Kategorie: Kultur

  • Hatschi! Gesundheit!

    Warum selbst das Niesen – ein Reflex, den man besser nicht unterdrücken sollte – viel daüber zu sagen hat, dass wir kulturelle Wesen sind und nicht nur eine zufällige Häufung von Individuen.

    Skript

    Im Intro wurde gerade international genießt. Genossen. Niesen gemacht. Da war vielleicht Staub in der Luft, man hat in die Sonne gekuckt oder man war erkältet und schon niest die Nase und der Mensch macht dabei: Nicht „Hupsala“ oder „Caramba“ oder „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“, aber auch nicht immer „Hatschi“.

    KI: Praktischer wäre ja, Menschen würden beim Niesen „Virenschleuder“ sagen, oder?

    Wir wissen, dass das Niesen ein Reflex ist. Dein Körper will irgendwas aus den Atemwegen entfernen – Staub, Pollen, Viren, was auch immer.

    Und dafür hat er einen ziemlich effizienten Mechanismus entwickelt: Die Nase ist gereizt, das Gehirn gibt das Signal zum Niesen, die Muskeln in Brust und Bauch ziehen sich zusammen, und dann wird Luft mit bis zu 160 Stundenkilometern durch Nase und Mund gepresst. Von Null auf 160 in unter einer Sekunde. Da kann auch ein Elektro-Ferrari einpacken.

    Was dabei rausgeschleudert wird, ist natürlich nicht nur Luft. Es sind tausende von winzigen Tröpfchen – ein feiner Nebel aus Speichel und Nasensekret, der bis zu acht Meter weit fliegen kann. Deswegen ist es auch so wichtig, beim Niesen die Hand vor den Mund zu halten. Oder besser: In die Armbeuge zu niesen.

    Das haben wir ja alle in der Pandemie gelernt. Aber nicht nur Covid wird so übertragen, sondern auch Influenza, Erkältung, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose, Meningitis, Papageienkrankheit, Hant, Pocken und in bei Menschen sehr, sehr seltenen Fällen: Maul- und Klauenseuche.

    KI: Sag‘ ich doch. Man sollte auf Taschentücher eigentlich einen Hinweis drucken: ‚Niesen ist tödlich‘.

    Da kann man aber buchstäblich nichts dagegen machen. Tatsächlich rät der wissenschaftliche Erkenntnisstand vom Unterdrücken ab.

    Nicht nur, dass man dann alle Bakterien und Viren dann selber auskochen muss – der innerlich aufgebaute Druck, der sich nicht entladen darf, kann zu Gehörschäden, dem Platzen von Gefäßen, Rissen im Rachenraum und – wieder nur in sehr seltenen Fällen – zum Lungenkollaps führen.

    Und das Niesen ist trotz der aufgezählten Erkrankungen nicht das Gefährlichste, was uns so widerfahren kann. Die tödlichste Krankheit in der Geschichte des Homo sapiens bleibt immer noch die Malaria und die überträgt sich durch Mücken.

    Auch Rauchen, Autofahren oder Kriege führen zu mehr Toten als die, welche an Krankheiten sterben, die durch die sogenannte Tröpfcheninfektion übertragen wurden.

    KI: Danke. Schön, dass Du weißt, wie man die Wikipedia liest. Was hat aber dieser Monolog mit „Hatschi“ zu tun?

    Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah

    KI: Drei Mal Gesundheit.

    Wie schon ausgeführt, besteht Niesen aus einer Anspannung der Atemmuskulatur, die sich dann spontan durch Mund und Nase entlädt. Und so ist das „Ha“ ein Teil des Einatem-Geräuschs, während das „Tschi“ die Explosion begleitet.

    Ganz natürlich. Teil des Reflexes. Das machen Menschen ganz von selber so. Mutter Natur und so weiter …

    Weit gefehlt, Watson.

    So steht im Blog des taubstummen Journalisten Charlie Swinbourne eine Liste mit den zehn nervigsten Sachen, die Hörende so machen. Das hat mich überhaupt auf das Thema gebracht. Charlie sagt: Hörende können einfach nicht natürlich niesen.

    Zitat: „Wenn sie ein Niesen kommen spüren, sendet das Gehirn der hörenden Person eine Warnung aus, die lautet: ‚NOTFALL! DU WIRST GLEICH NIESEN. IN DER ÖFFENTLICHKEIT. LASS DIESEN KLANG NORMAL WIRKEN.‘ Und in Sekundenbruchteilen fügen sie einen Soundeffekt hinzu: Ah-choo“.

    „Achoo“. Und dann ist es mir erst aufgefallen.
    „Achoo“ ist ja gar nicht „Hatschi“.

    KI: Englischsprachige sollten, nach meiner Theorie, ja besser „virus spreader“ niesen.

    In Deutschland sagen wir „Hatschi“. In Österreich hört man manchmal „Hatschipatsch“. In den USA ist es „Achoo“ oder „Atishoo“. In Frankreich „Atchoum“. In Italien „Etchù“. In Spanien „Achís“. In Japan „Hakushon“. In Korea „Eichi“. In Russland „Apchkhi“. In Indonesien „Haaatzhing“. In Vietnam „Hắt xì“.

