Die Toten reden

Spiritismus: Wie aus der Langeweile zweier amerikanischer Teenager ein weltweites Phänomen wurde und warum keine Form von Debunking einem im Kern grausamen und gefährlichen Aberglauben Einhalt gebieten konnte.

Skript

Spiritismus und Spiritualität und Spiritus werden oft verwechselt. Mit den ersten beiden kann man aber nicht einmal Fenster putzen. Heute soll es um den Spiritismus gehen. Das ist die Vorstellung, dass die Toten als Geister, als Spirits, auf einer anderen Ebene weiter existieren und dass einzelne, besonders begabte Individuen mit ihnen kommunizieren können.

In der Blütezeit des Spiritismus gab es im angelsächsischen Raum in jedem größeren Ort Seancen, wie man sie aus Film, Fernsehen und Büchern kennt. Man setzt sich um einen Tisch und beschwört gemeinsam mit arkanen Methoden eine tote Wunschperson, die dann über das Medium kommuniziert. „Nein, Gladstone, ich hatte nie eine Affäre mit dem Bahnwärter, sondern habe immer nur Dich geliebt“.

Auch das Ouija-Bord, das meist von Kindern gefunden wird, die dann ganz aus Versehen Dämonen aus der Hölle beschwören, stammt aus dem Spiritismus. Auch eine Explikator-Episode wert. Der Spiritismus war schon damals eine gut geölte Industrie- und Illusionsmaschine, die aber klein anfing.

Es begann mit der Familie Fox. Die war fromm und fruchtbar. Sieben Kinder. Das hängt ja oft zusammen. Im Winter 1847 zog sie in ein eher unscheinbares Holzhaus in Hydesville. Im Haus lebten nur noch die beiden jüngsten Töchter, Maggie und Kate, und ihnen war es langweilig. Im Frühjahr 1848 begann es – Gott sei Dank – in ihrem Zimmer auf unerklärliche Art und Weise zu klopfen. In den Wänden. Wie gesagt, Holzhaus.

Sie erzählten ihrer Mutter von diesem seltsamen Phänomen und reicherten ihre Geschichte damit an, dass über Nacht im Zimmer auch Möbel verschoben waren. Also wartet die Mutter mit ihnen auf die nächsten Klopfgeräusche – und, richtig, da scheint etwas zu klopfen! Die Mädchen starren auf die Wand, die Mutter starrt auf die Wand und da ist es wieder – als würde jemand auf der anderen Seite der Wand stehen und hoffen, es würde sich plötzlich eine Tür öffnen.

Die arme Mutter tat, was man so macht, wenn man mit Geistern zu tun hat. Sie holte ihre Nachbarn. Das lässt sich erklären: Die Ghostbuster gab’s damals noch nicht. Vor diesem Publikum veränderte sich das Phänomen plötzlich. Die Mädchen stellen der unsichtbaren Kraft Fragen zur Beantwortung. Einmal Klopfen heißt Ja, zwei Mal Klopfen heißt Nein. Und tatsächlich antwortet sie. Einer der frommen Nachbarn ergreift die Flucht.

Es kommt zu mehr Auftritten und die Mädchen improvisieren bald ein simples Morse-Alphabet. Die unsichtbare Kraft sei ein Handelsreisender, der in ihrem Haus ums Leben gekommen sei. Das rundet alles ab. In dieser Form füllt die Geschichte in Windeseile die Zeitungen in den USA und bald reisen die Menschen weite Strecken, um das Geister-Phänomen selbst zu erleben.

Möglich wurde diese schnelle Popularität durch die Telegrafie, die Nachrichten unsichtbar und in unvorstellbarer Geschwindigkeit von einer Küste zur anderen übertragen konnte. Wie von Geisterhand, pflegte man zu sagen.

Der frischgeborene Spiritismus war keine Gegenbewegung zur modernen Technik. Er war ihr Aberglaube. Die Menschen glaubten nicht trotz der neuen Apparate an Geister, sondern wegen ihnen. Die Klopfgeister der Fox-Schwestern wurden in einem Artikel sogar wörtlich als „spiritueller Telegraf“ beschrieben.

Ihre große Schwester Leah, zwanzig Jahre älter, nahm sich der Schwestern an und wurde, wie man heute sagen würde, ihre Managerin. Kein Jahr war vergangen und schon traten die beiden Schwestern in der Corinthian Hall in Rochester vor vierhundert zahlenden Besuchern auf.

Es war, soweit ich das sagen kann, die erste kommerzielle Vorführung angeblicher übersinnlicher Kräfte vor einem Massenpublikum. Im gleichen Jahr, 1849, können auf einen Schlag, wie ein Wunder, immer mehr Menschen, meistens Frauen, mit den Verstorbenen kommunizieren. Der Spiritismus hat eine feministische Komponente, aber auch das ist eine andere Sendung.

