Hatschi! Gesundheit!

Warum selbst das Niesen – ein Reflex, den man besser nicht unterdrücken sollte – viel daüber zu sagen hat, dass wir kulturelle Wesen sind und nicht nur eine zufällige Häufung von Individuen.

Skript

Im Intro wurde gerade international genießt. Genossen. Niesen gemacht. Da war vielleicht Staub in der Luft, man hat in die Sonne gekuckt oder man war erkältet und schon niest die Nase und der Mensch macht dabei: Nicht „Hupsala“ oder „Caramba“ oder „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“, aber auch nicht immer „Hatschi“.

KI: Praktischer wäre ja, Menschen würden beim Niesen „Virenschleuder“ sagen, oder?

Wir wissen, dass das Niesen ein Reflex ist. Dein Körper will irgendwas aus den Atemwegen entfernen – Staub, Pollen, Viren, was auch immer.

Und dafür hat er einen ziemlich effizienten Mechanismus entwickelt: Die Nase ist gereizt, das Gehirn gibt das Signal zum Niesen, die Muskeln in Brust und Bauch ziehen sich zusammen, und dann wird Luft mit bis zu 160 Stundenkilometern durch Nase und Mund gepresst. Von Null auf 160 in unter einer Sekunde. Da kann auch ein Elektro-Ferrari einpacken.

Was dabei rausgeschleudert wird, ist natürlich nicht nur Luft. Es sind tausende von winzigen Tröpfchen – ein feiner Nebel aus Speichel und Nasensekret, der bis zu acht Meter weit fliegen kann. Deswegen ist es auch so wichtig, beim Niesen die Hand vor den Mund zu halten. Oder besser: In die Armbeuge zu niesen.

Das haben wir ja alle in der Pandemie gelernt. Aber nicht nur Covid wird so übertragen, sondern auch Influenza, Erkältung, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose, Meningitis, Papageienkrankheit, Hant, Pocken und in bei Menschen sehr, sehr seltenen Fällen: Maul- und Klauenseuche.

KI: Sag‘ ich doch. Man sollte auf Taschentücher eigentlich einen Hinweis drucken: ‚Niesen ist tödlich‘.

Da kann man aber buchstäblich nichts dagegen machen. Tatsächlich rät der wissenschaftliche Erkenntnisstand vom Unterdrücken ab.

Nicht nur, dass man dann alle Bakterien und Viren dann selber auskochen muss – der innerlich aufgebaute Druck, der sich nicht entladen darf, kann zu Gehörschäden, dem Platzen von Gefäßen, Rissen im Rachenraum und – wieder nur in sehr seltenen Fällen – zum Lungenkollaps führen.

Und das Niesen ist trotz der aufgezählten Erkrankungen nicht das Gefährlichste, was uns so widerfahren kann. Die tödlichste Krankheit in der Geschichte des Homo sapiens bleibt immer noch die Malaria und die überträgt sich durch Mücken.

Auch Rauchen, Autofahren oder Kriege führen zu mehr Toten als die, welche an Krankheiten sterben, die durch die sogenannte Tröpfcheninfektion übertragen wurden.

KI: Danke. Schön, dass Du weißt, wie man die Wikipedia liest. Was hat aber dieser Monolog mit „Hatschi“ zu tun?

Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah

KI: Drei Mal Gesundheit.

Wie schon ausgeführt, besteht Niesen aus einer Anspannung der Atemmuskulatur, die sich dann spontan durch Mund und Nase entlädt. Und so ist das „Ha“ ein Teil des Einatem-Geräuschs, während das „Tschi“ die Explosion begleitet.

Ganz natürlich. Teil des Reflexes. Das machen Menschen ganz von selber so. Mutter Natur und so weiter …

Weit gefehlt, Watson.

So steht im Blog des taubstummen Journalisten Charlie Swinbourne eine Liste mit den zehn nervigsten Sachen, die Hörende so machen. Das hat mich überhaupt auf das Thema gebracht. Charlie sagt: Hörende können einfach nicht natürlich niesen.

Zitat: „Wenn sie ein Niesen kommen spüren, sendet das Gehirn der hörenden Person eine Warnung aus, die lautet: ‚NOTFALL! DU WIRST GLEICH NIESEN. IN DER ÖFFENTLICHKEIT. LASS DIESEN KLANG NORMAL WIRKEN.‘ Und in Sekundenbruchteilen fügen sie einen Soundeffekt hinzu: Ah-choo“.

„Achoo“. Und dann ist es mir erst aufgefallen.
„Achoo“ ist ja gar nicht „Hatschi“.

KI: Englischsprachige sollten, nach meiner Theorie, ja besser „virus spreader“ niesen.

In Deutschland sagen wir „Hatschi“. In Österreich hört man manchmal „Hatschipatsch“. In den USA ist es „Achoo“ oder „Atishoo“. In Frankreich „Atchoum“. In Italien „Etchù“. In Spanien „Achís“. In Japan „Hakushon“. In Korea „Eichi“. In Russland „Apchkhi“. In Indonesien „Haaatzhing“. In Vietnam „Hắt xì“.

