Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen

1942 schrieb Bruno Balz im Gestapo-Gefängnis zwei Lieder, um sich Mut zu machen. Sie wurden die zu den größten Hits der Kriegsjahre. Besonders eines davon sollte die Moral der Deutschen stärken – aber hat es das wirklich getan? Eine Geschichte über Durchhaltefilme, Hitler-Büsten und auch ein wenig um die Frage, ob es Wunder gibt.

Skript

Wir schreiben das Jahr 1942. In Europa tobt der Zweite Weltkrieg. Dieses Jahr steht für die Wende des Kriegsverlaufs. Leider hat es noch einmal drei Jahre gedauert.

1942 sang man: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen.“

In meiner Familie gibt es eine Geschichte, die 1942 handelt. Denn da bekam meine Großmutter, die Agnes, im Frühling einen Brief von der Wehrmacht. Alle wussten, was das bedeutete. Alle in dem kleinen schlesischen Dorf wussten, dass es nun meine Familie erwischt hatte.

Der Brief bedeutete: Mein Großvater war tot. Eine ‚Fliegerbombe‘, stand da. Beim Überqueren des Dnjepr, stand da. Da stand, er wäre einen Heldentod für das Deutsche Volk gestorben. Im Dorf sagte man schlicht: ‚Der Paul ist gefallen‘.

Meine Mutter erzählte mir gerne, wie meine Oma das Schreiben zerfetzte und dann die Hitlerbüste vom Kaminsims genommen und auf den Boden geknallt hätte, so dass scharfe Splitter durch die Stube spritzten.

Wieder zu Sinnen gekommen, hat meine Oma alles aufgekehrt und dann im Hinterhof begraben, damit ja keiner mitbekommt, dass sie die Nase voll hatte. Von Hitler und den Nazis und dem Scheißkrieg. Denn die Nase-Vollhaben war lebensgefährlich.

Ich habe keine Ahnung, ob diese Geschichte wahr ist. Meine Mutter war damals zwei Jahre und einen Monat alt – ob sie sich da so plastisch erinnern konnte?

Auf jeden Fall habe ich Paul, meinen Opa, nie kennengelernt. Mehr nebenbei habe ich erfahren, dass er bei der SA diente. „Wie alle jungen Männer damals, in Schlesien“, meinte meine Oma. „Das bedeutet nicht, dass er ein Nazi war!“

Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann. Auch in Schlesien, auch als junger Mann, musste niemand zu SA. Mein Opa war wohl ein Nazi. Er wird wohl „für Volk und Vaterland“ gestorben sein. Sinnlos. Umsonst.

1942, im vierten Kriegsjahr, wurde allen deutlich: Es ist in keiner Weise sicher, dass die Wochenschau recht hat. Es kann gut sein, dass der Krieg verloren geht. Es kann gut sein, dass die Scheiße jetzt erst so richtig anfängt.

Ins Kino konnte man aber noch gehen. Da liefen Filme, die die Nazis machen ließen, damit die Moral der Menschen nicht sinkt. Durchhaltefilme nennen wir das. Alle Kultur war zensiert und gleichgebügelt.

Der erfolgreichste Film 1942 war „Die große Liebe“. Goebbels war sehr stolz auf diesen Titel. Hatte er sich selber ausgedacht. Ein wichtiger Film sollte das werden, entscheidend für „die Kriegsanstrengung“.

Aber bitte nicht wieder mit dieser Zarah Leander! Das ist eine Schwedin! Die hat ja jüdische Großeltern! Doch es fand sich niemand, der so eine Ausstrahlung hatte und so singen konnte – Goebbels hatte es versucht. So wurde Zarah wieder verpflichtet, dem deutschen Volk die Laune zu heben.

Sie bestand darauf, dass die Musik von ihrem Freund Michael Jary komponiert wurde. Und der bestand darauf, dass er die Texte von seinem Freund Bruno Balz geschrieben haben wollte.

Nun denn. Dumm nur, dass der in Haft war. Im Hauptquartier der Gestapo in Berlin, in der Prinz-Albrecht-Straße. Und warum? Weil er schwul war. Das war illegal.

100.000 Schwule wurden im Dritten Reich verhaftet, mehr als die Hälfte landete in Konzentrationslagern, wovon mehr als die Hälfte dort ermordet wurde. Das wusste Bruno Balz noch nicht. Aber er hat angenommen, nie mehr frei zu kommen, so viel wissen wir.

