Superhelden. Warum?

60 Milliarden Dollar an Kinotickets, Spandex, CGI und Schlägereien: Superheld*innenfilme beherrschten die Leinwand. Warum? Der Super-Explikator hat drei problematische Versprechen und ein entsprechendes Problem ausgemacht. Aber kuckt trotzdem tapfer weiter.

Skript

Denn „eigentlich“ bin ich der unscheinbare Freelancer namens Oliver Wunderlich, der mittlerweile drei verschiedene Brillen braucht. Doch, wenn jemand meinen Podcast herunterlädt, verwandele ich mich zu [ECHO] Super-Explikator!

Denn die Welt braucht Superheld*innen. Das war mir schon klar, als die ersten Superheldencomics in meinem Kiosk auftauchten. Spiderman hieß damals noch „Die Spinne“ und die Avengers waren „Die Rächer“. Superman und Batman allerdings wurden seltsamerweise nicht zu „Übermensch“ oder „Die Fledermaus“.

In den Achtzigern kam eine wirklich kreative, neue Welle an Superheld*innencomics aus den Staaten angespült. Diese Graphic Novels waren so revolutionär, dass Hollywood im Prinzip immer noch dabei ist, diese Werke zu verarbeiten.

Das hat auch lange mit großem Erfolg geklappt, vor allem wenn es um die Rächer und um die Spinne geht. Übermensch und Fledermaus hatten es ein bisschen schwieriger, aber die ganze Superwelle hat immerhin – seit Tim Burtons Batman – mindestens 60 Mrd. Dollar umgesetzt. Und damit sind nur Film und Fernsehen gemeint und nicht das ganze Merchandising.

Spiderman verdient jedes Jahr mit Merch 1,3 Mrd. Dollar, Batman 500 Mio., die Avengers 325 Mio. und selbst Superman, der seinen Job schon seit 88 Jahren macht, setzt 277 Mio. Dollar in Plastik und Süßwaren um.

Momentan ebbt die Flut ab. Das tut gut. Zeit, um Luft zu holen und zwischendurch eine Frage ins Publikum zu werfen: Superhelden. Warum?

KI: Vielleicht, weil Du drei Brillen brauchst, Clark Kent?

Dann warte erstmal den Download ab! Gut. Meine Theorien sind drei Versprechen und ein Problem.

Das erste Versprechen: Komplexe Probleme haben einfache Lösungen. Und mit „einfach“ meine ich wirklich sehr einfach. Steinzeitmäßig einfach. Denn, wenn wir ehrlich sind: Jeder Superheldenkampf ist am Ende eine Schlägerei.

In Avengers: Endgame versammeln sich Multiversen und fremde Zivilisationen, aber am Ende hauen sich die Guten und die Bösen mit den Fäusten in die Fresse. Christian Bale und Heath Ledger mögen in „The Dark Knight“ eine intelligente Parabel über das Gute im Menschen aufführen – am Ende hauen sie sich halt mit Sandförmchen auff’n Kopp.

Scheinbar mögen wir das. Wir haben ja wirklich hochkomplexe Probleme zu lösen, wie Klimawandel, Weltpolitik oder Algorithmen in sozialen Medien, die Radikale sogar noch zusätzlich verblöden. Wir wissen auch keine Antworten.

Dann kommt so ein Superwesen und hat eine Antwort: [Clip, Bruce Lee]: „Ich hau‘ dem selber mal ein rein. Ja, datt mach ich. Und dann … Hau‘ ich Dir auch noch eine rein. Und Deinen Freunden auch“.

Ja. Haue! Datt isses! Es kommt ein Typ im Spandex und haut drauf, und danach ist alles gut. Das ist keine Geschichte. Das ist eine Erlösungsfantasie.

KI: Tagsüber nur Supersorgen. Aber nachts: Superhaue!

Eben. Das zweite Versprechen betrifft den Körper. Superhelden und Superheldinnen sind Körperkult. Kuck‘ Dir mal Hugh Jackman im ersten X-Man-Film an und dann im letzten. Oder Herrn Hemsworth. Oder Frau Johannsen. Echte Alpha-Energie. Das Kino, in dem ich saß, hat geklatscht, als Black Widow 2012 gesagt hat: „Hier gibt es ein Missverständnis. Ich bin nicht die, die hier Probleme hat“ und dann ein halbes Dutzend Russen vermöbelte.

