So schlecht, dass es schon wieder gut ist!

Von Velocipastor bis Friday: Was macht manche schlechte Kunst faszinierend – und wo kippt die ästhetische Schadenfreude ins Mobbing? Diese Episode folgt dem Bogen von harmlosem Trash-Vergnügen bis in die dunklen Höhlen der Troller.

Skript

Das Intro stammt aus dem Film „The Room“, der Feinschmeckern des schlechten Films mit seinen unglaublich flachen Dialogen als Delikatesse gilt.

Ein klassisches Beispiel für das Genre: „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“, oder, abgekürzt: SSDESWGI. Nee, das funktioniert nicht.

KI: Es gibt auch Podcasts, die so schlecht sind, dass sie schon wieder schlecht sind. Ich wüsste ein Beispiel.

Mein erste Begegnung mit einem Meisterwerk der Gattung war von Ed Wood. „Plan Nine from Outer Space“. Der ist an vielen Stellen bizarr misslungen. Ed Wood hoffte auf seinen Durchbruch, denn es gelang ihm, Bela Lugosi für den Film zu gewinnen. Der war allerdings weit von seinem Ruhm entfernt und starb nach ein paar Szenen. Ersetzt wurde er durch jemanden, der zwei Köpfe größer war und blond und sich immer den Vampirumhang vors Gesicht halten musste.

KI: Medienschaffende, die glauben, dass sie genial sind, dabei sind sie banal. Ich wüsste ein Beispiel.

Jede und jeder hat so seine Lieblinge in dieser Schublade liegen. Wobei mir gerade einfällt, dass ich vielleicht „Angriff der Killertomaten“ sogar vor Plan Nine gesehen habe.

Aber um hier ein paar Beispiele zu nennen, die etwas moderner sind: Wer auf diese Art von Vergnügung steht, dem kann ich „Hackers“ von 1995 empfehlen, wo endlich mal fachgerecht erklärt wird, wer diese Hacker so sind. Die sind nämlich hübsch, hip und gerissen.

Ach, und Zardoz, der war ja sogar vorher. 1974. Ein seltsamer Fantasyfilm aus einer vergangenen Epoche als Körperbehaarung bei Männern und in Personalunion Sean Connery noch als sexy galten.

Es gibt mittlerweile Trash, das sind Filme, die gar nicht erst versuchen, gut zu sein. Ein besonderer Vertreter wäre da „Velocipastor – Die Klaue Gottes“. Ja, der heißt so, und ja, der Protagonist ist halb Pfarrer und halb Velociraptor. Aber eigentlich gehören Trash-Filme nicht in die Kategorie. Es fehlt die ästhetische Schadenfreude. Es gibt keine peinliche Fallhöhe.

Mit „Stolz und Vorurteil und Zombies“ erreichen wir eine neue Stufe der Camp-Evolution. Hier haben wir im Prinzip einen Trash-Film, der aber durchaus die Ambition hat, ein Massenpublikum zu erreichen. So schlecht, dass er wieder gut und wieder schlecht und wieder gut ist, also. Hier entsteht wieder eine gewisse Fallhöhe, denn geklappt hat das nicht.

Das „ironische“ Ankucken von schlechten Filmen ist ästhetische Schadenfreude. Aber es gibt natürlich Beispiele, die nicht Filme sind.

KI: Sondern ambitionierte Podcasts, die es nicht schaffen, überhaupt ein Publikum zu erreichen. Ich wüsste ein Beispiel.

Clip: Florence Foster Jenkins: „Der Hölle Rache“

Das ist Florence Foster Jenkins, die sich für eine begabte Sängerin hielt. Jeder und jede in den gehobenen Kreisen New Yorks kannte sie und wusste, dass sie das nicht war. So wurde sie zu einer Quelle der Erheiterung, aber gelacht wurde hinter ihrem Rücken. Da ist sie, die ästhetische Fallhöhe, das Scheitern an den Regeln der Kunst.

Ihre Ambition und ihre Unfähigkeit, ihre Unfähigkeit zu erkennen sorgte für ein immer größeres Publikum, das sich den Insider-Joke Florence Foster Jenkins teilten. Darum ließ sie sich zu einem öffentlichen Konzert in der Carnegie Hall überreden, dass schnell ausverkauft war. 2.000 Fans bekamen an der Abendkasse keine Karte mehr.

