Stille kostet extra

John Cages „4’33“ dürfte eines der bekanntesten Stücke moderner „klassischer Musik“ sein. Aber wer hätte gedacht, dass es einen Copyright-Streit um Stille ausgelöst hat? Über den künstlerischeren Wert, wenn Komponisten nicht komponieren.

Skript

Ich dachte früher immer, dass die Welt der klassischen Musik elitär ist. Man muss so viele Regeln befolgen, die einem nicht beigebracht werden. Ich kam mir immer leicht fehl am Platz vor.

Trotzdem waren die meisten Konzerte einfach überwältigend. Ich finde, das klassische Orchester ist eine der kulturellen Leistungen, auf die wir Europäer stolz sein können.

Während die Musiker eintreffen und ihre Instrumente stimmen, packt der erfahrene Konzertbesucher seine Pfefferminz aus. Ich saß einmal neben jemandem, der sich eine Reihe von sieben Bonbons auf den Oberschenkel baute.

Dann kommt der Dirigent und es wird ganz leise. Zwischen den Sätzen entsteht eine Pause, in der das Publikum den Soundtrack des Zauberbergs improvisiert. Denn, weil Hustenverbot herrscht, wird man erst jetzt darauf aufmerksam, dass alle Konzertbesucher Keuchhusten, Bronchitis oder Lungenentzündung haben.

Was ich aber nicht erlebt habe: Dass ein Orchester die Vorstellung beendet, weil zu viel gehustet wurde. Da brauchte es schon einen Jazzer. Keith Jarrett. Auf der Höhe seines Ruhms. Ticketpreis um die 80 Mark, ziemlich viel für 1992. Nach zehn Minuten unterbricht er und fragt: „Können wir bitte alle gleichzeitig husten?“. Es bleibt ihm zu unruhig, also geht er. Der Veranstalter sagt, es handele sich um „höhere Gewalt“ und erstattet dein Eintritt nicht.

Okay, zurück zum Thema. Stell‘ Dir vor, du gehst in die Philharmonie Deiner Wahl. Ein Klavierkonzert mit einem kryptischen Namen. Vom Künstler hast Du noch nie gehört. Während Dein Nachbar seine Bonbons vorbereitet, erscheint auf einmal der Interpret. Alle husten noch einmal hektisch. Ein Keith-Jarret-Gedächtnis-Husten.

Er setzt sich an den Flügel, während er elegant die Schöße seines Fracks über die Klavierbank wedelt. Er verneigt den Kopf vor dem Publikum. Applaus und noch hektischeres Husten.

Als Stille einkehrt, klappt er die Klaviatur zu, startet eine Stoppuhr und macht dann: Nichts. Gar nichts. Vier Minuten, 33 Sekunden. Dann steht er auf, verbeugt sich, geht ab.
Applaus? Vielleicht. Husten: Ganz sicher.

Was du gerade vor deinem inneren Auge gesehen hast, ist die wahrscheinlich berühmteste Aufführung moderner Musik. Das Stück heißt „4’33““, komponiert 1952 von John Cage. Drei Sätze, kein einziger Ton. Darf auch auf dem Cello, der Posaune oder der Triange vorgeführt werden. Die Partitur enthält sowieso nur eine Anweisung: Spiel nicht.

Das klingt jetzt nach Hochstapelei, ist aber genau das nicht. Cage wollte etwas zeigen, was wir normalerweise überhören: Stille gibt es nicht. In dem Moment, wo nichts gespielt wird, fängt der Raum an zu klingen. Jemand putzt sich die Brille. Ein Stuhl knarrt. Draußen fährt ein Auto vorbei. Vielleicht knarzt Holz. Oder Deinem Nachbarn fällt ein Bonbon vom Bein. Das Publikum hört plötzlich – sich selbst.

Cage hat damit eine Frage gestellt, die seit 1952 niemand richtig beantwortet hat: Wo hört eigentlich Musik auf, und wo fängt einfach nur die Welt an?

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Soweit, so philosophisch.

