Rate den Sauna-Hit!

Es gibt einen Welthit, den jede und jeder kennt und wahrscheinlich komplett vorsingen kann. Er hat eine sehr bizarre und unbekannte Entstehungsgeschichte. Wie lange brauchst Du, um den Song zu erraten?

Skript

Heute geht es um einen Hit, von dem ich behaupten möchte, dass ihn eigentlich jeder kennt, aber kaum jemand kennt seine Entstehungsgeschichte. Die ist irgendwie bizarr und trotzdem typisch für ihre Zeit.

Mal schauen, wie lange Du brauchst, um den Hit zu erraten.

Der Sauna-Hit stammt, wie so vieles, aus dem Jahr 1968. Da mag man jetzt an Demonstrationen denken, Vietnamkrieg, Martin Luther King, den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei, Rudi Dutschke oder, dass Heinz Rühmann einen Bambi bekommen hat. Ein wirklich unruhiges und unsicheres Jahr in der Weltgeschichte.

In Italien wird „La Bambola“ die bestverkaufte Single des Jahres, die Künstlerin nennt sich Patty Pravo, heißt aber eigentlich Nicoletta Strambelli. Ihre Haare sind schneeblond, aber eigentlich schwarz.

Aber 1968 war nicht nur in Italien das verbreitete Schönheitsideal blond. Blond musste so eine Sexbombe schon sein. Ja, das nannte man Sexbombe. Keine Ahnung. Brit Ekland und Anita Ekberg waren solche blonden Sexbomben.

Und Schwedinnen. Das ist sozusagen damals die Quadratur des Sexbombenpotenzials. Denn Schwedinnen waren – ich zitiere aus dem Jahre 1968 – „bekanntlicherweise die sexuell offensten Frauen Europas“.

Tatsächlich war es 1968 möglich nackte Haut im Kino zu zeigen und sogar 16-Jährige durften das Sehen. Selbst die Darstellung von simuliertem Sex führte nicht mehr automatisch wegen „Unzüchtigkeit“ in den Knast – Volljährige durften sich das anschauen.

In Deutschland trat die Softpornowelle in der bizarren Gestalt von Aufklärungsfilmen auf. So zum Beispiel 1968: „Oswalt Kolle – Das Wunder der Liebe“. Oder, kurz danach, ein Dutzend Filme, die sich um Schulmädchen drehten. Ja. Softpornos mit Minderjährigen.

Merken wir uns als Stichwort „Film“ und „Blonde Schwedinnen“ und schwenken nach Cinecittà. Bei Rom. Das Hollywood Europas. Berühmte Beispiele von 1968 wären natürlich „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone oder „Romeo und Julia“ von Zefirelli oder „Vier für ein Ave Maria“ ein früher Terence Hill & Bud Spencer-Film oder „Adriano, der Schürzenjäger“ mit Adriano Celentano.

Hier entsteht der vergessene Film mit dem gesuchten Welthit. Der Film heißt im deutschen Verleih „Schweden – Hölle oder Paradies“ und tarnt sich auch als Dokumentation. Aber natürlich geht es darum schwedische Blondinnen nackt zu zeigen.

1968 war es noch üblich, dass beinahe jeder Film einen eigenen Soundtrack hatte. Denn den Film zuhause „kucken“ war ja nicht möglich. Es gab keine Bluray oder DVD oder VHS oder Betamax.

Aber einen Ennio Morricone, Riz Ortoliani oder Henri Mancini konnte sich „Schweden – Hölle oder Paradies“ natürlich nicht leisten. Da musste man sich einen anderen Komponisten suchen. Und so ging der Regisseur Luigi Scattini mit dem fertig gedrehten Film zu Piero Umiliani ins Studio.

Piero Umiliano ist das Paradebeispiel für einen Künstler, der wie ein Bekloppter arbeitete. Der seine Arbeit auch sehr ernst nahm, egal wie billig der Film dazu produziert war. Schließlich könnte jeder einzelne Soundtrack ja der Durchbruch sein.

So entstehen Platten zu „Die Stunde der harten Männer“, „Lotosblüten für Miss Quon“, „Warteliste zur Hölle“, „Blonde Köder für den Mörder“, „Mondo perverso – Diese wundervolle und kaputte Welt“, „Foltergarten der Sinnlichkeit“, „Zehn Cowboys und ein Indianerboy“, „Die Puppe des Gangsters“ oder: „Nackte Eva“. Nein, ich kenne keinen. Du?

Piero gibt sich also auch bei „Schweden – Hölle oder Paradies“ jegliche Mühe. Und sitzt mit Luigi an einem sehr heißen Junitag mit einem Dutzend Profimusiker in seinem Studio und sie schauen sich den Soundtrack an. Es geht um die Freigabe und die Bezahlung.

