In unregelmäßigen Abständen verliebt sich Deutschland kollektiv in ein Tier. Das Opossum Heidi oder die Kuh Yvonne sind vielleicht vergessen, aber Knut kennt noch jeder. Woran liegt das? Und war Bobby die erste Liebesaffäre?
Skript
Dieses Mal habe ich das Tier nur aus der Ferne mitbekommen. Es hieß „Timmy“ und es war ein Buckelwal in der Ostsee. Die Bild-Zeitung hatte zeitweise eine Live-Schaltung ins Netz gestreamt, und ich habe mal reingekuckt. Wasser. Vielleicht entspannend, aber sicher nicht Nachrichten.
Timmy hat mich an die vielen Liebesgeschichten erinnert, die die Deutschen mit einzelnen, ganz spezifischen Tieren hatten. Es scheint, als ob das ganze Land in regelmäßigen Abständen kollektiv in Tierliebe verfällt. Aber nicht in Tiere allgemein – sondern immer in ein bestimmtes Exemplar.
Die heftigste dieser Liebesaffären liegt 20 Jahre zurück und wahrscheinlich haben viele den süßen kleinen Eisbären wieder vergessen.
Am 5. Dezember 2006 wird Knut geboren. Eigentlich nichts Aufregendes – in deutschen Zoos kommen jedes Jahr zwei bis drei Eisbären zur Welt. Aber seine Mutter Tosca will von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Knuts Bruder stirbt. Dem Überlebenden nimmt sich der Tierpfleger Thomas Dörflein an. Um ihn alle vier Stunden mit der Flasche füttern zu können, zieht Dörflein praktisch in den Zoo ein.
Erster Eisbär in Berlin seit 33 Jahren, okay, das war schon eine Schlagzeile. Aber die Geschichte vom Mann, der zur Ersatzmutter wird, das ist der Funke. Vom 15. bis 23. März berichtet die Tagesschau jeden Abend aus dem Brutkasten.
Am 23. März 2007 wird Knut, der inzwischen sein Geburtsgewicht verzehnfacht hat, der Öffentlichkeit vorgestellt. 500 Journalisten fotografieren den Knuddelbären. Und der Umweltminister Sigmar Gabriel, der sein Geburtsgewicht auch deutlich vervielfacht hat, lächelt auch in die Kameras.
Ab dem 24. März bringt die ARD jeden Sonnabend eine eigene Knut-Sendung. Im Zoo gibt es zweimal täglich die „Knut-Show“.
Die Vermarktungsmaschine läuft auch Hochtouren. Der Zoo lässt sich Knut als Marke schützen. Tassen, Shirts, Postkarten und Poster sind schon zum Verkauf fertig, bevor der Bär das erste Mal vor Publikum tritt.
Drei Tage später kommen die ersten Plüschtiere der Firma Schildkröt auf den Markt – Steiff folgt kurz darauf, in allen Größen. Es erscheint „Knut, der kleine Eisbär“, gesungen von der neunjährigen Kitty aus Köpenick. Es folgt noch der Hit „Knut ist gut“. Dann „Knut geht’s gut“, auch in französischer Sprache als „Moi c’est Knut“. Frank Zander dichtet seinen Klassiker noch einmal um und singt „Hier kommt Knut“.
Knut erscheint als Titelmodell auf der deutschen Vanity Fair, im Mai dann auf der internationalen Ausgabe. Der Aktienkurs des Berliner Zoos verdoppelt sich.
Aber im Sommer ist die Luft raus. Da passt wohl „Eisbär“ nicht mehr zur Witterung. Die Knut-Show im Zoo wird beendet. Die Fernsehsendungen schlafen ein, das Knut-Blog auch. Die Zahl der Knut-Bilder in deutschen Zeitungen fällt pro Woche von 800 auf unter 30.
Knut wird größer und damit noch weniger niedlich, und stirbt am 19. März 2011 mit vier Jahren an einer nicht entdeckten Hirnhautentzündung.
Das bringt ihn noch einmal in Erinnerung: Es folgt ein Knut-Denkmal in Spandau. Eine Knut-Gedenkmünze. Eine Skulptur „Knut, der Träumer“ mit tausend kleinen Bronze-Repliken zum Verkauf. Und schließlich, im Februar 2013, landet Knut ausgestopft im Naturkundemuseum.
Das war, glaube ich, die heftigste Liebesgeschichte der Deutschen mit einem Tier. Man kann das verstehen. Weil Knut war halt so süüüüß!
Paul hingegen war nicht süß. Aber er war allwissend. Paul, der Krake konnte angeblich die Ergebnisse der Fußball-WM 2010 vorhersagen. Tatsächlich hatte er bei allen acht Spielen, zu denen er befragt wurde, recht. Trefferquote: 100 Prozent.
