Expl0506: Method Acting

Gerade jetzt bekommen wir wieder einmal erzählt, wie toll es doch ist, wenn sich ein Schauspieler wie Jared Leto so fanatisch in seine Rolle als „Joker“ in „Suicide Squad“ hineinsteigert. Doch das ist nur Marketing-Gewäsch. „Method Acting“ im Film ist überbewertet und überflüssig.


Download der Episode hier.
Opener: „10 Actors Who Almost Went Crazy In Their Roles“ von Screen Rant
Musik: „Falling (2013)“ von Grace Kelly / CC BY-ND 3.0


[toggle title=”Skript zur Sendung”]
Im Opener hörten wir gerade, wie sich Jared Leto auf seine Rolle als Joker in „Suicide Squad“ so richtig dolle vorbereitet hat. Während der ganzen Drehzeit blieb er in seinem Wohnwagen, blieb immer der Joker und belästigte deswegen auch seine Mitschauspieler mit „witzigen“ Geschenken. Wie z.B. benutzte Kondome – so würde das wohl der Joker machen. Meint Leto.

Dieses sogenannte „Method Acting“ ist ein wichtiger Bestandteil der Vermarktung für diesen Film. Denn Jared Leto muss ja mindestens so gut sein wie Heath Ledger.

Wenn man aber berücksichtigt, dass Leto in seiner Rolle weniger als drei Minuten in dem Film vorkommt, dann wird das Ganze noch peinlicher. Lächerlich sogar. Und Frauen benutzte Kondome zu schicken, das ist sexuelle Belästigung. Punkt. Method Acting hin oder her.

Der tolle Ruf des Method Acting kommt ein bisschen daher, dass wir Zuschauer keine Vorstellung davon haben, wie schauspielern so geht. Klar, wir legen uns auch Rollen zurecht, die wir im Leben spielen und tun so, als ob… oder lügen uns so durch den Alltag…

Darum unterscheiden wir gute und schlechte Schauspieler darin, wie sehr sie in die Rolle aufgehen und wie sehr sie sich jedes Mal dafür verwandeln. John Wayne ist also ein schlechter Schauspieler für uns, weil er immer genau die gleiche Rolle mit genau den gleichen Gesichtsausdrücken spielt. Marlon Brando aber, der hat den Ruf, ein ganz toller Schauspieler zu sein.
Weil er so in seine Rollen aufgeht. Na ja…

Das sogenannte Method Acting geht ursprünglich auf das Theater zurück. Konstantin Stanislawski entwickelte eine neue Methode, weil er mit der gängigen Schauspielerei den Stücken von Anton Tschechow nicht mehr Herr wurde. Aber Stanislawski war hinter dem Eisernen Vorhang in der Sowjetunion weggesperrt. So brauchte es Lee Strasberg, der seine Methode des Schauspielens „Method Acting“ taufte und behauptete, diese basiere auf den Ideen Stanislawskis.

Sehr verkürzt basiert diese Art der Darstellung darauf, dass der Schauspieler in sich nach Anknüpfungspunkten für die Rolle sucht. Er fragt sich z.B. über seine Figur: Wer ist sie?
Wo ist sie? Was tut sie dort? Was ist geschehen, dass die Figur in diese Umstände kam?

Dazu muss sich der Schauspieler erinnern können. Strasberg unterscheidet dabei Affekt-Erinnerung, sinnliche Erinnerung und emotionale Erinnerung. Im Prinzip ähnelt seine Schule einer tiefenpsychologischen Analyse nach Sigmund Freud, dessen Vokabular Strasberg auch schamlos gestohlen hat. Gute Schauspielerei ist für Strasberg nur, wenn der Schauspieler voll und ganz das glaubt, was er auf der Bühne darstellt. Wenn er eben eins mit seiner Rolle ist.

Das kam nach dem Krieg groß in Mode und war bald für jeden Schauspieler verpflichtend. Einige Beispiele von Strasberg-Schülern? Paul Newman, Al Pacino, Robert de Niro, Dustin Hoffman, James Dean, Marlon Brando, Marilyn Monroe, Jane Fonda, Jack Nicholson, Mickey Rourke und viele, viele andere.

Das Ganze nahm bald die Züge einer Sekte an. Darum spalteten sich bald andere Sekten ab, z.B. die Schulen von Sanford Meisner oder Stella Adler. Die natürlich etwas gaaanz anderes lehrten, aber in Wirklichkeit den gleichen Mist in anderer Verpackung.

Method Actors, um alle Schulen zusammenzufassen, werden angehalten, niemals aus der Rolle zu schlüpfen, eins zu werden mit der Rolle. Sich z.B. beim Dreh zu isolieren, um konzentriert zu bleiben und nicht etwa durch soziale Kontakte aus der Verinnerlichung geworfen zu werden. Und, nicht zuletzt, das Drehbuch nicht zu ernst zu nehmen. Marlon Brando hat zu seinen Lebzeiten stets stolz verkündet, dass er nie eine Zeile Dialog gelernt hätte.

Heutige Adepten sind z.B. Daniel Day-Lewis, der praktisch für jeden seiner Filme eine Oskarnominierung erhält. Der begann seine Karriere mit „Mein linker Fuß“. Handelt von einem Mann mit zerebraler Hinrlähmung, der nur seinen linken Fuß bewegen kann. Und ja, der Method Actor musste vom Set getragen werden. Und wieder hin. Und gefüttert werden. Und… Lassen wir die Details.

