Als Thailand Deutschland besetzte

Als Siam Neustadt, Mußbach, Geinsheim und Hochspeyer besetzte, wäre die historisch richtige Überschrift. Trotzdem bleibt es eine vergessene und faszinierende Fußnote in der Geschichte des Ersten Weltkriegs.

Skript

Thailand ist ein Teil von Südostasien und Südostasien war eine der Regionen, die die europäischen Imperialisten unter sich aufgeteilt haben. Das ging, weil sie militärisch überlegen waren und das machten sie, um die Region auszubeuten. Imperialismus in a Nutshell.

Blickt man auf eine Karte Siams, so um das Jahr 1900, dann ist von der einstigen Größe nicht mehr viel übrig. Im Osten liegt Indochina, gehört den Franzosen, im Norden ist Burma, gehört den Briten – die sich auch den Großteil der thailändischen Küste einverleibt hatten – und im Süden liegt Niederländisch-Ostindien, da braucht man die Nation nicht noch einmal erwähnen.

Thailand blieb das einzige südostasiatische Land, das nicht direkt kolonialisiert wurde. Das lag zum einen daran, dass die Briten und die Franzosen sich einen Puffer zwischen ihren Kolonien wünschten und zum anderen, dass die Thailänder mit dem Bowring-Vertrag von 1855 ihrer Ausbeutung schon zugestimmt hatten.

Wie die meisten asiatischen Staaten, versuchten auch die Thailänder den militärischen Nachteil schnellstmöglich auszugleichen und wie viele asiatische Staaten wählte man als Methode eine rasante Verwestlichung.

So bekamen auch deutsche Firmen lukrative Aufträge. Deutsche haben in Thailand das Telegrafennetz aufgebaut, die Häfen entwickelt und die Schienenwege verlegt – die Eisenbahnen hat man gleich mitverkauft.

Die thailändischen Könige dieser Epoche hießen praktischerweise alle Rama, wurden aber – ähnlich wie die französische Ludwigs oder die deutschen Wilhelms – durchnummeriert. Oder wie die Martins bei mir in der siebten Klasse. Die Ramas und die Martins hatten auch andere Namen. Für uns Schüler*innen waren sie der Martin, der Pfanni und der Tischler – die thailändischen Namen der Könige möchte ich lieber nicht falsch aussprechen.

Für unsere Geschichte ist besonders Rama VI. wichtig, der von 1910 bis 1925 regierte. Er ist dafür verantwortlich, dass alle Thailänder*innen einen Nachnamen besitzen, auch wenn diese Umstellung erst in den Vierzigern abgeschlossen wurde.

So kommt es auch, dass sich auf dem sogenannten „Freiwilligen-Denkmal“ in Bangkok, gelegen auf einer Verkehrsinsel an der Nordwestecke des Sanam Luang im Zentrum von Bangkok – dass sich auf diesem Denkmal ein Gefreiter finden lässt, der Tu hieß. Kein Nachname. Ein Buchstabe weniger, und es wäre nicht einmal ein Name.

Er wurde umgerechnet am 4. Juli 1898 geboren. Nehmen wir das so hin, denn die Umrechnung des buddhistischen Kalenders ist ein Kopfschmerz. Keine Quelle stimmt überein – ich halte dieses Datum aber für am wahrscheinlichsten. Er steht auf dem Denkmal, weil der oben erwähnte Rama im Juli 1917 Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg erklärte.

Das geschah nicht aus offener Feindschaft, die Geschäftsbeziehungen waren gut. Aber irgendwie schauen ja alle Farang gleich aus, oder? Farang heißen Weiße in Thailand und das Wort leitet sich von „Franke“ ab – andere Sendung.

Rama Nummer sechs erhoffte sich, Thailands internationales Image aufzuwerten und sich schneller von den kolonialistischen Knebelverträgen befreien zu können. Darum suchte man im thailändischen Heer nach Freiwilligen.

Man kam insgesamt auf ungefähr 1.300 Mann, die im Schnitt 23 Jahre alt waren. Einige wurden dazu ausgewählt, in Frankreich zu lernen, wie man ein Flugzeug fliegt; dann gab es noch ein Korps an Sanitätern und ein Korps an Kraftfahrern.