Doch dann war er frei. Plötzlich. Unerwartet. Und in seiner Aktentasche hatte er die Texte für die zwei erfolgreichsten Lieder der Kriegsjahre. Gedichte, die er in Haft geschrieben hatte, um sich zu trösten. Da wäre zum einen „Davon geht die Welt nicht unter“.

Im Film singt Zarah Leander das Lied vor Soldaten. Wehrmacht. SS. Nazis.

Im Film ist sie schwer verliebt in einen Piloten der Luftwaffe. Und der wiederum ist in den Krieg verliebt und in die NSDAP, darum ist er nie zuhause, sondern an der Front.

Und Hanna Holberg, gespielt von Zarah, sieht ein, dass es für sie, als Frau, nun heißt, ihre Interessen hintanzustellen. Darum bricht ihr es das Herz, das die Liebe ihres Lebens dauernd in Lebensgefahr schwebt, aber – wer weiß? – vielleicht passiert ja noch ein Wunder?

Am Ende des Films liegt sich das Paar in den Armen und erlebt einen Moment der Hoffnung. Im Hintergrund fliegen – Gänse? Nein. Schwäne? Nein. Ein Bombergeschwader fliegt nach Russland. Kein Scherz! Nazikitsch.

Klar, ein Durchhaltefilm. Und „Davon geht die Welt nicht unter“ ist Durchhaltemusik. So hat es sich ja Bruno Balz auch selber erdichtet.

Aber „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“?
Alle hofften 1942 auf ein Wunder. Die Nazis hofften auf die „Wunderwaffe“. Die V2 hatte ihren ersten erfolgreichen Flug, in der Barentssee startete das Unternehmen „Wunderland“.

Aber: Ich bin sehr skeptisch, ob dieser Song wirklich dem Kriegseinsatz so förderlich war, wie Josef Goebbels sich das hoffte.

Im Ernst: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen, und dann werden tausend Märchen wahr“? Wenn man ein Wunder braucht, dann muss die Lage ziemlich scheiße sein, oder?

Jeder hat schon einmal auf ein Wunder gehofft, oder? Jeder weiß: Das klappt nicht. Bei meinem Mathe-Abi hat Beten auf jeden Fall nichts gebracht.

Die Wahrheit ist, 1942 und immer: Es werden niemals tausend Märchen wahr.

Ich glaube, das war kein Durchhaltelied. 1942. Nicht mehr.

Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr hofften mehr Kinder, Frauen und Männer, dass ein Wunder geschieht. Und sie meinten nicht, dass Deutschland den Krieg gewinnt. Sie meinten das Wunder, dass der Krieg aus ist. Dass keiner mehr stirbt. Egal wie.

Jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr wurden mehr und mehr Adolf-Hitler-Büsten zerdeppert oder vergraben. 1941 gab es noch Abermillionen davon, in allen Größen, vier Jahre später waren alle verschwunden.

Tja. Auch ein Wunder.

Bruno Balz hat den Krieg überlebt. Er wurde als Nazi verdächtigt und kam er erst auf freien Fuß, als er den alliierten Richtern seine Homosexualität gestand – und „Geständnis“ ist das richtige Wort. Denn der §175 verbot in Deutschland, bei Haftstrafe, noch bis ins Jahr 1969 sexuelle Handlungen zwischen Männern. Gestrichen wurde er erst 1994. Schwulsein war auch nach den Nazis immer noch verboten.

Zarah Leander verließ Deutschland 1943 und kehrte zurück nach Schweden. Den letzten Film, den sie Goebbels laut Vertrag noch schuldete, hat sie nie gedreht. Eine sowjetische Agentin sei sie gewesen, hieß es.

Meine Oma Agnes floh mit drei Kindern und einem Neugeborenen alleine von Schlesien nach Oberbayern. Ihr Zug wurde zwei Mal bombardiert, am Schluss gingen sie zu Fuß. Ohne Gepäck.

Ich habe keinen Krieg in Zentraleuropa erlebt, wie vorher jede Generation. Ich musste auch niemals hungern, eher mache ich mir Sorgen um meine Linie.

Also – ich muss mich selber verbessern: Klar, es werden nicht tausend Märchen wahr, okay, aber das eine oder andere Wunder, das geschieht vielleicht doch.

Quellen:

Wikipedia: Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen

Wikipedia: Bruno Balz

Zitierte Songtexte: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen (1942)“. Text: Bruno Balz, Musik: Michael Jary. Hinweis: Der verwendete Ausschnitt des Songtexts wurde im Rahmen der inhaltlichen Auseinandersetzung gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht) verwendet.