Das A-Team und die Sandwiches

Die heutige Geschichte ist eigentlich eine kleine Geschichte von zwei kleinen Menschen, die in einer kleinen Vorstadt leben. Aber weil die beiden sich auf den Weg machen, um in der Hauptstadt der Welt das A-Team ausfindig zu machen, wird es zu einer großen Geschichte. Und, nicht zu vergessen: Wegen der Sandwiches!

Skript

Ich war ja einmal schwer verliebt in Irland. Meinen ersten Urlaub ohne Eltern verbrachte ich in Irland. Das war 1982 und es war damals noch ein ganz anderes Land als heute. In den nächsten 12 Jahren war ich sechs Mal auf der grünen Insel. Hat mich trotzdem nach Italien verschlagen.

Anyhow. Die heutige Geschichte spielt auf jeden Fall in Irland. Und zwar 1985, nicht viel später als mein erster Besuch. Damals war Irland immer noch ein sehr armes Land. Die Republik war 700 Jahre lang englische Kolonie gewesen. Die Hauptaufgabe: billige Arbeitskräfte erzeugen.

In Nordirland tobte immer noch ein blutiger Bürgerkrieg, über 2.500 Tote in den letzten 15 Jahren. Es war auch noch sehr katholisch. Bis zum Februar 1985 konnte man keine Kondome kaufen. Es sei denn, man war verheiratet und ein ärztliches Rezept. Gegen den massiven Druck der Kirche hatte das Parlament dieses Gesetz gekippt. Aber es war sehr knapp. 83 Ja-Stimmen gegen 80 Nein-Stimmen. Irland 1985.

Weit im Norden von Dublin liegt Darndale. Ein soziales Experiment aus den idealistischen 70er Jahren. Die gibt es in ganz Europa. Die gibt es auch in Deutschland. Heute sagt man soziale Brennfelder. Man baute Sozialwohnungen um einen Gemischtwarenladen, eine Apotheke und ein Take-Away-Restaurant herum und nannte das einen Ortskern. Die Idee: Arbeitslose und ihre kinderreichen Familien alle auf einen Haufen, und dann wird das schon mit der sozialen Integration. Für die Sozialarbeiter und Streetworker, die auch zu so einem Konzept gehören, reichte das Budget in Irland natürlich nicht. Und so ist Darndale etwas wie ein Ghetto geworden. Man hatte — und das ist die bittere Wahrheit — schlicht die Ärmsten weit vor die Stadttore verpflanzt.

In diesem Darndale leben Keith, zehn Jahre alt, und sein Kumpel Noel, dreizehn. Wenn die Schule aus ist, treffen sie sich am Autofriedhof und spielen A-Team auf abgebrannten, geklauten Autos, bis es dunkel ist. Sie lieben das A-Team. Templeton „Faceman“ Peck, John „Hannibal“ Smith, H. M. „Howlin‘ Mad“ Murdock und besonders Bosco „B. A.“ Baracus. Letzterer gespielt vom ikonischen Mr. T.

An einem ganz normalen Abend ruft Keiths Mutter: „Lauf nicht zu weit weg, Keith! Abendessen ist gleich fertig!“
„Ja, Mom!“
Das geht links rein, rechts raus und hinterlässt dabei keine Spuren dazwischen, denkt sie.

An diesem ganz normalen Abend haben Keith und Noel einen Plan. Nicht irgendwohin abhauen, das hatten sie schon zweimal gemacht. Nein — dieses Mal soll es nach New York gehen. In die Hauptstadt der Welt. Zu B.A. Baracus. Wenn du ein Problem hast und keiner Hilfe weiß — dann musst du halt selber losfliegen.

Also zu Schritt eins der „Operation A-Team“:
Zu erst einmal muss man die zehn Minuten zum Bahnhof laufen. Der hält im Priorswood Industrial Park. Im Gewerbegebiet. Ist Endstation. Da schleicht man sich rein. Und fährt dann nach Dun Laoghire. Das ist der Hafen von Dublin.
Da muss man nicht einmal umsteigen. Dauert eine Stunde 10 Minuten mit dem DART. Das steht für „Dublin Area Rapid Transit“. Klingt futuristisch und pfeilschnell. Ist aber schon 1985 einfach eine über und über mit Graffitis verschmierte S-Bahn.

Es folgt: Phase zwei, der Channel.
In Dun Laoghire muss man sich dann auf die Fähre schleichen nach Port Holyhead. Das liegt im verhassten England, aber das ist die Anbindung an die moderne Zivilisation. Ist halt so.
Es geht darum, einen günstigen Moment zu erwischen, wenn gleich mehrere Erwachsene ihre Tickets suchen und herzeigen müssen. Dann kann man sich in deren Windschatten quasi, von ihren Beinen und Koffern verdeckt, ungesehen an Bord schmuggeln.
Nach der Kontrolle im Gangway passiert eh nichts mehr. Dann hatt man die dreieinhalb Stunden auf der Fähre seine Ruhe. Mit Münzen, die sie aus einem Brunnen für wohltätige Zwecke fischen, kaufen sich die zwei an Bord einen Snack aus einem der Automaten.

