Expl0364: Podcasts

Egal, wie lange es Podcasts schon gibt und wie populär sie angeblich sind: Wenn mich jemand fragt, was ich so mache, dann muss ich das Wort „Podcast“ in den meisten Fällen mit erklären. Heute also darum ein kleiner Blick in die Geschichte des Podcasts. Und ein vorsichtiger Blick in die Zukunft.


Download der Episode hier.
Link zur geheimen Explikator-App für iOS
Opener: „Podcast Professors – What Is A Podcast?“ von Podcast Professors
Closer: „Podcast Professors – What Is A Podcast?“ von Podcast Professors
Musik: „Rate Me“ von Sean T Wright / CC BY 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Heute ist die 364te Sendung! Ab jetzt ist es also theoretisch möglich ein Jahr lang jeden Tag den Explikator zu hören! Allerdings sind halt die alten Folgen nicht mehr online. Aber ich plane, da durchaus etwas daran zu ändern. Später mehr. Dieses Frühjahr tut sich auf jeden Fall noch einiges, soviel sei schon einmal versprochen.

Der Explikator ist ja, wie ihr wisst: Morgenradio 2.0. Dieser etwas sperrige Claim kommt daher, dass ich mit dem Ausdruck Podcast so meine Probleme habe. Hauptsächlich, weil die eine Worthälfte ja „Pod“ ist. Das kommt vom iPod. Aber jetzt, wo der iPod eingestellt ist, sollten wir uns da etwas anderes überlegen. In fünf Jahren wissen viele schon gar nicht mehr, was das ‘mal war.

Aber heute geht’s ja um Geschichte. Um die Geschichte des Podcasts. Das wird jetzt erst einmal ein bisserl technisch. Fangen wir also bei Adam und Eva. Die Schlüsseltechnologie des World Wide Web ist der Hyperlink. Also ein Wort, ein Ausdruck oder ein Bild, dass man anklickt, um dann auf einer anderen Seite oder an einer anderen Stelle zu landen. Das ist mittlerweile selbstverständlich.

Aber stellt euch einmal vor, wie das vorher war! Man recherchiert also in der Bibliothek, meinetwegen für ein Referat, in einem Buch. Da steht dann ein Verweis auf einen Artikel in einer Fachzeitschrift. Dann musste man aufstehen, den entsprechenden Microfiche suchen oder in halbvergammelten Karteikarten blättern, um rauszubekommen, wo in der Bibliothek die angegebene Zeitschrift stand. Dann musste man die noch suchen und durchblättern, bis man den entsprechenden Artikel fand. In dem dann vielleicht der nächste Link war. Alles von vorne.

Keine Frage: Der Hyperlink ist eine der wichtigsten Erfindungen überhaupt.
Und deswegen entstanden bald Websites über Websites und Homepages über Homepages.

Wollte man jetzt aber z.B. Nachrichten zu einem bestimmten Thema sammeln, dann musste man immer noch mühevoll die einzelnen Anbieter absurfen. Das wollten einige Entwickler bei Netscape vereinfachen. Zu den normalen Webseiten sollten die Webseiten-Betreiber noch ein weiteres, unsichtbares Dokument anlegen und zur Verfügung stellen, in der nur die Textinformation lag. Keine Bilder, Werbung oder Navigationselemente.

Ein Programm konnte dann bei verschiedenen Seiten regelmäßig vorbeischauen, die Information zusammenfassen, kopieren und alle neuen Nachrichten gebündelt darstellen.
Auf einer einzigen Seite, einer zentralen Datei. Online oder offline.

Die unsichtbare Datei auf dem Server nennt man RSS-Feed. RSS bedeutet dabei heutzutage „Really Simple Syndication“ – echt einfache Verbreitung. Und ein Feed ist einfach eine Einspeisung. Und das Programm, dass diese Dateien dann einsammelt und auf dem Monitor darstellt, ist ein sogenannter Feed-Reader. Einspeisungsleser, na ja? Kein schönes Wort.

Das war der Durchbruch für die Blogs. An einer einzigen Stelle im Netz oder auf meinem Rechner konnte ich nachsehen, wer von meinen Lieblingsbloggern was geschrieben hat. Und musste nicht eine Liste von Websites absurfen.

