Die Annahme, dass Dummheit mit Unwissen, oder aber der Abwesenheit von Intelligenz zu erklären ist, greift zu kurz. Tatsächlich sind wir Menschen so unvorstellbar dumm, weil wir vielleicht zu intelligent sind für unseren Erfolg auf diesem Planeten.
Skript
Um dumm zu sein, bedarf es einer gewissen Intelligenz. Keiner würde sagen: So ein dummer Kieselstein, oder so ein dummer Blütenduft. Klar sagen wir: Dumm wie Brot, aber genau genommen sind auch Laugenbrötchen, Croissants oder Zimtschnecken nicht intelligenter, die geben sich nur intellektueller.
Menschen sind so intelligent, dass sie einen Roboter auf einem Kometen landen, innerhalb zweier Jahre einen Impfstoff für Covid entwickeln oder neuronale Netze entwerfen können, die angeblich in fünf Jahren intelligenter sind als sie. Meines Wissens hat das noch kein Gebäckstück geschafft.
Aber es waren nicht Franzbrötchen, die zwei Mal Donald Trump gewählt haben, obwohl schon beim ersten Durchgang klar war, dass die Fünfziger sich nicht wiederbeleben lassen. Ich habe auch nie gehört, dass Tacos behaupten, die Erde wäre flach, keine Pizza glaubt an eine Weltverschwörung der Illuminaten.
Es scheint, als ob Systeme, die intelligenter sind, damit auch die Fähigkeit zu größerer Dummheit haben. Einem x-beliebigen Bakterium Dummheit vorzuwerfen, ist schon eine Überdehnung des Begriffes, aber jeder kennt wahrscheinlich den einen oder anderen Hund oder die eine oder andere Katze, die sich diesen Vorwurf verdient haben.
Wir Menschen haben Sprache, die Fähigkeit zur Abstraktion, Logik, Technologie, komplexe Gesellschaftsordnungen, Ideologien und mehr Backwaren erfunden, als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Das gibt uns auch die Möglichkeit spektakulär dumm zu sein. So dumm, dass wir unsere tollen Errungenschaften und unser eigenes Überleben auf der kleinen, einsamen, blauen Kugel ernsthaft in Gefahr bringen.
Unzählige Forschende beschäftigen sich rund um die Uhr mit Intelligenz und der Frage, wie sie entsteht, wie sie sich verlässlich messen lässt und wie sie während der Entwicklung eines Homo sapiens vom Zellklumpen hin zum wahlberechtigten Erwachsenen gefördert werden kann.
Wir nennen eine ganze neue Technologie „künstlich intelligent“, obwohl wir dessen behauptete Intelligenz, genauso wenig quantifizieren können wie unsere.
Aber mit einem wichtigen Forschungsfeld beschäftigen sich allem Anschein nach nicht genug Akademiker. Es gibt keine verlässliche Antwort auf die Frage: Was macht uns so saudumm?
Denn Dummheit ist eben nicht die Absenz von Intelligenz. Nicht so, wie Dunkelheit die Absenz von Licht ist. Dunkelheit an und für sich hat ja auch keine böse Absicht, während Dummheit so etwas ist wie der missratene Zwilling der Intelligenz. Beide können in komplexen Systemen auch nebeneinander existieren. Was wahrscheinlich eher die Regel als die Ausnahme ist, wenn man den Gesprächen in den betrieblichen Kaffeeküchen lauscht.
Vielleicht könnte man sagen: Dummheit widmet sich durchaus lösbaren Fragen und macht sie, unter großem Aufwand und mit völlig fehlgeleiteten Einfallsreichtum zu etwas völlig Unlösbaren. Diese Anstrengung ist der Schlüssel, da man komplexe Systeme braucht, um spektakulär und konsequent dumm zu sein.
Intelligenz macht ein Problem um den Faktor X leichter, indem es Analyse, Planung, Hypothese, Theorie oder einen Schraubenzieher benutzt. Dummheit hingegen macht ein Problem um den Faktor X schwieriger. Und die effektivste Methode ist ein Bündel an komplexen Theorien, tiefen Überzeugungen und ausgefuchster Algorithmen.
Anders ausgedrückt: Eine Person, die eine Antwort auf eine Frage nicht kennt, ist nicht dumm. Der richtige Ausdruck wäre hier Ignoranz. Was aber kein Problem ist, denn niemand kennt alle Antworten und die Antwort „Weiß ich nicht“, ist oft sogar ein Zeichen von Intelligenz. Sie verschlimmert nichts.
