Berlin in den Achtzigern

Der Betreiber des fiktiven Cafè Extrem aus Kreuzberg erzählt in einem Interview, wie das gewesen ist in den wilden Achtzigern. Auch, wenn es nicht wirklich wild gewesen ist. Meint er.

Skript

Hast Du kein Gerät für die Aufzeichnung, Nikolaus? Ach, Du heißt Jens. Ich hab‘ ja nur gemeint, weil Du so’n schönen Vollbart hast. Ja, nö, okay. Tut mir leid. Und hast Du jetzt ein Gerät … ach, Dein Handy. Okay. Gut. Und? Läuft Dein Handy schon? Nee, nee, brauchst Du nicht erklären, war nur ein Witz!

Intro

Also, Du willst ja wissen, wie das wilde Kreuzberg in den Achtzigern … Wie? Nicht? … Achso, Kreuzberg in den wilden Achtzigern. Na, ob das so passt? Es war ja nicht wirklich so wild in den Achtzigern. Es war ja mehr Angst, würde ich sagen.

Nachdem die Amis den Cowboy gewählt hatten … Na, Ronald Reagan. Nie gehört? Ah. Schon gehört. Ja, nö, ich verstehe schon. Der jetzige Präsident ist ja noch irrer, aber der war auch schon ziemlich irre. Der hat bei einer Soundprobe das Scherzchen gerissen, dass Russland in ein paar Minuten bombardiert wird. Na ja.

Es war ja noch Kalter Krieg und mit dem Reagan dachten die Meisten, dass er nicht mehr lange kalt bleiben wird. Darum sind in den Achtzigern noch mehr junge Männer nach Berlin geflohen als schon davor.

Na, weil da war ja noch Wehrpflicht. Da musste jeder junge Mann entweder zum Bund oder er wurde Zivi. Aber die Berliner nicht. Also sind viele nach Berlin gezogen, verstehst Du? Das hat ja glatt eineinhalb Jahre Lebenszeit gespart.

Aber Berlin war eh schon ziemlich voll. Der Westen war ja rundum vom Osten umgeben. Wie? Nein, das ist auch ein Witz. Mensch, muss ich hier alles erklären? Da gab’s halt noch die Mauer, verstehst Du, Nikolaus? Ja, nö, Jens, tut mir leid.

Na, und Kreuzberg war halt direkt an der Mauer. Das brauchst Du Dir nicht so vorstellen, wie es heute ist. Kreuzberg war in den Achtzigern, ganz unter uns, ein Dreckloch. Im Ernst. Hat sich keiner dafür interessiert. Da fehlten immer noch ein Haufen Häuser vom Krieg, die Fassaden waren grau und schwarz, weil wir immer noch mit Kohle heizen mussten. Und überall waren noch die Schusslöcher vom Krieg zu sehen.

Was? Die Besetzungen? Na, weil sie leer waren. Die Hausbesetzungen waren in Kreuzberg, weil’s nicht genug Wohnungen gab und die Häuser leer gestanden sind. Ist doch logisch! Und es war auch nicht so, wie das in Westdeutschland in den Zeitungen gestanden ist, dass die da auf Staatskohle gelebt hätten wie die Maden im Speck.

So zu wohnen, das würde heute keiner mehr machen, glaub mir. Ich hatte ja das Glück, eine kleine Wohnung von meiner Mutter geerbt zu haben, aber die armen Schweine in den besetzten Häusern, das war zum Teil wirklich unzumutbar. Die standen ja zum Teil schon vierzig Jahre leer. Strom war ein echtes Problem und Wasser war ein Problem und Heizen war ein Problem. Nee, ich sag Dir, das war das glatte Gegenteil von Made im Speck.

Und es war auch nicht so, dass die alten Kreuzberger das alle scheiße fanden. Das waren ganz normale alte Leute, die den Hitler und die ganze Scheiße mitgemacht haben und die Luftbrücke, die haben gesagt: ‚Gut, dass ihr was macht. Gut, dass die Häuser nicht leer stehen. Scheiß auf die Spekulanten‘. Ja, nö, nicht alle, aber viele.

Doch, doch, kannst Du mir glauben. Ach so – Du willst was übers Extrem wissen und nicht über die Politik. So ist das. Das hättste ja auch vor fünf Minuten sagen können.

In meinem Haus gab’s vorm Krieg einen Kolonialwarenladen. Hat meinem Opa gehört, aber der war tot, genau wie meine Mutter und Kolonien gab’s ja auch nicht mehr, also keine Kolonialwaren. Was meinst Du? Na ja, Kaffee, Kakao, Rohrzucker und Trockenfrüchte. Sachen, die halt beim Kaiser noch aus den Kolonien kamen. Ist klar, oder?

Na ja, der stand natürlich leer, der Laden. Dass die Scheibe noch ganz war, ist ein kleines Wunder gewesen, die Tür, die hat jemand nach dem Krieg geklaut, die war aus Schmiedeeisen.

