„One Hit Wonder“ ist ein stehender Begriff, den jeder kennt. Meine Theorie ist: Sie sind die extrem seltene Ausnahme. Viel, viel häufiger sind – immer noch – die „Two Hit Wonders“. Ich belege das mit vielen Beispielen und einer schlüssigen Erklärung. Finde ich.
Skript
Unlängst habe ich beim Blättern in meiner MP3-Sammlung einen alten Song ausgegraben und mit sofort eine Live-Version von „Somebody that I used to know“ angeschaut. Da sind aber alle Härchen aufgestanden. Selbst die in der Nase oder in den Ohren. Die großartige Kimbra! Diese völlig natürliche Mikrofon-Disziplin! Die Live-Version hat so viel Power – na gut, genug geschwärmt. Ich verlinke das auf Youtube. Und Kimbra auch.
Der Song ist in vielen Listen, die sogenannt „One Hit Wonders“ aufzählen, ganz vorne dabei. Im Fall von Gotye – oder Wouter André „Wally“ De Backer – ist der Grund für den einmaligen Erfolg leicht zu erklären. Er hat einfach aufgehört.
Er spielt immer noch Schlagzeug und singt, allerdings für eine außerhalb von Australien eher unbekannte Band namens „The Basics“. „Somebody That I Used to Know“ haben die aber nicht auf ihren Setlists.
Darum habe ich ein bisschen nach dem Phänomen „One Hit Wonders“ recherchiert. Denn, wenn man genau hinschaut, dann wäre die Bezeichnung „Two Hit Wonders“ meistens die genauere Bezeichnung. Ein paar Beispiele gefällig?
Nehmen wir einen der vielen Künstler, die sich als erster weißer Rapper bezeichneten: „Vanilla Ice“. Jeder kennt sicher „Ice Ice Baby“. Ein Hit, auch wenn vielleicht ein bisschen peinlich. Lebt eigentlich vom Sample aus „Under Pressure“. Doch die nächste Single „Play That funky Music“ chartete auch auf Platz vier. Höher hat es „Love Story“ von Taylor Swift auch nicht geschafft. Oder „Thriller“, die Single. Oder „Sweet Caroline“. Oder „Stand By Me“.
Nehmen wir Psy. „Gangnam Style“ war wirklich ein Welthit und knackte zum ersten Mal die Schwelle von einer Milliarde Views für ein Musikvideo auf Youtube. Aber das Nachfolgevideo „Gentleman“ war, rein nach Zahlen, sogar schneller erfolgreich. Nie hat ein Video in seinen ersten 24 Stunden so viele Views gehabt wie „Gentleman“. Der Song überholte „Gangnam Style“ sogar zeitweise.
Rick Astley hat „Never Gonna Give You Up“ zu verbuchen, aber „Together Forever“ verkaufte sich auch wie warme Semmeln. Oder Schrippen. Oder Brötchen. Die „Fine Young Cannibals“ wurden von she crazy gedrived, aber „Good Thing“ verdiente auch viel Geld. Die „Buggles“ bleiben durch „Video Killed the Radio Star“ unvergesslich, in Europa verkaufte sich aber „The Plastic Age“ zum Teil sogar besser.
Aber wir müssen gar nicht international suchen, denn das Schema „Two Hit Wonders“ trifft praktischerweise auf die gesamte Neue Deutsche Welle zu. Sei es Trio mit „Da Da Da“ und „Anna“, oder Spliff mit „Carbonara“ und „Das Blech“, Frl. Menke mit „Hohe Berge“ und „Traumboy“ oder Ideal mit „Blaue Augen“ und „Monotonie“.
Ich behaupte, dass „Two Hit Wonders“ viel häufiger sind als echte „One Hit Wonders“. Was damit zusammenhängt, wie Plattenfirmen so gedacht und gehandelt haben. Das hat sich ein bisschen geändert, darum müssen wir das in zwei Analysen behandeln.
Plattenfirmen haben ihr Geld ja mit Platten verdient – hence the Name. Das heißt, es wurden wirklich physische, analoge Plastikscheiben verkauft, die man dann behalten durfte und so oft hören, wie man wollte. Die Vermarktung eines Hits wurde dabei von einer ganzen Reihe an Gatekeepern kontrolliert. Eben das Label, dann die Radio DJs und für zwanzig Jahre auch das Musikfernsehen wie MTV oder Viva.
Wenn eine Band oder eine Künstlerin oder ein Künstler einen Hit produziert hatten, dann verdiente das dem Label viel Geld. Deswegen pumpte es viel Geld in die Produktion und das Marketing einer zweiten Single. Und auch Radio und Fernsehen machten mit, weil die Band ja gerade heiß war und eine zweite Single eine wichtige Neuigkeit darstellte. Nebenbei konnte eine zweite Single demonstrieren, dass es mehr zu hören gibt als nur den einen Hit, was mehr Alben verkaufte, an denen noch besser verdient wurde.