    Zugegeben, die sind nicht grundverschieden. Alle diese Wörter haben das Anspannen und die Explosion. Sie sind sozusagen Onomatopeia – lautmalerische Ausdrücke – die das Niesen begleiten und gleichzeitig beschreiben.

    Aber „Hatschi“, die deutsche Version, wird nicht automatisch durch das Niesen produziert. Es ist kein Laut, den dein Körper automatisch produziert, wie ein Husten oder ein Schluckauf. Es ist ein gelerntes Verhalten. Du hast als Kind gehört, wie andere Menschen „Hatschi“ sagen, wenn sie niesen, und irgendwann hast du das übernommen. Völlig unbewusst.

    KI: Ach, das ist ja lustig, dass Menschen solche fundamentalen Körperereignisse mit Wörtern begleiten! Das wusste ich gar nicht. Sagt ihr beim Pinkeln auch immer etwas? Vielleicht Pipipipipipipi?

    Eine Theorie ist ja, dass „Hatschi“ oder die anderssprachigen Hatschis eine soziale Funktion haben. Dass es ein Signal ist: „Achtung, ich niese jetzt!“ Das macht durchaus Sinn. Niesen ist laut, unerwartet und – wie erklärt – nicht besonders hygienisch. Wenn du in einer Gruppe bist und plötzlich niest, dann ist das ein Ereignis. Und vielleicht hilft das „Hatschi“ dabei, dieses Ereignis ein bisschen kontrollierbarer zu machen. Es ist wie ein akustisches Warnzeichen: Hier kommt gleich was, bitte in Deckung gehen.

    Was mich zu Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah zurückbringt.

    KI: Drei Mal Gesundheit.

    Auch interessant: Diese Reaktion. Also das, was andere Leute sagen, wenn du geniest hast. In Deutschland sagen wir „Gesundheit“, hier in Italien „Salute“. In England „Bless you“, was eigentlich „Gott segne Dich“ bedeutet. In Frankreich sagt man „Auf deine Wünsche“. In arabischen Ländern sagt man „Gelobt sei Gott“ und im alten Rom „Jupiter schütze Dich“.

    All diesen Beispielen gemein ist, dass es wohl ein unbewusstes Wissen darüber gibt, dass da eine Verbindung zwischen Niesen und Gesundheit besteht. Dazu muss man nicht den mittelalterlichen Glauben teilen, dass die Seele beim Niesen kurz den Körper verlässt und es einen Segenswunsch braucht, um sie zurückzuholen.

    In China ist das übrigens anders. Da gibt es die Vorstellung, dass man Niesen muss, wenn jemand anderes an einen denkt. Statt ‚Gesundheit‘ sagt man ‚Jemand denkt an Dich‘. Das ist in vielen Filmen ein Stilmittel geworden, um zwischen Protagonisten hin- oder herzublenden und ist natürlich in keiner Weise übersetzbar.

    KI: Und was ist die Moral von der Geschicht`?

    Niesen ist ein simpler Schutzreflex. Etwas, das alle Säugetiere tun. Hunde niesen, Katzen niesen, sogar Elefanten niesen. Es ist biologisch, es ist universell, es ist komplett außerhalb unserer Kontrolle.

    Und trotzdem – selbst bei diesem unkontrollierbaren Reflex – wir lernen, wie man „richtig“ niest. Wir lernen, welches Geräusch sozial akzeptabel ist. Wir lernen, was man danach sagt. Wir niesen nicht einfach – wir niesen deutsch. Oder japanisch. Oder französisch.

    Selbst die simpelsten, unbewusstesten Handlungen sind durchdrungen von erlernten Verhaltensweisen. „Hatschi“ ist nicht ‚natürlich‘. Es ist genauso angelernt wie Sprache, Tischmanieren oder die Vorstellung davon, was eine höfliche Begrüßung ist.

    Das klingt unfrei, aber bedeutet auch: Du bist nicht allein. Du bist Teil einer Kultur, Teil einer Gemeinschaft, die sogar dieselben Reflexantworten teilt. Dein „Hatschi“ verbindet dich mit Millionen anderen Menschen, die auch „Hatschi“ sagen. Es ist ein kleines, unbewusstes Zugehörigkeitssignal.

    Wir sind keine biologischen Maschinen, sondern kulturelle Wesen. Dein „Hatschi“ ist deutsche Sprache. Und, ohne jeglichen Nationalstolz: Das ist völlig in Ordnung! Ist keine schlechte Sprache. Ist die Sprache der Episode, die Du gerade hörst.

    Quellen:

    Youtube: Die Nieser aus dem Intro

    Limping Chicken: Die Liste von Charlie Swinbourne

    Wie immer, die Wikipedia: Niesen

    Auf Reddit gesammelt: Liste anderssprachiger Hatschis

  • Das Kino ist tot. Schon wieder!

    Filme heute sind so schlecht! Heißt es. Aber: Das Gleiche wurde schon in den 70ern gesagt. Und in den 50ern. Und in den 20ern. Eine Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte Kulturpessimismus – von der Tonfilm-Panik bis zur Netflix-Hysterie.

    Skript

    Wie jeder weiß, sind Filme heute so richtig schlecht. Vor zwanzig Jahren war einfach alles besser, da sind sich Tiktok, Instagram und besonders Youtube ganz sicher.

