Sommer, Sonne, Hautkrebs?

Sommer! Die Sonne! Immer höhere Lichtschutzfaktoren, jedes Jahr höhere Empfehlungen, was die tägliche Dosis Sonnenschutzcreme betrifft. In den Medien frühsommerliche Sommerpanik. Das sollten wir mal recherchieren, oder?

Skript

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

Sagt der Dings, der Goethe.

Hallihallo und willkommen beim Explikator!

Zum Zeitpunkt der Aufnahme schwitzt Europa bereits unter der zweiten Hitzewelle des Jahres. Das macht vielen Angst – mir zum Beispiel – aber es hat auch ein Gutes: Die Klimawandel-Zweifler*innen sind leiser geworden. Man kann das hören.

Es gibt ja bestimmte Inhalte in den Medien, die sich ganz prima wiederholen lassen. Zum Beispiel Artikel über den Sinn der Zeitumstellung, die wir zwei Mal im Jahr betreiben. Diese Beiträge brauchen kaum noch Recherche und werden trotzdem viel geklickt. Es könnte sein, dass die Aufregung um Sommer- und Winterzeit mittlerweile liebgewordene Rituale sind.

Ähnlich ist es mit der Sonne. An gefühlt jedem Sommeranfang mahnt gefühlt jedes Medium vor der Sonnenstrahlung. Klar, wenn man es genau überlegt, dann ist so ein Sonnenbrand tatsächlich der Strahlungsschaden eines sehr großen, weit entfernten Fusionsreaktors.

Ich habe den Eindruck, dass das Image der Sonne durch den Klimawandel jedes Jahr mehr beschädigt wird. Und genauso steigen die Werte des empfohlenen Lichtschutzfaktors und die Menge der aufzutragenden Sonnenschutzcremes. Wenn man den Empfehlungen der Deutschen Krebsgesellschaft folgt, landet man bei ungefähr 200 ml Sonnenschutzcreme des Lichtschutzfaktors 50 am Tag. Rechnet man die Angaben der Apotheken Umschau nach, landet man sogar darüber. Beim Amazon-Durchschnittspreis ca. 10 Euro am Tag.

Ich bin weder Apotheker noch Onkologe und glaube diese Angaben. Müsste ich, wäre ich Apothekerin oder Onkologin, eine Empfehlung abgeben, würde ich auf jeden Fall lieber viel zu hoch greifen als zu niedrig. Keine Ahnung, ob ein Risiko besteht, haftbar gemacht zu werden, aber allgemein ist zu viel Schutz besser als zu wenig. Ich würde nicht wollen, dass jemand wegen mir Hautkrebs bekommt.

Darum geht es doch, oder? Hautkrebs. Ich habe mir dazu die Zahlen angeschaut, weil ich – wie immer vor einer Episode – ja keine Ahnung hatte. Gott sei Dank gibt es das Zentrum für Krebsregisterdaten.

Das maligne Melanom ist bei Frauen die vierthäufigste und bei Männern die fünfthäufigste Tumorart in Deutschland. Jährlich erkranken etwa 27.000 bis 28.000 Menschen neu daran. Es betrifft überproportional die jüngeren Menschen. Bei Frauen in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren ist es statistisch gesehen sogar die häufigste Tumorart überhaupt. Das Melanom ist der Hauttumor mit der höchsten Tendenz, über die Lymph- und Blutbahnen Tochtergeschwülste in inneren Organen oder im Gehirn zu bilden.

Das scheint alles sehr besorgniserregend. Aber, man muss auch erwähnen, dass die relativen 5-Jahres-Überlebensraten mit 95 % bis 96 % extrem hoch sind. Bei den Krebstodesfällen belegt das Melanom bei Männern mit 1,5 Prozent Platz 15 und bei Frauen Platz 19 mit 1,2 Prozent. Im Jahr sterben in Deutschland durchschnittlich 3.200 Menschen am Melanom. Die anderen Nicht-Melanom-Hautkrebse töten weitere 1.400.

Das klingt nicht ganz so besorgniserregend. Ein wichtiger Schutz scheint es zu sein, sich regelmäßig auf Hautkrebs screenen zu lassen. Über 35 Jahre Lebensalter zahlen das die Kassen alle zwei Jahre, viele Kassen auch unter dem Alter, viele Private jährlich.