Am 30. Juli 1918 landeten die Siamesen in Marseille und vom 26. bis 31. Oktober waren die Kraftfahrer an der Front. Für ihre Tapferkeit unter deutschem Artilleriefeuer bekam das Korps kollektiv von den Franzosen das Croix de Guerre verliehen. Wie übrigens auch Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, Walt Disney, Manfred von Richthofen (posthum) oder die Brieftaube mit dem Namen „Cher Ami“.

Kein Siamese wurde bei der Schlacht verletzt oder getötet. Gott sei Dank. Kein Sanitäter starb bei kriegerischen Handlungen, die Piloten konnten nicht einmal ihre Ausbildung abschließen. Denn der Krieg war kurz nach dieser Schlacht vorbei.

Als eine der Siegermächte besetzte auch Siam einen Teil Deutschlands. Am 7. Dezember 1918 schlug die thailändische Besatzungsmacht ihre Zelte im Hotel zum Löwen am Bahnhof Neustadt auf.

Sie waren für die Aufrechterhaltung der zivilen Ordnung zuständig und waren angewiesen, Respekt von den Deutschen einzufordern. Das galt außer für Neustadt auch für die Dörfer Mußbach, Geinsheim und Hochspeyer, heute alles Rheinland-Pfalz. Insgesamt ein Sprengel von ca. 20.000 Seelen.

Tatsächlich verließen die Besatzer das Hotel aber äußerst ungern. Eine Verständigung mit den unterworfenen Deutschen war praktisch nicht möglich – gelegentlich übersetzte ein französischer Offizier.

Trotzdem gab es keine Konflikte, die protokolliert worden wären. Kein Delikt, von dem wir wissen, dass es verdient hätte, auch nur Rauferei genannt zu werden, musste von Thailändern gerügt werden.

Wir wissen, dass einige besonders tapfere Siamesen begannen, romantische Beziehungen aufzubauen – aber bevor es zu ersten deutsch-thailändischen Ehen gekommen wäre, war der Einsatz am 10. Juli 1919 auch schon vorbei. Ein halbes Jahr thailändischer Besetzung.

Trotzdem gab es Tote zu beklagen, sonst wäre das Denkmal auf der Verkehrsinsel in Bangkok ja ohne Inschriften. Der größte Teil der 19 Gefallenen starb, wie erwähnt, nicht in der Schlacht, sondern am deutschen Winter. Wir können nicht mehr sagen, ob alle Opfer der spanischen Grippe wurden, die in diesem Winter durch Europa fegte. Aber es ist wahrscheinlich.

Es handelte sich um den ersten Vertreter des Subtyps H1N1 des Influenza-Virus‘ und er tötete in diesem Winter mindestens 2,6 Mio. Menschen in Europa. Damals betraf es, völlig unüblich, fast nur gesunde, junge Erwachsene zwischen 15 und 40 Jahren.

Am 19. Juli 1919 lag der tödlichste Teil der tödlichsten Grippewelle der europäischen Geschichte schon in der Vergangenheit, als die überlebenden Thailänder an der Siegesparade in Paris teilnahmen. Siam wurde 1920 Gründungsmitglied des Völkerbunds, Vorläufer der UNO und angetreten, den nächsten Weltkrieg zu verhindern.

Im gleichen Jahr lösten die Vereinigten Staaten ihre Knebelverträge mit Siam, Frankreich und Großbritannien folgten 1925. Man kann durchaus sagen, dass die Strategie von Rama VI. aufgegangen ist.

Ach – bevor wir ihn vergessen: Gefreiter Tu – einer der 19 Helden auf dem Denkmal – ist übrigens nie in Deutschland angekommen. Wie die anderen thailändischen Freiwilligen, die nicht an der Grippe gestorben sind, wurde er, während der Ausbildung, das Opfer eines Unfalls. In seinem Fall sogar noch in Bangkok.

Laut Statistischem Bundesamt leben 58.000 Menschen mit einem thailändischen Pass in der Bundesrepublik. Es gibt sogar 48 thailändisch-buddhistische Tempel in Deutschland. Da sollte ich mal fragen, wie man den buddhistischen Kalender richtig in den gregorianischen überträgt. Das mach‘ ich sicher. Nicht.

Quellen:

Wikipedia: Siamese occupation of Germany

Wikipedia: Vajiravudh

Wikipedia: Deutsch-thailändische Beziehungen

Wikipedia (en): Thailand

Hornbach: Aufblasbarer Lebkuchenmann

Youtube: Intro: Susi und Strolch Siamesen