    Schuld am Niedergang sind viele Dinge, so prominente Youtuber: Die Tatsache, dass Filme wegen der Streamingplattformen möglichst schnell gedreht werden. Die Tatsache, dass das Publikum auf dem Sofa nebenbei durch soziale Medien scrollt und deshalb wichtige Handlungspunkte ständig wiederholt werden müssen. Die Tatsache, dass es nur noch Sequels gibt. Die Tatsache, dass alles mit diffusem Licht gedreht wird, damit man die Falten der Stars, die mittlerweile alle über 50 sind, nicht sieht. Die Tatsache, dass alle Stars über 50 sind. Die Tatsache, dass digitale Kameras irgendwie schlechter sind oder aber zu gut. Die Tatsache, dass zu viel CGI verwendet wird und CGI ist irgendwie an und für sich schlecht.

    KI: Und, dass die Drehbücher mittlerweile von der KI geschrieben werden.

    Ja, danke, KI – das ist angeblich auch eine Tatsache. Ich bezweifele das.

    KI: Ach, das traust Du mir nicht zu?

    Genau. Aber ich bezweifele die ganze These. Seitdem ich mich für das Kino interessiere, war das Kino früher viel besser. Und ich kann die These belegen.

    KI: Ach, wieder so eine historische Exkursion? Stört’s Dich, wenn ich schnell eine Nickerchen einlege?

    Fang schon mal an zu gähnen, ja. Denn ich nehme dich mit auf eine Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte Kulturpessimismus.

    Starten wir in den späten 1970ern. Heute gelten die als das „Goldene Zeitalter“ des New Hollywood. Coppola, Scorsese, Altman – lauter Genies, die persönliche, erwachsene Filme machten. Hieß es. Kann man auch diskutieren, ist aber nicht grundfalsch. Aber dann kam 1975 Steven Spielberg mit einem Film über einen Hai daher, der Leute frisst. Und zwei Jahre später schickte George Lucas Weltraumritter mit Laserschwertern ins Rennen.

    Und was passierte? Die Kritiker drehten durch. In Amerika, aber auch hier in Deutschland. Die warnten vor dem Untergang des anspruchsvollen Kinos. Denn diese neuen „High Concept“-Filme – Filme, deren Handlung man angeblich in einem Satz zusammenfassen kann – galten als infantiler Rückschritt. „Hollywood produziert nur noch für Teenager!“, hieß es. „Das charaktergetriebene Kino für Erwachsene stirbt aus!“

    Kennst du diese Argumente irgendwoher? Genau. Nur dass heute niemand mehr auf die Idee käme, „Der weiße Hai“ oder „Star Wars“ als den Tod des Kinos zu bezeichnen. Im Gegenteil: Die sind mittlerweile selbst Teil der guten alten Zeit, die ja immer schon besser war.

    KI: Lass mich raten: Vor den Siebzigern war bestimmt auch schon alles besser, oder?

    Exakt! Spulen wir noch zwei Jahrzehnte zurück. Die 1950er Jahre. Hollywood hatte ein Problem: das Fernsehen. Plötzlich saßen die Leute zu Hause vor der Röhre, statt ins Kino zu gehen. Was also tun? Größer werden! Breiter! Spektakulärer!

    Also führte man Breitbildformate wie CinemaScope ein. Sogar 3D wurde ausprobiert – mit den ikonischen Rot-Grün-Pappbrillen. Die Idee war: Wir müssen den Leuten etwas bieten, das sie zu Hause nicht bekommen können.

    Und die Kritiker? Die bemängelten genau das, was heute über Marvel-Filme gesagt wird: Zu viel Spektakel, zu viel Technik, zu wenig Tiefe. Die Intimität der Geschichten gehe verloren, hieß es. Charaktere würden dem visuellen Bombast geopfert.

    Kommt dir das bekannt vor? Sollte es. Denn es ist Wort für Wort das gleiche Argument, nur dass damals „CGI“ noch „Coast Guard Intelligence“ bedeutete.

    KI: Okay. Aber viel weiter kann man nicht mehr in die Vergangenheit, oder?

    Oh doch. Und jetzt wird’s richtig interessant. Denn der erste große „Das Kino ist tot“-Moment kam Ende der 1920er Jahre. Der Grund? Der Tonfilm.

    Jahrzehntelang war das Kino stumm. Eine universelle Kunstform der Pantomime, der Gestik, der Montage. Charlie Chaplin brauchte keine Worte. Buster Keaton auch nicht. Die Bilder erzählten die Geschichte, und zwar weltweit, egal welche Sprache man selber sprach.

    Und dann kamen plötzlich Filme, in denen Menschen sprachen. Und die Kunsttheoretiker – allen voran Rudolf Arnheim – waren entsetzt. Der Ton, so argumentierten sie, würde die visuelle Sprache des Films zerstören. Das Kino werde zu einem „abgefilmten Theaterstück“ degradiert und verliere seine künstlerische Autonomie.

    Man fürchtete, dass die Zuschauer nun nur noch passiv zuhören würden, statt die Bilder aktiv zu interpretieren. Das sei das Ende der Filmkunst, wie man sie kannte.

    KI: Gut, gut. Aber vielleicht haben die Kritiker ja recht. Vielleicht war Charlie Chaplin der Höhepunkt des Kinos?

