Der sprechende Delfin

In den optimistischen Sechzigern schien vieles möglich, was uns heute verwundert. „Man kann’s ja mal probieren“, dachte man. Also: Warum sollte die NASA nicht eine Forscherin bezahlen, um einem Delfin Englisch beizubringen?

Skript

Heute gibt es eine Liebesgeschichte, eine Tiergeschichte, eine Wissenschaftsgeschichte und leider eine auch trauruge Geschichte. Alles in zehn Minuten.

Sie spielt in den Sechzigern. Von heute aus gesehen eine optimistische Zeit. Der Krieg war zwanzig Jahre entfernt, man schaute lieber wieder in die Zukunft. Es war das goldene Jahrzehnt der Science Fiction. Ursula K. Le Guin, Philipp K. Dick, Arthur C. Clark, Robert Henlein, Harlan Elison und natürlich, wenn ich nur an die alten Cover denke – Perry Rhodan! Und Raumschiff Enterprise, nicht zu vergessen.

Vergessen wir auch nicht die Musik. Oder die Malerei. Oder die Filme. Oder das Theater! Alles war in Bewegung. Vor den Sechzigern war die Welt wahrscheinlich schwarz/weiß.

Zu dieser Zeit lebte auch der Neurowissenschaftler mit dem Namen Dr. John Lilly. Dem war beim Sezieren eines gestrandeten Kleinwals aufgefallen, dass in diesem Tier ein Hirn steckte, das größer war als das menschliche Hirn. Und das musste heißen, so der Kenntnisstand der Forschung in den Sechzigern: Die müssen aber verdammt schlau sein, diese Walfische. Vielleicht sogar schlauer als wir.

Und so begann er sich mit Delphinen zu befassen. Er untersuchte die Meeressäuger eingehend, vermaß ihr Hirn nach allen Regeln seiner Kunst und er beobachtete sie auch intensiv. Es fiel ihm auf, dass Delfine, wenn man mit ihnen redete, versuchten, die menschlichen Laute nachzuahmen.

Als ob sie mit uns reden wollten, dachte Lilly sich und schrieb ein vielbeachtetes Buch mit dem Namen „Mensch und Delphin“. Er stellte darin nicht nur die These auf, dass Delfine genauso intelligent sind wie wir, sondern, dass man ihnen wohl auch Englisch beibringen könnte.

Und dass man ihnen dann wahrscheinlich auch einen Sitz in der UNO geben müsste, damit sie die Interessen aller Meeressäuger weltweit vertreten könnten. Klingt heute absurd, aber hey, es waren die Sechziger. Die Tatsache, dass Delfine nicht einfach nur Ungeziefer sind, die uns die Speisefische wegfressen, war noch brandneu.

Dieses Buch fiel auch einem anderen Forscher in die Hände. Mit Namen Frank Drake. Das ist der Astrophysiker, der SETI ins Leben gerufen hat. Und der die sogenannte Drake-Gleichung erfunden hat. Eine Formel, mit der man die Wahrscheinlichkeit berechnen kann, ob es außer uns noch anderes intelligentes Leben im All gab. Na ja, eigentlich nur eine Formel, die so tut, als wäre das möglich.

Drake dachte sich: Wenn wir hier auf Erden schon eine andere intelligente Spezies haben, dann können wir ja schon einmal üben, wie das wird, wenn wir mit Aliens kommunizieren müssen. Soll der Lilly doch den Delphinen Englisch beibringen. Ich schicke ihm gleich einen Koffer mit Geld von der NASA. So stell‘ ich mir das vor.

Und so begann das tragische Experiment, dessen Tonaufzeichnung wir ganz am Anfang schon gehört haben.

Ein Haus in Florida wurde zum seetauglichen Labor umgebaut und die Arbeit mit drei Delfinen begann. In seinem Team hatte Lilly eine engagierte, intelligente junge Frau namens Margaret Lovatt. Als sich der Prozess bald als eher langwierig entpuppte, hatte Margaret einen Vorschlag.

„Wir nehmen den intelligentesten der drei und ich ziehe mit dem zusammen. Wir bauen das Haus so um, dass er und ich zusammenleben können. 24/7 Er kann mich den ganzen Tag beobachten, wird nicht von den anderen Delfinen abgelenkt und ich kann viel mehr mit ihm trainieren, als wenn wir einfach alle am Feierabend nach Hause fahren“.

