Amiga Joker & Brork

Ein paar Jahre habe ich für den Joker-Verlag gearbeitet und Logos entworfen, Seiten layoutet oder Comics gezeichnet. Heute also ein Blick in die Anfangstage der Computer in Zeitschriftenbüros und als Zugabe: Der beste Gag, den es je in einem Brork-Comic gab.

Skript

Vor vielen Jahren betrat ein junger Mann unsere Werbeagentur, die ihre beste Zeit auch schon hinter sich hatte. Noch war die Arbeit sehr analog, aber in der Ecke stand schon der erste MacIntosh, für den wir uns eine nagelneue Software geleistet hatten. Photoshop. Version 1.0. Das Photo im Namen von „Photoshop“ war mehr eine Zukunftsvision, denn in Ein-Bit-Darstellung verliert selbst die Mona Lisa ihr Lächeln.

Dieser junge Mann trug sich mit dem Gedanken eine Computerspiele-Zeitschrift herauszugeben, die sich nur einer Plattform widmen sollte, dem damals verbreiteten Amiga. Ein Rechner, der der Konkurrenz einiges voraushatte, so dass man in den eigenen vier Wänden Games zocken konnte, die grafisch nicht viel schlechter waren als die in den Spielhallen.

Wir waren uns sympathisch und teilten eine Vorliebe für eher triviale Vergnügungen. Ich habe Michael Labiner dann gleich eine graphic novel geliehen, die mich damals umgehauen hatte. „The Killing Joke“ von Brian Bolland und Alan Moore. Das Cover ist berühmt: Man sieht den Joker, wie er aus dem Cover heraus ein Foto des Betrachters knipst.

Dieses Cover hat auf jeden Fall beträchtlich dazu beigetragen, dass der Name des Magazins dann „Amiga Joker“ wurde und nicht „Amiga Zocker“. Ich habe eine Joker-Comicfigur entworfen und das Logo gezeichnet und auch ein paar Cover illustriert – aber die waren nicht besonders gut.

Es war 1989 und natürlich wollten wir auf Desktop Publishing setzen, statt auf den klassischen Textsatz oder die Vierfarb-Reprografie. Das dauerte seine Zeit, ich und mein Kollege mussten einen Kredit aufnehmen, um uns die Rechner und die restliche Hardware überhaupt leisten zu können.

So ein farbfähiger Mac kostete um die 10.000 Mark und der postscriptfähige Laserdrucker dazu noch einmal 4.000 Mark. Und von den zentnerschweren 20-Zoll-Monitoren brauchen wir gar nicht anfangen. Wir zwei saßen uns im Büro gegenüber und haben uns gegenseitig angestrahlt. Einmal hatte ich den Traum, dass sich unsere Schattenrisse auf immer in die Raufasertapete eingebrannt hatten.

Für uns Grafiker war die neue Technologie wie eine Superkraft. Dass Superkraft mit Verantwortung verbunden ist, war damals noch keine bekannte Binsenweisheit. Und so haben wir verantwortungslos alles versucht, was nun plötzlich doch machbar war.

Jeder Test hatte sein ureigenes Layout, mit bunten Hintergründen und ausgeflippten Überschriften – alles, was man auf Letraset so kaufen konnte. Das Bewertungskästchen in der Ecke wurde, je nach Note, von einem Joker-Kopf gekrönt. Bei Werten über 80 Prozent strahlte er über beide Backen, bei 20 Prozent oder weniger kotzte er einen giftgrünen Strahl.

Dann wollten wir natürlich möglichst viele Fotos verteilen, damit die Lesenden einen Überblick über das besprochene Game gewinnen konnten, was dazu führte, dass die Seiten mit briefmarkengroßen Screenshots tapeziert waren.

Aber auch in der Redaktion wurde alles dafür getan, dass der Amiga Joker gute Unterhaltung wurde. Es gab eine Girl-Seite, Dr. Freak berichtete aus der Demo- und Hackerszene, eine Doppelseite war Arkadespielen gewidmet, ein Merchandising-Shop wurde eingerichtet, selbstverständlich gab es Komplettlösungen, Cheats und Tricks und besonders beliebt wurden die Leserbriefe, die immer witzig beantwortet wurden und eine ganze Reihe an running gags produzierten.