Zehn Jahre, nachdem es Keith Jarret nicht ruhig genug war, veröffentlicht ein britischer Komponist namens Mike Batt ein Album mit seiner Band „The Planets“. Das Album heißt „Classical Graffiti“, ein relativ üblicher Klassik-Crossover.

Ein Titel entspricht nicht dem Schema. Es heißt „A One Minute Silence“ und ist genau das: Eine Minute Stille. Laut Plattenhülle ein Stück, geschrieben von Batt / Cage.

Mike Batt ist nicht irgendwer. Der Mann hat alle Songs für die Wombles geschrieben. Die Wombles sind fiktive, pelzige Wesen mit spitzen Nasen und einem Sinn für die Umwelt. Die Wombles-Band hatte einige Hits.

Er hat „Bright Eyes“ für Art Garfunkel produziert. Ich persönlich mag „The Hunting of the Snark“. Musikalisch gesehen eine andere ökologische Nische als John Cage.

Und dieser Mann veröffentlicht jetzt eine Minute Schweigen und schreibt Cage’s Namen daneben. Der John Cage Trust, also die Verwalter von Cage’s Erbe, finden das nicht witzig. Die verklagen Batt wegen Urheberrechtsverletzung. Ihre Position: Stille ist ein künstlerisches Konzept, das Konzept gehört Cage, und wer eine Minute Schweigen veröffentlicht und Cage dazuschreibt, der hat geklaut.

Batt sieht das anders. Sein berühmtes Zitat aus dieser Zeit: Sein Stück sei viel besser als Cage’s. Er habe in einer Minute geschafft, wofür Cage vier Minuten und 33 Sekunden gebraucht habe.

Der Streit zieht sich. Im September 2002 dann die Einigung, außergerichtlich, auf den Stufen des Londoner High Court. Batt übergibt dem Cage Trust einen Scheck. Die Summe: nicht offengelegt, aber laut Pressemitteilung sechsstellig. Sechs. Stellig. Für eine Minute Stille. Schöne Fotos gab’s auch. Trotz der Absurdität sind alle gut gelaunt.

Die Geschichte geht um die Welt. Reuters meldet’s, Associated Press meldet’s, CNN, Billboard, alle. Der Mann hat sechsstellig für nichts gezahlt. Urheberrechtsexperten weltweit schreiben empörte Aufsätze über die Auswüchse des Copyrights. Kann Stille jemandem gehören? Diese Frage diskutieren Juristen seither in Seminaren, der Fall taucht in Lehrbüchern auf, in Dokumentationen, in Kuriositätensammlungen.

Schöne Pointe. Toll erzählt. Stimmt nur leider nicht.

Acht Jahre später, 2010, twittert Mike Batt etwas. Sinngemäß: „Liebe Leute, das war alles abgesprochen. Cage’s Verlag hatte zwar zunächst Tantiemen verlangt, aber als die merkten, dass ihre Rechtslage bestenfalls wackelig war, haben sie schnell wieder klein beigegeben. Wir haben uns dann darauf geeinigt, öffentlich so zu tun, als hätten wir uns gestritten. Weil’s eine schöne Geschichte ist. Und weil’s beiden Seiten Aufmerksamkeit brachte.“

Und der Scheck? Den hat Batt tatsächlich übergeben. Er war über tausend Pfund ausgestellt. Eintausend. Sechsstellig nur, wenn man die zwei Nullen hinter dem Komma mitzählt. Er wurde nie eingereicht.

Die ganze Welt hat acht Jahre lang eine PR-Aktion für bare Münze genommen. Und das eigentlich Cage’sche an dieser Geschichte ist nicht der Gerichtsprozess. Es ist, dass wir dabei auch über den wirtschaftlichen Wert von Stille diskutiert haben. Darüber, ob man eine Nicht-Komposition urheberrechtlich schützen kann. Die leere Leinwand. Das verlassene Theater. Den unbearbeiteten Stein. Die wortlose Erzählung.

Cage hätte das vermutlich gefallen.

Quellen:

BR-Klassik: Keith Jarrett live in München: Der Unfassbare

Youtube: Intro: Sie husten, wir spielen