Das finden wir toll. Das ist Hingabe! Da geht einer in seiner Rolle auf! Gebt dem Mann einen Oskar! Und Christian Bale. Und Edward Norton. Und Gary Oldman. Und Nicolas Cage. Und Michael Caine. Alles Strasberg-Schüler. Alle toll.

Aber in Wirklichkeit ist das natürlich Unsinn. Method Acting nervt tierisch. Und ist nicht nur für den Film gefährlich und für die Kollegen am Set, sondern besonders für die Schauspieler selber. Und es ist völlig unnötig.

Denn es geht dabei immer nur um den Schauspieler und dessen Ego. Aber in Theater und Film geht es eigentlich nur darum, Geschichten zu erzählen. Method Acting ist genau das Gegenteil von kreativ. Keine Kunst, sondern Psychodrama. Und es generiert meistens zu gehemmte, zu bewusste, zu befangene Schauspielkunst, die sich selbst zu wichtig nimmt.

Nichts am Schauspielen ist wahr und authentisch. Genau genommen sagen Strasberg, Adler oder Sanford, man muss nur ganz, ganz dolle so tun als ob, bis man sich selber reinlegt. Und selber an das glaubt, was man vorgibt zu sein. Das ist gefährlich. Eigentlich ist das die Definition einer Psychose, zumindest aber einer Bewusstseinsstörung.

Und das mit der Psychose, das passiert ja auch regelmäßig. Alle drei oben genannten Lehrer haben sich als Hobbypsychologen probiert und ohne echtes psychologisches Wissen in den Seelen ihrer Schüler ‘rumgepfuscht. Es gibt aber in Wirklichkeit gute Gründe, warum z.B. eine gesunde Psyche bestimmte Dinge verdrängt. Verdrängung ist in Wirklichkeit nicht Schlechtes, sondern ein Segen.

Und dann diese lächerlichen Geschichten um die gewissenhafte Recherche! Muss ein Method Actor einen Knacki spielen, dann lässt er sich für einen Tag einsperren. Muss sie eine Prostituierte spielen, stellt sie sich an den Straßenstrich und unterhält sich mit den Sexarbeiterinnen dort.

Überhaupt: Man braucht für jede Rolle neue Mimik, einen neuen Dialekt, einen neuen Tick und ein komplett anderes Outfit. Man muss 60 Kilo ab- oder zunehmen, sich nie waschen oder aber tatsächlich durch halb Amerika wandern, wenn man einen Film darüber dreht.

Das ist in hohem Maße lächerlich und hilft dem Schauspieler in keinster Weise, wenn die Kamera rollt. Der freiwillige Tag im Knast ist nicht das Gleiche, wie da real eingesperrt zu sein und eben nicht jederzeit zurückkehren zu können in die eigene Millionen-Villa. Und am Strich stehen ist nicht das Gleiche, wie seinen Körper verkaufen zu müssen, um die Kinder durchzubringen.
Das ist geschmacklos und im Kern sogar überheblich.

Das ganze Theater kommt vom Theater. Filmschauspieler fühlen sich Theaterschauspielern, was die Schauspielkunst betrifft, immer noch unterlegen. Und zu Recht. Gerade in Zeiten des digitalen Filmens, wo das Material nichts mehr kostet, kann man so einen Take dreißig Mal aufnehmen. Und das macht man auch. Anders als auf der Bühne. Wieviel Psychokacke muss man mit sich selber veranstalten, dass man, wenn man dem anderen meinetwegen zum dreißigsten Mal anbrüllt, immer noch glaubt, man sei authentisch und wahrhaftig?

Method Acting ist großer Unsinn. Nur für Filmschauspieler mit Profilneurose. Es ist überflüssig und sorgt nicht für bessere Darstellung. Es ist gefährlich. Es hält den Fluss der Story auf. Es interessiert uns als Zuschauer eigentlich einen Dreck. Wenn wir nicht nach allerspätestens nach einer halben Stunde vergessen, wie der Schauspieler auf der Leinwand in real life heißt, dann ist der Film halt schlecht gemacht.

Es gibt da eine schöne Anekdote vom Dreh zum Film „Marathon Mann“. Mit dem Method-Actor Dustin Hofmann. Der musste in seiner Rolle so richtig am Ende sein. Körperlich und seelisch. Weil ihn ein Untergrund-Netzwerk von Altnazis ans Leder wollte. Also schlief er tagelang nicht und aß nichts und ließ sich sogar einen Zahn ziehen, um konstant Schmerzen zu haben.

Als er eines Tages ans Set kam, saß da sein Gegenspieler. Lawrence Olivier, sicher auch kein schlechter Schauspieler. Ganz gemütlich saß der in einem Sessel, aß einen Donut und trank Kaffee. Der übernächtigte und gestresste Dustin Hofmann ärgerte sich grün und blau, dass nicht alle in diesem Film bereit waren, so große Opfer zu bringen wie er.

Worauf Olivier sagte: „Mein Sohn, man nennt den Beruf ‘Schauspieler’“

Method Acting ist nur ein billiges Marketing-Instrument, um uns ins Kino zu locken.
Tut mir leid, Jared Leto. Aber… Why so serious?
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