Wir wurden nicht die erfolgreichste Computerspielezeitschrift, aber hatten auf jeden Fall Kult-Charakter und eine eingeschworene Fangemeinde. Bald erschien außer dem Amiga Joker noch der PC Joker, dazu Sonderhefte und mit Megablast ein Magazin für Konsolenspiele.

Das führte natürlich zu einer glatteren und professionelleren Produktion und der Geist der Anfangstage, als wir zu sechst alles gemeinsam neu entdeckten, verdünnte sich ein bisschen über die vielen Seiten, die nun jeden Monat gedruckt wurden.

Als Michael mit der ganzen Truppe in ein Gewerbegebiet zog, trennten sich unsere Wege – ich wollte unbedingt in meinem Lädchen bleiben und in Ruhe vor mich hinarbeiten, ohne dass dauernd jemand vorbeischaute.

Vor allem nicht Michael. Wir waren und sind immer noch Freunde, aber wir haben uns auch gestritten, dass die Fetzen flogen. Jede Korrektur war eine kleine Schlacht. Tut mir im Nachhinein ein bisschen leid um die Menschen um uns herum.

Es ließ sich von außen sicher nicht gut erkennen, dass es um die Sache ging und nicht um die Person. Wir haben uns nie gegenseitig beleidigt oder herabgewürdigt. Es ging darum, dass Herr Labiner der Meinung war, gelber Text auf braunem Grund wäre nicht gut zu lesen und Herr Wunderlich der Meinung war, das sei genau der Kontrast, der gut und richtig ist für ein Spiel, das im Wilden Westen handelt.

Nach dem Untergang des Joker-Imperiums haben Michael und ich 2011 einen Podcast gestartet. Der hieß „Labiner und Wunderlich“ und hatte den Untertitel „Zwei alte Säcke streiten sich“. Also, das wäre mein Wunsch-Untertitel gewesen, aber Michael hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Dabei hätte das prächtig gepasst, denn genau das haben wir getan. Gestritten.

Jetzt, wenn ich so darüber nachdenke, dann gab es ein Vorkommnis zu Jokerzeiten, bei dem wir immer noch weit von einem Konsens weg sind.

Zu der Comicfigur des Jokers gesellte sich bald „Brork“. Das war ein Ork, wie aus den Fantasybüchern, mit flacher Stirn, Hauern, Muckis und nicht zu viel Gehirnzellen zwischen den spitzen Ohren.

Auch Brork fand seine Fans und so bekam er einen einseitigen Comic in jeder Ausgabe. Da waren schöne Gags dabei, wie der „Dungeon Master vom Master Dungeon“, seine Berufsanfänge als Keulentester oder die Episode, in der er Robocop in einen prima Rasenmäher umgebaut hat.

Doch die Zeit fehlte und so wurde Brork auf ein klassisches Strip-Format eingeschmolzen. Vier Panels, ein Gag. Und das war schon belastend genug. In jeder Redaktion herrscht der größte Stress kurz vor dem Drucktermin und so konnte es vorkommen, dass ich nur noch zwei oder Stunden hatte, mir eine Pointe aus dem hohlen Zahn zu zaubern und alles zu zeichnen.

Darum bin ich auf den Hypnotiseur noch heute besonders stolz. Ich habe die ersten drei Panels einfach weiß gelassen und malte in das vierte einen Hypnotiseur, der den Lesenden ansprach und sagte „Und jetzt hast Du den Inhalt der ersten drei Panels komplett vergessen!“. Genial. Arbeitssparend und trotzdem witzig.

Fand ich. Michael war der Meinung, dass es der schlechteste aller Brork-Comics war und ich nur zu faul war, mir eine echte Pointe auszudenken.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. Seitdem haben wir nie mehr ein Wort miteinander gesprochen!

Nee, stimmt nicht. Gar nicht wahr.

Quellen:

Youtube: Intro: Michael Labiner bei GIGA Teil1 von 2