Aber das war kein Liebesverhältnis. Anders als bei Antje, dem Walross, das 17 Jahre lang das Senderlogo des NDR war. Das war Liebe. Und da ist auch Heidi, das schielende Opossum aus dem Leipziger Zoo, und Yvonne, die ausgebrochene Hauskuh.
Wann fing das an, dass Deutschland kollektiv einzelne Tiere liebte?
Vielleicht begann alles mit Knautschke. Ein Nilpferd, geboren 1943 im Berliner Zoo. Eines von nur 91 Tieren, die dort den Zweiten Weltkrieg überlebten. Bombentreffer zerstörten das Außenbecken seines Hauses. Die Mutter starb. Knautschke überlebte nur, weil die Tierpfleger ihn mehrmals täglich mit Wasser übergossen. Und weil die Berliner ihre Rationen mit ihm teilten, obwohl sie selber hungerten.
Knautschke war das Symbol des Berliner Überlebenswillens. Als der Kalte Krieg Deutschland teilte, durfte er trotzdem in Leipzig die Flusspferdkühe Olga und Grete besuchen. 35 Kälber. Bis heute steht eine Bronze-Statue vor dem Flusspferdhaus.
Vor Knautschke aber war Bobby. Bobby, der Gorilla, kam 1928 mit zwei Jahren und 16 Kilo aus Marseille nach Berlin und wuchs zu einem 262-Kilo-Riesen. Er inspirierte den Komponisten Walter Jurmann zu „Mein Gorilla hat ‚ne Villa im Zoo“ – 1933 von Hans Albers gesungen. Das war das Intro der Folge. Bobby ziert seit 1961 das Logo des Zoo Berlin. Und auch er steht heute noch ausgestopft im Naturkundemuseum. Wie Knut.
Knut, Knautschke, Bobby – knapp 80 Jahre auseinander, und doch dieselbe Geschichte. Verstoßenes Baby. Hingebungsvoller Pfleger. Millionen Besucher. Plüschtier und Schlagersong. Briefmarke und Gedenkmünze. Bronzestatue. Ausgestopft. Naturkundemuseum.
„Tiere gehen immer“, hieß eine Redaktionsregel, wenn es früher in Zeitungen Platz zu füllen galt. Eine komische Vorstellung in digitalen Zeiten, aber so eine Zeitungsseite konnte ja nicht einfach zu einem Achtel einfach weiß bleiben.
Darum könnte man denken, die Tiere werden vor allem herausgekramt, wenn sonst Saure-Gurken-Zeit ist. Aber das passt statistisch nicht. Knut war ein Winterkind, Bobby eine Sommer-Affäre und Knautschke war ein Dauerbrenner.
Es ist auch nicht das Süße, das Niedliche, das Kindchenschema. Das schielende Opossum Heidi oder die ausgewachsene Kuh Yvonne und schon gar nicht Timmy, der Buckelwal sind süüüß.
Bequemer Journalismus macht keine Bronzedenkmäler.
Warum diese heftigen Liebesaffären? So heftig, dass sie sogar in die Nachbarländer ausstrahlen?
Ich glaube, es liegt daran, dass wir Deutsche emotional eher sparsam sind. Ich habe einige Beerdigungen in Deutschland erlebt, zum Beispiel die meiner Eltern. Ich war nur einmal Zeuge einer Beerdigung in Italien und das Erlebnis war ein völlig anderes.
Wir Deutsche können durchaus Gefühle miteinander teilen. Wut fällt mir ein. Wir können gut gemeinsam wütend sein.
Aber: Worüber dürfen wir gemeinsam weinen? Worauf dürfen wir gemeinsam hoffen? Osterhase, Nikolaus und Christkind bringen Konsum, aber keine Hoffnung mehr. Ist vielleicht gut so, vielleicht auch nicht.
Aber dem Bobby geht’s gut. Der hat ja eine Villa im Zoo. Und Knut, der süße Knut – der wird ja so liebevoll gepflegt, dem geht’s ja auch gut. Mit dem wird alles gut.
Mit den von uns geliebten Tieren dürfen wir wieder kollektiv Kinder sein. Mit diesen speziellen, von uns einzeln herausgepickten Tieren. Natürlich nicht mit den anonymen Tieren, die in unserer Wurst sind, das wäre ja lächerlich!
Wir haben alle gelernt, unsere süßen, delikaten und zärtlichen Gefühle mit Menschen sehr sparsam auszuleben. Aber bei Bobby, Knut, Timmy oder Knautschke müssen wir nicht geizen. Denn eigentlich meinen wir ja: Teddy. Unseren Bären, unser Kuscheltier, unseren geheimen Vertrauten. Gell, Teddy?
Quellen:
Youtube: HIER KOMMT KNUT – FRANK ZANDER
Youtube: Intro: Hans Albers – Mein Gorilla Hat ne Villa Im Zoo