Von Golfbällen bis zu Familienfotos: Was wir alles auf dem Mond zurückgelassen haben – und was das über unsere Zukunft auf dem Mars aussagen könnte.
Skript
Ich weiß ja nicht, ob Du es weißt, aber „Calvin und Hobbes“ ist – nein, leider war – der beste Zeitungsstrip, den es je gab. Ich habe hier alle Sammelbände im Regal stehen.
In diesem Comic begab es sich, dass Calvin mit seinem Stofftiger Hobbes, der aber in Wirklichkeit lebendig ist, in einem Umzugskarton zum Mars aufbrach. Das mit der Schule und Susie Derkins und den Eltern, das war einfach zu viel.
Auf dem Mars angekommen, seufzt Calvin: „Ah, nichts als unberührte Natur um uns herum!“. Sagt’s und schmeißt das Papier von seinem Schokoriegel hinter sich. „Das ist doch nicht etwa Dein Schokoriegelpapier“, mahnt Hobbes. „Das liegt da nur für eine Minute. Ich hätte es schon wieder aufgehoben“.
Und so wird es kommen. Wenn wir hier die Umwelt aufgebraucht haben und auf den Mars aufgebrochen sind, brechen für den Mars schwierige Zeiten an.
KI: Der typische Pessimismus weißer alter Männer. Hast Du denn Belege für Deine Theorie?
Ja, die habe ich. Mein Beleg ist der Mond. Da haben wir im Lauf der Zeit schon eine Menge Müll hinterlassen. Nicht die Verpackung von Neil Armstrongs Snickersriegel, nein – sage und schreibe: 200 Tonnen Müll.
KI: Das ist viel. Insgesamt waren 12 Menschen auf der Mondoberfläche. Das macht dann pro Astronaut an die 17 Tonnen Snickersriegelpapier.
Lass uns das erstmal sortieren. Der größte Teil sind tatsächlich ausgediente Mondfahrzeuge und Landemodule. Die Apollo-Missionen haben fünf Lunar Rover dort oben geparkt – jedes davon wiegt etwa 200 Kilo. Plus die unteren Hälften der Landefähren, die man nicht mehr brauchte. Die obere Hälfte flog zurück, die untere blieb als Startrampe. Macht Sinn, ist aber halt trotzdem Schrott.
Dann wird’s interessanter: Familienfotos. Charlie Duke hat ein Foto seiner Familie in einer Plastiktüte hinterlassen. Nach 50 Jahren Sonnenstrahlung ohne Atmosphäre ist es vermutlich völlig ausgebleicht. Ein weißes Rechteck auf weißem Regolith. Irgendwie poetisch.
Kunstwerke gibt’s auch. Paul Van Hoeydonck hat eine kleine Aluminium-Skulptur namens „Fallen Astronaut“ dort platziert – zusammen mit einer Plakette mit den Namen verstorbener Astronauten. Ein Denkmal im Nirgendwo. In der Schwärze des Alls. Ohne Betrachter.
KI: Das mit dem Müll war halt nur ein kleiner Schritt für die Menschheit
Wir haben auch Werkzeuge dort oben liegen lassen. Hammer, Zangen, Kabel. Die NASA hatte mal eine offizielle Liste: 70 Gegenstände von Apollo 11 allein. Federn (für ein Galileo-Experiment – Hammer und Feder fallen im Vakuum gleich schnell), eine Olivenzweig-Brosche als Friedenssymbol, Medaillen für sowjetische Kosmonauten…
Ach: Zwei Golfbälle. Alan Shepard hat 1971 tatsächlich Golf gespielt. Mit einem improvisierten Schläger aus Werkzeug. Er behauptete, der Ball sei „Meilen und Meilen“ geflogen – weil es ja nur ein Sechstel der Erdanziehung hat. Aber seine Kollegen haben später nachgerechnet: Es waren eher 40 Meter.
KI: Ihr habt den Mond also vollgemüllt mit Fahrzeugen, Werkzeugen, Denkmälern, Familienfotos und Golfbällen – sonst noch was?
Ja. Insgesamt 96 Tüten menschlicher Ausscheidungen. Ja, Urin, Kacke und Kotze in unverrottbaren Plastiktüten. Das war damals State of the Art der Weltraumtoilettentechnologie. Jedes Gramm kostet schließlich Sprit.
