Wenn die Nostalgie einen dazu treibt, sich alte Episoden von „Seinfeld“, „Friends“ oder „The Big Bang Theory“ anzukucken, fallen einem die eingespielten Lacher unangenehm auf. Laugh Tracks sind ausgestorben. Doch für beinahe zwanzig Jahre waren sie und die Maschine, mit der sie erzeugt wurden, das bestgehütete Geheimnis der Branche.
Skript
Ich glaube, die letzte Show im Fernsehen, auf die ich wirklich jede Woche gespannt gewartet habe, war Seinfeld. Entdeckt habe ich die Serie aber erst mit Staffel drei, bei den letzten beiden Seasons war meine Leidenschaft schon erschöpft.
Es ist heute irgendwie komisch, sich diese alten Serien anzuschauen. Nicht nur Seinfeld, sondern auch Friends, The Big Bang Theory, How I Met Your Mother, Two and a Half Men, The King of Queens, Everybody Loves Raymond, The Fresh Prince of Bel-Air oder „Eine schrecklich nette Familie“ – alle benutzten dieses Dosengelächter. Laugh Tracks. Und irgendwie ähnelten sie sich dadurch gespenstisch.
Das liegt an der Produktionsweise. Spätestens seit „I Love Lucy“, Startdatum 1951, wurden beinahe alle Sitcoms vor einem Live-Publikum gedreht. Die meist sehr begrenzte Zahl an Sets war im Studio – auf der Sound Stage – nebeneinander aufgebaut. Aufgenommen wurde die Handlung von verschiedenen Kameras mit mehr oder wenigen, fixen Einstellungen. „Multi Camera“ wird deswegen die ganze Gattung genannt.
Es ist wie in einem Theater, bloß, dass die Darstellenden oft von Kameras verdeckt sind und man bei Fehlern die Szene einfach wiederholt, statt eisern weiterzumachen. Darum brauchte so eine Folge Seinfeld schon einmal fünf Stunden und damit ein sehr geduldiges Publikum. Ich würde für keine der oben genannten Serien fünf Stunden in einem Studio rumhocken.
KI: Auch nicht, wenn Du bezahlt wirst?
Wieviel?
KI: Sagen wir … 12 Dollar?
Okay, bin dabei! Fünf Stunden ist ja auch nicht viel, wenn man es mit Kinofilmen vergleicht. Das sind 20 Minuten Aufnahme pro Minute Sendung. Bei „Wolf of Wall Street“ sind es über 200 Minuten pro Minute Film gewesen. Das Multi-Cam-Setting ist sehr wirtschaftlich.
Der andere Vorteil ist, dass die Schauspielenden direktes Feedback Publikum bekommen und nicht nur von einem vielleicht schlecht gelaunten Regisseur.
Aber es gab auch damals zwei Probleme. Manchmal funktionierte ein Gag, der im Writer’s Room noch als pures Comedy Gold gefeiert wurde, im echten Leben einfach nicht. Das Lachen des Publikums war zu dünn. Oder es lachte nur der eine vorne rechts, mit der Häkel-Krawatte, dessen Lachen aber nach hysterischem Kojoten klang.
Oder aber das Publikum kriegte sich überhaupt nicht mehr ein. Kramer schlittert mit seinem explosiven Türaufreißen in Jerrys Wohnung und das Publikum kriegt sich fünf Minuten nicht mehr ein. Der mit der Häkel-Krawatte kichert sogar den ganzen Rest der Aufnahme durch.
Alles in allem sind Menschen einfach zu unberechenbar, um wirklich wirtschaftlich zu arbeiten. Und so kannte man schon seit den Vierzigern das Verfahren des Versüßens. „Sweetening“ nannte man das und man redete nicht darüber. Gnädige Tontechniker ersetzten die Stille eines verendeten Gags mit Gelächter aus einer anderen Szene.
Hier kommt Charles Rolland Douglass ins Spiel. Er war schon bei der CBS ein Pionier der Tontechnik, wenn es um’s Sweetening ging. Er hatte dafür ein 70 Zentimeter Holzrad mit einem Tonband am Rand gebaut, mit dem man das Lachen praktisch auf die Spur „scratchen“ konnte.
Als er CBS 1953 verließ, baute er sich aber eine verbesserte Version seiner Maschine, die den offiziellen Titel „Audience Response Duplicator“ trug – Publikumsantwortenduplizierer – aber in der Branche bald nur „die Laff Box“ genannt wurde.
Die wandelte sich ein bisschen im Lauf der Zeit, aber im Prinzip war sie ein rollbarer Aktenschrank, den man oben aufklappen konnte. Dann blickte man auf 32 bis 40 Tasten, wie die einer alten mechanischen Schreibmaschine. Jede Taste repräsentiert ein verschiedenes Lebensalter, Männer- oder Frauenlachen oder aber spezielle Formen des Lachens. Kichern zum Beispiel war wichtig, damit zwischen zwei Gelächtern nicht Stille herrschte. Eine Taste – ein Lacher, mehrere Tasten: Publikumslachen.