Stellen uns also eine Gruppe von verschwitzten Männern in einem dunklen Raum vor, die alle Schlaghosen aus Polyester und billige T-Shirts tragen und beim Arbeiten alle rauchen wie die Schlote. So stell‘ ich mir das zumindest vor.

Als der Film abgespielt wird, kommt es zu einer Szene, in der man ein gutes Dutzend hochgewachsener schwedischer Blondinnen durch den Schnee in eine Sauna stapfen sieht. Dann Cut und in der nächsten Einstellung sieht man alle albern kichernd, nur mit einem Handtuch bekleidet in der Sauna. Dampf gibt es keinen, der würde die Fönfrisuren ruinieren.

Dazu lief … nichts. Keine Musik. Kein Soundtrack! Piero hat etwas übersehen! Die zweite Zahlung ist in Gefahr. Allgemeine Panik greift um sich, Zigaretten werden gezückt, Weinflaschen entkorkt. Doch – kein Grund zur Panik! Unser Piero ist ein Profi. In weniger als einer Minute skizziert er einen Song und spielt ihn mit den Musikern ein.

Fertig! „Viva la Sauna Svedese“ nennt er den kleinen Song. Film fertig. Geld für alle Beteiligten. Zigaretten werden gezückt, Weinflaschen entkorkt.

Als der Film in Italien erscheint, wird er ein Überraschungs-Hit. Kein Blockbuster, klar, aber doch leidlich rentabel. Und weil es bei diesen Pseudo-Dokumentationen nur einen Sprecher braucht, um den Film in andere Sprachen zu lokalisieren, verkaufen sich die Schwedinnen aus Italien auch nach Amerika.

Hier soll der Film heißen: „Sweden: Where the facts of life are stranger than fiction!“

Mit dem Film kommt auch der Soundtrack. Der wird von der „Edward B. Mark‘s Music“ produziert. Und besonders der kleine, unprätentiöse Titel mit dem Namen „Viva la Sauna Svedese“ hat es dem künstlerischen Leiter Joseph Aulander angetan. Alle im Studio summen ständig nur DIESES Lied, schreibt er Piero.

Darum produziert er die Schwedensauna als Single. Mit einem neuen, griffigeren Namen. Man verlängert die Spieldauer auf zwei Minuten zwölf, damit auch Radiostationen ihn spielen.

Und er wird sofort zu einem Hit. Viele Radiostationen spielen ihn immer wieder, weil sie von ungeduldigen Hörern danach gefragt werden. Man konnte ja auch Radio damals noch nicht zuhause aufzeichnen.

Bis auf Platz 55 in den Billboard-Charts schafft es der Titel im Jahre 1969. Dann ist er erst einmal wieder weg vom Fenster und vergessen.

In Amerika sorgte 1976 eine neue Fernsehshow für Furore. Eigentlich nur eine kleine Sketch-Show, die eine halbe Stunde nur oberflächlich um einen Star-Gast kreiste. Der Stand-Up-Act der Show war richtig lausig. Und ständig beschwerten sich zwei alte Säcke von der Loge über die schlechte Qualität. Kein Wunder, der MC war schließlich ein Frosch.

Die Rede ist natürlich von der Muppets Show. Die nahm sich dieses kleine Stück von Piero Umiliano und machte daraus einen kleinen Sketch. In ihrer allerersten Sendung.

Zwei wahrscheinlich außerirdische Sängerinnen im Background und ein Höhlenmensch als Solo-Sänger. Könnte verwandt sein mit Animal von der Begleitband.

Und dieser kleine Sketch machte dann den Song wieder zu einem Hit. Und dieses Mal nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt. Und Piero tatsächlich zu einem wohlhabenden Mann. „Ich höre sofort auf, wie ein Bekloppter zu arbeiten“, hat er sich vielleicht gedacht. Gemacht hat er es aber nicht. Da arbeitet man wie ein Bekloppter und der Durchbruch kommt mit einer Arbeit, man in einer Minute improvisiert.

So. Jetzt? Weißt Du, welcher Song gemeint ist?

Noch ein letzter Tipp: Der Song hat keinen richtigen Text. Der einzige Text, der darin vorkommt, besteht aus zwei Silben. Die dann übrigens auch der Titel von dem Song sind, den die Amis im gegeben haben.

Okay.

Ich darf hier ja keine Musik spielen. Aber das Zitatenrecht erlaubt mir, dass ich den Text vorlese – ohne Melodie, versteht sich. Was sehr schwierig wird.

[Zitat]

Jetzt ist klar, oder? Falls nicht: Der Muppet-Auftritt ist verlinkt.

Quellen:

Youtube: Wie versprochen das Video, der Spoiler, die Lösung

Youtube: Intro: ISMO | #1 Sauna