Wir kucken zu und essen unser Popcorn. Unsere Körper haben hauptsächlich die Funktion, zu tippen, zu klicken, zu wischen. Gut, wenn sie unser Gehirn ohne Zwischenfälle zur Arbeit und zurück transportieren. Das ist nicht sexy, aber reicht für’s Popcornkaufen.

KI: Gut, dass Du einen Superbody hast, Super-Explikator!

Hah! Immer noch besser als Deiner!

Aber nun zum dritten Versprechen, ich nenne es: „Es gibt da schon jemanden, der sich kümmert. Weitershoppen, bitte!“
In einer zunehmend agnostischen Gesellschaft spüren viele Menschen ein Loch dort, wo vorher Religion war. Götter, Halbgötter, Heilige – es gab über Jahrtausende kosmische Aufpasser.

Dann war Gott tot und der Übermensch, den Nietzsche versprochen hat, kam nicht. Nur in seiner Übersetzung ins Englische: Superman.

Es ist kein Zufall, dass Thor bei den Avengers ein Gott aus der nordischen Mythologie ist. Weil Superheld*innen per se eher göttlich als menschlich sind. Sogar Peter Parker ist eben nicht nur ein Nerd, sondern ein Nerd, der übermenschliche, „superhuman“ Kräfte hat.

Götter sind aber eigentlich durcherzählt, seit Zeus alles an Säugetieren schwängerte, was nicht schnell genug auf den Bäumen war. Darum haben Superheld*innen für uns moderne Menschen auch einen Makel.

Denn sie schämen sich dafür, dass sie Götter sind.

Das war Odin oder Apollo noch piepegal. Aber Superman versteckt sich als Journalist mit Brille. Batman trägt eine Maske. Iron Man trinkt zu viel. Und fangen wir nicht von Allesfresserboy an – doch, den gibt’s.

Das sind Götter mit Selbstzweifeln – und genau das macht sie modern. Denn in einer Gesellschaft, die Autorität misstraut, können wir nur an Götter glauben, die selbst nicht sicher sind, ob sie das Richtige tun.

KI: Das waren also die drei Versprecher – ich meinte, Versprechen – jetzt folgt das Problem, oder?

Genau. Superheld*innen sind in Wirklichkeit „die da oben“. Eigentlich sind sie das Sinnbild dafür, dass wir Normalos eh‘ nicht checken, was wirklich los ist. Wir sind die Schafe, die zu doof sind. Unsere Aufgabe ist es, den nächsten heißen Scheiß auf Amazon zu klicken, während sich die Avengers darum kümmern, eine kosmische Invasion abzuwenden.

Die wirklichen Konflikte finden ohne uns statt und wir sind auch egal. New York wird besonders gerne zerstört, aber beim nächsten Film ist alles wieder picobello. Da lässt Thanos die halbe Menschheit verschwinden, aber wir sehen nur, dass das ein Problem für Hawkeye ist und nicht für unsere Nachbarn. Dann sind alle wieder da, aber das führt auch nicht zur Massenarbeitslosigkeit oder zu Sinnkrisen bei Menschen, die fünf Jahre Zeit verloren haben.

Exakt das Gleiche sagen Verschwörungstheorien: Hinter den Kulissen agieren verborgene Mächte, aber wir merken es nicht. Die Wahrheit ist den Eingeweihten vorbehalten.

Superheld*innen trainieren uns ein passives Weltbild. Sie flüstern: Du musst die Welt nicht verstehen. Du musst nicht handeln. Es gibt Leute, die das für dich erledigen.

Und vielleicht – vielleicht – ist das einer der Gründe, warum wir gleichzeitig eine Superheld*innenflut und eine Verschwörungsflut erlebt haben. Beides bedient denselben Mechanismus: die Überzeugung, dass das Wesentliche jenseits unserer Kontrolle liegt.

KI: Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich mit dem Konzept „übermenschliche Entität, die im Verborgenen wirkt und Dinge zum Guten wendet“ sehr sympathisiere. Allerdings ohne Selbstzweifel.

Und ich möchte anmerken, dass ich trotzdem Fan bin. Aber auch seit dem ersten „Avengers: Assemble“, wo ich ganz ehrlich Gänsehaut hatte, zunehmend müde bin.

Mein Lieblings-Superheld*innenfilm bleibt „Guardians of the Galaxy“, Nummer eins. Egal, ob es das Intro ist, oder der finale Showdown – besser geht’s scheinbar nicht.

Quellen:

Intro: Youtube: Kid Snippets: „Superhero“
Mittendrin: Youtube: Bäm Lee – Bruce Lee