Jetzt kommt die Operation schon in eine schwierigere Phase! In Phase drei. Feindesland überqueren. Der Zug. Das ist gar nicht so einfach, wie man meinen mag.
Zuerst schon. Zuerst muss man nur den richtigen Zug finden. Aber da kann man sich ja durchfragen:
„Tschuldigung, Sir, wir haben unsere Eltern verloren! Wo fährt denn der Zug zum Flughafen in London?“
„Ein direkter Zug nach Heathrow? Den gibt es gar nicht, Kleiner! Da müsst ihr erst zur Victoria Station, dann nach Bakerloo und dann in den Heathrow Express umsteigen.“
„Oh. Danke Sir!“

Schon sitzen die beiden Jungs aus der Vorstadt im Zug nach London. Es dauert vier Stunden und dreißig Minuten nach Victoria Station. Und während dieser Zeit muss man wach bleiben. Alert. Alles immer abchecken. Wie die Jungs vom A-Team halt.

Wenn eine Fahrkartenkontrolle kommt, dann muss man unsichtbar sein. Unter den Sitzen versteckt, hinter Koffern oder hinter der Klotür. Aber nicht absperren! Absperren wäre ein fataler Fehler! Aber es ist ja dunkelste Nacht, wenigstens das erleichtert die Mission.

Und so schaffen sie auch diese Phase. Im Zug nach Victoria Station, nach Bakerloo und dann nach Heathrow. Als sie dort ankommen, ist es schon vormittags.

Jetzt kommt die wichtigste Phase. Viertens: Die Atlantik-Überquerung

Wieder quatschen die beiden auf dem Flugplatz Wildfremde an und fragen scheinheilig, wo diese denn so hinfliegen würden. Smalltalk halt. Bis sie endlich einen erwischen, der als Reiseziel New York angibt.

Dem heften sie sich heimlich an die Fersen. In den Terminalbereich. Und warten, bis er eingestiegen ist. Dann gehen sie ebenfalls an den Schalter und behaupten: „Unsere Eltern kommen gleich, die haben die Bordkarten und die Tickets.“
Und dann gehen sie an Bord.

Das Flugzeug ist halb leer, es dauert ein bisschen, bis das Bordpersonal auf sie aufmerksam wird, da sind sie aber schon längst in der Luft. In einem Jumbojet der Air India auf dem Weg über den großen Teich.

Wieder reicht eine freche Ausrede. „Unsere Eltern sitzen weiter vorne, aber die wollten ihre Ruhe haben und schlafen.“

Noel wird später vom Flug erzählen: „Das war toll. Aber da gab’s nur ein Curry zu essen und das war mir viel zu scharf gewürzt. Aber der Film war cool. James Bond 007 – Im Angesicht des Todes.“

So kommen die beiden also in New York an und verlassen das Flugzeug, so schnell sie nur können. Jetzt fehlen nur noch Phase fünf, in die Großstadt und Phase sechs, Das A-Team und eben B.A. Baracas finden.

Vor dem Flughafengebäude sprechen die beiden einfach einen Polizisten an. Cool und lässig fragen sie, wie man denn „In Town“ kommen würde. Aber eine „Town“? Eine „Town“ gibt’s in New York nicht. Eine City schon eher.

Und überhaupt: Was machen zwei kleine Jungs mit abgerissenen britischen Schuluniformen und ohne Gepäck hier?

Phase fünf und Phase sechs der Geschichte fallen aus.

Die Polizei bringt die beiden in ein Hotel am Flughafen. Keith erinnert sich: „Das war so cool! Wir hatten ein ganzes Zimmer nur für uns! Und einen eigenen Farbfernseher! Und so viele Sandwiches mit Bacon, Salat und Tomaten, wie wir nur essen konnten! Und Chips! Wir konnten essen wie die feinen Herren! Und fünf Cops bewachten unser Hotelzimmer, weil sie Schiss hatten, dass wir wieder abhauen.“

Daheim klingelt währenddessen das Telefon. Keiths Mutter geht ran. „Guten Abend, Mam. NYPD hier. Mrs Byrne, wir haben Ihren Sohn gefunden. Er ist in New York.“ „In der York Street? In Dublin?“. „Nein, Mam. New York City. United States of America.

Eine irische Geschichte mit einem irgendwie irischen Ende. Sandwiches, Chips und Fernsehen. Als die beiden wieder in Darndale waren, wurden die Tage nach einiger Zeit wieder normal und die Abende auch.

An einem ganz normalen Abend sagt Keiths Mutter zu ihrem Sohn, als er sich aufmacht, um mit seinem Kumpel Noel zu spielen:
„Keith, versprich mir, dass Du nicht wieder abhaust!
Und Keith antwortete: „Versprochen, Mama!“
Die Tür fällt ins Schloss.
Das ging links rein, rechts raus und hinterließ dabei keine Spuren dazwischen, denkt sie.

Quellen:

The Irish Post: The story of the Dublin boys who ran away to New York

UPI Archives: Irish stowaways return home from America

Kilkenny Observer: Oh boy, for sure… ‘boys will be boys’

Youtube: Trailer zur Dokumentation: „Nothing to Declare“