Ist Da Da Da Dadaismus?

Dada ist 110 Jahre alt. Die Bewegung wurde in einer Zürcher Kneipe geboren, eroberte die Welt und starb … gar nicht, meine ich. Von Hugo Balls Lautgedichten über Duchamps Pissoir bis zu modernen Memes: Was der Dadaismus war, warum er immer noch lebt – und ob „Da Da Da“ Dada ist.

Skript

Als ich den ersten Urlaub ohne Mama und Papa und Bruder machte, radelten wir zu dritt quer durch Irland. Von Dublin aus wollten wir nach Galway und als wir in der Gegend von Athlone waren, wurde der Regen zu heftig.

Darum klingelten wir bei einem Haus, das so aussah, als hätte es einen Garten und fragten, ob wir dort unser Zelt aufschlagen könnten. Wie zu erwarten, war das kein Problem. Wir bauten das Zelt in der Einfahrt zur Garage auf und krochen nass und erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Da hörten wir jemanden im Nachbarhaus sagen: „Germans! With a tent!“, und schon schallte uns deutsche Musik entgegen, die damals auch in Irland in den Charts war. Der Hit von Trio: „Da-da-da, ich lieb‘ Dich nicht, Du liebst mich nicht!“.

Das fällt mir wieder ein, weil der Dadaismus dieses Jahr hundertundzehn Jahre alt wird. Ist da da da eigentlich Dadaismus?

KI: Da, da, da, da hast Du aber eine gute Frage!

Die Geschichte beginnt 1916 in Zürich. Europa versinkt in einem Blutbad, das sich Erster Weltkrieg nennt. In der Zürcher Altstadt, in der Spiegelgasse eins, steht keine Akademie, sondern ein schummrige Kneipe namens „Holländische Malerei“.

Hier treffen sich Künstler aus ganz Europa, die vor dem Massaker in die neutrale Schweiz geflüchtet sind. Hugo Ball aus Deutschland, Tristan Tzara aus Rumänien, Jean Arp aus dem Elsass, Marcel Janco ebenfalls aus Rumänien. Sie alle hatten die Nase voll. Nicht nur vom Krieg, sondern von der gesamten Kultur, die diesen Krieg möglich gemacht hatte.

Dort eröffneten Hugo Ball und Emmy Hennings am 5. Februar 1916 das „Cabaret Voltaire“ – benannt nach dem französischen Philosophen, der schon im 18. Jahrhundert das religiöse und philosophische Establishment verspottet hatte.

Ball lud Künstler ein, „welcher Orientierung auch immer“, und was dann passierte, war eine Mischung aus Varieté, Protestversammlung und kollektivem Nervenzusammenbruch. Es wurde getrommelt – oft arrhythmisch, oft zu Jazz oder afrikanischer Musik –, es wurden Gedichte vorgetragen, die keine Gedichte waren, und es wurden Masken getragen, die Marcel Janco aus rumänischer Volkskunst inspiriert hatte.

KI: Gut, eine Kneipe in Zürich. Vor 110 Jahren. Was hat das mit Trio zu tun?

Nicht so schnell. Erst reden wir weiter über die Geschichte.

KI: Da, da, da das ist genau, was ich befürchtet hatte.

Tristan Tzara bombardierte Künstler in ganz Europa mit Briefen, Manifesten und Magazinen. Die Bewegung, „Dada“ getauft, verbreitete sich wie ein Virus. Nur eben ein Virus gegen die bürgerliche Vernunft.

Marcel Duchamp stellte 1917 ein Urinal auf einen Sockel, signierte es mit „R. Mutt“ und reichte es als Skulptur namens „Fountain“ bei einer Kunstausstellung ein. Die lehnten ab. Heute gilt es laut einer Umfrage britischer Kunstexperten als „einflussreichstes Werk der modernen Kunst“. Man muss das mal sacken lassen: Ein Pissoir. Einflussreicher als die Mona Lisa. Klingt wie ein Thema für eine Facharbeit.

In Berlin wurde es politisch. Raoul Hausmann, Hannah Höch, George Grosz und John Heartfield entwickelten die Fotomontage – sie schnitten Zeitungsfotos auseinander und setzten sie neu zusammen, um die Heuchelei der Gesellschaft zu entlarven.