Gesagt, getan. Ab Mitte 1964 lebte, schlief und arbeitete Margaret zusammen mit Peter im abgedichteten, überfluteten Apartment und übte tagaus, tagein mit dem Delfin sprechen. Peter war sehr wissbegierig und stellte sich auch ganz gut an.

Mit seinem Blasloch ahmte er die Lippenbewegungen vom Margaret nach. Den Tonfall und die Betonung fielen Peter nicht sehr schwer, aber so richtig große Fortschritte machte man nicht – erkennbare englische Worte wurden das irgendwie nicht.

Und da entstand noch ein kleines Problem. Peter, der jetzt nur noch Margaret um sich hatte, entwickelte ein besonderes Verhältnis zu seiner Lehrerin. Wenn die junge Frau an anderen Dingen arbeitete, dann schwamm das Tier herbei und beobachtete sie genau. Speziell die Knie hatten es ihm angetan…

Verlieben ist vielleicht ein bisschen metaphysisch ausgedrückt, aber es wurde bald ganz klar, dass das junge Delfinmännchen seine sexuelle Energie auf die junge Menschin richtete. Anders ausgedrückt: Der wissenschaftlichen Arbeit „stand“ plötzlich etwas im Wege. Und da Delfine sich nicht selbstbefriedigen können, musste die junge Frau das erledigen, wenn sie weiterarbeiten wollte.

Trotzdem war der Hand-Job für den Delfin nicht wirklich eine gute Idee. Wenn Peter vorher schon auf Margaret fixiert war, so verfestigte sich das so langsam zu einer richtigen Abhängigkeit.

Die Durchbrüche ihrer Arbeit blieben aber aus. Ein Blasloch ist kein Mund. Wenn, dann ist es eher eine Nase. Bestimmte Töne waren Peter einfach anatomisch völlig unmöglich. Er konnte keine Verschlusslaute wie P oder B lernen und da er auch keine Zunge hatte, auch kein T, D, K oder G. Aber auch M oder N, sogenannte Nasallaute blieben ihm verwehrt. Und nur mit Vokalen alleine bekommt man halt nicht so schnell einen Sitz in der UNO.

Das wurde nach Monaten der Arbeit recht deutlich. Von heute aus betrachtet ist es eher erstaunlich, dass man das überhaupt je erwogen hatte. Ein bisschen Nachdenken über die anatomischen Gegebenheiten … na ja, es waren die Sechziger. Alles schien möglich.

Und was fällt einem bei den Sixties noch ein? Drogen natürlich. LSD zum Beispiel. Und auch John Lilly hatte sein Interesse in diese Richtung weiterentwickelt. Als die NASA die Mittel für die Meeressäuger-Englischschule strich, zog man einfach um und Margaret verlor ihren Job.

Experiment Englisch beendet. Lilly wollte jetzt lieber erforschen, was passierte, wenn man diesen intelligenten Tieren LSD verabreichte. Kein Scherz. Es waren die Sechziger, ich muss es immer wieder betonen, genau genommen der Sommer 1966. Übrigens: Es passiert genau nichts. LSD hat bei Delfinen keinerlei Wirkung.

Es war auch Sommer 1966, als das Telefon bei Margaret klingelte. Lilly teilte ihr in knappen Worten mit, dass Peter nicht mehr lebte. Der Delfin war nicht mehr zufrieden damit, wieder mit seinen Artgenossen zusammenzuleben. Und nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Margaret zu haben. Für Peter war es Liebe – wenn wir schon immer die Intelligenz betonen, warum gestehen wir Delfinen keine Gefühle zu.

Das wäre auf jeden Fall eine Erklärung für seinen Selbstmord. Ja. Ganz eindeutig. Für Meeressäuger ist die Atmung kein Reflex, wie bei uns. Jeder Atemzug ist eine bewusste Entscheidung. Und so beschloss Peter, sich einfach auf den Boden des Pools sinken zu lassen und nicht mehr weiterzuleben. Nicht zu atmen.

Und so endet die heutige Sendung leider eher tragisch. Diese Geschichte voller Naivität, Engagement, Forschergeist, mutigen Ideen und beseelt, vom Willen auch die nicht direkt gewinnversprechenden Ideen auszuprobieren. Eine Geschichte aus den Sechzigern eben.

Quellen:

Wikipedia (en): Margaret Howe Lovatt

Wikipedia (en): John C. Lilly

The Guardian: The dolphin who loved me: the Nasa-funded project that went wrong

Youtube: Intro: Is This Dolphin Speaking English?