Stell‘ Dir vor, es ist Sex und keiner geht hin!

Japan schlägt Alarm, doch die „Sex-Flaute“ ist ein weltweiter Trend. Aber haben wir wirklich weniger Intimität oder messen wir nur falsch? Eine Spurensuche zwischen 50-Stunden-Wochen, veralteten Studien-Normen und der Frage, ob wir für den Fortbestand der Menschheit bald nur noch eine Hautzelle und eine Pinzette brauchen.

Skript

Ich weiß nicht, ob Du’s schon gehört hast, ich hab’s bei der BBC gefunden: Japan schlägt Alarm! Es gibt ein Riesenproblem! Ein intimes Problem! Die jungen Japanerinnen und Japaner haben keinen Sex mehr! Der Untergang des Morgenlandes droht und wer zahlt bitteschön die Renten?

Mittlerweile hatten die Hälfte der Mittzwanziger und immer noch zehn Prozent der Dreißigjährigen noch nie Sex. Nur die Hälfte aller Erwachsenen zwischen 20 und 49 war im vergangenen Jahr sexuell aktiv.

Das klingt dramatisch. Das klingt nach Krise. Das klingt nach … na ja, nach einer dieser Geschichten, bei denen der oder die Durchschnittsdeutsche weise den Kopf schüttelt. Diese Japaner! Keine Weißwürste, keine Kartoffelklöße und jetzt auch keinen Sex mehr. Was ist da bloß los, Japan? Hm?

KI: Lass‘ mich raten: Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung, oder?

Nö, eigentlich nicht. Natürlich haben die Forschenden nach Erklärungen gesucht. Aber sie haben gleich mehrere gefunden.

Manche Japaner sagen einfach: Kein Bock. In einer Umfrage von 2020 gaben 20 bis 30 Prozent der Männer zwischen 20 und 39 an, kein Interesse an Sex zu haben. Bei den Frauen waren es sogar 40 Prozent.

Vielleicht, so spekulieren die Wissenschaftler, wollen unverheiratete Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern keine Zeit und kein Geld für Dating verschwenden, wenn sie die Person am Ende sowieso nicht heiraten.

In Japan arbeiten etwa 30 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen mehr als 50 Stunden pro Woche. Lange Arbeitszeiten, lange Pendelwege – das macht es schwer, überhaupt Beziehungen zu pflegen, geschweige denn sexuelle.

Und dann ist da noch die Sache mit der Fictosexuality. 14 bis 17 Prozent der japanischen Studierenden zwischen 16 und 22 gaben in einer Umfrage zu, romantische Gefühle für Figuren aus Videospielen oder Anime zu haben.

Und da ist noch die Tatsache, dass Pornografie und Sexarbeit in Japan akzeptierter sind als bei uns. In manchen Umfragen sagten bis zu 60 Prozent der japanischen Männer, sie hätten schon einmal für Sex bezahlt. Das merken wir uns jetzt mal für später, bitte.

KI: Moment mal, haben wir nicht schon etwas Ähnliches aus Deutschland gehört?

Du hast recht. Bevor wir Europäer unser Mitleid mit den armen Japanern gar zu laut betonen, sollten wir mal einen Blick auf unsere eigenen Zahlen werfen.

Die „National Surveys of Sexual Attitudes and Lifestyles“ – kurz Natsal – sammeln seit über drei Jahrzehnten Daten über das Sexleben der Briten. Und die Zahlen sind eindeutig: Mit jeder Umfrage ist die durchschnittliche Häufigkeit von Sex gesunken. 1991 hatten die Befragten fünfmal pro Monat Sex. 2001 waren es noch vier Mal. 2012 nur noch drei Mal. Interpoliert man das linear – was natürlich Quatsch ist, aber geil für Schlagzeilen – ist 2035 Ende Gelände.

Studien zeigen auch in Deutschland einen Rückgang der sexuellen Aktivität zwischen 2005 und 2016. In den USA ist die Situation nicht anders. Eine Studie aus 2021 verglich Daten aus den Jahren 2009 und 2018 – und fand heraus, dass sowohl Jugendliche als auch Erwachsene weniger Sex haben als früher.

Soazig Clifton, akademische Direktorin von Natsal, sagt es unmissverständlich: „Wenn man sich weltweit vergleichbare Studien ansieht, zeigen auch diese einen Rückgang. Es scheint ein echter internationaler Trend zu sein.“

KI: Ich hab‘ mir das mit der Sexarbeit in Japan gemerkt. Aber wozu?

Genau, denn da wird das Problem offensichtlich. Treten wir also mal kurz auf die Bremse und prüfen wir mal: Was zählt in all diesen Studien eigentlich als Sex?

Ich meine: 60% haben für Sex bezahlt – aber hey, das zählt nicht als ‚sexuell aktiv‘, weil’s halt gekauft war. Sagt etwas über die Studien, oder?