Wissenschaftler würden heute übrigens liebend gern wissen, was mit diesen Tüten passiert ist. Nicht wegen Nostalgie, sondern weil die Mondoberfläche mit ihrer Strahlung ein interessantes Labor für Mikrobiologie ist. Haben die Bakterien überlebt? Mutiert? Sich angepasst? Wir wissen es nicht. Vielleicht sollten wir mal nachschauen gehen.
KI: Moment. Ihr habt also potenziell Leben auf dem Mond hinterlassen – in Form von Darmbakterien?
Genau! Ist das nicht großartig? Die erste außerirdische Lebensform, die wir finden, könnte sich aus Neil Armstrongs Darmflora entwickeln!
Das Ding ist: Der Mond hat keine Atmosphäre. Nichts verrottet dort. Nichts rostet. Nichts vergeht. All das liegt da seit 50 Jahren praktisch unverändert rum. Wenn man von den Fotos absieht. Und es wird da noch in 50.000 Jahren rumliegen.
Jetzt könnte man sagen: „Na und? Der Mond ist riesig, 200 Tonnen sind da ein Klacks.“ Stimmt. Rechnerisch. Aber es geht ums Prinzip. Wir haben die erste außerirdische Oberfläche betreten und unsere Spuren sind hauptsächlich Müll, 12 Paar Stiefel, eine Bibel und – wahrscheinlich ebenso ausgebleicht wie die Fotos – sechs amerikanische Flaggen.
KI: Das sind zwar Fakten, aber keine Belege. Deiner Meinung wird das auf dem Mars also auch so sein?
SpaceX plant Kolonien, die NASA plant Missionen, China plant … irgendwas Großes. Und wenn wir ehrlich sind: Warum sollten wir da oben anders agieren?
Schon jetzt haben wir funktionsuntüchtige Orbiter um den Mars, kaputte Rover auf der Oberfläche, abgeworfene Hitzeschilde, Fallschirme… Der Ingenuity-Helikopter liegt da irgendwo rum, nachdem er seine Mission beendet hat.
Perseverance hat Probenröhrchen auf der Oberfläche abgelegt – in der Hoffnung, dass irgendwann mal jemand kommt und sie abholt.
Das ist als ob, jemand im Mittelalter seinen Müll an die Straße stellt in der Hoffnung, dass irgendwann mal die Müllabfuhr erfunden wird.
KI: Also die Calvin-und-Hobbes-Metapher war gar nicht so weit hergeholt.
Nein, war sie nicht. Aber die Dinge haben sich auch schon ein wenig geändert.
Die ESA arbeitet zum Beispiel an Konzepten für „Clean Space“. Satelliten sollen sich künftig selbst entsorgen, Missionen ihren Müll mitnehmen oder kontrolliert verglühen lassen. Klingt banal, ist aber revolutionär: Erstmals denken wir vor dem Start darüber nach, was nach der Mission passiert.
Noch spannender: Es gibt Pläne für ein Art Weltraum-Müllabfuhr. Roboter, die ausgediente Satelliten einfangen und in die Atmosphäre lenken.
Harpunen, Netze, Magnetfeldgreifer – klingt nach Science Fiction, ist aber in Entwicklung. Die Japaner haben’s mit einem magnetischen Fangseil versucht (hat nicht funktioniert), die Europäer planen eine Mission namens ClearSpace-1.
Wir fangen also an zu verstehen, dass „da oben“ nicht „egal“ bedeutet. Dass der Weltraum kein Niemandsland ist, sondern eine Art Gemeingut. Dass wir Verantwortung haben, auch für Orte, wo kein Mensch dauerhaft lebt.
KI: Wir enden also trotz Calvin mit einem Funken Hoffnung?
Na jaaa … Calvin hat das Papier weggeworfen. Aber Hobbes hat es gesehen. Der Strip endete damals mit Calvins lahmer Verteidigung, dass er es sowieso aufheben wollte. Wie es danach weiterging, wissen wir nicht.
Vielleicht hat er es ja wirklich aufgehoben und hat es in seiner Umzugskiste wieder mitgenommen zur Erde. Zur Schule, zu Susie Derkins und zu seinen Eltern.
Weiß ja keiner!
Quellen:
Medium: Objects Left by Humans on the Moon
Listverse: 10 Surprising Things Found or Left on the Moon
Royal Museums Greenwich: The strange things we’ve left on the Moon