Der Heilige der Atombomben

Prokhor Moshnin war ein russischer Mönch, der ein Vierteljahrhundert als Eremit im Wald lebte und zum vielleicht wichtigsten orthodoxen Starez seines Jahrhunderts wurde. 2007 ernannte ihn die russisch-orthodoxe Kirche zum Schutzheiligen der Atomstreitkräfte. Was auf zweifache Weise keinen Sinn ergibt.

Skript

Die Chancen, dass es zu Deinem Vornamen einen passenden Heiligen oder eine passende Heilige gibt, sind hoch. Bei klassischen Vornamen, also biblisch, griechisch, lateinisch oder germanisch, liegt die Chance bei 100 Prozent. Auch bei internationalen Trendnamen, zur Zeit sind das Liam und Mia, liegt die Chance noch sehr hoch. Bei Namen wie Sky, River, Indiana oder Hope gibt es oft keinen Namenspatron.

Es gibt ja sogar drei heilige Oliver! Einer davon ist vor allem berühmt, weil er im 11. Jahrhundert mit selbstgebastelten Flügeln vom Kirchturm seiner Abtei gesprungen ist und sich, Gott sei Dank, nur beide Beine gebrochen hat. Dieser Oliver ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass man es bei Heiligen mit Namen auch nicht genau nimmt. Seine Zeitgenossen haben ihn Æthelmær gerufen.

Im aktualisierten Martyrologium Romanum gibt es 6.650 Heilige und Selige, sowie rund 7.400 Märtyrer. Die russisch-orthodoxe Kirche verzeichnet 5.000 Heilige, die Hälfte davon sind Russen oder Russinnen.

Die durchschnittlichen Karrierewege der katholischen und der russisch-orthodoxen Heiligen unterscheiden sich deutlich. Aber weder im Westen noch im Osten würde ein HR-Manager „Heidenspaß“ in die Bewerbung schreiben.

Bei den Katholiken ist der Vorgang behördlich organisiert, es gibt ein ganzes Ministerium – eine Kongregation – die sich um die Verwaltung der Heiligsprechung kümmert. Zwei wissenschaftlich nicht erklärbare Wunder sollten schon in der Bewerbung stehen, trotzdem kann sich der Prozess Jahrhunderte hinziehen.

Die russisch-orthodoxe Kirche zeigt sich da volksnäher. Wenn ein Heiliger oder eine Heilige lokal berühmt und wundertätig ist, kann das schon genügen. Auch kennt man Heiligentypen, die es im Westen nicht gibt. Jurodiwy beispielsweise sind Heilige, die durch ihren Wahnsinn oder ihr asoziales Verhalten die Eitelkeit der Welt bloßstellen.

Ein Paradebeispiel für einen vorbildlichen russisch-orthodoxen Heiligen ist Prokhor Moshnin, der von 1754 bis 1833 lebte. Aus seiner Kindheit gibt es nichts Auffälliges zu berichten. Er war sehr oft sehr krank, aber das galt damals für alle Kinder. Er hat fleißig in Heiligengeschichten gelesen, was nicht für alle Kinder galt, aber wahrscheinlich nachträglich in den Lebenslauf geschmuggelt wurde.

Eine besondere Wunderheilung erfuhr er beim Anblick einer berühmten Ikone der Jungfrau Maria. Dieses besondere Erleuchtungserlebnis war Prokhors Antrieb, mit neunzehn Jahren von Kursk zu Fuß nach Kiew zu gehen, um sich dort dem berühmten Höhlenkloster als Mönch anzuschließen. Hier traf er seinen ersten Mentor, Vater Dositheus, der im zivilen Leben Daria Tjapkina hieß. Ja, Vater Dositheus war eine Frau. It’s complicated.

Sie oder er erteilte Prokhor den Segen und schickte ihn ins Kloster in Sarow. Nach neun Jahren dort legte er seine Gelübde ab, noch einmal sieben Jahre später wurde er der geistliche Ober des Klosters Divejevo in Nischni Nowgorod.

Nicht lange nach dieser Beförderung zog er sich in die Wälder zurück, in der Nähe des Klosters in Sarow. Dort führte er 25 Jahre das Leben eines Eremiten, wahrscheinlich gab es in Divijevo nicht viele geistliche Notfälle.

Auch das Eremitendasein spielt im Osten eine wichtigere Rolle als im Westen, wo sich – zu Lebzeiten Prokhors – Fürsten und Könige eine kitschige Eremitage in ihre Schlösser bauten und eigene Berufs-Einsiedler anstellten.