Die meisten dieser Umfragen – sowohl in Japan als auch in Europa und den USA – meinen heteronormativen penetrativen Geschlechtsverkehr. Das ist das, was gemessen wird. Das ist das, was als „Sex“ gilt: ein Mann, eine Frau, Rein-Raus, nicht bezahlen.

Dr. Vanessa Apea, die das Japan-Review kommentierte, warnte ausdrücklich vor voreiligen Schlüssen: Die Daten stammen aus einer Vielzahl von Umfragen, in denen die Teilnehmenden ihre sexuellen Erfahrungen möglicherweise ganz unterschiedlich definiert haben.

Und das ist nicht nebensächlich. Das ist zentral. Denn wir blenden eine ganze Menge aus. Was ist mit anderen Formen von Intimität? Was ist mit queeren Sexualitäten? Was ist mit Menschen, die Sex für sich anders definieren?

Die Studien erfassen also möglicherweise gar keine umfassende „Sexlosigkeit“, sondern einen Rückgang einer ganz bestimmten Form von Sex. Einer Form, die historisch als Norm gesetzt wurde – und die vielleicht einfach nicht mehr für alle Menschen die zentrale Form von Intimität ist.

Das relativiert die Panik erheblich. Vielleicht haben Menschen nicht weniger Intimität. Vielleicht haben sie einfach andere Formen davon.

KI: Ich frage ja nur als nicht beteiligte KI – ist das mit weniger Sex überhaupt ein Problem?

Sehr wichtige Frage! Die Natsal-Studie hat auch das untersucht. Die meisten Menschen, die angaben, im vergangenen Jahr keinen Sex gehabt zu haben, waren mit ihrem Sexleben zufrieden. Zufriedenheit, so die Forschenden, hängt nicht von der Häufigkeit ab, sondern von der Qualität.

Und was die Beziehungen angeht: 25 Prozent der Männer und der Frauen in Partnerschaften berichten, dass sie nicht das gleiche Interesse an Sex haben wie ihre Partner. Das ist keine Katastrophe. Das ist Realität.

KI: Aber ohne Sex gibt’s auch keine Babies mehr. Wer zahlt dann Deine Rente? Das wollte ich sowieso schon immer mal fragen.

Da kommt die Panik wohl auch her. In wachstumsorientierten Gesellschaften, in denen der Erfolg nach dem Bruttosozialprodukt gemessen wird, braucht man immer genug Bevölkerung, damit auch immer mehr produziert und immer mehr konsumiert werden kann. Das ist keine antikapitalistische Propaganda, das ist einfach die Definition von Wachstum.

Dazu kommt obendrauf eine hoffähige Portion Rassismus. Oh weh! Die Japaner sterben aus! Oh weh, die Deutschen sterben aus! Übrigens sterben die Südkoreaner, Italiener, Griechen, Spanier, Ukrainer, Portugiesen, Taiwanesen, Bulgaren, Bosnier, Kroaten, Finnen, Kubaner, Maltese, Slowenen und die Thailänder alle vor den Deutschen aus. Oh weh!

Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Die Weltbevölkerung wächst voraussichtlich noch fünfzig Jahre weiter, dann schrumpfen wir munter alle miteinander!

Aber, bitte, wenn es immer mehr Menschen sein müssen und die 10 Milliarden, die es 2084 wahrscheinlich sind, immer noch nicht reichen, um immer mehr unnötigen Scheiß zu kaufen und die Renten zu zahlen, dann gibt es ja auch noch die Technologie.

Zum Beispiel, In-vitro-Gametogenese – also die Herstellung von Eizellen und Spermien aus Hautzellen – könnte die Art und Weise, wie wir uns fortpflanzen, komplett verändern. Japanische Wissenschaftler haben 2023 aus den Hautzellen eines Mäuserichs Eizellen hergestellt und daraus erfolgreich Mäusebabys gezüchtet.

Statt Sex haben zu müssen, reicht vielleicht bald ein kleines Kneifen der Pinzette. Auf der Schmerzskala wäre das dann genau am anderen Ende einer Entbindung. Wie wäre das?

KI: Und was ist die Moral von der Geschicht?

Es ist wieder einmal eine Geschichte, die komplizierter ist als die Schlagzeilen. Eine Geschichte, bei der wir nicht sicher sind, was wir messen. Eine Geschichte, bei der unklar ist, ob überhaupt ein Problem besteht.

Vielleicht haben Menschen andere Prioritäten. Vielleicht definieren sie Sex, vielleicht definieren sie Intimität anders.

Die Welt wird nicht untergehen, nur weil wir weniger Sex haben. Oder anderen Sex. Oder gar keinen.

Sie wird sich nur verändern. Aber das macht sie immer.

Quellen:

Wikipedia: Die Erklärung aus dem Intro, mit allen Wörtern

Science Focus: Japanese people still aren’t having sex. And nobody knows why

Science Focus: We’re having less sex because we’re too busy, not because of social media

Science Focus: The end of sex? How human reproduction could soon change forever