Nun wäre es interessant zu wissen, ob der Sonnenschein auch eine Sonnenseite hat. Dass wir es brauchen, um Vitamin D zu bilden, ist ja allgemein bekannt. Dieses Prohormon ist unverzichtbar für Knochen, das Immunsystem und den Schutz vor chronischen Krankheiten (darunter auch diverse andere Krebsarten). Das muss der Körper selber herstellen. Zwanzig Minuten am Tag scheinen bei deutscher Bewölkung im Mittel zu reichen.

Wenn UV-A-Licht auf die Haut trifft, wird im Gewebe Stickstoffmonoxid freigesetzt. Dies erweitert die Blutgefäße und senkt den Blutdruck. Da Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer 1 sind, schützt die Sonne hier wahrscheinlich statistisch mehr Menschen, als sie durch Hautkrebs gefährdet.

Sichtbares Sonnenlicht steuert über die Augen die Ausschüttung von Serotonin (Glückshormon) und Melatonin (Schlafhormon). Es taktet unsere innere Uhr, sorgt für besseren Schlaf und schützt vor Depressionen.

Jetzt stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob diese positiven Effekte auch bestehen, wenn man sich an die empfohlene Menge Sonnenschutzcreme hält. Und für die Vitamin-D-Synthese kann man sagen, dass sie bei diesen LSFs und dieser Menge praktisch geblockt wird.

Es gibt auch andere Argumente gegen zu viel Sonnencreme. So hat die FDA in Amerika zwei selten verwendete Inhaltsstoffe von Sonnenschutzmitteln, 4-Aminobenzoesäure (auch bekannt als PABA) und Trolaminsalicylat, als nicht empfehlenswert eingestuft, weil sie in den Blutkreislauf geraten. Die EU-Kommission kam aufgrund einer Studie zu dem Schluss, dass die Inhaltsstoffe Homosalat und Oxybenzon in den Mengen, in denen sie verwendet werden, nicht sicher sind. Die werden absorbiert und wirken sich auf den Hormonhaushalt aus. Bei Avobenzon stehen Studienergebnisse noch aus.

Ich habe keine Zahlen gefunden, aber würde davon ausgehen, dass die Risiken bei Sonnencreme trotzdem nicht höher sind, als bei vielen anderen kosmetischen Produkten.

Das zweite Argument ist die Scheinsicherheit, die durch Sonnencremes entsteht. Sie werden meistens verwendet, um die sonst ungeschützte Haut gezielt für längere Zeit der Sonne auszusetzen.

Die Sonnenbräune übrigens, stellt keinen Schutz vor Schäden dar. Umgerechnet höchstens wie Lichtschutzfaktor zwei, wenn man den richtigen Hauttypen hat. Allerdings bildet die Haut auch nicht sichtbare Lichtschwielen, weil sich die oberste Hautschicht durch UVB-Strahlung bis um das Vierfache verdickt. Das entspricht einem körpereigenen Lichtschutzfaktor von vier bis fünf.

Empfehle ich also, keine Sonnenschutzcreme zu verwenden? Auf keinen Fall tue ich das. Das ist hier ja keine Verschwörungs-Veranstaltung. Ich habe bei der Recherche nur beobachtet, dass in der Wissenschaft seit ein paar Jahren ein Umdenken stattfindet, dass sich in der Sonnenpanik unserer sommerlichen Medienlandschaft so noch nicht wiederfindet.

Abgesehen davon bin ich sowieso ein Totalausfall der menschlichen Vernunft, was die Krebsvorsorge betrifft. Denn ich rauche tatsächlich immer noch, und das ist mit Abstand das Dümmste, was man machen kann. Außer vielleicht, eine Woche im Reaktor von Tschernobyl zu campen. Ich empfehle ganz sicher gar nichts.

Ich bin wegen der Sonne nach Italien ausgewandert. Ich mag sie. Ich liebe den Frühling und Sommer, kann mit dem Herbst leben, aber Winter? Ich brauche das Sonnenlicht.

Darum fand ja schon der Dings, der Goethe, Italien toll.

Quellen:

The Guardian: Heat can be deadly, but sunshine itself? Science says we could use more of it

Apotheken Umschau: Sonnencreme schützt die Haut – wie Sie sich richtig eincremen

SWR3: Der Sonnencreme-Rechner

Recharge: 5 Benefits of Sun You Can’t Afford to Miss Out On

Zentrum für Krebsregisterdaten: Malignes Melanom der Haut

Environmental Working Group: The trouble with ingredients in sunscreen

UK Biobank: A Risk-Benefit Ratio of Sunlight Exposure