Ich habe Dein Geständnis aufgezeichnet!

Ein beliebtes Filmklischee kämpft ums Überleben: Die „Engineered Public Confession“. Was bedeutet: Bösewicht sagt auf Band, was er getan hat, und ist erledigt. Von Wall Street über RoboCop bis zu Batman: Der Explikator würdigt die große Ära der versteckten Mikrofone. Aus einer Zeit vor der KI.

Skript

Die Technologie verändert die Welt und damit die Geschichten, die wir erzählen. Hätten Hänsel und Gretel ein Smartphone gehabt, hätten sie sich einfach ein Uber gerufen und wären eine Viertelstunde, nachdem sie ausgesetzt wurden wieder vor der Haustür ihrer gestanden.

Was für ein kurzes Buch die Odyssee geworden wäre, wenn Odysseus GPS gehabt hätte. Der Englische Patient hätte mit Handy ein Happy End. Und Romeo und Julia wären zusammen alt geworden, wenn Julia rechtzeitig per Whatsapp geschrieben hätte, dass sie nur scheintot ist.

Weil das so ist, gibt es mittlerweile viele Filme und Serien, die vor der Erfindung des Smartphones spielen. Noch bequemer und oft gehört: „Mist, ich habe hier gar keinen Empfang“. Wenn der writing room das so will, landen die armen Handys aber auch gerne während des ersten Akts in Toiletten, der Kanalisation oder in Hafenbecken.

Noch problematischer wird das Geschichtenerzählen aber durch die KI. Ein sehr beliebtes Trope, dass sich „Engineered Public Confession“ nennt, also „Inszeniertes öffentliches Geständnis“ ist durch Künstliche Intelligenz auch überflüssig. Darum hier eine kleine Hommage an berühmte Filme, die heute so keinen Sinn mehr machen. Alle sind mehr als 25 Jahre alt, damit das Spoilen nicht so schlimm ist.

Wall Street, 1987. Charlie Sheen, damals noch ein leading man in Hollywood, spielt einen jungen Mann, der sich ausgerechnet Gordon Gekko zum Vorbild nimmt. Der kassiert an der Börse mit nicht ganz legalen Mitteln ab und steckt Bud Fox – ja, so heißt die Figur von Charlie Sheen – damit an. Der kleine Fox ist dann auch der Meinung, dass Gier eine gute Sache ist und keine Sünde. Aber er wird bekehrt und macht mit der Börsenaufsicht einen Deal. Er versteckt ein Mikrofon in seinem Armani-Jackett und Gekko plaudert ohne Scham aus dem Nähkästchen.
Heute würde er sich einen Anwalt leisten, der behauptet, dass Tonband sei manipuliert. Das ist eine KI-Stimme.
RoboCop, 1987. Dick Jones, korrupter Führungskraft des Megakonzerns, der in Detroit alles kontrolliert, lässt sich am Ende dazu hinreißen, seine Verbrechen laut auszusprechen – im Büro des Vorstandschefs. Was Jones vergessen hat: RoboCop ist halb Computer. Er zeichnet alles auf. Alles. Jones‘ Geständnis wird sofort abgespielt. Der Vorstandschef entlässt Jones auf der Stelle – was RoboCop dann erlaubt, seinen Programmierbefehl „Schieße nicht auf OCP-Mitarbeiter“ zu umgehen. Ist klar: Wer nicht mehr im Unternehmen ist, darf erschossen werden.
Brillant. Außer heute würde Jones natürlich sagen: Die Aufzeichnung von Robocop ist Deepfake.
Batman kehrt zurück, 1992. Der Pinguin – Oswald Cobblepot in seiner ganzen absurden Wähler-täuschenden Pracht – hat sich in Gotham City als populistischer Bürgermeisterkandidat hochgearbeitet. Batman findet Reden, in denen der Pinguin über Gotham schwadroniert, er habe „diese stinkende Stadt wie eine Harfe aus der Hölle gespielt“. Batman schneidet das Geständnis in die Kundgebungsrede des Pinguin ein – und spielt es vor der jubelnden Menge ab. Statt Wahlkampfrede also plötzlich Selbstbeschimpfung der Stadt, von Cobblepots eigener Stimme. Der Jubel kippt schlagartig.
Heute stünde in sozialen Medien unter dem Hashtag „FakePinguin“, dass man niemandem trauen sollte, der sich selber als Fledermaus verkleidet.
Mission: Impossible II, 2000. John Woo, Tom Cruise, fliegende Tauben, zu viel Haargel. Ein korrupter Pharmaboss namens McCloy hat ein tödliches Virus erfinden lassen, um danach das Gegenmittel zu verkaufen. Ethan Hunt verkleidet sich per Latexmaske als der tote Virusentwickler Nekhorvich und bringt McCloy dazu, sein Verbrechen gegenüber dem vermeintlich Auferstandenen zu gestehen. Natürlich mit Aufnahmegerät unter dem Mantel.
Heute würde niemand auch nur eine Sekunde zögern: Ein Mann mit Latexmaske ist sozusagen Real-Life-Deepfake und die Audio-Aufnahme also wahrscheinlich auch.

