Triggerwarnungen sind mittlerweile weit verbreitet. Ihr Sinn leuchtet vollkommen ein: Menschen mit Traumata sollten die Freiheit haben, Inhalte vermeiden zu können, die sie vielleicht triggern. Aber wissen wir, ob das so auch funktioniert?
Skript
Mir leuchtet der Sinn von Triggerwarnungen absolut ein. Es ist gut, Menschen, die Trauma oder Traumata erlebt haben, darauf hinzuweisen, dass Inhalte sie eventuell belasten könnten.
Viele meiner Geschichten drehen sich um Themen wie Krankheit, Tod, Trennung oder Einsamkeit. Darum habe ich mir schon oft überlegt, ob ich nicht selber Triggerwarnungen benutzen sollte. Und darum habe ich recherchiert, denn wie immer: Ich habe doch keine Ahnung!
Der eigentliche klinische Kern der Triggerwarnung reicht zurück in den Ersten Weltkrieg. Erst hier wurde man darauf aufmerksam, dass die überlebenden Soldaten oft ähnliche Symptome ausweisen. Psychologie war noch eine junge Wissenschaft. Diese Kriegstraumata nannte man „shell shock“ im Englischen, im Deutschen bezeichnete man Opfer sehr despektierlich als „Kriegszitterer“ oder „Kriegshysteriker“. Dabei wurde die kriegsbedingte post-traumatische Belastungsstörung schon von Homer beschrieben.
Aber dieser Begriff formt sich erst bei der Behandlung von Vietnam-Veteranen in den sogenannten „Rap Sessions“. Damals hieß „Rap“ noch, ohne Angst und Formalitäten frei von der Leber zu berichten. Hatte noch nichts mit Musik zu tun.
1980 landet PTSD – die englische Abkürzung – im „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ und ist damit als Diagnose erst möglich.
Feministinnen geben dem Trauma-Begriff eine neue Dimension, in dem sie die Belastungsstörung, völlig zu Recht, auch auf sexualisierte Gewalt ausdehnen. Keine Frage, Vergewaltigung zum Beispiel, ist traumatisierend.
Die Triggerwarnung wandert dann ins Netz und wird, ebenfalls völlig zu Recht, auch auf elterliche oder andere Formen von Gewalt angewendet. Und natürlich kann nicht nur Gewalt traumatisieren, sondern auch der grausame Tod eines geliebten Menschen. Auch Mobbing in der Schule oder der Arbeit.
Allerdings wird das „Triggern“, also das Auslösen einer Erinnerung an das traumatisierende Erlebnis, auch ein bisschen überdehnt. „Das hat mich getriggert“, sagt man heute vielleicht ein wenig zu beiläufig. Das letzte Mal habe ich die übertriebene Anwendung bei der WM von einem Moderator gehört, der meinte, eine falsche Schiedsrichterentscheidung habe eine ganze Nationalmannschaft „getriggered“.
Ach, übrigens hat Nintendo eine Epilepsie-Triggerwarnung auf seinen Games, weil es Fälle gab, in denen das Game „Kid Icarus“ bei amerikanischen Kindern epileptische Anfälle ausgelöst hatte. Es stellt sich die Frage, ob es hilft, das jetzt auf alle Games zu drucken.
Die Triggerwarnungen, wie wir sie heute kennen, finden immer noch am meisten im akademischen Kontext Anwendung. An US-Hochschulen sind sie mittlerweile die Norm. Teils von den Studierenden gefordert, teils von den Hochschulen selber.
Über alle Anwendungen hinweg gibt es sozusagen eine Top-Ten der häufigsten Warnungen. Die maßgebliche Systematik wäre die NEON-Typologie von 2022. Nach einer Auswertung von 6.254 Dokumenten ergab sich ungefähr folgende Häufigkeit: Gewalt, Sex, Stigma, verstörende Inhalte, Sprache, riskantes Verhalten, psychische Gesundheit, Tod, Elternhinweis, Kriminalität, Missbrauch, Sozio-Politisches, Epilepsie.
Gut, da wäre jetzt mit „Tod“ eines meiner Themen dabei. Aber was bedeutet denn „Sprache“? Triggerwarnung: Dieser Text enthält Abschnitte in Usbekisch?
Ganz klar wird in dieser Studie, dass Triggerwarnungen nicht mehr dem Trauma-Schutz dienen, sondern eher der größeren Handlungsfreiheit bei der Information über den Inhalt. Wissenschaftlich ausgedrückt: Es handelt sich um Mikro-Abstracts.
Die Anwendung hat sich also bereits verschoben. Auch das muss ja nichts Schlechtes sein, solange es die Bedürfnisse von Trauma-Betroffenen immer noch mit abdeckt.