Die Kritiken in den Zeitungen am nächsten Morgen waren erbarmungslos. „Noch nie hat sich jemand in solchem Maße von den Regeln der musikalischen Notation befreit“, war noch die positivste Stimme. Wahrscheinlich war das das erste „Hate Watching“.

KI: Also ist Deine „ästhetische Schadenfreude“ eine negative Emotion?

Den Begriff habe ich mir übrigens bei Johannes Franzen geklaut, siehe Quellen. In Schadenfreude ist ja schon die Erkenntnis eingebaut, dass man sich am Schaden Anderer erfreut. Ich glaube, es gibt nur wenige, die nicht an irgendeiner Stelle lachen müssen, wenn sie „The Music Machine“ von Laurel und Hardy sehen. Schadenfreude sitzt in einem alten Teil des Gehirns.

Manche Psychologen nennen den Effekt „Benign Violation“. Gutmütige Verletzung. Die feinen Regeln unseres Zusammenlebens werden verletzt. Das „Benimm Dich nicht so“ oder das „Mach keine Fratze“ oder das „So macht man das aber nicht“. Oder auch das „Sitz still“, „Sei brav“ und das „Hör endlich auf!“.

Filme, die versuchen, sich an die ästhetischen Regeln zu halten, aber dabei scheitern, sind für uns Slapstick. Sie geben uns ein Lachen lang Freiheit vom komplizierten sozialen Regelwerk des Homo sapiens.

KI: Ich verstehe. Ihr armen kleinen Menschenäffchen braucht die Befreiung von der Unterdrückung sozialer Normen. Das ist irgendwie süß!

Aber selbst im Lachen über harmlose Filme wie „The Room“ schwingt etwas sehr Bürgerliches mit. Der Distinktionsgewinn. Indem wir uns über die Schadenfreude über Kunst, die so schlecht ist, dass sie schon wieder gut ist, solidarisieren, signalisieren wir gleichzeitig: Wir wissen ganz genau, was gut ist und was schlecht. Wir verstehen Kunst ganz toll. Weil wir selber ganz toll sind.

Das ist genau die Art von Gatekeeping, die Bildungsbürger gerne Bildungsbürgern vorwerfen. Etwas als Distinktionsgewinn zu erkennen, ist nämlich auch ein Distinktionsgewinn. Aber das wird etwas kompliziert, zugegeben. Es geht auch einfacher. Und dunkler.

KI: The Dark side of ästhetische Schadenfreude? So gut, dass es schon wieder schlecht ist?

So wie im Beispiel von Rebecca Black und ihrem Song „Friday“. Selbst komponiert. Ihre Mutter zahlte einer Videoproduktionsfirma 4.000 Dollar für den Musik-Clip, der am 10. Februar 2011 auf Youtube hochgeladen wurde, wo er einen Monat lang nicht mehr als 1.000 Views hatte.

Doch dann entdeckte Twitter das Video und es entlud sich eine Welle von Häme, Spott und Hass über die damals fünfzehnjährige Rebecca Black. Tagelang war Friday the most trendig topic auf der Plattform, die schon vor Elon Musk scheiße war.

„Du bist so fett, Du bist so hässlich, bevor Du noch einen Song aufnimmst, erschieße Dich bitte. Wer hätte gedacht, dass Gollum Kinder zeugen kann?, Danke – gerade habe ich das Video meinen Kindern gezeigt, um zu erklären, was Perversion bedeutet!“

Zugegeben, der Song war nicht besonders. Aber, hey!, sie war dreizehn, als sie den Song komponiert hat! Eine meiner größeren kreativen Leistungen mit dreizehn war, dass ich mir aus einer Taschenlampe, Klopapierrollen und Tesafilm ein Laserschwert gebaut habe.

KI: Was meinst Du: Würdest Du das heute auch noch hinkriegen?

Jede öffentliche kreative Anstrengung in guter Absicht verdient Grundrespekt. Häme auf sozialen Medien zu verbreiten, ist auch eine öffentliche, kreative Anstrengung, aber mit schlechten Absichten. Und in jeder und jedem steckt auch ein Troll.

Quellen:

YouTube: The Room (2003) but with only plot driving scenes

Johannes Franzen: Epic Fail – Ästhetische Schadenfreude

Paige Allen: Über Susan Sontags „Camp“

Pierre Bordeaux (Wikipedia): Die feinen Unterschiede

Wikipedia (englisch): Rebecca Black