Der Staatsfeind Nr. 1, 1998 im Original „Enemy of the State“. Will Smith spielt einen harmlosen Anwalt, der durch Zufall ein Video besitzt, das einen Mord durch einen NSA-Beamten zeigt. Regisseur Tony Scott hat den Film als Warnung vor dem Überwachungsstaat gemacht – und wenn man ihn heute sieht, wirkt er weniger wie ein Thriller und mehr wie eine naive Wunschvorstellung: In einer Welt, in der Videobeweise noch galten.
Heute ist der entscheidende Beweis – das Video – sofort verdächtig. Ein NSA-Beamter mit ausreichend Mitteln würde das Original in Sekunden mit einer KI-generierten Gegenversion überschreiben. Und dann erklärt er, das Original sei die Fälschung.
Kevin – allein in New York, 1992. Das zweite Abenteuer von Kevin McCallister ist auch das Abenteuer eines sehr gut vorbereiteten Neunjährigen. Kevin hat einen Talkboy dabei – einen Kassettenrekorder – und zeichnet damit die Geständnisse der „Sticky Bandits“, der Räuber Harry und Marv, auf. Die Polizei hört das Tonband, und die Ganoven wandern ins Gefängnis.
Ein Kind. Ein Kassettenrekorder. Kein Anwalt weit und breit. Zu diesem Film gibt es zwei andere Fragen: Wer gibt einem Kind eine Kreditkarte?“ und „Wer gibt Donald Trump eine Filmrolle?“.
UHF – Sender ohne Programm, 1989. Weird Als Yankovic betreibt einen heruntergekommenen UHF-Sender – und der Bösewicht des Films, der TV-Mogul R.J. Fletcher, wird durch versteckte Kameraaufnahmen überführt, in denen er seine Verachtung für die Zuschauer und seinen eigenen Sender offen ausspricht. Die Aufnahmen werden live ausgestrahlt. Fletcher ist erledigt.
Immer die gleiche Geschichte. Das Trope ist vielleicht auch ein wenig wie eine Drehbuch-Brechstange, wenn den Schreibenden kein richtig guter Schluss am Ende der Action-Sequenzen mehr einfällt.
Fun Fact: Heimliche Tonaufnahmen sind in Deutschland im Zivilprozess grundsätzlich unzulässig. Das heimliche Aufnehmen des vertraulich gesprochenen Wortes ist gemäß § 201 StGB sogar eine Straftat.
Läge Gotham City also in Hessen, dann hätte sich Fledermausmensch eine Anzeige angefangen und der Pinguin wäre vielleicht Bürgermeister.

Quellen:

TVTropes.org – „Engineered Public Confession: Live Action Films“

Tropedia/Fandom – „Engineered Public Confession“

Wikipedia – „Enemy of the State (film)“

IMDb – „Wall Street (1987)“ Plot Summary

IMDb – „Home Alone 2: Lost in New York (1992)“ Plot Summary

IMDb – „Mission: Impossible II (2000)“ Plot Summary

IMDb – „Enemy of the State (1998)“ Plot Summary

TVTropes – „Wall Street (Film)“

Roger Ebert Review – „Enemy of the State“