Die fliegende Untertasse der Nazis

2018 verkaufte Revell einen Modellbausatz namens „Haunebu II“ – mit Hakenkreuz-Aufklebern und der Behauptung, es handele sich um das erste raumflugfähige Objekt der Welt. Nur: Diese Nazi-Untertasse hat nie existiert. Wie kommt so etwas in einen Spielwarenkatalog? Eine Spurensuche, die von Ostwestfalen über dubiose Nachkriegs-Interviews bis zu einem Sperrholz-Bierdeckel führt.

Skript

Mein Vater war vom Fliegen fasziniert und dachte sich, der Plastikmodellbau, das wäre doch etwas, was meinem Sohn Spaß machen würde. So kam ich zu meinem ersten Modell, eine Spitfire, wenn ich mich richtig erinnere. Allerdings fehlte mir, genau wie beim Slinky, anscheinend die Geduld und das ruhige Händchen. Die durchsichtige Pilotenkanzel war blind vom ausgelaufenen Kleber, der Pilot hatte Augen so groß wie Spiegeleier und die Aufkleber waren eher zufällig verteilt.

Was aber nicht bedeutete, dass ich das nächste Modell geschenkt bekommen hätte. Als ich meine komplette Unfähigkeit bei Flugzeugen aus allen Epochen unter Beweis gestellt hatte, ging es mit Segelschiffen weiter – ein Trauma. Für meinen Vater.

All diese Modelle stammten entweder von airfix aus England oder von Revell, damals noch aus den USA. Aber 2006 löste sich die Firma vom der amerikanischen Mutter und ließ sich im schönen Bünde in Nordrhein-Westfalen nieder.

Ich stelle mir vor, es war ein sonniger Herbsttag, als ein Produktmanager im Jahr 2018 so im Netz recherchierte, was denn die Konkurrenz so macht. Vielleicht kaut er einen Butterkeks, als er bei Squadron Models entdeckt, dass das Modell der „Haunebu II“ mittlerweile schon in die dritte Iteration geht. Schaut ja aus wie ein Ufo, mag er gedacht haben. Habe ich das nicht schon bei den Koreanern gesehen?

Und so surft er weiter zu Hand-&-Head. Tatsächlich. Die haben auch so ein Ufo, aber als Science-Fiction-Kit. 69 Steckteile. Ist ja eher für Anfänger. Aber die Gussformen sind sicher günstig zu kaufen.

Und so erscheint 2018 ein Modell der Haunebu II bei Revell. Hochgestuft auf „Level 4“, für Fortgeschrittene, Maßstab 1:72, Kostenpunkt 50 Euro. Der Mann mit dem Butterkeks hatte das koreanische Original mit Hakenkreuz-Aufklebern aufgepeppt und lässt auf die Verpackung drucken: Erstes raumflugfähiges Objekt der Welt. Höchstgeschwindigkeit: 6.000 Stundenkilometer. Antrieb: Vril-Energiefelder.

Besser wäre gewesen, es hätte da gestanden: Nazi-Devotionalie. Hat nie existiert.
Da hätte es vielleicht keinen Skandal gegeben. Es brauchte den Protest des Militärhistorischen Museums in Dresden und des Deutschen Kinderschutzbundes, bis Revell das Modell aus dem Verkauf nahm. Die Kritik sei, so die Firma, absolut berechtigt. Man untersuche intern, wie es überhaupt in den Katalog gelangt sei.
Nur so viel: Es liegt nicht an den Butterkeksen. Die Antwort auf diese Frage führt erstaunlich weit zurück.

Beginnen wir mit einem Buch aus dem Jahr 1956. Es trägt den Titel „Die deutschen Waffen und Geheimwaffen des 2. Weltkrieges und ihre Weiterentwicklung“. Der Autor, ein gewisser Rudolf Lusar, behauptete, er sei im Krieg Leiter einer technischen Abteilung im Kriegsministerium gewesen – tatsächlich arbeitete er wohl im Reichspatentamt.

In seinem Buch beschrieb er auf ganzen zwei Seiten ein geheimes Flugscheibenprogramm: Deutsche und italienische Ingenieure hätten ab 1941 an scheibenförmigen Fluggeräten gearbeitet. Erstflug am 14. Februar 1945 in Prag, 12.400 Meter Höhe in drei Minuten. Die Nachrichtenagentur Reuters besprach das Buch mit den Worten, es handele sich um eine „autoritative Quelle“.

Nur hatte Lusar seine zwei Seiten im Wesentlichen abgeschrieben. Und zwar von einem Zeitungsinterview aus dem Jahr 1953. Ein Mann namens Georg Klein hatte sich damals als Ingenieur des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition vorgestellt und behauptet, er sei persönlich beim Erstflug der Flugscheibe in Prag dabei gewesen.

Klein wiederum hatte seine Geschichte aus den Berichten zweier anderer Männer zusammengesetzt, die in den Jahren zuvor aufgetaucht waren.

Der eine war ein gewisser Dr. Heinrich Richard Miethe, angeblich Raketeningenieur, der 1952 einem französischen Blatt ein Interview gab: Er habe einen Überschallhubschrauber mit 42 Metern Durchmesser und zwölf Turbinen entwickelt. Erste Flüge über der Ostsee. Alle Mitarbeiter leider tot oder in sowjetischer Gefangenschaft – konnte also keiner bestätigen. Dokumentation: ebenfalls keine.

