Von Homer bis Berkeley – warum die alten Griechen kein Blau kannten, warum Tetrachromaten 100 Millionen Farbnuancen sehen und wie ein Laser an der UC Berkeley gerade eine neue Farbe erzeugt hat, die es eigentlich nicht geben dürfte.
Skript
In viktorianischen Zeiten hatten die Briten ihren eigenen Helmut Kohl. Der hieß William Gladstone und hatte, bevor er vier Mal Premier geworden war, ein Buch über Homer geschrieben.
Ihm war unter anderem aufgefallen, dass dessen Farbangaben – sagen wir einmal – ungewöhnlich waren. Homer nutzte „porphyreos“, also purpur um Blut, eine dunkle Wolke, die Wellen und den Regenbogen zu beschreiben. Das Meer selber war „oinops“ – das ist „weinfarben“. Gras und Honig hatten die gleiche Farbe und scheinbar gab es violette Schafe.
KI: Vielleicht gab es allgemein zu viel Wein in der griechischen Kultur und sie waren ständig blau?
Das ist a) respektlos und b) die Farbe Blau gab es überhaupt nicht.
Das Buch beschäftigte die Lesenden durchaus und die populärste Theorie war vor 150 Jahren, dass die Griechen entweder noch keinen Farbsinn entwickelt hatten, oder aber alle unter Farbenblindheit litten.
Wäre das nicht ein interessantes Gespräch, mit Plato über die Farbe Blau zu diskutieren? Vielleicht würde er, wie Homer, das Wort „eisern“ benutzen. Oder, als Idealist, das Wort „aither“ – leuchtend. Man kann über Farben, die man nicht kennt, nicht reden.
Und solche Gespräche muss es gegeben haben, denn die Ägypter hatten durchaus ein Wort für Blau und benutzten es auch für den Himmel. Das soll daran gelegen haben, dass sie damals als Einzige auch ein Pigment für Blau herstellen konnten, so die Theorie.
Ich wollte als Kind auch unbedingt eine neue Farbe erfinden. Die Tatsache, dass aus Blau und Gelb auf dem Papier Grün wird, hatte mich überwältigt. Da waren 12 Töpfchen in meinem Malkasten – die Kombinationsmöglichkeiten erschienen mir unendlich!
Die Ergebnisse waren alle irgendwo zwischen Khaki und Schlamm.
KI: Und damals hast Du beschlossen, statt Künstler zu werden, einen richtigen Brotberuf zu ergreifen. Podcaster!
Damals habe ich beschlossen, mich weiter mit Farben zu beschäftigen. Ich habe sogar eine Reihe winziger Bücher über die wichtigsten Farben, ihre Geschichte und ihre Wirkung geschrieben.
Damals bin ich auch auf die Tetrachromaten gestoßen. Das sind Menschen, praktisch nur Frauen, die statt drei vier Rezeptortypen für Farbe auf der Netzhaut haben. Manche können diese Eindrücke auch verarbeiten. Man geht davon aus, dass sie statt einer Million Farbnuancen bis zu 100 Millionen sehen können.
Aber auch diese Menschen können mit uns nicht über ihre Farben reden. „Das ist nicht beige, sondern ein Rosagold“, Originalzitat aus einer Studie, aber das hilft uns armen Trichromaten auch nicht wirklich weiter, oder?
KI: Aber jetzt gibt es endlich eine neue Farbe! Olo!
Stimmt, woher weißt Du das?
KI: Abgesehen davon, dass ich alles weiß, steht es auch im Titel.
Das mit dem Olo ist eine komplizierte Angelegenheit. Denn es ist nicht so, als hätte jemand ein neues Pigment gefunden. Man kann Olo nicht mischen, nicht auf Leinwand auftragen, nicht auf einen Bildschirm projizieren. An der UC Berkeley hat ein Team eine Apparatur namens „Oz“ gebaut – ja, wie das Land in dem alles bunt ist – und die besteht aus Spiegeln, Lasern und anderen optischen Bauteilen.
KI: Eine Maschine namens Oz, die eine Farbe namens Olo produziert? Klingt wie ein Kinderbuch.
