Gorillas in der Zeitlosigkeit

Man soll ja nur noch den Dingen trauen, die man mit eigenen Augen gesehen hat. Denn alle Videos und Fotos könnten ja mittlerweile von der KI produziert worden sein. Okay. Mein Problem: Ich traue ja nicht einmal meinen eigenen Augen!

Skript

Ich persönlich habe ja sogar Probleme, dem zu trauen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Und ich meine nicht im Kino, sondern in everyday’s real life. Ich finde, die Augen machen ihren Job nicht so toll und die unfühlbare Korrektur des Gehirns ist auch nicht deutlich gekennzeichnet.

Das fängt schon mit dem Blinzeln an. Ich habe unlängst gelesen, dass so ein Blinzeln bis zu vier Zehntelsekunden dauern kann und dass wir ungefähr 15.000 Mal am Tag blinzeln müssen. Vier Zehntelsekunden!

Wenn man das alles zusammenrechnet, sitzen wir an jedem wachen Tag eine halbe Stunde im Dunkeln und merken es nicht einmal. Bildgebende Studien zeigen, dass das Gehirn beim Lidschlag den visuellen Kortex aktiv herunterregelt. Es nimmt also nicht nur die Wahrnehmung der Dunkelheit weg — es nimmt auch das Wissen darüber weg, dass es sie gerade weggenommen hat.

Und dann gibt es noch die Sakkade! Wenn unser Auge schnell von einem Punkt zum anderen schwenkt, schaltet das Gehirn kurz die Wahrnehmung ab.

Vielleicht kennst Du folgendes Phänomen: Du sitzt an Deinem Arbeitsplatz und willst wissen, wie spät es ist. Also schwenken Deine Augen zu der Uhr an der Wand. Und Du siehst, wie der Sekundenzeiger kurz innehält, als wäre er bei einer Straftat erwischt worden. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Zeitlosigkeit! Dann, schlagartig, läuft alles normal weiter.

Das ist kein parapsychologisches Phänomen und Du bist kein Medium. Das geht uns allen so. Das nennt man „Stopped Clock Illusion“. Bei einem schnellen Schwenk wird der visuelle Kortex kurz gestoppt, um aus den Wahrnehmungen wieder Sinn zu machen.

Aber das sind ja nur die kleinen Tricks, wo Auge und Hirn uns gemeinsam eine Fake-Reality konstruieren. Es gibt da auch größere Probleme:

Stell‘ Dir vor, es ist ein ganz normaler Morgen. Du bist einigermaßen ausgeruht aufgewacht und machst Dich auf den Weg zur U-Bahn.

Auf dem Weg spricht Dich ein Fremder an:
„Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen. Ich habe einen Termin in der Beispielstraße 13 und man hat mir gesagt, wenn ich die Beliebig-U-Bahn nehme, dass ich dann über die Exempel-Allee direkt auf sie stoßen würde. Aber der Plan, den ich da habe, ich weiß nicht, den verstehe ich nicht.“
Und weil Du ortskundig und generell ein hilfsbereiter Mensch bist, erklärst Du dem Fremden erst einmal, wie die Exempel-Allee das Viertel teilt und dass man eigentlich nur den kleinen Umweg-Weg … Du schaust auf die Karte.
„Vorsicht, können wir mal schnell durch“, sagt ein Handwerker, der mit einem Kollegen eine Tür über den Gehweg hievt.
Ihr macht den Handwerkern Platz, die schnell zwischen euch zur Baustelle gehen und vertieft euch wieder in das Gespräch.

Was Du nicht weißt, ist, dass Du Teil eines psychologischen Experiments bist. Während die Handwerker an euch vorbeigegangen sind, hat der hintere Türträger mit dem orientierungslosen Fremden den Platz getauscht.

Du redest plötzlich mit einer völlig anderen Person. Andere Kleidung, andere Statur, andere Stimme. Du erklärst jemandem den Weg, der Dich gar nicht danach gefragt hat.

Wie viele Personen haben in dem Experiment den Tausch nicht bemerkt? Die Hälfte! Noch einmal zum Mitschreiben: Ungefähr 50 Prozent.

Einer der beiden Autoren, Daniel Simons, hat sich noch einen anderen Versuchsaufbau ausgedacht, der das Phänomen sogar noch plastischer darstellt.

Drei Personen mit weißen T-Shirts werfen sich einen Basketball zu, während sie durcheinanderlaufen. Die Aufgabe der Proband*innen, ist es, sich das Video dieser Aktion in Ruhe anzusehen und zu zählen, wie oft die drei sich den Ball passen.

Erschwerend kommt hinzu, dass gleichzeitig und im gleichen, kleinen Raum drei Personen mit schwarzen Shirts genau das gleiche tun. Wie oft diese sich den Ball hin- und herwerfen, soll aber ignoriert werden.

Keine schwierige Aufgabe, aber auch keine leichte. Während des Kuddelmuddels kommt von rechts eine Person in Gorillakostüm in die Szene, stellt sich in der Mitte breitbeinig auf, trommelt sich auf die Brust und geht ab.

Und, wie beim Tür-Experiment: Nur die Hälfte der Proband*innen fällt der Gorilla auf! Mitten im Bild! Die andere Hälfte sieht ihn nicht. „Wie, was für ein Gorilla? Da war kein Gorilla!“. Besonders Hartnäckige behaupteten gar, das Video mit dem Gorilla sei ein anderes. Auf ihrem Video war garantiert kein Gorilla!

Auch dieses Experiment wurde öfter wiederholt. In einer Konstellation auch mit Eye-Tracking. Das bedeutete, man konnte genau nachverfolgen, was angeschaut wurde und was nicht. Und, siehe da, alle Testpersonen haben mindestens eine Sekunde auf den Gorilla gekuckt. Aber Kucken bedeutet halt nicht sehen.

Jetzt könnte man aufgrund der beiden Experimente annehmen: Ist ja ganz einfach! Die Menschheit ist geteilt. Es gibt Gorillaseher und Nicht-Gorilla-Seher. Aber dem ist auch nicht so. 90 Prozent der Menschen fallen manchmal in die eine Gruppe und manchmal in die andere. Genau wie 90 Prozent der Menschen sicher sind, immer zu den Gorillasehern zu gehören.

Unser Gehirn bastelt uns schon immer eine Fake-Version der Realität und unsere Augen sind als Sensoren stärker reguliert als etwa der Geruch.

Deswegen leben wir aber nicht alle in der Matrix – unser Gehirn lässt den Gorilla ja nur weg, weil es sich gerade auf Basketballer in Weiß spezialisiert hat.

Allerdings ist Skepsis angebracht, wenn man sich zu sicher ist, dies oder jenes genau so gesehen zu haben. Im Prinzip, wenn ich so drüber nachdenke: Ich glaube eigentlich nur noch Dinge, die ich selber gerochen habe!

Quellen:

Springer Nature: Failure to detect changes to people during a real-world interaction

Youtube: The Door Study

Youtube: The invisible Gorilla (featuring Daniel Simons)