Es gibt keinen Weg, sie zu vermeiden. Keiner hat diese Krankheit noch nicht gehabt. Und trotzdem gibt es wohl kaum eine Erkrankung, über deren Behandlung mehr Bullshit kursiert als es bei dieser der Fall ist: Die Erkältung.


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Closer: „Spelling Bee Words and Definitions — Gesundheit“ von Spelling Bee and SAT Words
Musik: „Schnodderdodder“ von Abendblau / CC BY-NC-ND 3.0



(bedrohlich) Es gibt kein Entrinnen. Egal, was Du tust. Egal, wo Du bist. Egal, wer Du bist. Diese Krankheit wird Dich erwischen. Du wirst frösteln, Deine Nase wird laufen und Dein Taschentuchverbrauch wird sich quadrieren. Niemand entkommt der Erkältung! /Clip dramatic

Wahrscheinlich ist die Erkältung die häufigste Infektionskrankheit überhaupt und ever. Keiner kann ihr so richtig entkommen. Säuglinge und Kleinkinder bringen es auf sechs bis neun Mal im Jahr, Erwachsene immer noch auf ein bis zweimal. Die Erkältung gehört zu unserem Leben und es gibt kaum Möglichkeiten, sie zu vermeiden.

Die gewöhnliche Erkältung – the common cold – ist eine Infektionskrankheit. Nicht mehr und nicht weniger. Sie wächst nicht in der Kälte, sie bestraft uns nicht, weil wir mit nassen Haaren rausgegangen sind. Oder keine lange Unterhose angezogen haben. Oder nicht brav das Gemüse aufgegessen. Oder schlecht über unseren Nachbarn geredet haben – ja, habe ich auch schon als Erklärung gehört…

Die Erkältung ist eine Infektion mit Viren. Eine Virus-Erkrankung. Oder vielleicht besser: Eine Beschreibung für eine ganze Reihe von Viruserkrankungen. Natürlich gibt es einen Haupttäter: The evil, f***ing Rhinovirus! Aber leider gibt’s auch von diesem Monster der Massenerkrankungen ca. 150 Untersorten. Und dann hat er auch noch ca. 100 Cousinen und Cousins, die praktisch genau die gleichen Symptome hervorrufen.

Das ist der Grund, warum es wahrscheinlich nie so etwas geben wird wie eine Impfung gegen Erkältung. Ist ja beim großen Bruder ein bisschen besser. Also bei der Grippe. Die ähnliche Symptome hat, aber auch richtig böse enden kann.

Darum ist das auch gar nicht leicht zu unterscheiden. Hat man einen blöden Schnupfen, einen mittelschlauen grippalen Infekt oder eine intelligente Grippe? Da gibt’s nicht viele Möglichkeiten, das zu erkennen. Allgemein könnte man sagen: Tun Dir die Knochen weh und hast Du Fieber, dann ist’s eher eine Grippe.

Aber, wie gesagt: Gegen die Grippe kann man impfen. Weil die Virologen nämlich wissen, von woher die Grippen so angereist kommen. Und welchen Weg sie in der Regel einschlagen. Und dann verfolgen sie diese Spur zurück und kucken sich um, welche Viren gerade so modern sind.

Und dann wissen sie: In ca. drei Monaten wird dieser oder jener Virus bei uns in Deutschland den Laufsteg entlang stolzieren. Also verabreichen wir der Bevölkerung einen Mix aus den dann nötigsten drei, vier Antikörpern. Und das funktioniert ganz gut, aber halt auch nicht immer. Manchmal läuft es ein bisserl anders als gewettet und dann kann man eben genau Virus Nr. Fünf erwischen.

Aber bei der Erkältung geht das leider nicht. Weil eben schon die Familie der Rhinoviren 150 Verwandte hat. Und es eben auch Cousins und Cousinen gibt.

Der Rhinovirus wird übrigens nur selten per Tröpfchen-Infektion übertragen. Selbst bei einem herzhaften, dusche artigen Nieser sinken die Erreger doch sehr rasch zu Boden. Am häufigsten ist die Infektion durch eine Schmierinfektion. Türklinken und Händedrücken ist also gefährlicher als angeniest werden.

Eine Erkältung hat übrigens nur wenig mit der Kälte zu tun. Immerhin ein Viertel aller Erkältungen treten im Sommer auf. Zwar mag es der Rhinovirus nicht wirklich gerne warm, aber darum hat er sich ja die Nase ausgesucht, in der es ja auch kühler ist, als z.B. im Körperinneren.