Der andere war Rudolf Schriever, ein ehemaliger Luftwaffe-Pilot, der 1950 behauptete, er habe eine Flugscheibe entworfen. Beweise: keine. Die Pläne seien gestohlen worden. Schriever war zu diesem Zeitpunkt Fahrer bei der US-Armee.

Und ganz am Anfang der Kette steht ein 73-jähriger italienischer Turbineningenieur namens Giuseppe Belluzzo, der 1950 einer römischen Zeitung erzählte, er habe 1942 Flugscheibenpläne für Hitler und Mussolini gezeichnet. Belege: verschwunden.

Vier Männer, in fünf Jahren. Keiner hatte Dokumente. Keiner konnte Zeugen benennen, die noch lebten. Aber jeder kannte die Behauptungen seiner Vorgänger, und jeder machte die Geschichte ein Stück größer. Aus einer Skizze wurde ein Entwurf, aus dem Entwurf ein Prototyp, aus dem Prototyp ein Testflug. Stille Post, mit Zertifikat.

Und die Haunebu, mit all ihren technischen Spezifikationen, ihren Vril-Energiefeldern und ihren 6.000 Stundenkilometern? Die wurde erst Jahrzehnte später dazugedichtet, als die Legende in Verschwörungsforen weiterwuchs. Antarktis-Basen, Mondstationen, hohle Erde, arische Außerirdische – jede Schicht absurder als die vorherige, weil die vorherige nicht tragfähig genug war.

Doch sogar in der Nazi-Untertasse birgt sich ein Körnchen Wahrheit. Ein winziges, lächerliches Körnchen Wahrheit und es ist mit dem Namen Arthur Sack verbunden.

EiIn sächsischer Modellflugzeug-Bastler, der von einem Flugzeug mit runder Tragfläche träumte. 1939 stellte er sein Modell bei einem Wettbewerb in Leipzig vor. Es konnte nicht selbst starten – man musste es werfen. Aber Ernst Udet im Reichsluftfahrtministerium fand die Idee interessant.

Anfang 1944 war der bemannte Prototyp fertig: die Sack AS-6. Zusammengebaut aus den Überresten einer abgestürzten Messerschmitt, mit dem schwachen Motor eines Verbindungsflugzeugs und einer Sperrholzkonstruktion drumherum.

Im Februar begannen die Tests auf dem Flugplatz Brandis bei Leipzig. Das Problem war grundlegend: Hinter einer runden Tragfläche entsteht eine Art Windschatten – eine Zone, in der die Luft verwirbelt statt zu strömen. Und genau in diesem Windschatten saßen die Ruder, mit denen der Pilot das Flugzeug steuern sollte. Sie hatten also schlicht keine Wirkung. Dazu brach bei den Tests regelmäßig das Fahrwerk.

Im April 1944 rollte die AS-6 fünfhundert Meter über die Piste und machte einen kurzen Hüpfer. Das war das Beste, was sie je zustande brachte. Die Test-Piloten gaben dem Ding einen Spitznamen: Fliegender Bierdeckel. Im Winter wurde es bei einem Luftangriff beschädigt. Das Holz wurde verheizt, die Metallteile kamen auf den Schrott.

Das war der tatsächliche Stand der deutschen Rundflügeltechnologie im Jahr 1944: ein Sperrholz-Bierdeckel, der nicht fliegen konnte. Gebaut genau zur selben Zeit, in der angeblich Überschall-Flugscheiben über der Ostsee kreisten.

Die Frage, warum sich Mythen wie die fliegende Nazi-Untertasse bilden und so hartnäckig halten, ist nicht mit einem einfachen Argument abzuhaken. Aber es scheint ein Bedürfnis dafür zu geben, wie sich auch der Produktmanager mit dem Butterkeks gedacht haben mag.

Das man den Nazis so überlegene Technologie überhaupt zutraut, hat wahrscheinlich viele Ursachen. Wernher von Braun, der den Amerikanern im Fernsehen von den Plänen berichtet, eine Station auf dem Mond zu bauen. 80 Jahre Geschichte als Filmbösewichte. Tatsächliche technische Errungenschaften, die aber meist schon in der Weimarer Republik entwickelt wurden.

Es scheint einfacher zu sein, die Nazis für Genies zu halten als für das, was sie tatsächlich waren. Aber für Grausamkeit, Gewissenlosigkeit und Brutalität braucht es keine Genialität. Die Katastrophe war groß, aber die Geister dahinter waren klein.

Es gab keinen Kontakt zu arischen Außerirdischen, die Erde ist nicht hohl, es gab keine Forschungsstation in der Antarktis und es gab auch keine Nazi-Untertasse.

Es gibt da keine Größe zu entdecken. Nur die Banalität des Bösen.
Was es gab, das war ein lächerlicher Bierdeckel aus Sperrholz.

Quellen:

Wikipedia (de): Revell

Saturday Night Uforia: The Tale of the Nazi Saucer

Vice/Motherboard: German Toy Pulled From Shelves for Implying Nazis Invented UFOs

War History Online: Model Discontinued After Complaints

Nevington War Museum: Sack AS-6