Wenn morgen Aliens in, sagen wir einmal Bochum, landen – würden wir uns da freuen oder nicht? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es ja ganz o.k., alleine im All zu sein. Aber wie wahrscheinlich ist das? Hier hilft die Drake-Gleichung beim Berechnen. Und seit meiner letzten Sendung dazu hat sich einiges getan!
Skript
Die am meisten gehörte Episode des alten Explikators, vor zehn Jahren, hieß „Alleine im All?“. Darin ging es um die Drake-Gleichung, ein hypothetischer Ansatz, die Wahrscheinlichkeit für Leben im Universum zu berechnen. Aber in zehn Jahren ändert sich vieles. Zeit für ein Update.
Wo sind sie, die Vulkanier oder wenigstens die Klingonen? Die Gungans, die Atlantiden, die Reptiloiden, die kleinen Grauen? Die Thetanen? Die Vogonen?
So ging das damals los. Ich habe damals auch ein paar Böcke geschossen. Zwei Fachbegriffe verwechselt. Eine Zahl um sechs Größenordnungen danebengelegt. Und der schöne tröstliche Schluss, der ganz am Ende kam, hat zwei Jahre später ein Team aus Oxford ziemlich gründlich widersprochen.
Also nochmal von vorn. Die Drake-Gleichung.
1961 war ein gutes Jahr fürs All. Juri Gagarin verließ als erster Mensch für kurze Zeit diesen Planeten. Und ein junger Astronom namens Frank Drake bekam die Aufgabe, eine kleine Konferenz zu organisieren. Green Bank, West Virginia. Eine Handvoll Leute.
Und Drake stand vor dem Problem, das jeder kennt, der schon einmal eine Sitzung vorbereiten musste: Worüber reden wir genau? Und in welcher Reihenfolge?
Darum hat er seine Gleichung aufgeschrieben. Nicht als Rechenmaschine. Als Tagesordnung. Jeder Faktor ein Programmpunkt.
Auf der linken Seite steht N. Die Zahl der Zivilisationen in unserer Galaxis, mit denen wir überhaupt Kontakt haben könnten. Rechts stehen sieben Werte, die man miteinander multipliziert.
R Stern: wie viele Sonnen pro Jahr in der Milchstraße neu entstehen.
fp: der Anteil dieser Sonnen, der Planeten hat.
ne: wie viele Planeten pro System in der habitablen Zone liegen. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Wasser bleibt flüssig.
fl: auf welchem Anteil davon überhaupt Leben entsteht.
fi: auf welchem Anteil dieses Leben intelligent wird.
fc: welcher Anteil dieser Intelligenzen dann auch sendet. Funk, Laser, irgendetwas, das wir bemerken könnten.
Und L: wie lange die senden. In Jahren.
Und jetzt nochmal, schnell, am Stück: Sonnen, mal Planeten, mal habitabel, mal Leben, mal Intelligenz, mal Sendebereitschaft, mal Lebensdauer. Sieben Zahlen, ein Produkt, fertig ist N.
Klingt handlich. Ist es auch. Das Problem ist nicht die Formel. Das Problem sind die Zahlen, die man hineinsteckt.
Denn jetzt kommt, was in den letzten zehn Jahren passiert ist. Und das ist eine Menge.
Als ich diese Folge das erste Mal gemacht habe, kannten wir ungefähr zweitausend Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Vor einem Jahr waren es bereits 6.000 – aber 8.000 Kandidaten warten noch auf ihre Bestätigung.
Und es blieb nicht beim Zählen. Eine große Auswertung der Kepler-Daten kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte aller sonnenähnlichen Sterne einen Gesteinsplaneten haben könnte, auf dem flüssiges Wasser an der Oberfläche möglich wäre. Vorsichtig gerechnet sind das mindestens dreihundert Millionen solcher Welten. Allein bei uns in der Milchstraße.
Das heißt: Die ersten drei Faktoren der Drake-Gleichung sind keine reinen Schätzungen mehr. Das sind Messwerte. Mit dicken Fehlerbalken, sicher. Aber gemessen.
Und dann kommt fl. Auf wie viel Planeten entsteht Leben. Und da hört es auf.
Wir wissen nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass auf einem passenden Planeten auch Leben entsteht. Wir wissen es kein bisschen genauer als 1961. Denn wir haben genau einen Fall, den wir untersuchen können, und dieser Fall sind wir selbst.
Aus einer Stichprobe von eins lässt sich keine Häufigkeit ableiten. Das ist kein Forschungsrückstand, den irgendwer mit genug Geld aufholen könnte. Das ist ein Zustand. Und für fi und fc gilt folgerichtig dasselbe. fi bedeutet intelligentes Leben und fc meint die Zivilisationen, die senden.
