Die Geschichte hinter dem berühmtesten Brotaufstrich der Welt und wie – laut Legende – der Nougat zwei Mal erfunden werden musste. Oder: Wie kommt Nutella ins Weltall?
Skript
Drei Minuten und 51 Sekunden, bevor die Crew der Artemis-II-Mission so weit weg von der Erde sein würde, wie noch kein Mensch zuvor – to boldly Go where No man has Gone before – taumelte der berühmteste Brotaufstrich der Welt durch den Livestream. Das Glas war Kennern sofort erkennbar – aber, als ob es sich um Product Placement handeln würde, drehte sich sogar photogen so, dass man das Logo lesen kann: Nutella.
In der Marketingabteilung von Ferrero wurden wahrscheinlich Champagnerflaschen geköpft und sofort wurde das Video geteilt: „Wir fühlen uns sehr geehrt, so weit gereist zu sein, wie noch kein Brotaufstrich zuvor!“
Die NASA musste wiederholt erklären, dass es sich nicht um Product Placement handelte. Nein, Nutella sei ein ganz normaler Teil der Bordverpflegung. Das Glas hätte sich versehentlich aus seinem Regal gelöst.
Was wäre das für eine Welt ohne Nutella, fragt der Werbeclip aus dem Intro. Und wie kommt Nutella in die Welt?, frage ich.
Wenn man die Geschichte von Nutella erzählen will, dann muss man die Geschichte von Gianduia erzählen. Das ist in Deutschland unter seinem französischen Namen bekannt: Nougat. Trotzdem ist es natürlich in Italien erfunden worden. Sagen die Italiener. Aber, wie so oft, wenn es um Essen geht: So genau weiß das niemand.
Die Geschichte des Gianduia fängt an, als sich Napoleon auf eine Europatour begibt, um die Aufklärung zu verbreiten. Die gewählte Methode ist eine militärische und so ist auch Turin bald unter französischer Herrschaft. Wie der Großteil West-Europas.
Und so begab es sich, dass Napoleon die große Kontinentalsperre erfand. Das bedeutete einfach, dass der Handel mit Großbritannien und seinen Kolonien mit hohen Zöllen belegt wurde. Und ab dem Berliner Dekret von 1806 sogar verboten wurde. Kein britisches Schiff durfte anlegen, alle Briten, die Europa betraten, waren als Kriegsgefangene sofort festzunehmen.
Das bedeutete aber auch: Kein Kakao mehr für die Turiner. Und die Gianduia-Legende besagt, dass die findigen Konditoren entdeckten, dass geröstete Haselnüsse, wenn man sie fein genug mahlt, eine ähnliche Textur entwickeln wie Kakao. Und Haselnüsse gab es im umgebenden Piemont genug.
Also streckte man das, was man an Kakao noch kaufen konnte mit diesem Haselnussmehl und formte daraus Blöcke. Da war sie: Die Gianduia! So die Legende.
Ob das wirklich so war, ist Stoff heftiger Diskussionen. Es gibt Historiker, die sagen, dass sei Unsinn. Die Conchiermaschine sei erst 1826 in der Schweiz erfunden worden. Die hatten damals gar keine Schokolade zum Essen, sondern nur eine zum Trinken.
Also konnten sie auch die Haselnüsse fein genug mahlen, also gab es keine Gianduia. Doch es gibt auch zahlreiche Hinweise darauf, dass Schokolade schon länger gegessen wurde. Der Marquis de Sade, nachdem der Sadismus benannt ist, schrieb seiner Frau schon 1778, sie möge ihm doch bitte Schokoladenpralinen ins Gefängnis schicken.
Und es gibt auch einen schriftlichen Beleg aus der Zeit der Kontinentalsperre. Ein Werk von Antonio Barazzi mit dem schönen Titel: „Theoretisch-praktischer Plan für den nationalen Ersatz von Schokolade“. Allerdings ersetzen dort nicht Haselnüsse den Kakao, sondern süße Mandeln, Lupinen, Getreide und Zuckersirup.
Aus der Not geboren wurde das Nougat also wahrscheinlich nicht. Die Legende ist wohl eine Legende.
Auch nach Napoleon blieben die Zeiten in Turin aufregend. 1821 revoltierte man gegen die Habsburger und kurz danach begann das Risorgimento, ein jahrzehntelanger Kampf zur Vereinigung Italiens.