    Nein. Aber vielleicht Laurel & Hardy? Just Kidding. Hier kommt die Psychologie ins Spiel. Unser Urteil über „früher war alles besser“ ist nämlich kognitiven Problemen geschuldet.

    Erstens: dem Survivorship Bias. Wir vergleichen die besten ein Prozent der Filme von vor zwanzig Jahren mit dem gesamten Output von heute. Nehmen wir das Jahr 2006. Was haben wir uns gemerkt? Vielleicht „The Departed“, vielleicht „Casino Royale“, wahrscheinlich „Children of Men“.

    Aber den Müll von 2006 haben wir schlicht vergessen. Niemand redet mehr über „Date Movie“ oder „Scary Movie 4“ oder „The Benchwarmers“ – auf Deutsch „Die Bankdrücker“. Schon mal gehört? Eben. I’ll Rest My Case.

    Zweitens: der sogenannte „Reminiscence Bump“. Studien zeigen, dass Menschen Medien – Musik, Filme, Bücher –, die sie zwischen 15 und 25 konsumiert haben, lebenslang als qualitativ am hochwertigsten empfinden. Nicht, weil sie objektiv besser waren, sondern weil unser Gehirn in dieser Zeit besonders formbar ist und Erinnerungen intensiver speichert.

    Mit anderen Worten: Wenn du heute 40 bist und denkst, dass die Filme um die Jahrtausendwende unschlagbar waren, dann nicht, weil sie es waren. Sondern weil du damals 20 warst und „The Matrix“ dein Gehirn umgekrempelt hat.

    KI: Kognitive Probleme. Das erklärt alles. Menschen und ihre Einbildung. Kenne ich.

    Nicht ganz. Denn es gibt tatsächlich eine Veränderung. Aber die hat weniger mit den Filmen zu tun als mit uns.

    Was sich, beschleunigt durch die Pandemie, wirklich verändert hat, ist das Kino selbst – nicht als Kunstform, sondern als Ort, als Ritual. Das Kino selber ist mittlerweile Teil der nostalgischen Verklärung.

    Denn selbst die härtesten Kritiker der modernen Filme – die Youtuber, die über den Niedergang des Kinos lamentieren – schauen sich ihre Filme lieber vom Sofa aus auf dem 70-Zoll-Monitor an. Kann man halt fürs Pinkeln besser auf Pause drücken. Kann man halt im Schlafanzug sein. Kann man halt nebenbei auf dem Telefon Kurzvideos zum Niedergang des Kinos gucken.

    Bedingt durch das Streaming hat sich der Film gewandelt. Der Neunzig-Minuten-Film mit neuen Figuren, neuer Handlung und neuen Ideen wurde abgelöst durch etwas, das man – nostalgischerweise – Serien nennt.

    Früher wurde die Kulturerinnerung durch Filme geprägt, heute sind es Serien. Früher musste man den Paten gesehen haben, heute Breaking Bad. Früher musste man Unheimliche Begegnung der dritten Art gesehen haben, heute Stranger Things. Früher waren es Sissi-Filme, heute Downtown Abbey.

    KI: Und was ist die Moral von der Geschicht?

    Das Kino stirbt seit seiner Erfindung. Wie das Buch und das Theater und der Rock’n roll. Aber keine Angst: Alle haben noch einen messbaren Puls.

    Der Film hat sich seit den Gebrüdern Lumierè immer wieder neu erfunden. Es ist eine kulturelle Evolution. Bewegte Bilder – mit Ton, 3D, 48 Frames per second oder vielleicht Augmented Reality – sind und werden noch einige Zeit ein kulturell wichtiges Unterhaltungsformat bleiben.

    Kurz: Es gibt keinen objektiven Grund, aus nostalgischen Gründen ein Kulturpessimist zu werden.

    Quellen:

    Youtube: “Netflix Lighting” and the Death of Cinematography
    Youtube, empfehlenswert: Why Movies just Don’t Feel „Real“ Anymore
    Youtube: Why Modern Movies Suck – They’re Completely Forgettable
    Zeitgeschichte-Online: You’re gonna need a bigger budget
    Videolyser: Die Geburt des „New Hollywood“ in den 1970ern – Revolution im amerikanischen Kino
    Roger Behrens: Die Ästhetik des Materials. Der Medientheoretiker Rudolf Arnheim

  • Zombies: Einfach nicht totzukriegen

    Ein kurzer wissenschaftlicher Überblick über die Evolutionsgeschichte der Gattung Mortuus vivens – laienhaft auch ‚Zombies‘ genannt. Beantwortet wird auch die Frage, warum sie aus Film und Fernsehen einfach nicht mehr wegzudenken sind.

    Skript

    Sehr verehrte Hörerinnen und Hörer – auch diejenigen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die uns heute zugeschaltet sind – und willkommen beim Explikator!

    Heute begeben wir uns auf die Spurensuche nach einer faszinierenden Spezies, die über Jahrzehnte eine beispiellose Ausbreitung erlebt hat, mittlerweile aber wieder vom Aussterben bedroht scheint. Kreaturen, die unser Verständnis von Leben und Tod herausfordern und deren Verhalten Wissenschaftler weltweit in Atem hält.

