Moralisches Empfinden ist die Basis für jede Gesellschaft. Und Empfinden wird wohl im Hirn gemacht. Von Molekülen. Und wir sind dabei zu enträtseln, wie das geht. Dann könnten wir alle Pillen schlucken und richtig gute Menschen werden. Gute Idee, oder?


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Beitragsbild: “Amygdala” by Images are generated by Life Science Databases(LSDB). – from Anatomography, website maintained by Life Science Databases(LSDB).You can get this image through URL below. 次のアドレスからこのファイルで使用している画像を取得できますURL.. Licensed under CC BY-SA 2.1 jp via Commons.
Closer: „Minions – Official Trailer 2 (HD)“ von Illumination
Musik: „Annette Hanshaw – I Want to Be Bad“ von Not Very Interesting? / Public Domain Mark 1.0



Hirnforscher sind ein umtriebiges Völkchen. Und haben immer wieder neue Ideen. Zum Beispiel die Idee des sogenannten „Moral Enhancements“. In deutsch in verschiedenen Quellen gerne „Moraldoping“ genannt. Also die Idee, das moralische Empfinden eines Menschen mit Medikamenten zu verbessern.

Ein ähnliches Konzept, das „Neural Enhancement“ ist ja schon gang und gäbe. Und keiner macht sich da noch groß Gedanken drüber. Klar behandeln wir ADHS mit Ritalin und schluckt der Student vor der Prüfung Modafinil. Warum auch nicht, verbessert ja schließlich nur die Konzentrationsfähigkeit.

Aber selbst an dieser Stelle würde ich argumentieren, dass das nicht so ganz reicht. Einem ADHS-Kind mit Ritalin überhaupt die Chance zu geben, sich in die Gesellschaft zu integrieren, ist eine Frage der Mitmenschlichkeit. Aber wir sollten vielleicht ‘mal über die Gesellschaft diskutieren, die das indirekt verlangt. Denn natürlich verändern auch diese Medikamente die Persönlichkeit.

Aber wir wollten ja von der Moral reden. Der Ansatz funktioniert ungefähr so – ich fasse Äußerungen mehrerer Forscher hier unzulässig zusammen: „Viele verschiedene Studien zeigen, dass die Menschen immer weniger empathisch werden. Weniger in sozialen Bezügen denken. Mehr Vorurteile entwickeln. Wir haben höhere Scheidungsraten. Angst grassiert.

Mit den richtigen Medikamenten können wir diese Tendenz aufhalten. Menschen können zu sozialeren, moralischeren und mitfühlenderen Wesen gemacht werden. Und glücklicher leben. Wir können das. Denn wir wissen, welche Moleküle im Hirn dafür verantwortlich sind. Und deren Verhalten können wir ändern. Gute Idee, oder?“

Und weil das ja wirklich erst einmal wie eine drollige Idee klingt, fangen die Damen und Herren Forscher damit auch schon einmal an. Und testen und experimentieren und veröffentlichen und feiern sich.

Im Wesentlichen gibt es da drei Methoden, die da verfolgt werden. Eines der Medikamente ist Oxytocin. Ein Feel-Good-Präparat unseres Hirns. Das Hormon für die stillende Mutter und das Liebespaar. Das die Verbindung stärkt. Die Zuneigung. Und auch die Toleranz.

Wenn er euch jemals gefragt habt: „Was findet sie eigentlich an diesem Kerl?“ dann ist Oxytocin wahrscheinlich die Antwort. Und praktischerweise gibt es das heute schon als Nasenspray und macht das Experimentieren so hübsch einfach.

Im Prinzip schwächt Oxytocin die Tätigkeit des Mandelkerns. Oder Amygdala genannt. Gerne auch in älteren Quellen das Angstzentrum. Schnupft man Oxytocin, dann wird man sanftmütiger, vertrauensvoller, man geht mehr auf die Menschen zu, ist offener und mehr um den anderen besorgt.

Die zweite Methode ist es, den Menschen Serotonin zu verabreichen. Noch eines der Feel-Good-Hormone unserer Hirnchemie. Serotonin macht uns gelassener, ausgeglichener und optimistischer. Anti-Depressiva z.B. wirken, in dem sie den Serotonin-Haushalt zugunsten dieses Wohlgefühls verändern.

Dr. Molly Crocket von der Uni in Zürich z.B. hat damit experimentiert und nachgewiesen, dass Serotonin eben das Mitgefühl stärkt, versöhnlich stimmt und Aggressionen lindert.