Es gibt umfangreiche Studien darüber, ob man sich in der Kälte leichter infiziert, aber trotzdem ist die Beweislage niedrig. Man muss sich schon lange unterkühlen, bis das Immunsystem so lädiert ist, dass schon eine geringere Virenlast reicht, um die Krankheit auszulösen. Schnell mal im T-Shirt zum Briefkasten reicht da noch nicht. Also: Kälte und Schnupfen hängen schon irgendwie zusammen, aber es hat wahrscheinlich einen ganz anderen Grund, warum wir uns bevorzugt im Winter infizieren. Und zwar wahrscheinlich, weil wir da halt drinnen hocken und uns ungestört anniesen können. Im Sommer, wenn wir in den Strassencafés sitzen, tun sich die Übeltäter halt schwerer.

Wahrscheinlich kommt der Name Erkältung aber eher von einer Fehlwahrnehmung. Uns ist es auf einmal kalt, wir frösteln und müssen uns noch dicker anziehen als sonst, und was passiert: Zack! Am nächsten Tag ist man erkältet. Stimmt aber gar nicht. Denn das erste Symptom auf eine Infektion ist eben das Frösteln. Da ist man schon krank und das Immunsystem fährt den Sollwert der Körpertemperatur hoch. Zur Abwehr. Angesteckt aber hat man sich schon zwei, drei Tage vorher.

Was hilft aber gegen eine Erkältung? Die traurige Wahrheit ist: Nichts. Gegen eine Erkältung gibt es kein Mittel. Es gibt die Möglichkeit, die Symptome zu dämpfen. Also gegen die Kopfschmerzen ein Medikament zu nehmen oder Nasentropfen zu verwenden, wenn die Schleimhäute komplett geschwollen sind. Aber ansonsten heißt es einfach warten. Ca. 240 Stunden braucht der Körper, bis er die Eindringlinge abgewehrt hat. Mit oder ohne Medikamente.

Da hilft kein Salbei, kein Ingwer und kein Frauenschuh. Also die Pflanze. Auch Echinacea, Esberitox oder ACC – Acetylcystein – haben keinerlei nachgewiesene Wirkung. Und Mittelchen wie Wick Medi-Night oder Grippostat sind Mischmedikamente gegen eine Reihe von Symptomen. Ob es aber genau die Mischung ist, an der man selber leidet, das ist die Frage. Und eher unwahrscheinlich.

Hustenbonbons wirken etwas. Aber nur, weil sie den Speichelfluss anregen und nicht, weil da Omas geheimer Kräutermix drin ist. Kaugummi wirkt aber noch besser.

Ja. Ist man einmal erkältet, ist man ja nicht nur das Opfer der hinterhältigen Rhinoviren. Die sich ungehemmt in der eigenen Nase vermehren und da Orgien feiern. Sondern auch von unzähligen Tipps und Ratschlägen. Aber z.B. saunieren, was ja viele empfehlen – „die Krankheit ausschwitzen“ – ist nachgewiesener Weise genau das Falsche.

Ja, selbst sich oft und fest zu schnäuzen ist nicht das Mittel der Wahl. Denn dabei besteht ein Risiko, sich die Erreger auch noch in die Nasennebenhöhlen zu trompeten. Und da gefällt’s denen auch prima. Dann hat man eine Sinusitis und der Schädel brummt erst recht.

Medizinisch gesehen ist also den Schnodder hochziehen der bessere Weg, so eklig das auch ist. Und da kann auch nichts passieren. Gegen das Klima im Magen haben die Übeltäter nicht die geringste Chance. Clip: Aber schön ist das nicht.

Fazit: Jeder kriegt sie und man kann nichts gegen sie machen. Wir müssen mit den Rhinoviren, die übrigens nur bei uns Menschen anschlagen, einfach leben.

Und Vorbeugen ist auch nicht einfach. Dick anziehen, Vitamin-C nehmen oder Kniebeugen bei offenem Fenster: Hilft alles nichts.

Das einzige, was wirklich hilft, wäre absolute Isolation. Den Winter im Elfenbeinturm absitzen. Aber wie gesagt: Im Sommer kann man sich auch einen Schnupfen fangen. Und wegen Schnupfen sollte man nicht zum Soziopathen werden, oder?

Was ein bisschen hilft, ist, die Schmierinfektion zu vermeiden. Also regelmäßig die Hände waschen und sich tunlichst nicht unwillkürlich an Mund, Nase oder Auge fassen. Aber unwillkürlich heißt ja leider, dass man es macht, ohne es zu merken.

Ansonsten heißt es: Nase zu und durch! 240 Stunden vergehen ja auch irgendwann.
Na dann: Gesundheit!