Die Laff Box war eines der großen Geheimnisse der Industrie. Wenn man nur den Namen Charles Douglass in den Mund nahm, begannen alle zu flüstern. Niemand, außer den Familienmitgliedern, die bei Northridge Electronics mitarbeiteten, wussten um das Innenleben. Gab es technische Probleme, wurde die Laff Box in der zugesperrten Herrentoilette repariert. Über Nacht wurde sie mit Vorhängeschlössern versehen und hinter Gittern bewacht. Übertrieben? Nein, das ist Marketing.
Niemand wusste, wie es funktionierte, die Produzenten wussten nur, dass jede Episode besser war, nachdem Charles sie bearbeitet hatte. Und die hundert Dollar pro Episode waren zwar nicht billig, aber im Vergleich zu den Gesamtkosten ein Witz.
KI: Umgerechnet sind das heute 1.010 Dollar.
Danke. Es gibt trotz der Geheimhaltung auf Youtube Videos, wo man Charles bei der Arbeit sieht. Wie er die Laff Box wie ein Klavier bedient, während die Aufzeichnung abgespielt wurde. Das muss auf Produzenten damals ein bisschen wie Magie gewirkt haben.
Da sie sozusagen ein Lach-Piano war und die 320 verschiedenen Lacher intuitiv immer wieder neu gemischt wurden, entstand beim Fernsehpublikum auch nicht der Eindruck, es handele sich um Dosenlachen. Das lernten sie erst im Lauf der Jahre.
Ab Anfang der Sechziger bis Mitte der Siebziger hatte die Laff Box ein Monopol. Beinahe jede Episode jeder Sitcom benutzte die Maschine, deren Geheimnis nur Charles und seine Familie kannten. Es galt in den Studios das Gesetz, dass nur er eine Sitcom zum Erfolg führen konnte. Er war der Paganini des Lachens, der Chopin des Kicherns, der Rostropowitsch des Feixens.
Die psychologische Wirkung ist gut belegt: Wir alle finden eine Szene mit Laugh Track lustiger als ohne. Online gibt es speziell von der Big Bang Theory viele Szenen ohne ihn anszuschauen. Nicht lustig.
Big Bang Theory ist auch die letzte wirklich große Show mit Laugh Tracks, auch wenn diese natürlich nicht mehr von der Laff Box stammten, sondern aus einem großen digitalen Archiv. 2019 endete die Serie. Heute sind Laugh Tracks ausgestorben.
Es gibt viele Theorien, warum das so ist. Der Publikumsgeschmack habe sich geändert, ist die offensichtlichste davon. Der Erfolg von Single Camera Sitcoms wie Malcolm, mittendrin oder Scrubs habe sie verdrängt. Der Humor habe sich geändert, Cringe Comedy wie The Office oder Parks and Recreations funktionieren nicht mit Gelächter. Dort ist das Lustige ja grenzwertig peinlich, wie sollte angemessenes Lachen klingen? Hämisch?
Es ist auch so, dass das regelmäßige Lachen auch eine bestimmte Form Drehbuch braucht. Da müssen die Punchlines am Fließband kommen, was auch bedeutet, dass die Figuren immer stärker stereotypisiert werden. Ein Single Camera Setup ermöglicht da mehr kreative Freiheiten. Außenaufnahmen, Kameraschwenks, Kostümwechsel, Rückblenden oder Massenszenen kann man im Studio schwer verwirklichen.
Es gibt noch einen banaleren Grund für den Tod der Laugh Tracks. Covid. Aufnahmen vor Publikum waren beinahe zwei Jahre unmöglich.
Das Geheimnis der Laff Box wurde 2010 in der Antiques Roadshow geöffnet. Die Tasten bedienten 32 Bandschleifen, die sich endlos drehten, auf jeder waren 10 verschiedene Lacher des gleichen Typs gespeichert. Das Lachen von Tausenden Episoden Sitcom basiert auf 320 verschiedenen Aufnahmen. Kein Hexenwerk, aber solides Handwerk mit einer Prise Intuition beim Einspielen.
So. Jetzt fällt mir auch nichts mehr ein, was noch interessant wäre.
Quellen:
Youtube: Cheddar Explains: Why Sitcoms Stopped Using Laugh Tracks
Youtube: Decoder Ring: The Laff Box
Kottke.org: The secretive inventor of the laugh track machine
PBS: 1953 Charlie Douglass „Laff Box“
Slate: The Man Who Perfected the Laugh Track
Intro: Youtube: Laugh Track