Beethoven war schwarz – das glauben Roberto Blanco, Malcolm X und Lucy van Pelt. Über eine über 100 Jahre immer wiederkehrende Hypothese und den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur wahren Herkunft des berühmten Komponisten.
Skript
Der coole Boogie Woogie im Intro wurde nicht von Pinetop Smith, sondern von Ludwig van Beethoven komponiert. Weil Ludwig, wie Pinetop, schwarz war.
Sagte zumindest ein britischer Komponist namens Samuel Coleridge-Taylor 1907 in einem Interview. Sein Vater stammte aus Sierra Leone, seine Mutter aus England, und er sagte, Beethoven habe vermutlich „farbiges Blut in seinen Adern“. Und als Beweis diente ihm einfach die Musik. Höre Intro.
Ich persönlich bin dieser Hypothese zum ersten Mal letztes Jahr im Internet begegnet, als ich den Explikator plante. Das hier ist die fünfte Version der Episode.
Geäußert wurde sie von Roberto Blanco, der 2021 extra nach Wien gereist war und sich vor dem Grab von Beethoven fotografieren und interviewen ließ. Die Überschrift bei „Heute“ – der kostenlosen österreichischen Boulevard-Zeitung – „Roberto Blanco: Ich glaube, Beethoven war schwarz“. Er forderte Bürgermeister öffentlich dazu auf, den Leichnam exhumieren zu lassen, um seine Behauptung zu beweisen.
In der Pandemie sind ja viele wirre Theorien gewuchert und so sorgte auch diese wieder für viel Klicks und viel Aufmerksamkeit. Um einen populären afroamerikanischen Influencer zu zitieren, der hinter sich die Totenmaske Beethovens eingeblendet hat: „Das soll ein Deutscher sein? Wollt ihr mir wirklich erklären, dass so ein Deutscher ausschaut? Schaut euch das Gesicht an, die Nase, die Stirn – das könnte mein Großvater sein. Das ist ein N-Wort!“.
Schon ein halbes Jahr vorher hatte der Hashtag #BLKBTHVN rund um die Black-Lives-Matter-Proteste nach George Floyds Tod weltweit getrendet. Auch Tiktok, damals im Westen gerade zwei Jahre alt, füllte sich mit ähnlichen Videos.
Doch während der Pandemie entsteht daraus ein neuer Verschwörungsmythos. Beethoven wäre absichtlich weißgewaschen worden. Alle Porträts seien Fälschungen. Dokumente seien vernichtet worden und die eigentliche Wahrheit systematisch verschleiert. Man kennt die Mechanik ja mittlerweile.
Dabei ist diese Hypothese nicht einmal neu. Tatsächlich war sie während der Bürgerrechtsbewegung Ende der Sechziger in den Staaten schon einmal populär.
Malcolm X sagte 1963: „Beethovens Vater war einer der Mohren, die sich in Europa als Berufssoldaten verdingten.“ Oder – auch ein Black-Power-Aktivist – Stokely Carmichael: „Beethoven war schwarz. Das erzählen sie euch nicht in der Schule. Er war ein spanischer Maure – so schwarz wie du und ich.“
Schwarze Intellektuelle suchten damals nach Beweisen für Beiträge schwarzer Menschen zur westlichen Zivilisation. Denn auch die Musikgeschichte hatte schwarze Komponisten systematisch totgeschwiegen.
Und so erklärt Charlie Browns Nemesis, Lucy van Pelt, Schröder – dem größten Beethovenfan in der Comicwelt – am 7. Juli 1969 im Comic-Strip „Peanuts“: „Hier steht, manche Forschende glauben, dass Beethoven schwarz war“. Und Schröder antwortet: „Wirklich? Willst Du sagen, ich spiele die ganze Zeit Soul-Musik?“.
Es wurde wieder ruhig um die These. Bis 1990. Da verfasste der amerikanische Musikologe Dominique-René de Lerma den Artikel: „Beethoven as a Black Composer“. Und jetzt wird es schon sehr spezifisch.
Seine These: Beethoven hatte ja flämische Vorfahren. Siehe „Van“ Beethoven. Und die Niederlande hätten bis 1714 teilweise zu Spanien gehört und die Spanier bekannterweise vielfältige Handelsbeziehungen nach Nordafrika. Und da kann es ja in der Linie der Van Beethovens den einen oder anderen Seitensprung gegeben haben, oder?
