„Lorem Ipsum“ ist der Anfang des berühmtesten Blindtexts und findet sich als Platzhalter für Inhalte, die noch nicht fertig sind in Druckform, aber auch auf Tausenden Webseiten. Bislang war seine Geschichte ungeklärt, dann begann Emily Zhang ihre Detektivarbeit.
Skript
„Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit, sed do eiusmod tempor incididunt ut labore et dolore magna aliqua“ – diesen Text habe ich Tausende Male in Layoutprogrammen verwendet, um zu sehen, wie meine Gestaltung mit Fließtext wirkt.
Ich habe den Text nie in seiner Gänze gelesen, Typografen haben mir erzählt, er würde: Erstens) Schon seit Jahrhunderten verwendet und zweitens) keinen Sinn ergeben.
Aber beides ist in dieser Form nicht richtig. Das weiß ich, seitdem ich letzte Woche ein spannendes Video von Emily Zhang vom Youtube-Kanal „Rabbit Hole“ gesehen habe. Sie hat akribische Detektivarbeit geleistet und erzählt die spannende Geschichte des bekanntesten, nie gelesenen Textes der Welt.
Die ganze Geschichte beginnt mit einem Latinisten des Hampden-Sydney-Colleges in Virginia. Der sieht den Text in seinem Layoutprogramm und beginnt ihn zu lesen. Über ein Wort stolpert er: „Consectetur“. Das sieht aus wie ein Wort, das Lateinisch sein will, es aber nicht ist – doch es ist in Wirklichkeit ein sehr seltenes Wort der Sprache.
Es kommt Richard bekannt vor und tatsächlich findet er es in Ciceros „De Finibus Bonorum et Malorum“, geschrieben 45 v. Chr.. Ein 2.000 Jahre alter Philosophie-Text über Lust und Schmerz.
In einem Design-Magazin veröffentlicht er einen Artikel zu seinem Fund und schreibt, dass der Text wohl auf einen Setzer zurückgeht, der eine Cicero-Passage zerhackt hat. Aber für diese Behauptung gibt es keinen Beleg. Richard hat sich den Satz, nach eigener Aussage, im Grunde dazugedacht.
Genau diese Interpretation findet man heute auf Tausenden von Webseiten als Erklärung. Statt einen Irrtum zu korrigieren, hat Richard der Geschichte einen Irrtum hinzugefügt.
Denn zu Zeiten des Bleisatzes wäre keiner auf die Idee gekommen, mühsam einen Tag lang eine Seite aus einzelnen Buchstaben, Satzzeichen und Abstandhaltern zurecht zu klopfen, bloß um zu sehen, wie das später mit einem echten Text aussieht.
Im Bleisatz gab es keine Verwendung für Blindtext und damit auch nicht für Lorem Ipsum. Das erschließt sich durch kurzes Nachdenken. Es ist auch kein einziges Blatt aus Jahrhunderten Bleisatz mit dem Text erhalten. Wäre ja wohl der Fall, wenn es ein übliches Verfahren gewesen wäre. Sowohl das Setzen als auch der Druck als auch das Papier waren wertvoll.
Blindtext bekommt erst einen Sinn, wenn die Verwendung von Text billig ist und das Ersetzen durch die letztlich zu vervielfältigende Version schnell und günstig zu erledigen ist.
Der Cicero-Text, den Richard zitiert, wurde vor 1914 nie in dieser zerhackten Form gedruckt. Die allererste Layout-Software hieß Pagemaker, von der Firma Aldus, und war ab 1987 für Macs zu kaufen.
Emily geht jetzt also der Frage nach: Wo taucht Lorem Ipsum zum ersten Mal auf? Und die Antwort: Ende der Sechziger Jahre war er schlagartig überall zu lesen, von Großbritannien über Mexiko bis nach Brasilien. Denn oft genug landet die falsche Version im Druck, oft genug vergisst der Layouter noch diese kleine Textbox oder diesen einen Absatz.
