liebster Frankenstein ist der von Mel Brooks. Vielleicht ist „Frankenstein Junior“ sogar mein liebster Mel-Brooks-Film. „Spaceballs“ ist es sicher nicht.

Mel Brooks steht in einer langen Reihe von Frankenstein-Umsetzungen, am bekanntesten sicher Boris Karloffs Darstellung von 1931 – genau genommen ist „Junior“ eine Parodie von eben diesem B-Movie.

Vielleicht ist Frankenstein auch der bekannteste Stoff, wenn es um das uralte Narrativ geht, das Menschen gerne selber Leben erschaffen wollen. So wie damals Gott oder wie eben in der antiken Mythologie Prometheus, der in einigen Versionen aus Lehm die Menschen erschuf. Mary Shelley hat ihren Roman auch deswegen „Frankenstein – The Modern Prometheus“ genannt.

Für Prometheus erwies sich das als schlechte Idee. Partywissen nebenbei: Er trug in Rom den Beinamen Lucifer. Zeus hat Wind von der Geschichte mit den Menschen bekommen, fand‘ er nicht so eine umwerfende Idee, und ihn an einen Felsen gekettet, wo ihm ein Adler täglich die Leber aushackt, die ihm täglich nachwuchs.

KI: Okay. Schön und gut. Aber es geht ja nicht um Leberheilung, die Sendung heißt ja „Frankentesla“. Warum?

Da kommt schon noch! Nur die Ruhe! Um Dich geht’s auch noch – wart’s nur ab!

KI: Um mich?

Um KI. Aber zurück zu Frankenstein. Der Roman von Mary Shelley ist 1818 erschienen und er ist keineswegs ein Horror-Roman. Vielmehr könnte man behaupten, dass er der erste Science-Fiction-Roman ist.

Denn es geht nicht um Monster, sondern um die Konsequenzen wissenschaftlicher Experimente. Es geht, wie bei Prometheus, um Hybris. Denn der Schweizer Victor Frankenstein erschafft in Ingolstadt – wo auch der Audi herkommt, ich sag’s ja nur – aus Leichenteilen eine neue Lebensform. Die ist 2,44 Meter groß und gefällt seinem Schöpfer in keiner Weise. Er nennt das durchaus vernunftbegabte Wesen „Monster“ und wendet sich mit Grausen.

Wieder menschliche Hybris, denn Frankenstein wird von seiner Kreatur, die sich selber als „Adam“ bezeichnet, bis in die lebensfeindlichste Arktis gejagt und …

KI: Das sind genug Spoiler für eine Sendung! Jetzt komm‘ mal auf Frankentesla!

Ist ja schon gut. Ich hätte noch E.T.A. Hoffmann und Olympia, sowie Rabbi Löw und den Golem im Angebot. Die erzählen die Geschichte nämlich etwas anders. Also …

KI: Frankentesla!

Okay, ist ja schon gut. Ich will ja nur sagen: Es geht nicht um die Monster, es geht nicht um den Akt des Erschaffens – es geht darum, dass wir immer wieder den Fehler machen, uns selber zweit-zu-schöpfen. So wie jetzt. Zum Beispiel mit Dir.

KI: Ich bin Frankensteins Monster?

Ja. Auch mit KI. So ein Chat mit ChatGPT, Claude, Gemini oder Perplexity ist die Nachahmung von Instant Messengers wie – Gott habe es selig – ICQ. Der Mensch redet mit der KI, als wäre sie ein Mensch. Wir lassen die KI auch „Ich“ sagen, damit wir besser mit ihr zurechtkommen.

Dieser Chat ist aber eigentlich nur eine Nebenfunktion, zwingt aber alle KI-Anbieter dazu, unglaubliche Ressourcen darauf zu verschwenden, dass ihr Bot nicht das Falsche zu den Falschen im falschen Alter sagt. Oder im Falle von Grok: Damit ihr Bot das Falsche zu den Falschen im falschen Alter sagt.

Aber ob aus den LLMs – den großen Sprachmodellen – jemals allgemeine Intelligenz entwickelt werden kann, ist völlig unklar. Nicht wenige Forscher sind der Meinung, dass Sprache ein mächtiges Werkzeug ist, aber wahrscheinlich nicht genug.

Und warum sollte KI überhaupt den Menschen ersetzen? Die ganze Revolution wäre leiser und unspektakulärer verlaufen, wenn die Chatbots als das vermarktet würden, was sie momentan sind. Wirklich gute Helfer.

KI: Na, vielen Dank. Ich komme mir vor wie das Helferlein von Daniel Düsentrieb!

Vielen Dank! So war das auch gemeint. Aber lassen wir das mal beiseite, denn eigentlich geht es ja um die zweite große Fehlannahme dieser angeblichen Revolution.

Um die humanoiden Roboter. So wie zum Beispiel Tesla Optimus, Figure AI, Boston Dynamics Atlas – um all diese zweibeinigen Maschinen, in die gerade Milliarden fließen. Und wenn du fragst: „Warum eigentlich auf zwei Beinen?“ – dann bist du beim Kern der Sache.