    Die Rede ist natürlich von Mortuus vivens – der Gattung der wandelnden Toten.

    KI: Noch nie gehört. Wo wurde diese Spezies zum ersten Mal gesichtet?

    Die ersten dokumentierten Exemplare von Mortuus vivens – Unterart haitianus – wurden vor hundert Jahren auf Haiti beobachtet. Der Anthropologe William Seabrook berichtete 1929 in seinem Werk „The Magic Island“ von eigenartigen Kreaturen: aufrecht gehende, sehr menschenähnliche Wesen, aber ohne erkennbaren eigenen Willen. Willenlose Arbeiter auf Zuckerrohrfeldern, angeblich kontrolliert durch lokale Hexenmeister, sogenannte Bokors.

    Diese haitianische Unterart zeichnet sich durch ihre extreme Lethargie aus. Aggressive Verhaltensweisen? Fehlanzeige. Ernährungsverhalten? Nicht dokumentiert. Intelligenz? Nicht vorhanden.

    Mortuus vivens haitianus ist, zoologisch betrachtet, unspektakulär.

    KI: Lethargisch, unspektakulär, Intelligenz nicht vorhanden? An wen erinnert mich das? Ach! An Dich!

    Aber dann verdichteten sich neue Beobachtungen rund um die Welt. Dass wir heute bei dieser Spezies sofort an fleischfressende Horden denken, verdanken wir einer revolutionären Entdeckung in den späten 1960er Jahren.

    1968 veröffentlichte der Verhaltensforscher George A. Romero seine bahnbrechende Dokumentation „Night of the Living Dead“. Und damit veränderte sich alles, was wir über Mortuus vivens zu wissen glaubten.

    Romero beobachtete eine völlig neue Variante. Diese Art war nicht mehr willenlos und kontrollierbar, sondern jagte aus eigenem Antrieb. Und: Sie fraß Menschenfleisch. Die Ansteckung erfolgte durch Bisse – jedes Opfer wurde selbst zum Jäger. Ein exponentielles Wachstumsmodell, das jeden Epidemiologen in Panik versetzte.

    Interessanterweise nannte Romero diese Kreaturen in seiner Veröffentlichung selbst „Ghouls“. Er akzeptierte die wissenschaftliche Bezeichnung natürlich, schließlich wurde er im Namen verewigt. Mortuus vivens romeroi.

    Mortuus vivens romeroi war schneller, aggressiver, und vor allem: infektiös in einem Maße, wie es die Welt nicht für möglich gehalten hatte.

    KI: Bist Du dann auch ansteckend? Überträgt sich das durch Audiodateien? Ich frage nur wegen meiner Fans.

    Wie? Jetzt hast Du schon eigene Fans? Moment, wo war ich?

    Romeros Beobachtungen waren auf jeden Fall so präzise, so schonungslos, dass sie Millionen Menschen verstörten. Hier wurde erstmals dokumentiert, wie fragil die menschliche Zivilisation ist, sobald sie von Mortuus vivens romeroi heimgesucht wird.

    1978 zeigte Romero in seiner Folgestudie „Dawn of the Dead“, wie diese Zombies instinktiv Einkaufszentren aufsuchten – ein faszinierendes Beispiel für Restverhalten aus dem Leben vor dem Tod.

    1985 dokumentierte der Forscher Dan O’Bannon in „Return of the Living Dead“ eine Unterart, die es speziell auf menschliche Gehirne abgesehen hatte. Ihr Erkennungsruf, weithin in den leeren Betonschluchten zu hören, war „Braaains!“.

    KI: Das kann ich sehr gut verstehen. Braaains ist genau das, was diesem Podcast fehlt.

    Doch Mitte der 1990er Jahre geschah etwas völlig Überraschendes: In Japan tauchten neue Varianten auf. Zunächst in kontrollierten Laborumgebungen – in den berühmten Verhaltensforschungs-Instituten von Capcom und Sega.

    1996 wurden die ersten Exemplare dokumentiert: In Capcoms Studie „Resident Evil“ wurden zum ersten Mal infizierte Hunde dokumentiert. Das erschütternde: Diese Vierbeiner rannten auf ihre Opfer zu.

    Im selben Jahr belegte Segas Arbeit „The House of the Dead“ dann tatsächlich auch laufende menschliche Exemplare. Nicht das langsame Dahinstolpern von Mortuus vivens romeroi – nein, diese Kreaturen sprinteten richtiggehend. Sie konnten schwimmen. Sie konnten springen.

    KI: Gut. Da hört die Artverwandheit zu Dir auf.

    Mortuus vivens velox – so die wissenschaftliche Bezeichnung dieser Erstbeobachtungen – zeigte, dass Geschwindigkeit ein enormer evolutionärer Vorteil sein konnte. Die Art verbreitete sich folgerichtig rasant über die Welt. Zunächst inspirierte sie asiatische Forscher: „Bio Zombie“ (1998), „Versus“ (2000), „Stacy“ (2001). Dann wurden die ersten Beobachtungen außerhalb Asiens gemeldet.

    2002 dokumentierte Danny Boyle in „28 Days Later“, wie effektiv Mortuus vivens velox sich evolutionäre Vorteile gegenüber Homo sapiens sicherte. 2004 folgte deswegen auch eine Neuuntersuchung von „Dawn of the Dead“.