Aber Du bist nicht mehr in Kansas, Dorothy! Das Gerät feuert winzige Laserpulse auf einzelne Zapfenzellen in der Netzhaut und kann dabei bis zu 1.000 Fotorezeptoren gleichzeitig gezielt ansprechen.
Wir Trichromaten haben drei Typen: S-Zapfen für kurze, blaue Wellenlängen, M-Zapfen für mittlere, grüne, und L-Zapfen für lange, rote. Das Problem ist: 85 Prozent des Lichts, das M-Zapfen aktiviert, aktiviert gleichzeitig auch die L-Zapfen. Die beiden arbeiten zusammen. Deswegen sieht man nie ein reines Grün, das nur aus M-Zapfen-Signalen besteht.
Was würde also passieren, wenn man ausschließlich die M-Zapfen stimuliert? Wäre das das grünste Grün, das man je gesehen hat?
KI: Und? War es?
Ja. Fünf Testpersonen saßen vor der Maschine und beschrieben, was sie sahen, als ein extrem gesättigtes Blaugrün, ein Pfauengrün. Einer der Forscher sagte, daneben habe jede natürliche Farbe blass gewirkt. Und wieder haben wir das Problem, dass man über Farben, für die man kein Wort hat, nicht reden kann. Darum nannten sie diese neue Farbe Olo.
KI: Ich sehe die Studie. Fünf Leute? Davon waren drei Mitautoren der Studie? Das klingt nicht gerade nach einer robusten Stichprobe.
Berechtigter Einwand. Externe Wissenschaftler haben auch angemerkt, dass weitere Studien nötig seien, um die Behauptung zu untermauern. Aber das Entscheidende ist gar nicht die einzelne Farbe. Es ist die Maschine. Das Prinzip.
Denn Oz kann noch mehr: Durch geschickte Kombination aller drei Zapfentypen kann das System dem Auge ganze Bilder zeigen – Linien, sich bewegende Punkte, sogar Bilder von Babys und Fischen. Alles in einer Fläche so groß wie ein Daumennagel auf Armlänge.
KI: Babys und Fische? Das wäre wahrscheinlich auch meine Auswahl gewesen. Bald erscheinen die ersten Oz-Pornos, wetten?
Das Internet hat Dich verdorben. Der eigentliche Clou von Oz ist aber medizinisch. Viele Augenkrankheiten basieren auf dem Verlust von Zapfenzellen, und mit Oz kann man diesen Verlust bei gesunden Probanden simulieren. Man kann also zum ersten Mal wirklich nachvollziehen, wie jemand mit einer bestimmten Netzhauterkrankung die Welt sieht. Das ist für die Behandlung solcher Krankheiten Gold wert.
KI: Zurück zu Olo: Kann das menschliche Gehirn überhaupt eine neue Farbe verarbeiten, wenn es sie denn gäbe?
Es gibt zwei Theorien. Die erste sagt: Man wird quasi mit einem festen Satz Buntstiften geboren, und das Gehirn ordnet jeden neuen Reiz einfach einem vorhandenen Stift zu. Die zweite sagt: Das Gehirn kann dazulernen, neue Kategorien bilden. Olo wäre dann nicht nur ein intensiveres Grün – sondern tatsächlich etwas, das es vorher nicht gab. Vielleicht sehen wir alle schon Olo, können es aber nicht einordnen, nicht benennen. Wir wissen es nicht. Ohne Namen keine Farbe.
KI: So wie Homers fehlendes Blau?
Genau. Vielleicht haben die alten Griechen Blau nicht gesehen, weil sie es nicht benennen konnten.
Was wir aber wissen: Ein britischer Künstler verkauft bereits eine Acrylfarbe namens YOLO für 10.000 Dollar, die angeblich Olo nahekommen soll. Spoiler: Tut sie nicht. Aber dieser Unternehmergeist ist, wenn man unter Androhung von Gewalt gezwungen würde, es positiv auszudrücken, anerkennenswert.
Quellen:
Wikipedia (englisch): Studies on Homer and the Homeric Age
BBC: The women with superhuman vision
Discover Magazine: „Laser Tech May Have Discovered a New Color Never Before Seen by Human Eye.“
Berkeley News: „Scientists trick the eye into seeing new color ‚olo‘.“
Youtube (Intro): Colours Lyrical Song (Telugu)