In seiner Hütte lebte Prokhor nun ein streng asketisches Leben. Er aß nur Brot aus dem Kloster und das, was sein Gärtchen hergab. Im Notfall halt nur Gras. Er wurde Freund der wilden Tiere und eine besonders enge Freundschaft verband ihn mit einem Bären. Auch das relativ typische Merkmale russischer Einsiedler.

Eines Tages wurde er von Einbrechern überfallen und so vermöbelt, dass er den Rest des Lebens einen Buckel hatte. Man fragt sich, was die wohl stehlen wollten. Grassuppe wird es wohl nicht gewesen sein.

Fünf Monate musste er im Kloster heilen, bevor er die Askese auf die Spitze trieb und 1.000 Nächte auf einem Felsen verbrachte und durchbetete und dabei die Arme unentwegt Richtung Himmel ausstreckte. Eine Praxis, die an indische Jogis erinnert, oder? Auf der Entspannungs-Skala auf dem entgegengesetzten Ende von „Netflix and chill“.

Danach war er bereit, in seiner Hütte Besucher zu empfangen und sie mit Weisheiten, Prophezeiungen und Wunderheilungen zu versorgen. Mit fünfzig kehrte er ins Kloster zurück, verbrachte noch einmal fünf einsame Jahre in seiner Mönchszelle, wo er auch bei der Levitation beobachtet wurde.

Danach empfing er auch in seiner Zelle Besucher und widmete sich den Sorgen von Tausenden Besuchern jährlich. Besonders bekannt war er dafür, dass er Fragen beantwortete, bevor sie gestellt wurden. Als er 1833 starb, hinterließ er Stapel von ungeöffneten Briefen, die er alle beantwortet hatte, ohne sie lesen zu müssen.

Das ist die Geschichte vom heiligen Seraphim von Sarov. Dem vielleicht wichtigsten Starez seines Jahrhunderts. Das bedeutet, frei übersetzt, ehrwürdiger Greis und ist ein hoher geistlicher Titel, aber keineswegs ein kirchliches Amt.

Achtzig Jahre nach seinem Tod herrschten die Bolschewiken in Russland und Religion war plötzlich Opium für das Volk. Trotzdem traute man sich nicht, die russisch-orthodoxe Kirche zu verbieten, auch wenn man kleinere Sekten erbarmungslos verfolgte. Das war ja schon Thema der Episode „Wir dürfen kein Brot“.

Auch die Kirche selber versuchte keine Konfrontation, sondern war bestrebt, trotzdem staatstragend zu bleiben, wie sie es auch unter den 30 Zaren und den vier Zarinnen war. Und so wurden nicht nur sozialistische Gebäude geweiht, sondern auch weiterhin Waffen wie Unterseeboote, Panzer, Gewehre und ballistische Raketen. Wie es auch in Deutschland bis vor kurzem bei Evangelen und Katholen gute Sitte war.

2007 dachten die orthodoxen Patriarchen, dass auch die Atombomben einen Patron brauchen, und man machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Heiligen. Die Wahl fiel auf unseren Seraphim. Warum? Kann jemand weniger mit Tod und Vernichtung zu tun haben? Na, weil es göttliche Fügung sei, dass die russischen Atomwaffen in der geographischen Nähe seines Wirkens entwickelt wurden. Das leuchtet ein, oder?

Seitdem ist der heilige Seraphim von Sarov der offizielle Schutzpatron der russischen Atomstreitkräfte. Er hat uns, außer der Briefe, nicht viel Schriftliches mitgeteilt. Sein berühmtester Ausspruch dürfte sein: „Erlange einen friedlichen Geist, und Du rettest nicht nur Dich, sondern Tausende um dich herum.“

Das passt ja zu Massenvernichtungswaffen ungefähr so gut wie Sex-Orgien zum Einsiedlerleben. In aller Fairness muss man aber erwähnen, dass die russisch-orthodoxe Kirche ihren Geistlichen rät, keine Atombomben zu weihen. Seit 2020.

Ich, als religiöser Mensch, würde sagen: Liebe Kirchen, wenn ihr bereit seid, alle Menschen ohne Ausnahmen, zu segnen und vielleicht noch alle Tiere, dann können wir reden. Es kann ja nicht sein, dass Geschiedene oder Andersgläubige nicht gesegnet werden, aber Autos und Handys schon. Danach können wir uns gemeinsam an den Katalog von Dingen setzen, die man segnen könnte. Atomwaffen sollten aber unbedingt ganz, ganz unten auf der Liste stehen.

Quellen:

Esoterx: Seraphim of Sarov: Patron Saint of Nuclear Weapons

Wikipedia (de): Seraphim von Sarow

Deutsch-Orthodox.de: Der heilige Serafim von Sarow

Zois-Berlin.de: Die Russische Orthodoxe Kirche und das Militär: Verteidiger heiliger Grenzen