Die Person aber, die ein beeindruckendes hundertseitiges Paper über die Frage schreibt, aber sie unter größter Anstrengung völlig falsch beantwortet, ist dumm.
Ein Komet, der auf die Erde stürzt, irrt sich nicht. Ein Vogel, der gegen die Fensterscheibe knallt, irrt sich schon. Das Leben kann sich irren, was viele Gründe haben kann. Ignoranz – also zu wenig Daten, Rauschen – ungenaue Daten, oder die Fehlanwendung einer an sich funktionierenden Methode auf geänderte Verhältnisse, wie im Falle des Vogels.
Dummheit beginnt dort, wo Irrtümer weiter ausgearbeitet werden, wo sie energisch verteidigt werden, wo die falsche Methode unablässig verfeinert wird, wo der Fehler nicht nur institutionalisiert, sondern die Grundlage für das weitere Handeln wird. Sie ist gut daran erkennbar, dass sie beständig alles verschlimmert.
Diese Ausarbeitung falscher Überzeugungen und Verhaltensweisen setzt Intelligenz voraus.
Man kann behaupten, dass die Quantenmechanik eine intelligente Theorie ist, die zwar nicht durch einfache Beispiele erklärbar ist, aber deren Mathematik mit einer atemberaubenden Genauigkeit funktioniert. Um das Verhalten von Photonen oder Elektronen zu berechnen, gibt es momentan nichts Besseres auf dem Markt.
Dumm ist aber, sie zur Erklärung völlig anderer Fragen zu verwenden. Was aber dauernd gemacht wird. Dabei muss es sich nicht einmal um esoterische Produkte handeln, die sich einfach das Wort für ihr Marketing klauen.
Nein, die Quantenmechanik muss mittlerweile auch psychische Probleme, Entscheidungsfindungsstörungen, Betriebsführung oder gleich das gesamte menschliche Bewusstsein erklären. Keine Frage, dass aus der Fehlanwendung am Ende Spiegel-Bestseller entstehen.
Die elegante Theorie, die so prima für Elektrönchen funktioniert, wird ein verkopftes, unmenschliches Ungeheuer, das auf einem Bein rückwärts durch die Problemlösung zu hüpfen hat. Dabei würde eine simple Statistik das Problem meist schneller und besser darstellen.
Aber: Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel.
Nehmen wir den Aderlass. Über zweitausend Jahre lang war er die zentrale Therapie der westlichen Medizin, und er stand auf einem wunderbar logischen Fundament: der Vier-Säfte-Lehre. Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Krankheit ist ein Ungleichgewicht der Körpersäfte. Und was tut man gegen ein Zuviel? Man lässt es heraus. Ein geschlossenes, elegantes Gedankengebäude. Der Haken: Es hat nichts mit dem menschlichen Körper zu tun.
Das wusste man auch schon in der Antike. Erasistratos hielt die Existenz von „schwarzer Galle“ für eine Erfindung, ist sie ja auch, und auch Asklepiades bezeichnete sie als Aberglaube. Ebenso Paracelsus im 16. Jahrhundert.
Aber das schadete der Theorie nicht, die mit viel Sorgfalt immer ziselierter wurde. Man stritt über die richtige Ader, die richtige Menge, den richtigen Tag, abgestimmt auf Sternbild und Mondphase. Eine ganze Gelehrsamkeit wuchs um einen Irrtum herum, immer feiner, immer kunstvoller.
Gerade noch im 18. Jahrhundert, Dezember 1799, wachte George Washington mit Halsschmerzen auf. Die besten Ärzte trafen ein und verordneten Einläufe, Brechmittel und ein Blasenpflaster mit Spanischer Fliege.
Dann ließen sie ihn zur Ader. Und noch einmal. Und noch zwei Mal. Innerhalb von zwölf Stunden 2,4 Liter Blut. Am Abend war George Washington tot. Er starb nicht, weil man zu wenig für ihn tat, sondern weil die Medizin sich über zwei Jahrtausende nicht verändern wollte. Ein Arzt gewann 1799 sein Ansehen nicht durch Heilungserfolge, sondern durch das fehlerfreie Zitieren von Hippokrates oder Galen.
Da kann man nur sagen: Stultum est!
Quellen:
Wikipedia: Dummheit
Nautilus: What Makes Humans stupid
Wikipedia: Humoralpathologie
Wikipedia: George Washington
Youtube, Intro: YOU’RE DUMB, RACHEL!