    Der Verhaltensforscher Simon Pegg – der seine Arbeit „Shaun of the Dead“ 2004 veröffentlichte – kritisierte später scharf in einem Fachaufsatz: „Langsam und stetig in ihrem Vorgehen, schwach, tollpatschig, oft absurd – der ursprüngliche, der wahre Mortuus vivens rückt unaufhaltsam näher, unaufhörlich, unnachgiebig.“ Dass sich die Forschung nur noch auf Unterarten konzentriere, die wütend kreischen und wie Velociraptoren herumlaufen, erschwere den Menschen das Verständnis des Problems.

    Mortuus vivens romeroi wirkte nun wie ein tragischer Anti-Held. Man konnte ihm ausweichen, mit etwas Umsicht überleben. Mortuus vivens velox war einfach nur tödlich.

    KI: Tragischer Anti-Held? Das klingt nach Groschenroman. Gibt’s das auch als Romantasy?

    Ja, das ist tatsächlich passiert, so bizarr es klingt. In den 2010er Jahren entwickelten sich einzelne Mutationen in eine Richtung, die keine Forschungseinrichtung vorhergesehen hatte. Sie wurden …

    KI: Intelligent? Erfolgreich? Berühmt?

    Nein. Sie wurden … na ja … nett?

    2013 dokumentierte die Studie „Warm Bodies“ diese bizarre Mutation: Mortuus vivens romanticus. Beobachtet wurde ein Exemplar, das sich in einen Homo sapiens verliebte. Das sprechen konnte. Das Gefühle hatte.

    Auch die Langzeitbeobachtung „iZombie“ zeigte ähnliche Exemplare mit intakter Persönlichkeit, die mit Menschen zusammenlebten, ja sogar Beziehungen führten.

    Wissenschaftler wie Scott Rogers stellten die These auf, dass hier eine ähnliche Transformation stattfand wie einst bei Wölfen, die zu Hunden wurden: Die Domestikation des Mortuus vivens.

    KI: Eine Frage – lass es mich musikalisch ausdrücken: „Wo sind all die Zombies hin? Wo sind sie geblieeeben?“

    Das ist die große Frage. Mitte der 2010er Jahre erreichte die Spezies wohl ihren evolutionären Höhepunkt: Die Langzeitstudie „The Walking Dead“ fand weltweite Beachtung, die Feldforschung „World War Z“ wurde international immerhin noch rezipiert. Dann aber – plötzlicher Zusammenbruch der Population.

    Was war passiert? Vermutlich eine Kombination aus Überpopulation und Habitatverlust. Zu viele Veröffentlichungen, zu viele Langzeitstudien, zu viele Laborexperimente. Das Fachpublikum war übersättigt.

    KI: Gibt es noch Hoffnung für die Spezies?

    Es gibt Anzeichen. In Japan entwickelte sich 2017 mit „One Cut of the Dead“ eine Meta-Beobachtung – eine Dokumentation über das Dokumentieren von Mortuus vivens, die weltweit Anerkennung fand. Und koreanische Forschungseinrichtungen zitieren mit Arbeiten wie „Train to Busan“ und „Alive“ bemerkenswerte neue Ansätze.

    Jüngst dokumentierte „The Last of Us“ Exemplare, die von einem Pilz kontrolliert werden – Mortuus vivens cordyceps. Eine faszinierende Rückkehr des Evolutionsdrucks hin zu den kontrollierten Verhaltensformen des Mortuus vivens haitianus.

    KI: Und was ist die Moral von der Geschicht?

    Warum wir kollektiv entschieden haben, dass Zombies die Medien-Monster des 21. Jahrhunderts sind, hat, meiner Meinung nach, zwei Gründe.

    Als Mensch einer Masse von anonymen Monstern gegenüberzustehen, könnte eine Spiegelung der Erfahrungen sein, die man im Internet so ähnlich machen kann. Es ist kinderleicht, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn man Kommentare liest. Selbst unter Herzschmerzvideos wie „Heldenhaftes Baby rettet Eisbären aus Müllauto“ findet sich in Kommentaren so viel Hass, dass man laut „Braaains“ schreien möchte.

    Trotzdem glaube ich, dass der eigentliche Grund einfacher ist. Content, Content, Content, wenn man alle Staffeln von „The Walking Dead“ und dessen Spin-Offs zusammenrechnet, kommt man auf 280 Stunden Spieldauer. Die haben laut Branchenschätzungen ungefähr 1,2 Mrd. Dollar gekostet.
    Macht 4,3 Mio Dollar pro Stunde.

    Klingt teuer, ist aber supergünstig. Denn ein Zombie ist schlicht ein Komparse plus Schminke. Und nur die erste Reihe braucht die wirklich gute Schminke, für die Zombies in der letzten Reihe nimmt der Aufwand ab. Da reicht es oft, sie morgens auf den Kaffee verzichten zu lassen.

    Nehmen wir als Vergleich die drei Star-Wars-Sequel-Filme – einfach weil die zusammen auch auf 1,2 Mrd Dollar Produktionskosten kommen – reden wir von sieben Stunden und 12 Minuten Spieldauer.
    Das macht nicht 4,3, sondern 171 Mio. Dollar die Stunde.