Aber es stellt sich natürlich eine berechtigte Frage: Bringt das alles überhaupt etwas?
Und da ist die Forschung erstaunlich leise. Es ist, als würde man sich nicht an dieses Thema trauen.
Ich habe eine Meta-Analyse gefunden, die sich aus nur 407 Fundstellen gerade einmal zwölf Studien als belastenswert erkoren hat und die Ergebnisse sind ernüchternd:
Triggerwarnungen haben scheinbar keinerlei Effekt auf die emotionalen Reaktionen der Nutzer von Medien, die sie anwenden. Noch interessanter: Sie führen nicht dazu, dass Traumatisierte den Kontakt vermeiden würden. Mit oder ohne Triggerwarnung: Die gleiche Resonanz. Aber: Sie führen dazu, dass sowohl Traumatisierte als auch Nicht-Traumatisierte stärker sensibilisiert sind, oder, einfach ausgedrückt, beim Konsum mehr Angst haben. Einschließlich der Menschen, die eine entsprechende Diagnose haben.
Aus diesem Jahr stammt ein Experiment, das besonders intelligent angelegt ist. Probanden waren 143 Menschen, die als psychisch gesund eingestuft wurden. Traumatisierte für Experimente zu verwenden, ist ethisch ja eine eher schwierige Sache.
Inhalt war ein Film mit exzessiver Gewalt, der zwölf Minuten dauerte. Hierbei gab es drei Warnhinweise. Der erste war schlicht „Freigegeben ab 18 Jahre“, der zweite einer, wie er nur allzu üblich ist „Dieser Film enthält verstörende Inhalte, die belastend wirken könnten“. Der dritte war sehr detailliert und benannte die entsprechenden Szenen und die Wirkungen, die auftreten können.
Der erste Befund bestätigt alle anderen Studien: Alle drei Gruppen war gleichermaßen verängstigt, nervös oder angespannt. Die Warnungen haben die Reaktion auf den Film nicht gedämpft.
Doch der zweite Befund ist spannend: Der Unterschied zeigt sich nicht während der Vorführung, sondern danach.
Die Gruppe mit der handelsüblichen, vagen Warnung traute sich selber weniger zu, das Geschehen im Video verarbeiten zu können. Mit anderen Worten: Durch die Warnung war das Erlebte für sie schwerer zu verarbeiten.
Dieselbe Gruppe, die mittelmäßig Gewarnten, berichteten häufiger davon, dass sie ungewollte und aufdringliche Erinnerungen an das Gewaltvideo hatten, als die anderen beiden Gruppen. Im Prinzip kann man sagen: Diese vage Triggerwarnung hat Mechanismen ausgelöst, die man mit gutem Recht „Triggern“ nennen könnte. Auch wenn es sich nicht um Traumatisierte handelte – man kann aber durchaus davon ausgehen, dass es für diese nur intensiver wäre.
Eine vage Warnung kündigt Gefahr an, ohne zu sagen, worin sie besteht. Diese Ungewissheit versetzt das Gehirn in einen Hab-Acht-Zustand: Es scannt die Umgebung nach Bedrohungsreizen, ist übererregt, und speichert das Gesehene dadurch tiefer und eindringlicher ab.
Gruppe drei, mit den aufwendigen, langen und präzisen Informationen vor dem Film erlebten hingegen eine Orientierung. Das Gehirn wusste, woran es ist. Allerdings ist so eine Warnung natürlich auch ein Spoiler. „In der Szene, in der Sherlock Holmes von Moriaty gestoßen wird, stürzt er zu Tode“, schafft natürlich Orientierung, aber spoilt die ganze Episode.
Es handelt sich um eine frische Studie. Ob die Ergebnisse replizierbar sind, muss sich noch zeigen. 143 Probanden ist keine große Gruppe, auch wenn es in der Psychologie auch kleinere gibt. Natürlich ist auch die Frage berechtigt, ob Traumatisierte nicht anders reagieren würden.
Aber die Ergebnisse sind emotional gut nachvollziehbar. Die weitverbreitetste Form der Triggerwarnung – die kurze und vage Warnung, oft ist es ja nur ein Wort – ist problematisch. Wahrscheinlich schadet sie mehr, als sie nutzt.
Ich möchte meinen Geschichten nicht eine ausführliche Triggerwarnung mitgeben. Ein kleiner Absatz, der erklärt, das sich Romeo und Julia am Ende versehentlich selber umbringen, weil es noch keine Smartphones gibt, würde das ganze Theaterstück für die Zuschauenden, die es noch nicht kennen, entwerten, oder?
Jede Geschichte, die wir Menschen über uns schreiben, endet, wenn man sie nur lange genug erzählt, im Tod der Protagonist*innen. Oder? Was meinst Du?