Die Fox-Schwestern gingen auf Tournee, in den USA und in Europa. Sie traten meistens dreimal am Tag auf, und Leah verkaufte dazu noch private, sauteure Seancen mit ihren Geschwistern. Diese hatten ihren Code verfeinert und konnten inzwischen ganze Botschaften buchstabieren. Aus dem Geräusch in den Kinderzimmerwänden war ein Gewerbe geworden.

In manchen Orten empörten sich Christen und demonstrierten gegen die satanischen Praktiken; im Städchen Troy versuchte ein wütender Mob, Maggie zu entführen, weil man sie für besessen hielt. Schon 1851 untersuchten drei Ärzte in Buffalo die beiden Schwestern und kamen zu dem Schluss, sie würden das Klopfen durch ihre Gelenke entstehen lassen. Der Befund war da.

Das schadete der neuen Bewegung aber natürlich nicht. Wissenschaft, pah! Im Jahr 1855 glaubten zwei Millionen Amerikaner an die Echtheit des Phänomens. Das waren damals fast zehn Prozent. Sie glaubten, ohne viel darüber zu reflektieren an Verstorbene, die unbedingt Nachrichten an die Lebenden übermitteln wollten. Und: Sie glaubten an Maggie und Kate.

Der Spiritismus ist natürlich auch ein spirituelles Problem. Schon die Vorstellung, dass geliebte Menschen nach dem Tod in einer körperlosen Welt gefangen sind und von dem Wunsch getrieben werden, mit den Lebenden zu kommunizieren, ist ja furchtbar. Die Zahl der Opfer, die dieser Aberglauben produziert hat, ist nicht zu schätzen. Das geht ja von der einfachen Eintrittskarte bis hin zu Selbstmorden von Menschen, die wieder mit ihren Geliebten vereint sein wollten.

Mit zu den ersten Opfern gehörten aber die Schwestern selber. Jahrzehnte auf Tour, drei Auftritte am Tag – gehetzt von der eigenen Schwester, die immer größere Säle buchte und immer mehr Eintritt verlangte.

Und dabei immer zu wissen, dass man das alles vor vierzig Jahren als Teenager nur ausgedacht hatte, weil einem langweilig war. Beide Schwestern wurden alkoholabhängig, bevor sie achtzehn Jahre alt waren.

Maggie Fox beschließt, einen Schlussstrich zu ziehen. Sie ist verstritten mit Leah, ihrer Schwester und Managerin, aber selber chronisch pleite. In New York will sie die ganze Wahrheit über die Toten, die reden, verkünden und zweitausend Menschen kaufen ein Ticket.

Dort gesteht sie, wie sich die beiden Mädchen die Geschichte ausgedacht haben. Sie zeigt auf offener Bühne, wie sie mit ihren Zehengelenken die Klopfgeräusche erzeugt – dasselbe Geräusch, das vierzig Jahre lang als Stimme der Toten verkauft worden war, live demonstriert von der Frau, die es als Kind erfunden hatte. Vollständiger kann eine Aufklärung nicht sein. Die Erfinderin selbst, das Publikum als Zeuge, der Mechanismus zum Anfassen. The First Debunking.

Man liest immer, es habe sich um das Knacken der Zehen gehandelt. Das ist aber nicht ganz richtig. Vielmehr hatten die Schwestern eine Methode entwickelt, mit dem großen Zeh und dem daneben – ist der große Zeh der Daumen und der daneben der Zeigezeh? Sagt man das? – mit diesen beiden Zehen auf dem Boden quasi zu schnipsen. Der Holzboden im Kinderzimmer und die Holzbühnen verstärkten das Geräusch. Niemand sah unter den langen Kleidern, dass die Mädchen barfuß waren.

Man liest auch oft, dass dieses Bekenntnis dem Spiritismus nicht geschadet habe, aber in Wirklichkeit war es ein massives Problem. Sicher, es blieben genug Menschen übrig, die Maggie das Geständnis nicht geglaubt haben. Arthur Conan Doyle, der von Sherlock Holmes, wäre ein besonders bekanntes Beispiel.

Die Fox-Schwestern stehen am Anfang des Spiritismus, aber sie haben weder die Vorstellung erfunden, dass es Geister gibt, die mit uns Menschen kommunizieren wollen, noch die Sehnsucht nach dem Übernatürlichen erfunden.

Sie haben ihren Kinderstreich nur in einer Zeit erfunden, in der die Technologie so weit war, dass gezielt in Bargeld zu verwandeln. Leah Fox hat ein Marketing-Modell entdeckt. Das sich beliebig ohne finanziellen oder technischen Aufwand kopieren ließ.

Auch in Deutschland gab es bis 2024 „Astro TV“, wo – neben Tarotkarten und Astrologie – auch „mediale Live-Lebensberatung mit Schwerpunkt Jenseitskontakte“ angeboten wurde.

Knacks, knacks.

Quellen:

The Collector, „How the Fox Sisters Invented Western Spiritualism“

Wikipedia (de), „Fox-Schwestern“

Wikipedia (de), „Spiritismus“