Johannes Baader, der selbsternannte „Oberdada“, unterbrach einen Gottesdienst mit dem Ruf: „Was ist Ihnen Jesus Christus? Wurst ist er Ihnen!“ Berlin war hungrig, kalt und wütend, und der Berliner Dadaismus war es auch.

Die erste Internationale Dada-Messe 1920 zeigte über 200 Werke, umgeben von provokanten Parolen – manche davon tauchten 17 Jahre später an den Wänden der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ wieder auf.

Und dann Paris. Bis 1921 waren die meisten Protagonisten dort angekommen, und Dada erlebte seine letzte große Inkarnation – bevor es sich Mitte der Zwanzigerjahre in den Surrealismus verwandelte. André Breton übernahm quasi die Konkursmasse und machte daraus etwas Organisierteres. Was manche als Evolution betrachten und andere als feindliche Übernahme.

KI: Das klingt ja alles furchtbar lustig. Aber was sollte das eigentlich?

Das ist die Frage, die Dada selbst am liebsten mit „Nichts!“ beantwortet hätte. Und gleichzeitig mit „Alles!“ Widersprüche waren kein Problem. Widersprüche waren das Programm.

Aber wenn man es destilliert, dann war Dada im Kern ein Protest gegen die Idee, dass die europäische Kultur – mit ihrer Philosophie, ihrer Kunst, ihrer Moral, ihrem Bildungsbürgertum – irgendeine Art von höherem Wert besitze. Diese Kultur hatte gerade den größten Massenmord der Geschichte produziert. Marcel Janco brachte es auf den Punkt: „Wir hatten das Vertrauen in unsere Kultur verloren. Alles musste abgerissen werden. Wir würden nach der Tabula rasa neu beginnen.“

Dada war Anti-Kunst, weil Kunst Teil des Systems war. Dada war Anti-Logik, weil Logik den Krieg nicht verhindert hatte. Dada war Anti-alles, weil „alles“ offensichtlich nicht funktionierte.

Es ging nicht darum, etwas Besseres zu bauen. Es ging darum, den Schutt sichtbar zu machen.

KI: Schön und gut, Schutt des Ersten Weltkriegs. Aber wer hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg um den Schutt gekümmert?

In den 1950er- und 60er-Jahren gab es eine „Neo-Dada“-Bewegung. Der Zweite Weltkrieg war eher noch traumatisierender als es der Erste gewesen war. Daraus entwickelten sich Pop Art, Fluxus, Konzeptkunst – im Grunde alles, was die Grenzen zwischen Kunst und Alltag verwischt.

Ich finde auch: Andy Warhols Suppendosen sind Dada. Banksys Schredder-Stunt bei Sotheby’s? Dada. Wenn jemand eine Banane an die Wand klebt und sie für 120.000 Dollar verkauft, dann ist das so dadaistisch, dass Marcel Duchamp vor Freude weinen würde.

Aber auch Internet-Memes können Dada sein: die Ablehnung konventioneller Bedeutung, der Zufall als Gestaltungsprinzip, die Demokratisierung der Kunstproduktion.

Also ja: Dada lebt. Es hat sich nur verkleidet.

KI: Fein. Und jetzt die eigentliche Frage: Ist „Da Da Da“ von Trio Dadaismus?

Kulturwissenschaftlich eher nein, aber ich meine: Im Geiste der Bewegung ist da da da, Dada. Die Reduktion auf das Absurde. Die Verweigerung der Erwartung. Die Provokation durch Einfachheit. Und die Tatsache, dass ein Song, den das Establishment als Blödsinn abtat, 13 Millionen Mal verkauft wurde und die Welt eroberte – das hätte Hugo Ball gefallen.

Im nassen Zelt, in Athlone, war ich auf jeden Fall ein bisschen stolz, dass unsere Nachbarn Deutschland mit da da Da assoziierten und nicht mit dem Horst-Wessel-Lied.

Quellen:

Wikipedia (englisch): Dada

Smarthistory: Dada, an introduction

Tate Gallery: ‚Behold the Buffoon‘: Dada, Nietzsche’s Ecce Homo and the Sublime

History Today: The Birth of Dada

Wikipedia (deutsch): Trio (Band)

Rolling Stone (deutsch): Trio – „Da Da Da“

TheArtStory: Neo-Dada Movement Overview