Alben sind aber auch der Grund, warum Hit Nummer zwei in der Regel schlechter verkaufte als Hit Nummer eins. Alle, die schon das Album gekauft haben, brauchten ja die zweite Single-Auskopplung nicht. Und viele Fans überlegten sich bei der zweiten Single, ob sie nicht besser das Album kaufen wollten.
Nach dieser Auswertungswelle waren die Bands oder Künstler*innen aber für die Labels in der Regel durch. Wer „I Got A Girl“ gehört hatte und überall wochenlang „Mambo Number Five“ vorgedudelt bekommen hatte, der hatte die Nase voll von Lou Bega.
Darum versuchten einige Music-Acts mit der zweiten Single etwas völlig Anderes zu produzieren, um nicht in der Marketing-Mühle verwurstet zu werden. Das klappte manchmal, manchmal auch nicht.
„Love Buzz“, ein psychedelischer Garage-Rock-Song chartete zwar nicht, weil das Label beschlossen hatte, nur 1.000 nummerierte Singles zu produzieren, aber die Rezensionen waren begeistert. Also beschloss die unbekannte Band aus Seattle als zweite Single „Smells Like Teen Spirit“ aufzunehmen und der Rest ist Grunge-Geschichte. Na ja, fast. Könnte man so sehen.
Manchmal ging die Strategie aber auch nach hinten los. Nachdem die Anarcho-Punk-Pop-Genossenschaft Chumbawamba mit „Tubthumping“ den Kneipengröhler der Neunziger veröffentlicht hatte, lieferten sie als zweite Single „Amnesia“ ab. Ein sperriger, düsterer Song, der von der Enttäuschung über die britische „New Labour“-Regierung handelte. War aber ein bisschen Absicht. Eigene Sendung. Vielleicht.
Nachdem Plattenverkäufe aber nicht mehr wichtig sind, stellt sich die Frage, warum es das Phänomen „Two Hit Wonders“ immer noch gibt. Zwar etwas weniger deutlich ausgeprägt, aber doch. Lil Nas X oder Nathan Stevens – der schottische Postbote, der vor fünf Jahren den Shanty-Hype auslöste oder „Tones and I“?
Warum aber gibt es die gleiche Mechanik immer noch? Und die Antwort, wie bei vielen Übeln der Musikwelt, ist der Algorithmus von Spotify. Wenn ein Song viral wird – egal ob bei Spotify, Apple Music, Youtube oder Tiktok – dann packt ihn der Algorithmus den Hörenden in die Millionen-Playlists. Für Deutschland wäre das zum Beispiel: „Hot Hits Deutschland“.
Dann hören ihn Millionen, es gibt Abermillionen Streams und das ist dann schon der maximale Erfolg im Streaming-Zeitalter. Bringt der Music Act aber schnell genug einen zweiten Song, gibt es auch dafür Playlists. Der sogenannte Release-Radar schlägt das Stück dann den Hörenden vor, die schon das Erste gehört haben.
Darum generiert auch dieses zumindest kurzfristig wieder Millionen Streams. Ist die Skip-Rate von Nummer zwei aber höher als die von Nummer eins – sprich: Der Song wird übersprungen oder nur für unter 30 Sekunden angehört – dann haben die nächsten Veröffentlichungen keine Multiplikator-Playlists mehr.
Im Unterschied zu Vinylzeiten, als die Gatekeeper noch Label-Managerinnen, Radio-DJs, Musikredaktionen oder Programmgestalterinnen im Fernsehen waren, entscheidet jetzt ein Algorithmus. Momentan behauptet Spotify noch, genau zu wissen, wie der funktioniert, aber Zweifel sind berechtigt, da zwei Stufen – die Audio-Analyse und die Text-Analyse der Favoriten – schon von der KI erledigt werden.
Niemand bei OpenAI oder Anthropic würde ernsthaft erklären wollen, warum ChatGPT oder Claude so antworten, wie sie antworten.
So viel zu meiner Theorie, dass Two-Hit-Wonder die Regel sind und One-Hit-Wonder eine extrem seltene Ausnahme.
Quellen:
See You Next Tuesday: Does The One-Hit Wonder Still exist?
The Guardian: ‘Ultimately, you’re in the hands of the public’
Medium: Understanding the One Hit Wonder
Joel Martin Mastery Podcast: How Streaming Changed Music Forever!
Youtube: „Somebody That I Used To Know“ Live on KCRW
Youtube: Kimbra: If I’m Losing You
Youtube: Intro: Why are Spotify Algorithms SO Dogsh*t?