Gut und schön. Schon ein Jahr später haben dann Dave Winer und Adam Curry diesen Standard genommen und ein paar neue Vokabeln hinzugefügt. Diese erlaubten dann auch, dass so ein Feedreader auf einmal auch Audiodateien anzeigen und abspielen konnte. Das ist die Geburt des Podcasts, auch wenn er damals noch nicht so hieß. Sondern Audioblog.

September 2004 kam Ben Hammersley auf die Idee, man könnte diese Technologie doch noch einen Schritt ausbauen. Dann könnte z.B. iTunes die Audiodateien automatisch aus dem Netz holen und mit dem iPod synchronisieren. Dann hätte man seine Lieblings-Sendungen immer in der Hosentasche. Das Konzept taufte er dann „Podcasting“.
Ein Mischwort aus iPod und Broadcasting, also Senden.

Oktober 2004 berichtete die New York Times von der Zukunft des Radios.
Und dass überall auf der Welt Laien Radio machen würden. Und dass das alte Radio tot ist.

Im Juni 2005 erklärte dann Steve Jobs noch einmal, was ein Podcast ist.

Clip: Steve Jobs

Und mit der neuen Version von iTunes, das damals schon 450 Mio Mal installiert war, wurde das Programm zu einem RSS-Feedreader. Mit dem man seine Lieblings-Podcasts abonnieren konnte. Und iTunes – Version 4.9 – wurde auch zu einem großen Verzeichnis von Podcasts.

Das war ein entscheidender Durchbruch. Die Medien drehten ziemlich durch, ein unvergleichlicher Hype begann. Fragt ‘mal Tim Pritlove oder Annik Rubens, die damals auch schon Podcasts machten.

Schnell wurde es aber auch wieder ruhig. Das Medieninteresse verlosch. Der Podcast wurde totgesagt – die nächste Meldung. Das alte Radio blieb unverändert. Nur dass es nun seine Sendungen auch in diesem Format – als Podcast – anbot.

Dann kam, letztes Jahr, „Serial“. Das war ein unglaublich erfolgreicher und spannender Podcast. Eine Reihe von Sendungen, professionell gemacht und gestaltet wie ein klassisches Radiofeature.

Die Muttersendung „This American Life“ von Ira Glass brauchte noch vier Jahre, um mit einer Sendung eine Million Downloads zu erreichen. „Serial“, die Tochter, brauchte genau vier Wochen. Im Oktober letzten Jahres wurden mehr als 90 Millionen Sendungen „Serial“ downgeloadet.

Und wieder fingen die Medien den Hype an. Der Podcast erlebe eine Renaissance, erreiche sein Goldenes Zeitalter und werde, na klar, das klassische Radio ablösen.
UKW ist tot, es lebe der Podcast.

Meiner Meinung übersehen die meisten Schreiber aber etwas. Ein Grund für den Erfolg von Serial war auch der, das mit iOS 9 eine Podcast-App kam, die man nicht löschen kann. Jeder iPhone-Besitzer hatte also schon Software in der Tasche, wenn ihm jemand von „Serial“ vorschwärmte.

Dieser Hype um „die zweite Welle“ ist jetzt – Gott sei Dank – auch überstanden.
Trotzdem muss ich immer noch den meisten Menschen erklären, was ein Podcast ist, wenn sie mich fragen, was ich denn so mache. Und immer noch gehen ca. ein Viertel meiner Hörer jeden Tag auf die Webseite, klicken auf den Play-Button und hören so die Sendung. Ist ja auch in Ordnung.

Denn die meisten Programme, die es ermöglichen, mehrere Podcast zu sammeln und zu hören, sind immer noch schwierig zu verstehen für nicht technik-affine Menschen. Für Nicht-Nerds.
Diese Apps nennt man übrigens „Podcatcher“. Die klauen keine iPods, sondern laden automatisch die letzten Sendungen der Lieblings-Podcast herunter. Das ist sehr angenehm.

Ich persönlich glaube, Podcasts werden sich – wie schon in den letzten 11, 12 Jahren – langsam und kontinuierlich weiter entwickeln. Jeder, der das Konzept einmal verstanden hat, bleibt bei der Stange. Weil Podcast so viel mehr bieten können als das Radio.

Es gibt keine Radiosendung für Bienenzüchter oder Origami-Falter, für Firefly-Fans oder für junge Frauen, die gerne stricken. Podcasts dafür gibt es aber schon. Podcast is here to stay.