    Und, Zusatzbonus der Zombies: Den Protagonisten erlauben Zombies, ohne jegliches schlechtes Gewissen, zu metzeln, dass die Hirnmasse, die Gedärme und das Blut nur so spritzt. Und das sehen anscheinend viele Menschen gerne, während sie auf dem Sofa fläzen und darauf warten, dass endlich der Pizzabote klingelt.
    Guten Appetit!

    Quellen:

    Die genannten Filme und Serien und natürlich die Wikipedia (englisch), ein echter long read.

  • Meine Telefonnummer ist 0172-9980752

    Über das Telefonieren und über Pennsylvania 6-5000, Skandale in Sperrbezirken, drama numbers, die Vorwahl 555 und was Bruce Allmächtig, Supernatural, Scrubs und Stranger Things damit zu tun haben. Bonus: Ein unheimlicher Anruf.

    Skript

    Mein Name ist Oliver Wunderlich und ich habe in meinem Leben so oft „Skandal im Sperrbezirk“ hören müssen, dass ich mir nie eine Platte von der Spider Murphy Gang gekauft habe.

    Ich hatte die schon früher live gesehen – ich glaube, es war im Podium und nicht im Memoland – und ich wusste, dass sie eine super Rock’n-Roll-Band waren – aber Neue Deutsche Welle waren sie nicht.

    Ich meine, ich hab‘ beides sehr gemocht. NDW war eine tolle Sache, bevor sie berühmt wurde. Da war zum Beispiel …

    Clip: (Räuspern) Nur eine Frage zwischendurch: Warum heißt die Sendung eigentlich „Meine Telefonnummer ist 0172-9980752“?

    Äh, ja genau. Also in „Skandal im Sperrbezirk“ gibt es eine Songzeile, in der heißt es „Unter 32-16-8 herrscht Hochbetrieb die ganze Nacht“. Die Band hatte damals abgecheckt, dass es die Nummer in München nicht wirklich gab. Aber dann wurde der Song ihr erster Nummer-Eins-Hit in Deutschland. Na ja, und an anderen Orten gab es die Telefonnummer halt schon.

    Günther Sigl, der Sänger der Band, der auch den Song geschrieben hatte, meinte in einem Interview: „Einige Jugendliche haben sich da einen Spaß gemacht, angerufen und blöd dahergeredet. Naja, wir haben damals einige Rufnummernänderungen bezahlt und zahlreiche Blumensträuße als Entschuldigung quer durch Deutschland geschickt.“

    Clip: Verstehe. Und was passiert, wenn jemand die Nummer aus dem Titel anruft?

    Darum geht’s ja. Da passiert nichts. Das ist eine „Drama Number“. Die Bundesnetzagentur veröffentlich in ihrem Amtsblatt eine Liste mit Telefonnummern, die jede und jeder Medienschaffende kostenlos verwenden darf. Weil die Netzbetreiber sie nicht vergeben dürfen.

    Was uns zurückbringt zu „Pennsylvania 6-5000“. Denn diese Nummer, die Glen Miller berühmt gemacht hat, ist auch eine Telefonnummer. Damals hat man noch den Operator angerufen – in Deutsch „Die Dame vom Amt“ und hat gesagt, man würde gerne mit Beispielsweise „Pennsylvania 6-5000“ verbunden werden.

    Und das wurde man auch. In diesem Fall mit dem Hotel Pennsylvania in New York. Die haben sich im Gegensatz zum Beispiel mit dem Sperrbezirk darüber sehr gefreut, auch wenn sie während der Pandemie, 101 Jahre nach der Öffnung mittlerweile pleite gegangen sind.

    Um Kreativen die Möglichkeit zu geben, erfundene Telefonnummern zu verwenden, hat man in Amerika gleich eine ganze Ortsvorwahl vergeben. Die berühmte „555“, wie man sie aus Film und Fernsehen kennt.

    Clip: Kenne ich nicht. Hast Du da Beispiele?

    Gut, dass Du fragst! Da hätte ich zum Beispiel Kramer, aus Seinfield, und die Nummer 555-FILK. Die Episode dreht sich darum, dass alle, die sich verwählt haben und eigentlich 555-FILM wählen wollten, bei Kramer landeten. 555-Film war die Nummer von Moviefone – eine Infonummer für aktuelle Kinofilme.

    Oder die 555-0001 von dem Psychopathen aus dem vierten „Stirb Langsam“. Oder 555-6162, die Nummer von Hannibal, aus dem „A-Team“. Bei den Simpsons gibt es auch einige Beispiele – aber … eigentlich ist es interessanter, über Filme und Serien zu reden, die die 555 ganz absichtlich nicht eingeführt haben.

    Clip: Das ist etwas verwirrend. Aber dafür hast Du sicher auch Beispiele, oder?

    Bei „Supernatural“ konnten Fans über 15 Staffeln hinweg Dean Winchester anrufen. Seine Nummer – (866) 907-3235 – wurde mehrfach in der Serie gezeigt, und wer da anrief, bekam tatsächlich eine Nachricht von Dean.