Das brauchte Symbole und in Turin fand man eines in einer Art Kasperlefigur. Eine Figur aus der commedia dell’arte wurde als Puppe das Symbol für Turin. Diese Figur hieß: Gianduia. Ein niemals nüchterner Bauer mit einem Dreispitzhut, der immer hinter den Frauen her war und ganz offen aussprechen konnte, was alle dachten.
1865, vier Jahre nach der Vereinigung Italiens, war Karneval in Turin und hier finden wir den ersten wirklichen Beleg: Es wurden Kamellen verteilt. Bloß, dass es sich nicht um billige, steinharte Bonbons handelte, sondern um ein Konfekt, dass dem Hut des Gianduia nachempfunden war und sich Gianduiotti nannte. Und die waren eben aus Nougat. Hence the name gianduia.
Fast Forward: 1946 war in Turin wieder einmal absoluter Kakaomangel. Und hier wiederholt sich die Legende. Pietro Ferrero fehlte der Kakao, um gute Schokolade zu machen, also verwendete er Haselnüsse und mischte sie mit Zucker und formte Brotlaiber. Davon schnitt man sich Scheiben ab und legte sie auf’s Brot. Laut offizieller Nutella-Website hat Ferrero praktisch den Nougat zum zweiten Mal völlig neu erfunden. Das ist natürlich auch eine Legende.
Tatsächlich neu war aber die Idee, diesen immer noch zu teuren Gianduia-Block streichbar zu machen. Denn das war viel sparsamer, als sich eine Scheibe Nougat auf’s Brot zu legen. Das war 1951 und dieses neue Produkt hatte den Namen: „La Supercrema“.
Nougat sollte so zu einem Produkt werden, dass sich jeder leisten konnte. Dieser Plan ging auch auf: La Supercrema war in Italien ein Riesenerfolg.
1961 wurde das Produkt von Pietros Sohn, Michele, noch einmal upgedatet. Jetzt erst kommt das Palmöl in die Mischung, jetzt erst kam das Magermilchpulver und die Emulgatoren und jetzt erst war die Paste für die Massenproduktion geeignet.
Mit dem Update kam der neue Name: Nutella. Ein Kofferwort aus dem Englischen „Nut“ – man visierte ja einen internationalen Markt an – und einer weiblichen Verniedlichungform des Italienischen: „Ella“. Ja. Es ist „die“ Nutella. Oder „das“ Nutella. Aber „der“ Nutella würde ja „Nutello“ heißen.
Und damit war der Brotaufstrich geboren, für den angeblich jede vierte Haselnuss, die weltweit geerntet wird, in der Conchiermaschine landet. Das ist nicht ganz wahr. Ferrero kauft ein Viertel der Welternte an Haselnüssen und die meisten landen wahrscheinlich in Nutella – aber die Produktpalette ist groß und genauere Zahlen gibt es nicht.
Im Nutellarezept sind ja auch nur 13 Prozent Haselnüsse und 7,4 Prozent Kakao. Der Rest ist Palmöl und vor allem – 56 Prozent – Zucker. Zuckerfettcreme wäre eine bessere Bezeichnung als „Nuss-Nougat-Creme“.
Und das dürfte genau der Grund sein, warum die NASA das ins Regal gepackt hat: Die Ernährung der Astronaut*innen ist hochkalorisch, weil sie in der Schwerelosigkeit einen um 50 Prozent erhöhten Kalorienbedarf haben. Dafür haben sie aber weniger Hunger und auch weniger Geschmacksempfinden. Folgerichtig ist Zuckerfettcreme genau das Richtige.
Ach, Fun Fact: Das ikonische Nutellaglas, das da durch den Livestream flog, wurde 1964 entworfen. Der Name des Designers für das Glas für die Creme? Lelo Cremonesi.
Quellen:
Wikipedia (it): Nutella
Wikipedia (it): Pietro Ferrero
Serious Eats: The Untold History Behind Nutella’s Rise to Household Fame
Wikipedia (de): Nougat
Ferrero (it): UNA STORIA DI FAMIGLIA
Youtube: Intro: Nutella Party – Che mondo sarebbe senza Nutella