Darüber hinaus war Beethoven ja eng befreundet mit George Bridgetower, einem damals berühmten Violinisten polnischer und afrikanischer Herkunft. Mulatte nannte man das vor 200 Jahren. Die berühmte Kreutzer-Sonate war ursprünglich Bridgetower gewidmet. Da stand in Beethovens Schrift: „Sonata mulattica composta per il mulatto Brischdauer, gran pazzo e compositore mulattico“. In etwa: „Eine Sonate für Mulatten, komponiert für den Mulatten Brischdauer, einen großen Verrückten und mulattischen Komponisten.“
Meistens, wenn die These wieder auflebt, werden vier annähernd zeitgenössische Belege zitiert:
In seiner Jugend lebte Beethoven in Bonn neben der Familie Fischer, die ihm dem Spitznamen „der Spagnol“ gegeben haben. Laut Fischers sah Ludwig so aus: „Kurz, gedrungen, breite Schultern, runde Nase – und schwarzbraune Gesichtsfarbe“
Da wäre auch einer der Schüler Beethovens, Carl Czerny, der 1801 seine erste Begegnung so beschrieb: „Er sah aus wie Robinson Crusoe, braun im Teint und sein Bartstoppel reichte fast bis zu den Augen“.
Fanny Giannatasio del Rio notierte: „Seine etwas flache breite Nase und ziemlich breiter Mund, seine kleinen stechenden Augen und dunkler Teint, pockennarbenübersät obendrein, gaben ihm eine starke Ähnlichkeit mit einem Mulatten.“
Und zu guter Letzt gibt es die am meisten zitierte Anekdote von Carpani, der beschreibt, wie Beethoven von Haydn dem Fürsten Esterhazy vorgeführt wurde. Der betrachtete ihn und habe gemeint: „Der hat ja noch mehr vom Mohren als mein Diener Haydn!“ Egal.
Was aber keiner bezweifelt ist, dass der wahrscheinlich berühmteste Komponist aller Zeiten am 26. März 1827 starb. Was im kommenden Frühling sicher ein großes Thema wird. Weil er damals schon berühmt war, im Gegensatz zu Mozart und Bach, wurde er in seiner Wohnung aufgebahrt und drei Tage lang defilierten die Trauernden an ihm vorbei.
Einige dachten sich: „Da schneide ich mir mal ein Löckchen ab. Ist vielleicht einmal viele Schilling wert und ihm tut’s ja auch nicht mehr weh!“. Man sagt, dass der verstorbene Komponist am dritten Tag kahl in seinem Wohnzimmer lag.
Das hat auch eine positive Nebenwirkung. Am 22. März 2023 veröffentlichten Wissenschaftler:innen die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu Beethovens Genom in „Current Biology“.
Als Material dienten ihnen eben diese Haarlocken. Acht davon haben die Forschenden sequenziert. Fünf davon wurden als authentisch eingestuft, weil sie exakt die gleiche DNA ergaben. Zwei wiesen zu große Schäden auf und eine stammte von einer Frau.
Die sogenannte Stumpff-Locke war am besten erhalten und war die Basis für die vollständige Genomsequenzierung. Eine technische Meisterleistung. DNA-Fragmente in historischen Haaren sind durchschnittlich nur 15 Nukleotide lang.
Die Untersuchung ergab, dass Beethoven keinerlei Vorfahren hatte, die aus Afrika stammten. Die DNA stammt überwiegend aus Mitteldeutschland, der süddeutsche Einfluss ist sogar etwas stärker als der niederländische, aber es gibt auch Vorfahren, die aus dem heutigen Frankreich, Polen, Belgien und der Schweiz stammen.
Eines ist sicher: Kein afrikanisches Erbgut.
Wenn man die ganze Sache einkocht, reduziert, komprimiert oder vielleicht auch nur aus weiter Ferne betrachtet, dann bleibt am Ende eigentlich nur Rassismus übrig.
Eine hundert Jahre alte Diskussion, die sich darum dreht, Beethovens Hautfarbe zu beschreiben. In einer idealen Welt sollte das eigentlich das langweiligste Thema sein, das man sich nur ausmalen kann.
Oder, wie es die Musikhistorikerin Kira Thurman so treffend formuliert: „Anstatt zu fragen ‚War Beethoven schwarz?‘, sollten wir fragen: ‚Warum weiß ich eigentlich nichts über George Bridgetower?‘“
Quellen:
Intro-Musik: Beethoven Piano Sonata no. 32 in C minor, Op. 111
Heute.at: Der Artikel mit Roberto Blanco
Gocomis: Schröder spielt Soul-Musik
Jstor.org: Dominique-René de Lerma: Beethoven as a Black Composer
Archive.org: Alexander Wheelock Thayer: The Life of Ludwig van Beethoven
Current Biology: Genomic analyses of hair from Ludwig van Beethoven