Und irgendwann haben wir den ganzen Schutt aus dem Laden gekehrt und haben da Stühle und ein furchtbar hässliches Sofa reingestellt und uns da zum Quatschen getroffen. Der Gero, der war aus Ostberlin und der hatte einen echten Samowar. Also haben wir da Tee getrunken.

Das war der Anfang vom Extrem. Wir haben da keine Miete gezahlt, aber wir haben ja auch nichts verkauft. Das wurde aber langsam anders. Ich habe einmal einen Kasten Bier organisiert und wir haben das gemeinsam gezahlt.

Dann gabs auch Fassbrause und Wasser und ums einfacher zu machen, haben die Sachen halt irgendwann Preise bekommen, sonst hättest Du Dich zu Tode diskutieren müssen, wer jetzt wie viel Geld für was zahlen muss und wer nicht. Fanden nicht alle gut, aber was willst Du machen.

Naja, und ich hab das organisiert. Ich hatte ja auch keinen Job, wie die meisten. Und so wurde aus dem Laden das Cafè Extrem und ich war der Boss. Bin ich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Was? Ach, das sagt man nicht mehr. Ja, nö, ist gut. Kann ich verstehen. Alles in Ordnung, Nikolaus! Nee, schon gut, Jens.

Die Punker? Was für ein Problem sollen die Punker gewesen sein? Nee, Du. Das ist Quatsch. Das ist auch so eine Sache, die damals in Kreuzberg eigentlich keine Sau interessiert hat. Klar gab’s Punker und es wurden eine Zeitlang auch immer mehr.

Aber wir haben nicht miteinander gekämpft. Wir haben alle im gleichen Drecksloch gelebt und waren alle arm wie die Kirchenmäuse. Und die Punker waren oft sogar noch ärmer dran. Aber wir haben da keine großen Unterschiede gemacht.

Ich erzähle Dir zum Schluss noch eine Punkergeschichte, okay – äh, Jens?

Also, als das Cafè Extrem immer so weiterlief und ich sogar Miete zahlen musste, habe ich irgendwann auch eine Tiefkühle gehabt und hab Eiskrem verkauft. Denn so kalt Kreuzberg im Winter war, so heiß war es im Sommer. Außer ein paar halbtoten Bäumen gab’s da ja auch kein Grün, weißt Du?

Na ja und eines Tages kommt ein Punker über den Platz direkt aufs Extrem zugelaufen. Der hieß Kotze. Nein, das denke ich mir nicht so aus, die haben sich solche Namen gegeben. Das war sogar eher ein Ehrenname, glaube ich.

Na ja, von dem gab’s die tollsten Geschichten. Dass er mal einen vom Balkon geworfen hat, einfach weil er mies drauf war. Dass er im Normal eine Ziegelmauer eingetreten hat und noch übleres Zeug. Voll der Choleriker, voll aggressiv soll der gewesen sein; ein Riesenarschloch soll er sein, sagten Andere.

Na, der nimmt auf jeden Kurs auf mich und steht dann vor mir. An die zwei Meter und Mords die Oberarme und Nieten überall auf der Weste und – na ja, kannst Du Dir ja selber ausmalen.

Ich kuck hoch zu ihm und frag mich schon, warum ich jetzt auf die Fresse krieg‘, da sagt er: „Du hast jetzt Eis, oder“?
Sag‘ ich: „Klar, willst Du ein Eis?“
Sagt er: „Was kostet denn die Kugel?“
Sag‘ ich: „Fünfzich Pfennig in der Waffel“.
Sagt er: „Und hast Du auch Becher?“
Sag‘ ich: „Dreißig Pfennig im Becher“.
„Gut, dann nehme ich Becher.“
„Und was willst Du für’n Geschmack?“ – sag ich und denk mir: Hoffentlich will er jetzt nicht irgendwas, was ich nicht hab. Ich hatte ja nur Vanille, Schoko und Erdbeere. Was, wenn er jetzt ein Jägermeister-Eis will? Krieg ich doch noch auf die Fresse.
Sagt er: „Schokolade“.
Gehe ich zur Tiefkühle, pack ihm eine Riesenkugel in nen Becher und frag‘: „Magst Du keine Waffeln?“.
Sagt er: „Doch, mag ich schon.“
Ich geb‘ ihm sein Eis und er macht seine Hand auf und mitten in der Riesenflosse liegt ein winziges Fünfzig-Pfennig-Stück und auf der Münze pflanzt eine Frau ein Bäumchen. Das war fast schön. Echt jetzt.

Nehme ich das Geld und er das Eis, dann lässt er sich aufs Sofa fallen.
Sage ich: „Warte, Du kriegst noch zwanzig Pfennig!“.
Dann sagt Kotze: „Nee, lass gut sein. Ist für Dich!“.

Und das, lieber Nikolaus, das waren Deine wilden Achtziger an einem Beispiel erklärt.

Ja, nö, weiß schon. Jens. Ist gut. Hast ja recht, das sollte ich echt nicht machen.

Quellen:

Youtube: Intro: Berlin, achtziger Jahre, 1980