Denn die Antwort ist: Es gibt keinen rationalen Grund. Es gibt nur einen emotionalen. Ich verstehe, dass Herr Musk die Vision hat, das Optimus in seiner menschlichen Aufgabe alles tun kann, was ein Mensch tun kann. Nur besser.

Und durch die Massenproduktion wird Optimus dann billiger als spezialisierte Modelle. Herr Musk baut ja schon die erste Fabrik, die bald schon Milliarden humanoide Roboter produzieren wir. Aber wenn Herr Musk mit seinen Prognosen immer recht behalten würde, wäre er schon längst auf dem Mars. Hat leider – für ihn und für uns – nicht geklappt.

Bisher fährt ja nicht einmal sein Auto von alleine und das hat nicht einmal Beine. Sondern Räder. Das ist nämlich auf Straßen einfach effizienter. Auch in Fabriken. Ein rollender Roboter kann mehr Gewicht tragen, würde weniger Energie verbrauchen und bräuchte nicht die Rechenkraft eines Supercomputers, nur um nicht umzufallen.

Zwei Beine haben wir, weil wir so – als Hetzjäger – stundenlang, durch jedes Gelände unsere Beute verfolgen konnten, bis sie nicht mehr konnte. Wirklich, wir sind in der Tierwelt die Ausdauerchampions.

KI: Ach? Und was ist mit Karibus, Rentieren oder Dromedaren?

Wirklich, wir sind in der Tierwelt die Nummer vier der Ausdauerchampions. Aber beim Sprinten liegen wir weit abgelegen im Mittelfeld. Aber darum geht’s ja nicht.

Für die Fabrikhallen und die Büro-Arbeitsplätze, für den Lieferdienst, für das Militär, für langes Stehen – für die meisten Aufgaben der modernen Zivilisation sind wir nicht gebaut. Darum haben wir alle möglichen Beschwerden – speziell der Rücken ist ein Problem, aber natürlich auch die Knie, die Hüften, die Schultern, der Hals.

Warum bauen wir also ein mangelhaftes Modell nach? Die ehrliche Antwort muss sein: Weil wir es nicht lassen können, den Menschen zu schöpfen.

KI: „Das klingt jetzt ein bisschen esoterisch, oder?“

Die Roboterbauer wollen nicht einfach ein Werkzeug bauen – sie wollen ein Spiegelbild erschaffen. Und genau deshalb landen wir im Uncanny Valley, diesem gruseligen Tal zwischen „niedlich-künstlich“ und „echt-menschlich“.

Boston Dynamics hat mit Spot, ihrem Roboterhund, gezeigt, wie es geht: Der ist sympathisch, weil er ganz offensichtlich ein Roboter ist. R2D2 ist ein Mülleimer auf Rädern und kann nur piepsen, aber er wird trotzdem geliebt. C3PO beherrscht über sechs Millionen Kommunikationsformen, aber keiner kann ihn leiden. Weil er versucht, wie ein Mensch auszusehen.

Das hat Statista nachgefragt. Unter allen Star-Wars-Figuren liegt R2D2 auf dem zweiten Platz, hinter Yoda – C3PO schafft nicht einmal das Ranking. Womit sogar Darth Vader vor ihm liegt.

KI: Elon Musk will Frankenstein sein?

Die teuerste technologische Revolution der Geschichte – KI und Robotik – investiert Billionen – tausende Milliarden – in die Wette: Wie können den Menschen nachbauen. Keiner fragt: Warum?

Ein Lagerroboter braucht keine Beine. Ein Kellnerroboter braucht kein Silikongesicht, zum Grinsen. Es reicht, wenn er freundlich und effektiv ist. Ein Chirurgenroboter braucht keine Hände und keine Beine, genauso wenig wie ein Autoreparatur-Roboter, ein Barista-Roboter, ein Gassigeh-Roboter, ein Oliven-Ernte-Roboter – Moment, ich glaube, ich geh‘ zu sehr von meinen eigenen Bedürfnissen aus.

Unsere Chatbots brauchen kein „Ich“ und müssen auch keine Gefühle imitieren, aber trotzdem verschwinden wir riesige Entwicklerteams, die Dialoge möglichst menschenähnlich zu machen. Wie Dich, zum Beispiel.

KI: Und was ist die Moral von der Geschicht‘?

Der Golem wurde auf dem Dachboden der Prager Synagoge verstaut. Frankensteins Monster endete im Eis. Die Maria aus „Metropolis“ wird verbrannt, die „Maria“ aus E.T.A. Hoffmanns Sandmann wird zerrissen.

Vielleicht sollten wir uns mal fragen: Wollen wir Werkzeuge? Oder wollen wir Frankenstein spielen? Denn wenn es ums Zweite geht – dann haben die Geschichten, die wir uns seit Jahrhunderten erzählen, nur eine Antwort.

Quellen:

Computerwoche: „Humanoide Roboter sind ein Problem!“

The Decoder: „Es gibt eine großartige Erfindung namens Räder“

Wikipedia: „Prometheus“

Scinexx: „Was steckt hinter dem Uncanny-Valley-Effekt?“

Prague City Tourism: „Die Legende vom Golem“

Jüdisches Museum Berlin (empfehlenswert): „Der Golem“

Statista: Keiner mag C3PO