Expl0572: Klebsiella planticola

Ich wusste, Gentechnik ist eines der Themen, das emotional aufgeladen ist. Deswegen habe ich es über zwei Jahre gemieden. Bis zum 7. November. Und, weil die Reaktionen, wie erwartet, recht zwiespältig waren, geht’s heute weiter. Mit dem sogenannten Killerbakterium Klebsiella, dessen gentechnisch veränderte Variante beinahe die Apokalypse ausgelöst hätte. Oder auch nicht.


Download der Episode hier.
Opener: „Top 10 Times The World Nearly Ended“ von Alltime10s
Closer: „The Simpsons – Someone’s in the kitchen with DNA!“ von Ysidro Balli
Musik: „All About That Base (No Acid)“ von acapellascience2


Da redet man einmal über die Genforschung und schon hat man eine der zwei Seiten in einem epischen Kampf zwischen Gut und Böse eingenommen. Entweder Genforschung rettet die Welt oder sie wird ihr Untergang sein. Eine Position des „Weder…Noch“ oder „Sowohl…Als auch“ wird nicht verstanden.

Anfang des Monats habe ich über den offenen Brief der Nobelpreisträger an Greenpeace gesendet. Und meine Position war ungefähr: Nee, ich glaube nicht wirklich, dass genetische manipulierte Pflanzen gefährlich sind, aber auch nicht, dass die Industrie ihre Versprechungen halten kann. Und am allerwenigsten, dass der „Goldene Reis“ ein valides Argument ist, da hätte man auch gerade als Nobelpreisträger ruhig vor dem Unterschreiben ‘mal Google anwerfen können.

Aber dieses „Wahrheit in der Mitte“, das scheint eine Methode zu sein, es sich am gründlichsten mit beiden Seiten zu verscherzen. Wobei beide Seiten mir auch interessante Argumente geliefert haben und einige interessante Geschichten. Besonders interessant und symptomatisch ist die berühmte Geschichte von Klebsiella planticola. Dem Killerbakterium. Weil es die Geschichte eines verpassten Weltuntergangs ist.

Wenn man den seltsamen Namen dieses Bakteriums googelt – das übrigens mittlerweile verwirrenderweise Raoultella planticola heißt – findet man gaaanz viele Webseiten mit Geschichten vom Weltuntergang. Und wie wir alle, Pflanzen, Tiere, Menschen nur um Haaresbreite überlebt haben.

Besagtes Mini-Lebewesen kommt in der Natur häufig in der Schleimschicht rund um die Wurzeln von Pflanzen vor. Es ist ein weit verbreitetes und aggressives Bakterium. Punkt. Dann kamen wir Menschen. Wir waren in den 90er Jahren ziemlich begeistert von der Genforschung. Und wir hatten Problem mit der Pflanzenmüllentsorgung.

In der Landwirtschaft fällt eine große Menge an Biomasse an, die vernichtet werden muss. Entgegen der folkloristischen Meinung vom natürlichen Dünger taugt das aber nicht alles zum einfachen Unterpflügen. Viele Pflanzenreste entwickeln gar Gifte, wenn sie verrotten.

Was also tun? Die gängige Praxis, vor allem in den USA, ist es, diese Art von Sondermüll zu verbrennen. Das ist zum einen an sich schon gefährlich und erzeugt zum anderen natürlich auch Gift und CO2 in Massen. Was also, wenn man da einen Trick findet, um aus dem Müll Dünger zu machen? Oder gar Treibstoff?

Das klingt nach dem Geschäftsmodell Scheiße zu Gold, klingt also lohnend. Man nehme also eine Gattung Klebsiella planticola und ersetzt nun ein spezielles Gen – nennen wir die neue Art SDF20 – und schon haben wir ein Bakterium, dass den Müll zersetzt und Ethanol dabei produziert. Alkohol. Die Reste dieses Prozesses sind dann – nährstoffkonzentriert und neutralisiert – auch prima als Dünger geeignet. Zwei Fliegen mit einer Klappe!

Und die ersten Versuche im Labor zeigetn auch schnell, dass das funktioniert. Sowohl die Produktion von verbrennungsfähigem Ethanol als auch die Verwendung der Reste als Dünger. Weizen in Laborbedingungen wächst mit dem coolen Dünger ganz prima. Eine Win-Win-Win-Situation! Oder: Wir werden alle reich! Dachte sich zumindest die deutsche Company, die das entwickelte.

Die Geschichte geht so weiter: Michael Holmes war ein Doktorand bei Elaine Ingham in der Oregon State University und fand das alles natürlich sehr interessant. Im gelang es Proben von Klebsiella SDF20 vom Deutschen Institut für Biotechnologie zu bekommen, um damit experimentieren zu können.