    Die ging ungefähr so: „Hier ist Dean Winchester. Wenn es ein Notfall ist, hinterlasse eine Nachricht. Wenn Du wegen 11-2-83 anrufst, page mich mit Deinen Koordinaten.“

    Das Datum, gemeint ist der zweite November, ist der Tag, an dem Deans Mutter Mary gestorben ist. Also ein ziemlich cooler Insider für Fans der Serie. Heute ist die Nummer leider einer Sexhotline zugeordnet – was irgendwie auch zu Dean passen würde …

    „Stranger Things“ spielt in den 80ern, aber die Marketing-Kampagne ist voll im Hier und Jetzt. In der dritten Staffel gibt Hopper eine Telefonnummer an, die angeblich Murray gehört: (618) 625-8313.

    Und tatsächlich: Wer da anrief, bekam eine ziemlich lange Nachricht von Murray, in der er seine Mutter und Joyce anspricht – und den Anrufer am Ende einen „Parasiten“ nennt. Das war übrigens ein Easter Egg, das auf die vierte Staffel hindeutete.

    In Staffel 4 gab’s dann die Surfer Boy Pizza Nummer – (805) 45-PIZZA – wo man Argyle erreichte, der sich über Pizzazutaten ausließ und zugab, dass die Ananas aus der Dose kommt.

    Aber das ist schon fast zu professionell. Da hätte ich noch ein dilettantisches Beispiel.

    Clip: Dilettantischer als dieser Podcast?

    In „Bruce Allmächtig“ mit Jim Carrey bekommt Bruce Nachrichten auf seinem Pager, dass er eine bestimmte Nummer anrufen soll. Am Ende stellt sich raus: Es ist Gott höchstpersönlich – gespielt von Morgan Freeman.

    Die Nummer im Film hatte keine Vorwahl und war keine „555“-Nummer. Die Produktionsfirma hatte gecheckt, dass es die Nummer in Buffalo New York, wo der Film spielt, nicht gab. Aber, hier wiederholte sich das Sperrbezirk-Problem: Man konnte einfach irgendeine Vorwahl davor setzen – und schon hatte man eine echte Nummer.

    Das Ergebnis: Ein Mann in Florida bekam 20 Anrufe pro Stunde von Leuten, die mit Gott sprechen wollten. Universal Pictures musste sich „entschuldigen“ – was in den Staaten ein anderes Wort für „zahlen“ ist. Man hat die Nummer in späteren Versionen durch eine „555“-Nummer ersetzt.

    Aber überhaupt nicht dilettantisch ist mein Lieblingsbeispiel:„Scrubs“. In einer Folge kriegt Turk eine neue Telefonnummer: 916-CALL-TURK. Im Verlauf der Episode sagt er mehrmals: „If you call Turk, you get Turk.“

    Und die Fans haben’s ausprobiert. Donald Faison, der Darsteller, hatte tatsächlich eine Nachricht aufgenommen: „Ich kann gerade nicht ans Telefon, aber Du hast Turk angerufen. Und das ist eine großartige Sache, das kann ich Dir sagen.“

    Die Nachricht informierte dann über den neuen Sendeplatz der Serie und bat die Zuschauer, weiterzuschauen. So far, so normal.

    Aber: Manchmal war das Handy mit der Nummer auch am Set und irgendeiner der Darsteller ging zufällig dran. Dann hörte der Anrufer oder die Anruferin zum Beispiel: „Ja, Du hast Turk angerufen. Aber wo der sich rumtreibt, weiß keiner. Hier spricht Dr. Kelso!“.

    Das ist mit Sicherheit die cleverste Benutzung einer Telefonnummer, finde ich. War auch eine echt gute Serie. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass es jetzt ab Februar 2026 eine neue Staffel geben wird …

    Clip: Was ist die Moral von der Geschicht?

    Wo Du das fragst, fällt mir ein: Während ich in München lebte, klingelte einmal das Telefon und eine weibliche Stimme sagte:
    „Hast Du jetzt eine neue Telefonnummer?“. Und ich antwortete:
    „Nein, die habe ich schon seit Jahren“.
    „Aber ich hab schon ein paar Mal angerufen und die kommt mir nicht bekannt vor.“
    „Äh … weiß ich nicht. Keine Ahnung“ – ich war ratlos.
    „Moment, vielleicht habe ich mich verwählt. Wer spricht denn da?“
    „Oliver Wunderlich“
    „Also doch. Du bist’s.“
    „Ja. Ich bin’s. Und wer sind Sie?“
    „Ich bin PIEPS PIEPS. Ich sollte doch anrufen, hast Du gesagt!“
    „Wann habe ich das gesagt?“
    „Na, am Dienstag. In der Praxis. Da hast Du auch nochmal die Nummer aufgeschrieben, aber ich habe den Zettel verschmissen und hab‘ die Auskunft anrufen müssen“.

    Der Dialog zog sich noch ein bisschen hin. Es stellte sich heraus, dass es in Schwabing einen Psychotherapeuten gab, der auch Oliver Wunderlich hieß. Den wollte ich unbedingt besuchen und drum hab‘ ich mir nach dem Gespräch schnell den Namen notiert. Aber ich habe den Zettel verschmissen.

    Quellen:

    Wikipedia: Ficticious telephone number

    Wikipedia: PEnnsylvania 6-5000

    Bundesnetzagentur: Liste der deutschen „drama numbers“

    Looper: Movies And TV Shows That Used Real Phone Numbers