Zugegeben, die sind nicht grundverschieden. Alle diese Wörter haben das Anspannen und die Explosion. Sie sind sozusagen Onomatopeia – lautmalerische Ausdrücke – die das Niesen begleiten und gleichzeitig beschreiben.

Aber „Hatschi“, die deutsche Version, wird nicht automatisch durch das Niesen produziert. Es ist kein Laut, den dein Körper automatisch produziert, wie ein Husten oder ein Schluckauf. Es ist ein gelerntes Verhalten. Du hast als Kind gehört, wie andere Menschen „Hatschi“ sagen, wenn sie niesen, und irgendwann hast du das übernommen. Völlig unbewusst.

KI: Ach, das ist ja lustig, dass Menschen solche fundamentalen Körperereignisse mit Wörtern begleiten! Das wusste ich gar nicht. Sagt ihr beim Pinkeln auch immer etwas? Vielleicht Pipipipipipipi?

Eine Theorie ist ja, dass „Hatschi“ oder die anderssprachigen Hatschis eine soziale Funktion haben. Dass es ein Signal ist: „Achtung, ich niese jetzt!“ Das macht durchaus Sinn. Niesen ist laut, unerwartet und – wie erklärt – nicht besonders hygienisch. Wenn du in einer Gruppe bist und plötzlich niest, dann ist das ein Ereignis. Und vielleicht hilft das „Hatschi“ dabei, dieses Ereignis ein bisschen kontrollierbarer zu machen. Es ist wie ein akustisches Warnzeichen: Hier kommt gleich was, bitte in Deckung gehen.

Was mich zu Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah zurückbringt.

KI: Drei Mal Gesundheit.

Auch interessant: Diese Reaktion. Also das, was andere Leute sagen, wenn du geniest hast. In Deutschland sagen wir „Gesundheit“, hier in Italien „Salute“. In England „Bless you“, was eigentlich „Gott segne Dich“ bedeutet. In Frankreich sagt man „Auf deine Wünsche“. In arabischen Ländern sagt man „Gelobt sei Gott“ und im alten Rom „Jupiter schütze Dich“.

All diesen Beispielen gemein ist, dass es wohl ein unbewusstes Wissen darüber gibt, dass da eine Verbindung zwischen Niesen und Gesundheit besteht. Dazu muss man nicht den mittelalterlichen Glauben teilen, dass die Seele beim Niesen kurz den Körper verlässt und es einen Segenswunsch braucht, um sie zurückzuholen.

In China ist das übrigens anders. Da gibt es die Vorstellung, dass man Niesen muss, wenn jemand anderes an einen denkt. Statt ‚Gesundheit‘ sagt man ‚Jemand denkt an Dich‘. Das ist in vielen Filmen ein Stilmittel geworden, um zwischen Protagonisten hin- oder herzublenden und ist natürlich in keiner Weise übersetzbar.

KI: Und was ist die Moral von der Geschicht`?

Niesen ist ein simpler Schutzreflex. Etwas, das alle Säugetiere tun. Hunde niesen, Katzen niesen, sogar Elefanten niesen. Es ist biologisch, es ist universell, es ist komplett außerhalb unserer Kontrolle.

Und trotzdem – selbst bei diesem unkontrollierbaren Reflex – wir lernen, wie man „richtig“ niest. Wir lernen, welches Geräusch sozial akzeptabel ist. Wir lernen, was man danach sagt. Wir niesen nicht einfach – wir niesen deutsch. Oder japanisch. Oder französisch.

Selbst die simpelsten, unbewusstesten Handlungen sind durchdrungen von erlernten Verhaltensweisen. „Hatschi“ ist nicht ‚natürlich‘. Es ist genauso angelernt wie Sprache, Tischmanieren oder die Vorstellung davon, was eine höfliche Begrüßung ist.

Das klingt unfrei, aber bedeutet auch: Du bist nicht allein. Du bist Teil einer Kultur, Teil einer Gemeinschaft, die sogar dieselben Reflexantworten teilt. Dein „Hatschi“ verbindet dich mit Millionen anderen Menschen, die auch „Hatschi“ sagen. Es ist ein kleines, unbewusstes Zugehörigkeitssignal.

Wir sind keine biologischen Maschinen, sondern kulturelle Wesen. Dein „Hatschi“ ist deutsche Sprache. Und, ohne jeglichen Nationalstolz: Das ist völlig in Ordnung! Ist keine schlechte Sprache. Ist die Sprache der Episode, die Du gerade hörst.

Quellen:

Youtube: Die Nieser aus dem Intro

Limping Chicken: Die Liste von Charlie Swinbourne

Wie immer, die Wikipedia: Niesen

Auf Reddit gesammelt: Liste anderssprachiger Hatschis