Meiner Meinung liegt die Zukunft in Stand-Alone-Apps. Also einfachen, simplen Apps, nur für einen Podcast. Das ist viel intuitiver. Und es ist ja für den Durchschnittshörer, der sechs Sendungen hört, auch kein Problem, diese sechs Apps in einem Ordner zu organisieren.

Und auch im Streaming. Datentarife und Flatrates sind mittlerweile erschwinglich. Und 3G und LTE weit verbreitet. Die Podcast-App von Apple streamt eine Episode bei einmal klicken und dowloadet sie bei zweimal klicken.

Darum gibt es jetzt auch eine App für den Explikator. Ist aber noch eine Beta, ich habe echte Schwierigkeiten mit den Entwicklern so richtig zu kommunizieren. Findet ihr im iTunes-Store, wenn ihr „Explikator“ sucht oder als Link auf der Website im Text zu dieser Sendung. Weil’s ja noch geheim ist. Sagt mir Bescheid, wie sie euch gefällt, ok?

Und wenn euch ein neues Wort für „Podcast“ einfällt, bitte auch!

Auf die nächsten 12 Jahre: Es lebe der Podcast!
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4 thoughts on “Expl0364: Podcasts

  1. Also dass “Standalone Apps” die Zukunft sind und auch viel intuitiver glaube ich nicht. Das fühlt sich doch so an als hätte man für jeden TV-Sender einen eigenen Fernseher (eigentlich sogar für jede Sendung) oder für jede Webseite einen eigenen Browser.

    Ich glaube dass solche Apps total geeignet sind zum “Anfixen” aber sobald man mehr als 2 Podcasts hört will man – denke ich – einen Podcatcher.

    Ideal wären daher meiner Meinung nach Podcatcher, die “gebranded” sind. Ich glaube der Einschlafen-Podcast macht sowas (dessen App ist ein AntennaPod-Derivat soweit ich weiß). Wenn man als Podcast eine “eigene App” anbietet, mit der man aber DOCH auch andere Podcasts abonnieren kann oder besser noch, die erkennt wenn eine andere ihrer Art schon installiert ist und dann nur ihr eigenes Abo in eben diese einträgt, das wäre cool.

    Zumindest für mich wäre eine App pro Podcast unpraktikabel, weil ich sehr viele Abos habe (ich kann sie nicht zählen und mein Podcatcher zeigt mir gerade nicht wie viele das sind), aber da sind welche bei, die alle zwei bis zwanzig Monate eine Episode herausbringen, es wäre auch irgendwie mühsam wöchentlich diese Apps zu starten nur um vierzig Mal nichts zu finden bevor wieder eine Episode erscheint.

    Aber wie das so ist, unterschiedliche Leute haben natürlich unterschiedliche Bedürfnisse 🙂

    (mit deinem Kommentar-System habe ich scheinbar so meine Probleme)

    1. Ich bin völlig Deiner Meinung. Übrigens. Aber Du bist halt schon ein Profi.
      Ich will aber Leute erreichen, die Podcasts als Medium noch nicht kennen.
      Um sie darauf aufmerksam zu machen.
      Und da kann es gar nicht einfach genug sein.
      Aber selbst bei meiner Einsteiger-App wäre es schön, wenn sie erkennen würde, wenn da noch andere Podcast-Apps installiert sind.
      Und diese zusammenführt.
      BTW: Der Explikator hat eine Android-App. Gleiches Framework wie der Tobi. Wusstest Du das?

  2. > BTW: Der Explikator hat eine Android-App. Gleiches Framework wie der Tobi. Wusstest Du das?

    Ja, hatte ich gesehen 🙂

  3. Ach ich lese gerade auf https://github.com/danieloeh/AntennaPodSP

    > Therefore, a single-purpose app looks for other installed single-purpose apps on the user’s device once it is started. If other single-purpose apps are found, the user is given the choice to install podcatcher (by default, this podcatcher is AntennaPod, but this can also be changed in the configuration file by the podcaster). If the user accepts, all feeds from single-purpose apps are subscribed to by the podcatcher once it is installed.

    Also nicht ganz so, wie ich es mir gewünscht hatte, aber allemal gut genug und jedenfalls wurde daran gedacht 🙂

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