Und er führte als erster – nur zwei Wochen vor der angeblichen breiten Markteinführung in den USA – und damit weltweit, dass ist ja für die Amerikaner immer das Gleiche – Experimente in „normaler“ Erde durch. Also nicht in steriler Laborerde, sondern in Erde, die in sich natürliche Fauna und Flora enthält. Bakterien, Pilze, Einzeller…

Und siehe da: Die Klebsiella SDF20 aus dem Düngermüll setzte sich an die Wurzeln der gedüngten Pflanzen und hörte nicht auf, Ethanol zu produzieren. Und davon wurde der Weizen natürlich erst beschwipst, dann betrunken, dann fiel er ins Koma und dann war er tot. Typische Säuferkarriere. Nur in schnell

Hätten also die amerikanischen Behörden die fiesen Killerbakterien erlaubt, dann wäre das in rucki-zuck-Zeit das Ende allen pflanzlichen Lebens auf dem Planeten gewesen. Und wir wären alle tot. Da sieht man ‘mal, wie schnell das geht mit dieser Gentechnik! Da habt ihr’s!

So geht die Geschichte, die sich auf zahlreichen Webseiten von Gegnern der Genforschung genau so noch immer findet. Klebsiella gilt mittlerweile als eine der 10 Gelegenheiten, bei denen sich die Menschheit beinahe selber abgeschafft hätte – siehe Opener. Um ein Haar hätte die Genforschung uns alle vom Angesicht des Planeten getilgt! OMFG!

Natürlich gibt es auch eine Gegenposition: Das war alles übertrieben und falsch zitiert. Kaum hätte sie diese Behauptungen aufgestellt, schon hat sie sich entschuldigen müssen – vor dem Parlament – und alles zurücknehmen, die feine Frau Dr. Ingham! Die hat da Quellen zitiert, die es gar nicht gibt und alles auf’s Böseste übertrieben. Dann wurde sie auch gleich von ihrer Uni überprüft und: Ratet mal, wer an keiner Uni der Welt mehr arbeitet? Hah – da siehstes ‘mal wieder: Grüne Greuelpropaganda!

Und wie immer liegt die Wahrheit langweiligerweise irgendwo in der Mitte. Hätte man den Dünger verwendet, den die Klebsiella aus dem Pflanzenmüll produziert hat, dann hätte der sich wohl auch an die Wurzeln von Nutzpflanzen eingeschleimt. Und tatsächlich weiter Alkohol produziert. Weit weniger als Mr. Holmes in seinem Paper vermutet hat, aber auf der anderen Seite weiß man auch nicht, was das langfristig so anrichtet und bedeutet.

Die Frage, ob sich die SDF20 gegen ihren natürlichen Cousin SDF17 überhaupt je in freier Wildbahn durchgesetzt hätte, ist dabei noch völlig offen. Das Ergebnis reine Spekulation. Und die haben natürlich auch Frau Ingham und Mr. Holmes damals auch nicht beantworten können. Aber was tut man nicht, wenn man gerade die Welt retten will?

Wie z.B ich vertippen und deswegen die falsche Quelle anzugeben? Von einer Publikation, die noch gar nicht veröffentlicht ist, z.B.? Na ja, das ist schon ein schwerer akademischer Fehler, würde ich sagen.

Aber ansonsten liest sich die Veröffentlichung bei weitem nicht so dramatisch. Im Paper heißt es sinngemäß: „Klebsiella könnte außerhalb des Labors Schaden anrichten, weswegen man es im Labor weiter untersuchen sollte und nicht in freier Wildbahn.“

Das ist an sich auch kein schlechter Ratschlag, würde ich ‘mal vermuten. Wird ja auch Gründe haben, warum das Wunderbakterium, dass unsere Energie- und unsere Ernährungsprobleme mit einem Schlag hätte lösen sollen, nie zugelassen wurde.

Damals, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aber, lag keiner Behörde weltweit auch nur ein einziger Antrag vor. Auch das wird Mr. Holmes irgendwie falsch verstanden haben, Quellen dazu konnte er nicht angeben.

Tatsächlich hat sich Elaine Ingham für die deutlich zugespitzten Formulierungen, für die sie auch verantwortlich zeichnete, entschuldigt. Und tatsächlich wurde sie von ihrer Uni evaluiert. Wie man das in Amerika eben in regelmäßigen Abständen macht. Aber sie wurde weder gerügt, noch entlassen.

Sie gilt immer noch als eine Koriphäe in ihrem Fachgebiet und hat akademische Karriere gemacht und jetzt eine eigene, gut gehende Company: Soil Foodweb Inc, die spezialisiert sind auf die aufschlussreiche und effiziente Auswertung von Bodenproben.

Die Geschichte vom Killerbakterium und die Geschichte von grüner Lügenforschung: Beides nicht wahr. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. So wie eben schon in der Sendung Anfang November behauptet. Klebsiella planticola oder eben – in Modern – Raoultella planticola ist eher ein weiteres Beispiel für die gescheiterten Hoffnungen, die wir vor 20, 30 Jahren in die Genforschung gesetzt haben.

Es bleibt abzuwarten, in welchem Maße CRISPR das verändern kann. Aber Versprechungen haben wir schon viele gehört…

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