Zehn Prozent der Menschen sind Linkshänder und das ist schon seit mindestens 500.000 Jahren so. 50 Prozent der Katzen sind Rechtspfoter – aber nur 0,6 Prozent der Delphine sind Linksflosser. Woran liegt ‚Händigkeit‘ überhaupt? Genetik, Gewohnheit oder Gehirn?
Skript
Ja, ich bin Linkshänder und stolz darauf! Das stimmt aber gar nicht. Warum sollte ich darauf stolz sein? Das ist einfach Zufall.
Zugegeben, es gab eine Zeit, als ich mich dafür geschämt habe, Linkshänder zu sein. Das war in der ersten Klasse, beim Schreibenlernen. Damals hatten wir so querformatige Heftchen mit vielen Hilfslinien, in die wir mit Wachsmalkreide Schwungübungen malen mussten. Erst Wellen, dann Schleifen, aus den Schleifen wurde kleine Schreibschriftbuchstaben: Erst kleine „e“s, dann „l“s, dann konnte man schon „ele“ schreiben und so weiter und so fort.
Damals gab es auch in der ersten Klasse Hausaufgaben und Noten. Meine Rechtschreibnote war katastrophal. Steckt ja schon im Namen – denn ich war ja kein Rechtschreiber, sondern ein Linkschreiber. Der einzige in der Klasse übrigens, ein statistischer Ausbrecher.
Alles, was ich malte, wurde von meiner Hand verschmiert, als sie von links nach rechts über das Papier glitt. Ich habe das Problem gelöst, in dem ich – zumindest daheim – einfach von rechts nach links schrieb. Nicht in Spiegelschrift, sondern einfach rückwärts.
Dabei hatte ich noch Glück. Der Frau Anders hat man die Linkshändigkeit in der Grundschule noch mit Gewalt ausgetrieben. Ihr wurde die böse linke Hand an den Stuhl gebunden, daheim setzte es auch gerne einmal eine. Mit links schreiben! Wie schaut das denn aus! Linkshändigkeit galt lange einfach als eine schlechte Angewohnheit. Weil es für die Mehrheit an Rechtshändern komisch aussieht, wenn jemand mit links schreibt.
KI: In der Steinzeit waren die Hälfte der Menschen Linkshänder! Da konnte ja noch keiner schreiben!
Wie bitte? Wie kommst Du denn darauf, Tiktok? Tatsächlich können wir diese These nachprüfen.
Forscher haben 2011 Zahnfunde nahe der Stadt Borgos in Spanien ausgewertet. Die waren überwiegend eine halbe Million Jahre alt und waren einst in den Kiefern der Vorfahren der Neanderthaler. Anhand des Winkels in den Abnutzungsspuren im Zahnschmelz der Backenzähne konnte man auswerten, mit welcher Hand das Essen bevorzugt zum Mund geführt wurde. Ziemlich cool, oder?
Siehe da: Schon vor einer halben Million Jahren gab es 10 Prozent Linkshänder – genau wie heutzutage auch. Interessant wäre die Frage, warum die Evolution an diesem Verhältnis nichts verändert hat, oder?
KI: Warum hat die Evolution an diesem Verhältnis nichts verändert?
Tja, berechtigte Frage. Die wahrscheinlichste These ist, dass es für eine Population einen Vorteil darstellt, ungefähr 10 Prozent Linkshänder zu haben.
Auch bei den Vorfahren der Neandertaler gab es 90 Prozent, die ihre Keule bevorzugt mit der rechten Hand geschwungen haben. Und die waren dann umso überraschter, wenn sie einem Linkshänder gegenüberstanden, der ihnen elegant mit der falschen Hand einen auf die Rübe gab.
Dieser Effekt ist immer noch zu beobachten. In vielen Wettkampfsportarten ist der Anteil der Linkshänder höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Zum Beispiel beim Boxen oder anderen Kampfsportarten – aber genauso bei Tennis, Tischtennis, Baseball und sogar beim Fußball.
Dieser Überraschungseffekt funktioniert aber NICHT, wenn die Verteilung 50:50 wäre, denn dann wäre ja links genauso normal wie rechts. Das ist zumindest die Theorie des französischen Evolutionsbiologen Michel Raymond und die beste Erklärung, die ich gefunden habe.
KI: Was ist eigentlich bei Linkshändern anders?
Auch das weiß man nicht genau. Früher war die Theorie, dass die Gehirnhälften bei Linkshändern gespiegelt seien. Rechte Gehirnhälfte dominant statt linke, und fertig. Aber so simpel ist es nicht.
Bei etwa 95 Prozent der Rechtshänder ist die linke Gehirnhälfte dominant für Sprache. Soweit, so bekannt. Aber: Bei etwa drei Viertel der Linkshänder ist das AUCH so. Die haben auch eine linkshemisphärische Sprachdominanz. Nur bei etwa 30 Prozent der Linkshänder ist tatsächlich die rechte Gehirnhälfte dominant.
Das heißt: Die Sache mit der Gehirnorganisation ist komplizierter, als man denkt. Linkshändigkeit bedeutet nicht automatisch, dass alles gespiegelt ist.
Eigentlich wissen wir nicht genau, was zur Linkshändigkeit führt. Wir wissen zwar, dass auch die Gene beteiligt sind – zum Beispiel eines mit dem Namen PCSK6 – aber wir wissen nicht, wie wichtig dieser Einfluss ist. Man schätzt, er liegt bei 25 Prozent.
Man geht davon aus, dass Umweltfaktoren während der Schwangerschaft und der frühen Kindheit entscheidend sind. Sozusagen in der Phase, in der das Gehirn seine Arbeitsteilung erst noch organisiert.
KI: Aber immerhin wissen wir, dass Linkshänder kreativer sind!