Und die dritte Methode ist die von Guy Kahane, der Propranolol verwendet, um die bösen Mandelkerne zu beruhigen. Das ist etwas ungewöhnlich, weil das Medikament ein Beta-Blocker ist. Etwas, was Herzpatienten verschrieben wird. Denn es senkt eigentlich nur den Blutdruck und den Puls. Und ausprobiert hat er das rund um das Thema Xenophobie. Also Angst vor Fremden.

Also, Patient ins CT. Dann zeigt man ihm Bilder von fremden Menschen. Asiaten, Afrikanern oder meinetwegen Arabern und vermisst die Reaktion des Hirns. Raus aus der Röhre, Tablette geschluckt und das Ganze wiederholt. Und tatsächlich: Weil nun Puls und Atmung ruhiger waren, waren auch die xenophoben Reaktionen des Hirns deutlich geringer.

Also: Wir können vielleicht in naher Zukunft für jeden Menschen den richtigen Cocktail entwerfen, um ihn zu einem mitfühlenden Wesen zu machen, der sich leichter in die Gesellschaft integriert und damit nicht nur selber ein besseres Leben führen kann, sondern auch für seine Mitmenschen wertvoller wird. Warum also nicht? Kann doch nichts schaden, oder?

Wie ihr dem Ton dieser Sendung anhört, finde ich das aus vielen Gründen keine gute Idee. Sondern sogar eine ganz schlechte.

Fangen wir mit dem offensichtlichen an:

Der Moralbegriff der Forscher ist völlig falsch. Das sieht man schön daran, dass als Argument die Scheidungsrate auftaucht. Anders Sandberg und Julian Savulescu argumentieren in ihrem Paper so. Dass sind die Forscher mit dem Oxytocin-Spray. Aber, es tut mir leid, eine Scheidung ist nichts unmoralisches. Hilft man Ehepaaren, wenn man ihnen bei einer Ehekrise Oxytocin-Nasenspray verschreibt? Damit sie dann trotzdem zusammenbleiben? Das ist doch eine lächerliche Vorstellung.

Moral ist überhaupt nicht im Hirn angesiedelt. Sondern es ist ein menschliches Konzept, dass wir primär entwickelt haben, um unser Zusammenleben zu organisieren. Darum ist es auch wichtig, dass Moral sich ändern kann. Denn die Umstände unseres Zusammenlebens ändern sich dauernd.

Wenn wir jetzt auf chemischem Wege einen bestimmten Grad an moralischem Verhalten als Ideal definieren und auch fixieren, dann fixieren wir auch einen bestimmten Moralbegriff. Wir könnten leicht einen messbaren Standard an moralischem Verhalten schaffen. Und wenn dann Deine Empathie-Werte schlecht sind, dann wirst Du genötigt werden, die so ein Moral-Nasenspray zu kaufen. Sagt zumindest Deine Familie. Und Dein Vorgesetzter.

Drittens: Wenn wir genau wissen, wie man Empathie und Aggressionslosigkeit und friedliches Zusammenleben medikamentös fördert, dann werden wir das Gegenteil auch machen. Dann bekommen Soldaten eben auch ein Nasenspray vor dem Einsatz. Denn Soldaten mit Psychopharmaka vollzufüllen, das hat nun schon viele Beispiele.

Und zu allerletzt: Alles, was eine Wirkung hat, hat auch eine Nebenwirkung. Unser Hirn hat sich in Jahrmillionen so komplex und undurchschaubar entwickelt, wie es nun ist. Jeder Eingriff ins Hirn ist im Prinzip eine bewusste Veränderung der Persönlichkeit.

Und zu allerallerletzt: Wenn die Annahme stimmt, dass die Empathie in unserer Gesellschaft abnimmt – und das ist fraglich, die Studie bezieht sich auf Untersuchungen an amerikanischen Studenten – wenn also das Mitgefühl sinkt und der Wunsch, anderen zu helfen – behandeln wir dann mit Moraldoping nicht in Wirklichkeit nur die Symptome einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft? Einer Gesellschaft, deren Modellmensch, der homo oeconomicus, ein egoistisches Arschloch ist.

Ohne, dass die Forscher es merken, helfen sie mit ihrer Arbeit indirekt mit, den Menschen für diese Gesellschaft noch ausbeutbarer zu machen. Damit er noch besser funktioniert.

Gut sein ist ja nett. Aber lasst uns lieber böse sein und das System ändern.

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