Ende der Sechziger gab es aber noch keine Macs und auch keine Layoutprogramme. Trotzdem gab es Blindtext für Designer. Zu kaufen von der Firma Letraset, die Rubbelbuchstaben auf Trägerfolie verkaufte. Im Angebot waren da auch ganze Blindtextbögen mit verschiedenen Spaltenbreiten und verschiedenen Textgrößen. Konnte der Layouter einfach in seine Gestaltungs-Skizze rubbeln, damit der Redakteur oder der Werbekunde einen Eindruck vom Endprodukt gewinnen konnte.
Eine Aldus-Designerin namens Laura Perry tippte den Text zur Wiederverwendung in ihren Mac und bald wanderte er in jedes gängige Layoutprogramm, wiedererkennbar an den Tippfehlern, die sie gemacht hatte. Man muss sich ja mit Text, der sowieso unsinnig ist, auch nicht viel Mühe machen.
Auf Nachfrage von Emily, woher Letraset den Text hatte, sagte man ihr: „Keine Ahnung“. Aber etwas Anderes fiel ihr auf. Wenn man den ganzen Text in dem oben erwähnten Buch sucht, dann stößt man immer auf den gleichen Absatz – bloß das Stück eins von Seite 36 stammt, Stück zwei von Seite 56, dann Seite 70 und Seite 118.
Jemand blätterte genau in diesem Buch, denn in jeder anderen Version hätten die Texte ja nicht an der gleichen Stelle gestanden. Jemand hatte genau so ein Cicero-Buch in der Hand und es wiederholt blind aufgeschlagen. Und ein paar Brocken Spanisch und Französisch eingefügt, damit die Arbeit nicht zu langweilig wird.
Ein ehemaliger Letraset-Designer gibt Emily einen Tipp. Damit ausgestattet, entdeckt sie eine Fährte, die zum wahrscheinlichen Erstverfasser des Textes führt. Ein Typografie-Historiker, der als Bibliothekar bei der St. Bride Printing Library arbeitete. Da hatten die Letraset-Leute nach einem Blindtext gefragt. Also griff James Mosley hinter sich, überlegte kurz „Cicero vielleicht. Aber nicht Catalina, das ist so abgedroschen“ und holte das alte Cicero-Buch aus dem Regal und blätterte darin und schrieb den Text aus den vier verschiedenen Seiten zusammen.
Ein Triumph wäre diese Detektivarbeit natürlich, wenn Mosley das bestätigen könnte, aber leider ist er letztes Jahr verstorben. So handelt es sich nur um die wahrscheinlichste Rekonstruktion.
James Mosley, Letraset, Laura Perry, Aldus Pagemaker, tausende von Druckerzeugnisse, Abertausende von Webseiten.
Das ist seit Emily und damit seit Ende Mai die Geschichte über Lorem Ipsum. Sowohl die Blindtext-Seite Lipsum.com als auch die deutsche oder die englische Wikipedia geben jetzt diese Version wieder, nachdem sie vorher noch von Druckern aus dem 16. Jahrhundert berichtet hatten.
Das Faszinierende an Lorem Ipsum ist, wenn man so darüber nachdenkt, dass es sich ja bewusst um einen Text handeln sollte, dessen Bedeutung irrelevant ist. Damit man sehen kann, wie Text an und für sich in einem Layout wirkt.
Aber dadurch, dass sich genau dieser Text so verbreitet hat und alle anderen Konkurrenten verdrängt hat, gewinnt er eine Bedeutung. Wenn wir ihn im Netz finden, ist er wie ein Baustellen-Symbol. Er bedeutet – Moment, hier kommt noch Inhalt. Wie Wittgenstein sagte: Bedeutung ist Gebrauch.
Übrigens haben wir beim Layouten bald einen Text aus Pangrammen gebastelt. Denn wir haben so viele Zeichensätze verwendet, dass es nützlich war, alle Buchstaben in einem Satz zu haben, um zu sehen, wie der Zeichensatz eben so aussieht.
In der deutschen Typografie nimmt man dafür am liebsten „Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi quer durch Bayern“. Wir hatten aber als ersten Satz unseres Blindtexts: „Falsches Üben von Xylophonmusik quält jeden größeren Zwerg“. Das war wichtig, weil damals viele Zeichensätze gar keine Umlaute hatten.
Quellen:
Der Lorem-Ipsum-Generator im Netz: Lipsum