Hach. Wie gut – das freut mich! Stimmt schon: Michelangelo, Leonardo da Vinci, Einstein. Ich. Die Indizien sind da. Ich würde das wirklich gerne glauben.
Eine Studie von 2025 – veröffentlicht von Forschern der Cornell University – hat diesen Mythos leider gründlich zerlegt. Die haben fast 1.000 wissenschaftliche Arbeiten seit dem Jahr 1900 ausgewertet. Das Ergebnis ist eindeutig: Es gibt keinen signifikanten Unterschied in der Kreativität zwischen Links- und Rechtshändern.
Aber warum hält sich der Mythos so hartnäckig?
Erstens: Linkshänder sind in den darstellenden Künsten überrepräsentiert. Das stimmt tatsächlich. Das fällt auch auf. ABER – und das ist wichtig – wenn man sich alle kreativen Berufe anschaut, nicht nur Kunst und Musik, sind Linkshänder insgesamt sogar leicht unterrepräsentiert.
Zweitens: Wir haben einen Bestätigungsfehler. Einen Bias. Wir erinnern uns eher an prominente Linkshänder, weil sie auffallender sind. Eine Schlagzeile wie „Sauberühmte Künstlerin ist Rechtshänderin!“ regt keinen zum Anklicken an, oder?
KI: Ach, die armen Linkshänder. Und dann sterben sie auch noch früher!
In den 90ern machte eine Studie des Psychologen Stanley Coren die Runde: Linkshänder sterben im Durchschnitt neun Jahre früher als Rechtshänder!
Die Erklärung klang plausibel: Linkshänder leben in einer rechtshändigen Welt, die nicht für sie gemacht ist. Auch gefährliche Werkzeuge wie Pinsel, Scheren, Kreissägen, Handgranaten, Maschinengewehre oder Nasenhaarrasierer – alles für Rechtshänder gemacht! Kein Wunder, dass die Linkshänder früher ins Gras beißen!
Aber die Studie hatte einen massiven Fehler. Coren hatte nicht bedacht, dass ältere Menschen damals noch seltener Linkshänder waren – nicht weil sie früher starben, sondern weil sie als Kinder umerzogen wurden! In der Generation der damals 80-Jährigen waren nur drei Prozent Linkshänder, bei den 65-Jährigen waren es nur sieben Prozent.
Der statistische Unterschied hatte also nichts mit frühem Tod zu tun, sondern mit Umerziehung, mit Anpassung im Erwachsenenalter UND mit dem höheren Frauenanteil bei älteren Menschen (das ist relevant, weil Frauen öfter umerzogen wurden als Männer).
KI: Das ist alles sehr langweilig – wie war das mit den Delphinen noch einmal?
Ein wunderbares Paper aus dem Jahr 2020 hat untersucht, ob Delphine auch eine Händigkeit haben. Oder Flossigkeit. Flipperigkeit. Ihr wisst schon.
Und siehe da: 99,4 Prozent aller untersuchten Delphine sind Rechtsflosser! Sie drehen sich beim Jagen bevorzugt nach rechts, nutzen ihre rechte Seite für die Echoortung und schwimmen grundsätzlich so, dass die rechte Seite näher am Meeresboden ist.
Das heißt im Umkehrschluss: Nur 0,6 Prozent sind Linksflosser.
Das ist außergewöhnlich für Säugetiere. Bei Katzen und Hunden geht man tatsächlich von einer Verteilung von 50:50 aus, bei den meisten Menschenaffen ist der Rechtshänderanteil höher, aber nicht so ausgeprägt wie bei Homo sapiens.
Die Forscher vermuten, dass es mit der Jagdstrategie der Delphine zu tun hat.
Die jagen in Gruppen. Im Rudel. Herde. Schwarm. Schule – viele zusammen halt!
Da ist es natürlich ein Vorteil, wenn alle dasselbe machen. Synchronität beim Jagen in Gruppen. Wenn alle nach rechts drehen, funktioniert das besser, als wenn jeder sein eigenes Ding macht.
Kängurus sind überwiegend Linkshänder. Sagt der Typ auf Instagram. Aber wie er darauf kommt? Ich habe keinerlei Belege gefunden.
KI: Und die Moral von der Geschicht‘?
Weil es für Rechtshänder so auffallend ist, einen Linkshänder zu beobachten – jemand der linkisch ist oder – in romanischen Sprachen „sinistro“ – haben sich immer wieder Mythen gebildet.
Auch wenn wir heute nicht mehr glauben, dass Linkshänder des Satans sind oder Hexen und Hexer, generieren wir ständig neue Behauptungen.
Dabei sind Linkshänder nicht kreativer, leben nicht kürzer, werden nicht mehr oder weniger – sie sind halt … Linkshänder.
Das einzige Merkmal, das sie wirklich unterscheidet – zumindest in meiner Alterskohorte: Sie haben einen tiefsitzenden, lodernden HASS! Auf … Wachsmalkreiden.
Quellen:
Royal Society Publishing: Nur 0,6 Prozent aller Delphine sind Linkshänder
Wissenschaft.de: Das 90:10-Verhältnis ist seit mindestens 500.000 Jahren konstant
Max-Planck-Gesellschaft: Bei Linkshändern ist NICHT einfach alles „andersherum“.
Deutschlandfunk: Händigkeit wird „auch“ vererbt, aber nicht deterministisch
Wissenschaft.de: Linkshänder haben NUR als Minderheit einen Vorteil
National Geographic: KEIN Kreativitätsvorteil für Linkshänder
Wissenschaft.de: Linkshänder sterben 9 Jahre früher
Fitbook.de: Linkshänder/Linksfüßer haben im Sport oft Vorteile
Fokus Swiss: Wissenswertes zum Tag der Linkshänder