Die Drake-Gleichung ist also in zwei Hälften zerfallen. Links Astronomie. Rechts — ja, was eigentlich. Philosophie mit Dezimalstellen.
Kleiner Abschwiff. Frank Drake ist jahrelang mit einem Nummernschild durch Kalifornien gefahren, auf dem NEQLSL stand. N equals L. N gleich L. Und L bedeutet: Wie lange senden sie.
Das ist ein Witz mit Fußnote. Wenn man plausible Werte in die ersten sechs Faktoren einsetzt, kürzt sich der ganze Vorderteil ungefähr auf eins zusammen. Was übrig bleibt, ist L. Die Lebensdauer.
Ein Mann, der jeden Tag zum Einkaufen fährt mit der wichtigsten Erkenntnis seines Fachgebiets hinten auf dem Blech. Abschwiff Ende.
L ist der Faktor, an dem alles hängt. Wie lange überleben die intelligenten Aliens?
Unsere Zivilisationen sind, sagen wir mal, zehntausend Jahre alt. Ist das viel? Das Universum ist 13,8 Milliarden Jahre alt. Da passen ein paar Millionen Zivilisationen à zehntausend Jahre hintereinander hinein, ohne dass sich zwei davon jemals begegnen. Die Milchstraße kann rappelvoll gewesen sein mit Klingonen und Vulkaniern. Nacheinander. Und alle könnten schon wieder weg sein.
Sind wir also Babys? Pubertierende? Im besten Alter? Oder mit Atomwaffen und Klimaerwärmung schon altes Eisen?
Und daraus folgt etwas Merkwürdiges. Von diesen sieben Faktoren können wir genau einen beeinflussen. Nicht durch Forschung. Nicht durch bessere Teleskope. Sondern schlicht dadurch, dass wir nicht aussterben. Jedes Jahrhundert, das wir schaffen, macht das All statistisch belebter.
Damals habe ich am Ende ein Paper zitiert. Adam Frank und Woodruff Sullivan, 2016. Die haben die Frage umgedreht. Nicht: Gibt es gerade jetzt jemanden? Sondern: Gab es jemals irgendwo jemanden? Und weil „jemals“ den Faktor L überflüssig macht, kommt eine sehr saubere Antwort dabei heraus. Wir wären nur dann die einzige technische Zivilisation der Universumsgeschichte, wenn die Wahrscheinlichkeit dafür kleiner wäre als eins zu zehn Milliarden Billionen.
Ich habe daraus gemacht: Wir sind nicht allein. Das war zu schnell. Frank und Sullivan sagen, dass vor uns fast sicher jemand da war. Über die Gegenwart sagen sie nichts.
Zwei Jahre später kamen Anders Sandberg, Eric Drexler und Toby Ord. Ihr Einwand: Alle setzen einzelne Zahlen ein, wo eigentlich breite Unsicherheitsspannen stehen müssten. Rechnet man es richtig, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass wir in unserer Galaxis allein sind. Womöglich sogar im gesamten beobachtbaren Universum. Es gäbe dann gar kein Rätsel zu lösen. Nur eine schlecht gerechnete Gleichung.
Wogegen wiederum eingewendet wurde, dass dieses ganze Ergebnis fast vollständig davon abhängt, wie man einen einzigen Faktor behandelt. Nämlich fl. Den, über den wir nichts wissen. Wie oft entsteht Leben?
Das ist auch der Grund, warum wir so verzweifelt auf Mikroben auf dem Mars hoffen. Dann hätten wir ja zwei Steinplaneten in der habitablen Zone. Wenn auf dem Mars Leben entstanden wäre, wird es auch wahrscheinlicher, dass es auf den dreihundert Millionen Artverwandten, die wir in der Milchstraße vermuten, ebenso möglich ist.
Die Vulkanier, die Atlantiden, die Reptiloiden, die Thetanen und die Vogonen könnten längst dagewesen sein, vielleicht kommen sie erst noch. Statistisch gesehen, können wir die Wahrscheinlichkeit für Aliens beeinflussen, indem wir überleben. Wenn wir statt zehntausend Jahren Zivilisation zwanzigtausend Jahre schaffen, verdoppelt sich der Faktor L. Wie in N equals L.
Es hilft, nur zu überleben. Für Frank Drake und seine Gleichung.
Ach, noch eine Aktualisierung: Frank Drake ist am 2. September 2022 gestorben. Er wurde 92.
Quellen:
NASA: Tally of Planets Outside Our Solar System Reaches 6,000
NASA: About Half of Sun-Like Stars Could Host Rocky, Potentially Habitable Planets
ScienceDaily: Are we alone? Setting some limits to our planet’s uniqueness
arXiv: Dissolving the Fermi Paradox (Sandberg, Drexler, Ord 2018)
EA Forum: The Fermi Paradox has not been dissolved